Islamischer Weltuntergang

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earth-1738059_1280Der christliche Weltuntergang findet statt am 21.12.2012, nein, am 1.1.2013, nein, am 25.2.2014, nein, am 24.9.2015-7.10.2015, nein, am 31.12.2017. Um den Dreh rum gibt es nun auch eine Weltuntergangsprognose für die islamische Welt.

Die stammt aus dem Artikel Die islamische Welt gegen den Fortschritt (Gott und die Welt). Der Artikel ist genauso undatiert wie der Weltuntergang (Bild: geralt, pixabay), von daher kommt der armageddonmäßige Fortschritt nur bedingt beim Islam an. Immerhin: Nur durch die "Abkehr vom islamischen Zwangskorsett" könne der islamische Weltuntergang abgewendet werden. "Andernfalls werde die islamische Welt untergehen."

Eigentlich trägt der Artikel von Felix Kruppa die Nachteile der islamischen Kultur recht gut zusammen. Nur der letzte Teil mit der Weltuntergangsprognose gerät dann alarmistisch. Da heißt es auch, die "durch den Islam zivilisatorisch gelähmten Gesellschaften" seien aufgrund hoher Geburtenraten bei gleichbleibend geringen Perspektiven für ihre Bürger zum Schmelztiegel der Konflikte geworden.

Dieser Einschätzung muss man nicht folgen, zumal die Fruchtbarkeitsraten auch in den muslimischen Ländern stark runtergegangen sind (bei dem Link kann man sich die angezeigten Länder aussuchen). Und Schmelztiegel der Konflikte gibt es nicht nur in islamischen Gesellschaften, wie die Liste der aktuellen Kriege zeigt, zumal sich die Westmächte praktisch überall einmischen. Mit diesem Hinweis ist man schon beim Inhalt des Artikels – der Reihe nach referiert:

Zunächst wird das weltweite Wohlergehen betont; gesunder, länger, gebildeter und toleranter als heute lebten die Menschen noch nie. Die weltweite Armut ging in 40 Jahren von der Hälfte der Menschen auf ein Zehntel zurück. Aber in den islamischen Ländern fällt der Fortschritt geringer aus. Die Schuld daran liege beim Westen wie auch beim politischen Islam. Die Faktoren werden einzeln recherchiert.

Mangelnde Bildung

Die Daten stammen von Educational Attainment of Religious Groups by Country und Religion and Education Around the World (beides Pew Research Center 13.12.16). Demnach ist die Bildung von Muslimen im weltweiten Vergleich zu anderen Religionsangehörigen und Konfessionslosen besonders schlecht. Die Schulzeit für Muslime war im Schnitt 5,6 Jahre, für Christen 9,3 Jahre, für Konfessionslose 8,8 Jahre und für Juden 13,4 Jahre.

Speziell in Afrika südlich der Sahara, namentlich in Nigeria, Kenia, der Elfenbeinküste und Kamerun, haben 65% der Muslime keine formale Schulbildung, und sie besuchten die Schule nur 2,6 Jahre. Dagegen fehlt nur 30% der Christen die Schulbildung, und sie waren 6 Jahre lang in der Schule. Diese und die folgenden Daten stammen von Muslims in sub-Saharan Africa are twice as likely as Christians to have no formal education (Pew Research Center 14.12.16).

Ungleich ist auch die Bildung von Männern und Frauen. Muslimische Frauen sind im Schnitt 1,5 Jahre kürzer in der Schule als muslimische Männer. Zum Vergelich: Bei Christen ist der Unterschied 0,4 Jahre, bei Hinduisten 2,7 Jahre. Der Bericht Education is vital to meeting the Sustainable Development Goals (UNICEF April 2016) bestärkt diese Aussagen. Von den 17 von den 24 Nationen sind islamisch, in denen weniger als 60% der Mädchen die Grundschule besuchen. Die Alphabetisierungsraten sind in der islamischen Welt generell schlecht, und die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind besonders groß. Beispiel Afghanistan: 2011 waren 45% der Männer und 18% der Frauen alphabetisiert.

Die Studie Gender Equality Gap Greatest in Islamic Countries, Survey Shows (Weltwirtschaftsforum 29.10.14) schlüsselte die Zahlen von 2012 in 142 Ländern auf. 19 von den 20 Ländern mit dem größten Bildungsunterschied zwischen Männern und Frauen waren muslimische Staaten, Jemen, Pakistan, Tschad, Syrien, Mali, Iran, Elfenbeinküste, Libanon, Jordanien, Marokko, Guinea, Mauretanien, Saudi Arabien, Ägypten, Oman, Äthiopien (nicht muslimisch), Algerien, Türkei, Bahrain und Tunesien.

Auch der Buchdruck spielte laut Kruppa eine Rolle: Die Druckpressen liefen in der islamischen Welt erst im 18. Jhd. an statt im 15. Jhd. wie in der christlichen Welt. Es gab religiöse Widerstände ("Teufelswerk"), und die Rechtsgelehrten sahen die Bildung der Massen als gefährlich für die Gesellschaftsordnung an. Daran habe sich bis heute wenig geändert, sagt Kruppa, "die repressive Sakralität verhindert jene Literalität, die den Westen in die Moderne geführt hat". Es gebe kaum Buchimporte aus nicht-islamischen Ländern. Beispiel: Die marokkanische Nationalbibliografie zeigte zwischen 2007 und 2009 nur 172 neue Buchtitel an.

In fast allen islamischen Ländern würden Kinos und Buchhandlungen den Minaretten weichen. Kritische Stimmen und nicht koran- oder systemkonforme Akademiker würden zum Schweigen gebracht (keine Belege hierfür, wb).

Innerfamiliäre Gewalterfahrungen

Hier wird zurückgegriffen auf Hidden in Plain Sight: A statistical analysis of violence against children (UNICEF September 2014). Demnach ist innerfamiliäre Gewalt in islamischen Ländern der Normalfall. An 89% der syrischen Kinder, 79% der irakischen Kinder und 91% der marokkanischen Kinder wurde innerhalb des untersuchten Monats physische und/oder psychische Gewalt ausgeübt. Der Grund liegt vor allem in den patriarchalischen Machtstrukturen mit Konzepten wie "Ehre“.

Gewalterfahrungen gelten als "Risikoerfahrungen" und begünstigen die Entwicklung antisozialer Persönlichkeiten und erhöhter Gewaltbereitschaft. Damit leisten sie einen direkten Beitrag zu einer hohen Kriminalitätsrate innerhalb eines Landes (letzteres geht aus der Studie nicht hervor, wb).

Zuwenig Wissenschaft und Forschung

Daten aus dem Artikel Islam and Science: The data gap (nature 2.11.06): Die 57 islamischen Staaten der OIC (Organization of the Islamic Conference) gaben 1996 bis 2003 im Schnitt 0,34% ihres Bruttoinlandsproduktes BIP für Forschung und Entwicklung aus. Der globale Schnitt war 2,36%, Deutschland 2,85%. 14 von den 28 Ländern mit den niedrigsten wissenschaftlichen Veröffentlichungsquoten sind OIC-Staaten.

Bislang gab es nur zwei islamische Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften: Abdus Salam (Pakistan, Nobelpreis für Physik 1979) und Ahmed Zewail (Ägypten, Nobelpreis für Chemie 1999). Aus islamischen Ländern stammt kaum eine nennenswerte Erfindung.

Rückschrittliche Menschliche Entwicklung

Hier wird zurückgegriffen auf den Index der menschlichen Entwicklung (wiki). Alle islamischen Länder bis auf die reichen Golfstaaten Brunei, Saudi Arabien, Libyen und Malaysia sind im unteren Drittel vom Index der menschlichen Entwicklung (HDI, Human Development Index). Der Index basiert auf den Daten von 187 Mitgliedern der Vereinten Nationen (1. ist Norwegen, 6. Deutschland, letzter Niger). Der HDI verwendet eine Mischkalkulation von Lebenserwartung, Bildung, Lebensstandard, um sein Ranking zu machen.

Angegriffene Menschenrechte

Ein interaktives Bild Freiheit in der Welt (Bundeszentrale für politische Bildung) liefert die Daten für diesen Abschnitt. Nach Aussage von Kruppa weisen die meisten Staaten des Nahen Ostens ein chronisch schlechtes Menschenrechtsprofil auf. Die Mehrheit der islamischen Länder bekennt sich lediglich zur Kairoer Erklärung der Menschenrechte, welche die Scharia als alleinige Grundlage von Menschenrechten definiert. Das bedeutet Körperstrafen bis hin zu Amputation und Steinigung sowie die Benachteiligung der Frau. Das bedeutet das Fehlen von Meinungsfreiheit als Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung und Veränderung.

Dasselbe gilt für die staatliche Anerkennung von homosexuellen Beziehungen. 7 islamische Länder bedrohen Homosexuelle mit der Todesstrafe, Iran, Nigeria (nördliche Landesteile), Mauretanien, Sudan (nördliche Landesteile), Jemen, Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate. Nach Weniger Hinrichtungen, mehr Todesurteile (ZEIT ONLINE 11.4.) waren 4 islamische Länder 2016 für 90% aller Hinrichtungen weltweit verantwortlich, Iran (567), Saudi-Arabien (154), Irak (88) und Pakistan (87), Quelle Amnesty International. Die tatsächliche Zahl der Hinrichtungen dürfte nach Kruppa weitaus höher ausfallen, denn  vermutlich führt China die Weltrangliste der Todesurteile an.

Freiheitsfeindliche Einstellungen von Muslimen

Hier wird eine weitere Studie herangezogen The World’s Muslims: Religion, Politics and Society (Pew Research Center 30.4.13). Demnach vertritt die Mehrheit der Muslime weltweit einen konservativen, vielfach fundamentalistischen Islam, der "als Legitimationsgrundlage für Gewalttaten und freiheitsfeindliche Einstellungen benutzt wird". Damit meint Kruppa solche Einstellungen: 

  • 39% der Muslime weltweit halten Ehrenmorde bei außerehelichem Sex für vertretbar
  • 27% finden, dass Apostaten (vom Glauben Abgefallene) hingerichtet werden sollten
  • 53% der Muslime weltweit wünschen sich die Scharia als das maßgebliche Gesetz, von diesen 53% akzeptieren 52% Peitschenhiebe und Amputationen als gerechte Strafen, und 50% sprechen sich für Steinigungen aus, sowie 42% von den 53% sind der Meinung, dass sie auch auf Nicht-Muslime angewandt werden soll
  • 79% der Muslime weltweit sind der Meinung, dass man an Gott glauben muss, um moralisch handeln zu können und degradieren Atheisten dadurch zu schlechteren Menschen
  • 76% finden, dass die Frau ihrem Mann gehorchen muss
  • 88% halten Homosexualität für moralisch falsch

Zuviele Kriege

Die Liste der andauernden Kriege und Konflikte (wiki) wird nun zur Beschuldigung des Islams herangezogen. Demnach findet die absolute Mehrheit der tödlichsten und opferreichsten Kriege und Konflikte im islamischen Raum statt. 2014 starben weltweit 164.000 – 220.000 Menschen direkt an Kampfhandlungen. 2015 waren es 167.000, 2016 157.000, andere Quellen sprechen von 250.000 allein in Syrien.

Laut Kruppa sterben die meisten Kriegsopfer der Welt durch die Waffen und Foltermethoden von Islamisten (das wird nirgends belegt, wb); nirgendwo gebe es mehr Opfer durch terroristische Anschläge als im islamischen Raum. (Dazu muss man anmerken, dass der US-Drohnen-Terrorismus dort auch mitmischt.)

Der Einfluss des Westens wird nun sehr vorsichtig abgehandelt. Kruppa spricht von der kognitiven Verzerrung, die dem Westen die Hauptschuld zuweise, obwohl das nicht genug untersucht wurde. Weil man sich besser an den  schlechten Einfluss des kapitalistischen und kolonialistischen Westens erinnern könne als an andere Erklärungen für die desaströse Lage der islamischen Welt, und weil weil die Medien diese Ursache immer wieder betonten, stehe der Westen als Schuldiger da.

Vielschichtige Probleme

Die Probleme der islamischen Welt seien aber vielschichtig, so dass die Ursachen schwer auszumachen und nicht monokausal erklärbar seien. Der westliche Einfluss müsse durch weitere Ursachen ergänzt werden, so Kruppa very politically correct. Und dann geht es los gegen den Westen:

Es sei unbestreitbar, dass vor allem die USA im islamischen Raum als Brandbeschleuniger wirken. Beispiel: In Afghanistan und dem Irak haben die USA mit Islamisten kooperiert, um das Öl dort zu erschließen. (In Afghanistan ging es 1988 darum, die Russen rauszukämpfen, das Öl wurde erst 2010 entdeckt, wb.) Dazu folgt ein Abriss der iranischen Geschichte, wo der Premierminister Mossadegh weggeputscht wurde, weil er die Erdölindustrie verstaatlichte. Das beschränkte die Profite des Westens, und die USA installierten den Schah, den sie aber am Ende fallen ließen, so dass die Ayatollahs übernehmen konnten (ergänzt von wb). 

Das war der "Aufstieg des politischen Islams". Die US-Auslandseinsätze "zur Stabilisierung der Region“ "für Menschenrechte und Demokratie" haben nach Kruppa genau zum Gegenteil geführt. Die militärischen Interventionen des Westens waren demnach insgesamt kontraproduktiv und ausschließlich auf eigene Interessen ausgerichtet.

Kolonisierung

Damit nicht genug, es gab auch noch die Kolonisierung der islamischen Welt durch den Westen, was dem Westen immer noch vorgeworfen wird. Im Nahen Osten waren das aber nur die 25 Jahre Mandatsherrschaft der Engländer und Franzosen. Geprägt ist die Region vom Osmanischen Reich. Sehr sinnig: Kein Europäer käme auf die Idee, die zeitweilige Eroberung durch die Osmanen als Grund für heutige Miseren zu benennen. Die asiatischen Länder reden sich auch nicht auf Kolonialismus hinaus, wenn etwas nicht klappt. Es gibt nicht mal Selbstmordattentäter aus Vietnam, die das US-Unrecht durch Sprengattacken vergelten.

Sonst mag man Kruppas Auslassungen zu den europäischen Kolonialmächten eher nicht folgen. Er nennt Indonesien als als Beispiel für Beweglichkeit, obwohl dort gerade der Islam übernimmt. Auch Malaysias gute Zeiten sind lange vorbei. Die Aussage, dass Saudi-Arabien und Iran sich auf keinen Kolonialismus herausreden könnten, ist auch nur vordergründig richtig, denn dort wurde Kolonialismus auf andere Art getrieben. Fakt ist aber, dass die beiden Staaten ihren sunnitischen bzw. schiitischen Machtausbau durch Stellvertreterkriege mit u.a. deutschen Waffen in einen großen Teil der islamischen Welt hineintrugen, z.B. Libyen und Syrien. Zum Ausmaß der Waffenex- und -importe siehe wiki.

Sklavenhandel und Konflikte

Ein weiterer Punkt ist der Sklavenhandel. Dazu bietet der Artikel ein ZDF-Video an, Islam – 1300 Jahre Sklavenhandel. Seit dem 7. Jhd. wurden 17 Millionen Afrikaner von muslimischen Sklavenhändlern versklavt und z.T. auch kastriert. Während der Sklavenhandel nach Amerika 400 Jahre dauerte, zog sich der arabisch-afrikanische Sklavenhandel über 1300 Jahre hin. Kruppa sieht die fehlende Aufarbeitung in der "gemeinsamen Religion und der daraus erwachsenen Solidarität" begründet, obwohl die Afrikaner ganz andere Religionen hatten als die Araber.

Schon erwähnt sind die Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten, die von Saudi-Arabien und dem Irak als Hauptmächten betrieben werden. Der Irak-Krieg mischte mit, und das Verbot der dortigen Baath-Partei erzeugte ein Machtvakuum, das letztlich dem Islamischen Staat (IS) zugute kam.

Es gibt nur wenig positive Aspekte neben all den Problemen, die der Westen – allen voran die USA – in der islamischen Welt verschuldete. Der Osten profitiert von westlicher Entwicklungshilfe, vom Tourismus und von Handelsbeziehungen. (Anmerkung wb: Unterm Strich läuft das nach dem Eiertanz um die kognitive Verzerrung doch auf die Hauptschuld vom Westen am "politischen Islam" hinaus. An dieser Stelle könnte man fragen, wieso es eine Schuldzuweisung an den Kolonialismus gibt, aber keinen Dank für die Hilfestellung beim Aufbau des fundamentalistischen "politischen Islams"?)

Der Islam als Fortschrittshemmnis

Es gibt aber weitere Ursachen für den Misserfolg des Ostens. Laut Kruppa kann man die islamische Welt nicht bloß als Opfer kapitalistischer Ausbeutung und imperialer Dominanz deuten. Denn das entscheidende und lebensprägende Element der islamischen Welt sei  der Koran. Die Kultur islamischer Länder sei fast ausschließlich vom Islam bestimmt (wer die Türkei, Malaysia, Pakistan und Indonesien bereist hat, wird dem widersprechen, allerdings gibt es inzwischen überall Islamisierungsbewegungen, wb).

Die Wissenschafts-, Bildungs- und Menschenrechtsfeindlichkeit sei direkt auf die islamische Politik zurückzuführen. Was nicht im Einklang mit der islamischen Ideologie steht, dürfe nicht vermittelt, erforscht und gedacht werden. Die Schulen der islamischen Welt würden nicht zum freien Denken befähigen, sondern Feindbilder aufbauen, z.B. gegen den Westen oder die Schiiten bzw. Sunniten (das ist auch ein überzogenes Bild, wb).

Geburtenraten

Jetzt folgt nochmal der Irrtum mit den anhaltend hohen Geburtenraten, die sich außerhalb der schwarzafrikanischen Länder nicht belegen lassen. Es mag traditionelle Geschlechterrollen geben, einen starken Konformismus, mangelhafte Bildung der Frauen und religiös zementierte Geschlechterrollen. Aber für den Nahen Osten ist die Argumentation falsch, nach der die aus hohen Geburtenraten erwachsende Konkurrenz um gesellschaftliche Positionen das größte Problem darstellen könnte.

Kruppas weitere Argumentation ist auch nicht belegt, hört sich aber plausibel an. Demnach führt die Mehrheit der "islamischen Strömungen" zu einer Stagnation der islamischen Gesellschaften, und die "enge Verwobenheit" zwischen Politik und Religion befördert Konflikte. Die Konflikte zwischen Individualisierung und Konformitätsdruck ebenso wie zwischen Tradition und Innovation, wirkten zusammen mit der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit (damit können die reichen arabischen Ölstaaten nicht gemeint sein, wb) höchst explosiv.

Islamismus

Was wahrscheinlich stimmt, ist die Feststellung, diese Konflikte verschafften den radikalen Islamisten großen Zulauf. Der Islamismus werde aber auch staatlicherseits instrumentalisiert, um die Forderung nach Freiheit wie beim Arabischen Frühling zum Schweigen zu bringen. Er konserviere die autoritären Systeme und finde durch die 53%-Mehrheit der Muslime, die sich weltweit pro Scharia ausspricht, Unterstützung.

Kruppas These ist, ohne Islamismus ginge es den betreffenden Ländern besser. Dabei sei der Islamismus genuin islamisch und kein Konstrukt des Westens (woran wohl auch kaum jemand zweifelt, wb). Ein Dossier wird zitiert, Islamismus – Was ist das überhaupt? (Bundeszentrale für politische Bildung 9.9.11). Die Charakterisierung des Islamismus':

  • Absolutsetzung des Islams als Lebens- und Staatsordnung
  • Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis
  • der Wunsch nach ganzheitlicher Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft
  • homogene und identitäre Sozialordnung im Namen des Islam
  • Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat
  • Potential zu Fanatismus und Gewaltbereitschaft.

Das findet sich nach Kruppa im Koran und in der Sunna wieder. Dort werden auch "Ungläubige" als Untermenschen deklassiert. Dazu legitimiert der Koran nicht nur Gewalt gegen Ungläubige, er fordert und fördert sie sogar (die Bibel fordert auch allerhand, wb). Und nochmal der Hinweis, die Mehrheit der Muslime weltweit sei davon überzeugt, dass der Koran das allzeit gültige und direkte Wort Gottes ist. Dazu wird verwiesen auf Chapter 1: Beliefs About Sharia (Pew Research Center 30.4.13).

Anmerkung wb

Wenn Kruppa sich die Mühe gemacht hätte, seine Quellen neutral anzuschauen, wäre er auf solche Rubriken gestoßen wie "no conflict between religion and modernity", was fast überall mindestens 50% Zustimmung fand. Man muss ihm jetzt nicht in die Türkei folgen, wo er konstatiert, dass die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, freiheitliche Werte abgebaut werden, und die Wirtschaft langsam abstürzt. Und das ist dann Islamismus? Oder nicht doch die Ausnutzung religiöser Dummheit durch einen Möchtegern-Sultan?

Kruppas pikante Prognose: Für den wirtschaftlichen Untergang der Türkei werde Europa zum Schuldigen erklärt werden, und es sei nicht ausgeschlossen, dass die Europäer diese Schuldzuweisung annehmen. Sie lasse sich ja gut in die Tradition unserer Schuldkultur einbetten, vor allem der deutschen.

Im Osten grassiere die Haltung "Der Westen ist an allem Schuld!“, was bezugnehmend auf den letzten Link belegt wird, Muslims and Islam: Key findings in the U.S. and around the world (Pew Research Center 27.2.). Demnach übernehmen islamische Länder kaum Verantwortung für selbstverschuldete Unzulänglichkeiten, sondern sie hängen das gern anderen an, über Verschwörungtheorien und selbsterfüllende Prophezeiungen.

Die islamische Welt kenne kein kollektives Schuldbekenntnis. Diese vereinheitlichte Kollektiv- und Individualschuld sei ein westlichen Produkt, "zunächst durch die christliche Erbsünde aufgenommen und dann in säkularer Form nach der Schreckenszeit der Nationalsozialisten und des Kolonialismus verinnerlicht."

Fazit

Na danke. Den Schwachsinn mit Erbsünde und Sippenhaft können sich alle vernünftigen Menschen sparen. Das läuft doch nicht unter zivilisatorischer Entwicklung, das ist Rückschritt pur.

Generell bleibt der Artikel den Beleg schuldig, dass die Politik "der islamischen Welt" den "starren Fesseln des politischen Islams" unterworfen ist. Es gibt Bestrebungen dazu, aber selbst in Saudi-Arabien und im Iran herrscht oft ein erstaunlicher Pragmatismus. Verglichen mit den windelweichen Bemühungen um Correctness bei der US-Kriegstreiberei, ist es sehr grob, hier so zu pauschalisieren.

Auf das US-Thema wird dann nochmal etwas grober hingewiesen: "Der Westen wiederum täte gut daran, die bestehenden Konflikte nicht noch voranzutreiben oder neues Leid in die Welt zu tragen." Besser mag die Beschränkung auf humanitäre Hilfe sein (noch besser wäre es, wenn die Erzeugung der Hilfsbedürftigkeit abgestellt würde, wb).

Als Beteiligte grüßen nicht nur die USA und der Westen mit ihrer Einmischungs- und Ausbeutungspolitik, sondern auch die östlichen Staaten mit ihrem Nachholbedarf in den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft und Menschenrechten, sowie die Terroristen von IS, Boko Haram oder Al Kaida mit ihrem Weltherrschaftsanspruch.

Daraus einen drohenden Weltuntergang zu konstruieren, mutet übertrieben an. Das sind Probleme, die man bewältigen kann. Vielleicht geschieht ja auch das Wunder der Entdummung, das die Religiösen von ihrem Glauben emanzipiert. Sowas gibt's schon im einstelligen Prozentbereich – nicht alle Iraner sind gläubig -, aber davon wird kaum geredet.
 

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