Banker kritisiert Bankensystem

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soap-bubble-2228997_1280Ein zweiteiliger Artikel bei SOVEREIGNMAN spricht Dinge über die Finanzwelt aus, die man in der Form noch nicht hören konnte. Der Autor Simon Black verkauft einen Plan B mit dem Argument, man solle nicht alle Eier in einen Korb legen ("you are putting all of your eggs in one basket").

Von diesem Geschäftsinteresse her ist die reißerische Aufmachung zu erklären – aber was da über das US-amerikanische Bankensystem gesagt wird, sollte doch jeden interessieren (Bild: CarinaChen, pixabay). Die Artikel:

2014 machte der Autor eine eigene Bank auf, und er schildert vollmundig, was er dabei erlebte. Beraten von einem Anwalt, überlegte er sich die Optionen. In der Retrospektive würde seine Entscheidung nochmal genauso ausfallen, sagt er, auch wenn er in keiner Weise auf den infernalischen Shitstorm vorbereitet war, durch den er gehen musste.

Je tiefer er einstieg, desto überwältigender waren seine Entdeckungen darüber, wie schockierend untauglich, überkommen und jenseits von Gut und Böse die Finanzindustrie ist. In den Medien davon zu lesen, ist was wanderes, als es selbst zu erfahren, sagt Black, und dann bringt er endlich ein Beispiel.

Heutzutage sei es an der Tagesordnung, dass Banken gehackt werden. Wunder was, dafür gibt's gute Gründe. Jede Bank hat eine zentrale Finanz-Datenbank, eine “core banking software”, von der die Konten und Überweisungen gehandled werden. Wann immer man einzahlt oder auszahlt, werden die Konten von dieser Software upgedated. Auch die Ausgabe der Kontenauszüge läuft über diese Software, und all das macht die core banking software zur heikelsten Komponente in der technologischen Infrastruktur der Banken.

Ironischerweise ist diese Software in den meisten der etablierten Banken ein Uralt-Produkt, das in den Programmiersprachen Fortran or COBOL geschrieben wurde, die aus den 1950-er Jahren stammen und in den 1960-er Jahren verwendet wurden. Das machte die Banken damals zu technologischen Vorreitern, aber lang ist's her. Die Technologie änderte sich, aber die Banken blieben bei der alten Software.

Flickschusterei

Die Programmsysteme wurden ständig geflickt und upgedated, aber nicht ersetzt. Das ging weiter, bis die Entwickler an Grenzen stießen, welche die weitere Modernisierung verhinderten. Diese Grenzen waren der Software-Industrie wohlbekannt, und sie dienten als Anlass dafür, ab und zu Teile der alten Systeme mit neuer Technologie neu zu schreiben.

Doch nicht überall. In großen Teilen des Bankensektors wurde nur mit der Flickerei und Updaterei weitergemacht, um die Oldtime-Software am Leben zu erhalten. Also schlicht gesagt: Die wichtigsten Funktionen des Bankensystems werden von jahrzehntealter Software erledigt.

Das wird wohl nirgends auffälliger als bei einfachen Geldüberweisungen. Beim heimischen System verlassen sich die meisten US-Banken auf das "ACH payment network", mit dem die Überweisungen losgeschickt und empfangen werden. Zum Beispiel Lohnschecks oder Mietenzahlungen laufen über ACH – und die ACH-Überweisungen brauchen typischerweise 48 Stunden.

Das Hält Black für vollständig verrückt angesichts der Tatsache, dass es bloß um einen Transfer vom Konto einer Bank bei der Fed aufs Konto einer anderen Bank bei der Fed geht (die Zahlungen von Bank zu Bank laufen über die Federal Reserve, das amerikanische Äquivalent zur Zentralbank).

Der Autor gibt sich bass erstaunt, dass so eine einfache Transaktion im Jahr 2017 zwei Tage dauern kann. Als ob sie eine Tasche voll Cash per Pony-Express übers Land schicken müssten. Aber das sei bloß die Auswirkung der beklagenswerten Technologie, die dahintersteckt. (Anmerkung wb: Das hat sicher auch was mit den Gewinnen zu tun, die aus der verzögerten Wertstellung resultieren. In den 48 std, wo das Geld unterwegs ist, kassiert bestimmt die Bank die Zinsen und nicht der Kunde. Zumindest in Deutschland war das so.)

SWIFT

Weiter wandert die Klage zum internationalen Zahlungsverkehr. Dafür ist das "SWIFT network" zuständig (System der Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication), das in letzter Zeit traurigen Ruhm erntete. SWIFT ist ein weltweites Banken-Netzwerk, das den Finanzinstituten ermöglicht, Botschaften zum Versenden und Empfangen von Zahlungen auszutauschen. Wenn man international Geld überweist, muss man den SWIFT-Code der empfangenden Bank eingeben.

Swift handeled jährlich Billionen von Transaktionen und Botschaften, es  ist absolut kritisch fürs internationale Bankensystem. Deshalb war Black verblüfft, als er rausfand, dass SWIFT auf Windows Vista läuft, einem überkommenen Betriebssystem, das Microsoft gar nicht mehr supported.

Als Blacks neue Bank ihren SWIFT-Code bekam, wurde er instruiert, dass er einen Computer mit Vista drauf brauchte, um sich mit dem Netz zu verbinden. Was für eine absurde Übung, einen überkommenen Computer aufzutreiben, auf dem ein überkommenes Betriebssystem läuft, um sich mit dem wichtigsten und vermeintlich fortgeschrittensten Zahlungssystem der Welt zu verbinden.

Kein Wunder also, dass SWIFT schon so oft gehacked wurde, sowohl von der NSA als auch von privaten Hackern, die dabei einen Haufen Geld von ihren Opfern stahlen. Letztes Jahr war die Zentralbank von Bangladesch mit 100 Mio. Dollars dabei, und das war kein Einzelfall.

Das ist das große Geheimnis der Bankenszene: Hinter der glänzenden Oberfläche des modernen Online-Bankings stecken Institutionen, welche die Geldströme mit veralteter, ineffizienter und überkommener Technologie lenken. Dabei kratzen diese technologischen Gebrechen nur an der Oberfläche. Nach Black ist das ganze moderne Banking unsinnig und anachronistisch.

Zocken

Darüber schreibt er im zweiten Teil: Oft wundert er sich, warum die meisten der großen Bankenkonzerne in New York sitzen. Sie sollten in Las Vegas sitzen, in der Welthauptstadt des Zockens. Denn das ist genau das, was die Banken mit dem Geld der Kunden tun.

Genaugenommen ist es nicht mal das Geld der Kunden, sagt Black.

Denn aus rechtlicher Sicht wird das eingezahlte Geld zum Geld der Bank. Der Kunde ist nur ein unabgesicherter Kreditgeber der Bank. In dem Moment, wo die Bank das Geld des Kunden rechtlich übernimmt, kann sie damit loszocken, wie sie mag. Sie kann die verrücktesten Investments damit machen, wie immer es ihr in den Kram passt.

Möbel

Black erklärt das mit einer Möbel-Analogie: Man stelle sich vor, man zieht um und muss einen Möbel-Speicher anmieten, wo man seine Sachen eine Weile abstellen kann. Dazu liefert die Speicher-Firma einen Anhänger, wo man die Sachen für den Transport reinstellt – nach Logik der Banken ist das der Moment, wo die Firma in den Besitz der Möbel kommt. Und sie kann damit machen, was sie will. Sie kann die Möbel an jemand anders verleihen und dafür Miete kassieren, ohne dem Kunden viel davon abzugeben.

Oft wird in ganzen Ketten verliehen, der eine leiht's dem anderen weiter. Irgendwann weiß dann keiner mehr so richtig, wo das Sofa des Kunden abgeblieben ist. Solange die Firmen ihren Profit daraus ziehen, macht es ja nix, sagt Black, es fragt eh keiner nach. Im Lauf des Weitervermietens sinken die Standards schon mal so weit, dass es keine Überprüfung der Kreditwürdigkeit mehr gibt. Dann wird das Sofa qausi jedem verliehen, der durch die Tür reinkommt, auch wenn's jemand ist, der als Sofakiller bekannt ist.

Nach einer Weile haben diese Art von faulen Firmen die meisten von den Möblen zerstört, und von der ursprünglichen Einrichtung bleibt kaum was übrig. Für die kleinen Firmen ist das tödlich, sie können die Möbel nicht zurückgeben und gehen pleite. Aber die Großen … die hauen den Staat an und erklären ihm, dass sie zu wichtig sind zum Pleitegehen. Ehe die ganze Gesellschaft über ihrem Zusammenbruch kollabiert, müsste sie mit Staatsgeld gerettet werden.

Die Regierung gehorcht und gibt den Großen Unterstützung. Die zentrale Möbelbank ("Federal Furniture Reserve") schmeißt die Möbelproduktion an, um unzählige Sofas usw. aus leerer Luft zu produzieren und sie den Großen zu schenken.

Boni

Schon sind die Großen zurück im Geschäft, und ihr Topmanagement belohnt sich mit dicken Rekord-Boni.

Komisch, ihr schlechtes Betragen ändert sich nicht dabei. Sie verleihen unsere Möbel weiter an andere, ohne den Schleier über ihren miesen Praktiken zu lüften. Ehe sie in Konkurrenz treten, um den besten Service zu leisten, kungeln sie miteinander, um ihre Preise abzusprechen und die Kunden noch besser auszuquetschen. Kaum ein Monat vergeht ohne einen saftigen Skandal, wo eine von den Firmen etwas extrem unethisches anstellt, um noch mehr Reibach zu machen.

Wenn die Zeit kommt, die Möbel zurückzufordern, um ins neue Heim einzuziehen, geht der Ärger weiter. Man will sein Eigentum zurück, und man wird behandelt wie ein verdächtiger Verbrecher – das heißt, man hört erstmal eine Menge Ausreden, warum man sein Eigentum nicht herausgegeben kriegt. Sobald man aus der Tür raus ist, informiert die Firma die Polizei, man habe sich verdächtig benommen, indem man die Frechheit besaß, das eigene Sofa zurückzufordern.

Systemprobleme

Beim letzteren mag Black überzogen haben, aber mit seinem Fazit liegt er richtig: Kein vernünftiger Mensch würde seine Möbel so einem korrupten und absurden System anvertrauen.

Und doch ist es auf einen kurzen Nenner gebracht das, was das Bankensystem ausmacht. Diesem System vertrauen wir unser Geld an, das doch wohl wichtiger ist als das Sofa.

Klarerweise können die Möbel-Speicher-Firmen nicht so verderbt sein wie geschildert, denn das ist ein relativ freier Markt. Wenn die Firmen ihre Kunden betrügen würden, könnten neue Unternehmer bessere, ehrlichere Firmen aufmachen und die schlechten alten Firmen aus dem Geschäft drängen.

In der Bankenwelt kann das kaum passieren, denn eine Bank aufzumachen, sei fast unmöglich. Das dürfe man Black glauben, er hat's zweimal getan. Zwar gelang es ihm, aber es gehörte zu den aufreibendsten, frustrierendsten Geschäften, die er je unternahm.

Weil es nicht genug Leute gibt, die sowas versuchen, gibt es auch keinen ernsthaften Wettbewerb auf dem Sektor der Megabanken. (Das dürfte wohl auch eine Geldfrage sein. Back sagt nicht, wieviele Sofas er investieren konnte, wb.)

Lichtblick

Als Lichtblick preist er die neue Blockchain-Technologie, von der die Banken aus dem Geschäft gestoßen werden könnten. Denn damit können die Hauptfunktionen der Banken, Kontenführung, Überweisungen, Geldwechsel usw. viel besser, schneller und billiger gemacht werden.

Man kann sein Geld in einer Blockchain speichern, einen Kredit crowdfunden und mobile Apps nutzen, um sein Geld zu wechseln. Nichts davon macht eine Bank erforderlich – und deshab sind die Banken auf lange Sicht am Ende, sagt Black.

Bis es soweit ist, mache es für jeden Verständigen Sinn, sein eigener Banker zu werden. Dazu reicht es, Bargeld in den Tresor zu stecken. Schließlich sei man um so sicherer, je weniger Mittelsmänner man zwischen sich und seinem Geld hat. Nachdem die Zinsen auf einem 5000-Jahre-Tief darniederliegen, verliert man auch nix dabei. Black vermag praktisch keinen Nachteil bei seinem Vorschlag zu sehen (merkwürdig in einem Land mit solch hoher Kriminalitätsrate wie den USA, wb).

 

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