Pragmatische Überlegungen zur Kopftuch-Debatte

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fabric-56285_1280Dieser Artikel basiert auf gesammelten Argumenten und einem Interview des Islam-Experten Heiko Heinisch mit dem Kurier. Das Interview basiert auf einer Schelte vom Kampfbegriff „Islamophobie“ – „Wissenschaft“ im Dienste des politischen Islam? (mena-watch 19.4.), und die basiert auf dem European Islamophobia Report 2016 von Enes Bayrakli und Farid Hafiz.

Report

Das macht ein bissel Wühlerei nötig, bevor das Kopftuch selber drankommt (Bild: Alexis, pixabay). Wenn man in den Report reinschaut, stößt man auf die Untersuchungs-These"All further migration from mainly Muslim countries should be stopped" ("Keine weitere Immigration aus muslimischen Staaten"). Die Aussage wurde überwiegend positiv beantwortet, in Polen von 71%, Österreich 65%, Deutschland 53%, Italien 51%, Großbritannien 47%, Spanien 41%.

Daraus leitet der Report Islamophobie ab. Als ob es keine anderen Einflussgrößen gäbe wie generelle Limits, Überdruss an der Politik, Überbeanspruchung von Finanzen, Strukturen, Solidarität oder grundsätzliche Erwägungen, ob die Flüchtlingshilfe auf diese Art sinnvoll ist.

Report-Kritik

Der Report wird denn auch bei mena-watch auseinandergenommen. Diese selbsternannte Medienbeobachtungsstelle sieht sich als unabhängigen Nahost-Thinktank. Die Argumentationslinie der Autoren – unter ihnen Heiko Heinisch – läuft auf Unwissenschaftlichkeit hinaus: Der Report differenziere nicht zwischen ressentimentbeladener Hetze und der Aufklärung verpflichteter Kritik an der Religion.

So werde Islamophobie zum Kampfbegriff, der dazu genutzt wird, "Kritik am Islam oder an Problemen und Menschenrechtsverletzungen innerhalb muslimischer Communities abzuwehren und als "anti-muslimischen Rassismus“ zu etikettieren." Die angewandten Methoden seien nicht erläutert, die Kriterien nicht beschrieben, es gebe keine Nachvollziehbarkeit, der Bericht liefere keine Ergebnisse und keine Belege, sondern bleibe auf der Stufe der willkürlichen Beobachtung und der bloßen Behauptung stehen. Das sei nichts als Propaganda-Strategie islamistischer Organisationen.

Interview

Dieselbe Argumentationslinie vertritt das Interview – Historiker: "Der Islam wird nach anderen Kriterien beurteilt" (Kurier 8.5.).Der Report sei pseudowissenschaftlich und verfolge eine politische Agenda. Mit einer seriösen wissenschaftlichen Bestandsaufnahme oder Forschung habe das nichts zu tun. Für den Begriff Islamophobie gebe es bis heute keine brauchbare Definition. Es werde versucht, zwei Phänomene darunter zusammenzufassen, Feindschaft gegenüber Muslimen sowie Religionskritik. Offenbar sollen kritische Geister in die gleiche Ecke gestellt werden wie Rechtspopulisten, Rechtsradikale und Rassisten.

Statt Islamophobie würde Heinisch den Begriff Muslimfeindschaft vorschlagen. Es gehe ja um Feindschaft gegenüber Menschen und Angriffe auf sie und ihre Würde. Dagegen seien Religionen keine Schutzobjekte und haben keine Würde.

Weiterhin ist Heinischs Aussage bemerkenswert, die Angst vor Islamisierung per Geburtenrate sei durch nichts belegt. Die Rate passe sich bei eingewanderten Bevölkerungen in der Regel in zwei, drei Generationen an. (Das steht allerdings im Gegensatz zu seinen folgenden Thesen, bestimmte Haltungen und Wertvorstellungen würden sich tendenziell ausbreiten – zumal das kinderreiche muslimische Frauenbild mit dem Aufschwung des fundamentalistischen Islams in Europa -, und man habe der schleichenden Veränderung keine Aufmerksamkeit geschenkt, wb.)

Was sich aber abzeichne sei eine Bewegung hin zur großen Gruppe. Je größer die Gruppe in einer Gesellschaft wird, desto größer sei die Gefahr, dass die Gesellschaft sich insgesamt in diese Richtung bewegt. Auf die Art könne sich eine konservative religiöse Einstellung verbreiten. Die Gesellschaft werde nicht islamisch, aber bestimmte Haltungen und Wertvorstellungen würden sich tendenziell auch außerhalb religiöser Communities ausbreiten.

Frauenbild

Als Beispiel werden die hier ansässigen konservativen türkischen Organisationen genannt, AKP, ATIB, Milli Görüs, Süleymancilar usw. Die vertreten alle ein sehr konservatives Frauenbild, wenn nicht gar eine Art Geschlechtertrennung, und es bestehe die Gefahr, dass sich dieses Frauenbild in die liberale Gesellschaft hinein ausbreitet.

An manchen Schulen mit einem hohen Prozentsatz muslimischer Schüler beobachtet Heinisch "Kämpfe um kulturelle Hegemonie am Pausenhof". Mädchen, die für Musliminnen gehalten werden und kein Kopftuch tragen, werden unter Druck gesetzt. Sie werden genötigt, Kopftuch zu tragen, und wenn der Druck stark genug ist, passen sich die anderen bald an. (Der Autor liefert hier selber keine Belege und keine Nachvollziehbarkeit, wb.)

Es konnte soweit kommen, weil man der schleichenden Veränderung keine Aufmerksamkeit geschenkt habe. Man habe auf die Vorteile der offenen pluralistischen Gesellschaft vertraut, und dass sie auf die Dauer alle überzeugen werde. Dabei habe man sich blind gestellt, was nicht in das Bild passte, wurde ignoriert und tabuisiert.

Aber der konservative und fundamentalistische Islam sei nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch in Europa stärker geworden. Verschärft werde das Problem durch die mangelnde Transparenz. Koranschulen und islamische Vereine stellen keine Ansprechpartner und geben keine Antworten auf Anfragen. Damit würden sie deutlich zeigen, dass sie sich nicht als Teil der Gesellschaft begreifen und Abgeschlossenheit nach außen vorziehen. Das sei nun nichts, was sich eine Gesellschaft wünschen kann.

Muslimbruderschaft

Der Autor nennt als Beispiel den Trägerverein eines Islamischen Gymnasiums in Wien namens SOLMIT. Das ist ein Verein der Islamischen Föderation Milli Görüs. Diese Bewegung ist wiederum eine türkisch-nationalistische und islamistische Organisation. Milli Görüs sei der türkische Part der Islamisierungsbestrebungen des 20. Jahrhunderts. Unter Ausnutzung demokratischer Instrumentarien verfolge sie das Ziel, in der Türkei einen islamischen Staat zu errichten. Milli Görüs‘ Strategie sei die Unterwanderung von Institutionen bei gleichzeitiger Identitäts- und Segregationspolitik – sie sei der türkische Arm der Muslimbruderschaft.

Die Unterwanderung des österreichischen politischen Systems sei so weit fortgeschritten, dass immer noch weggeschaut werde. Das schöne Ziel der Parteiöffnung für ausländischstämmige Bürger sei missbraucht worden. Unter dem Motto "Hauptsache Migrant“ seien Mitglieder von islamistischen Organisationen lediglich als Vertreter des Kollektivs "Muslime“ gesehen worden.

Kopftuch

Das trug wohl dazu bei, das Kopftuch in den letzten 40 Jahren zum Symbol des politischen Islam zu machen. Beispiel Tunesien, dort würden unverhüllte Frauen in immer mehr Vierteln auf der Straße von fremden Männern angesprochen: Warum sie kein Kopftuch tragen, warum sie herumlaufen wie eine Schlampe? Indem Frauen diesem Druck nachgeben, würden sie selbst Teil des Druckes, der auf Frauen ohne Kopftuch lastet.

Solche Islamisierungstendenzen seien längst nach Europa übergeschwappt. Das ist für Heinisch der Grund, warum er die Schule als kopftuchfreien Raum sehen möchte. Lehrerinnen sollten genausowenig Kopftuch tragen wie Schülerinnen. Es sei das Recht jeder Muslimin, selber zu entscheiden, ob sie Kopftuch trägt oder nicht – aber in Schulen sollte es keine Zeichen von Ungleichstellung der Geschlechter geben.

Von daher seien Einrichtungen wie das IRGW (Islamisches Realgymnasium Wien) nicht sinnvoll. Übertragen auf Katholische  Gymnasien und andere konfessionelle Schulen gelte prinzipiell dasselbe. Wobei die Kirche eine Entwicklung durchlaufen habe, in der sie sich dem säkularen Staat unterordnete (vielleicht klappte das in Österreich besser als in Deutschland, wb). Die herkömmlichen konfessionellen Schulen dienten nicht dem Zweck, Kinder von der sie umgebenden Gesellschaft zu separieren (nein, sie wollen über die Kinder die Gesellschaft indoktrinieren, wb).

Wozu dienen denn die diversen islamischen Einrichtungen, Vereine, Schulen, Kindergärten, Koranschulen etc.? Diese Infrastruktur werde häufig zur Abkapselung genutzt, und islamische Organisationen würden hier Identitätspolitik betreiben. Das Muslim-Sein würde als Primäridentität aufgebaut, Abweichungen davon sanktioniert. Siehe Kopftuch: Für eine Frau, die viele Jahre Kopftuch trägt und sich dann dagegen entscheidet, ist das ihr gesellschaftliches Aus in der religiösen Community. Das Kopftuch-Ablegen gilt als Verrat.

Heinisch unterscheidet dabei "identitäre Merkmale der ideologischen Gruppe". Das Kopftuch sei eines, Stöckelschuhe und Minirock dagegen nicht. Das sei auch in einem religiösen Rechtsgutachten der Islamischen Glaubensgemeinschaft so zu lesen gewesen.

Medien

Medienschelte muss sein, daher geht es auch gegen Journalisten, die husch-husch mit einseitigen Informationen ein zitierbares Statement konstruieren. Sowas liefern die "bekannten Organisation" gern als Stellungnahme. Organisationen aus dem Spektrum des politischen Islam seien sehr professionell in der Medienarbeit (siehe auch Von Muslimen lernen). Weil aber immer dieselben zu Wort kommen, werde ein einseitiges Islambild in die Öffentlichkeit transportiert, und das werde den hiesigen Menschen muslimischen Glaubens nicht gerecht.

Vor allem Politiker verstünden das oft nicht. So komme es, dass sie Einladungen zu bedenklichen Organisationen folgen. Das wird dann umgehend auf Websites und in sozialen Medien verbreitet. Die Organisation verschaffe sich so einen seriösen Anstrich und werde aufgewertet. Diese Strategie würden Organisationen aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft geschickt ausnutzen und damit Ansehen und Macht erlangen.

Die Kehrseite davon seien die Bestrebungen, den Islam gegen Kritik zu immunisieren. Das Argument laute, Kritik an der Religion anderer stünde uns nicht zu. Dabei seien die hier lebenden Muslime Teil von uns, so dass der Spruch einen impliziten Ausschluss bedeutet. Generell solle man die Integrations-Diskussion pflegen, um sie nicht dem rechten Rand zu überlassen.

Immerhin werde heute offener geredet als vor 5 Jahren. Trotzdem werde noch die Rassismus-Keule geschwungen (ein schönes Argument von wb eingesammelt: Muslime sind keine andere Rasse, daher kann von Rassismus nicht die Rede sein). Der Autor Heinisch beklagt, der Islam und seine Anhänger würden nach anderen Kriterien beurteilt als andere Weltanschauungen und ihre Anhänger. Doch Muslime müssten wie alle anderen lernen: Ihre Religion ist nicht für alle anderen sakrosankt. Der Spruch dazu: "Der Islam gehört zu Europa, wenn Witze über ihn und Kritik an ihm genauso selbstverständlich sind wie bei anderen Religionen und Weltanschauungen auch.“

Kopftuch-Finale

Für die Kopftuchdebatte liefert der Artikel drei Argumente:

  • Stinkkonservative religiöse Wertvorstellungen von Großgruppen breiten sich tendenziell aus, z.B. Kopftuch als Symbol des politischen Islams.
  • Dem Druck nicht nachgeben, denn er ist reaktionär und sexistisch.
  • Dem Druck nicht nachgeben, sonst reißt man andere rein.

Was noch nicht zur Sprache kam, ist das Argument von der Doppelmoral: Viele finden es ok, wenn eine Kultur Kopftuch und Verhüllung vorschreibt, das sei eine Bereicherung. Dabei stimmt es gar nicht, denn die Kultur schreibt es gar nicht vor – jedenfalls nicht den Männern. Die Männer kleiden sich auf unserem Level und benehmen sich auch so liberal (jedenfalls gegenüber Nicht-Musliminnen).

Für die Frau schreibt die Kultur was anderes vor. Viele Leute haben den Sexismus so verinnerlicht, dass sie sich nicht mehr daran stoßen. So auch der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen, der die Frauen bitten wollte, aus Solidarität gegenüber Islamophobie Kopftuch zu tragen. Dabei sollte es in unserer Kultur untolerabel sein, wenn für Frauen was anderes gilt als für Männer. Das Vorgehen gegen solche Doppelmoral war das zentrale Element der Emanzipation, ehe die Frauenbewegung vor lauter political correctness versagte und ins Gendern abtauchte.

Als letztes noch das Beleidigungs-Argument gegen das Kopftuch: Es ist eine implizierte Verunglimpfung, wenn fremde Männer nicht Haare und Figur der Frauen sehen dürfen – unterstellt wird, sonst würden sie sich an ihnen vergehen.

In unserer Kultur werden solche Männer aber eingesperrt.

 

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