Kopftuch-Diskussion neu aufgelegt

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pug-801826_1280Weil Terre des Femmes sich jetzt gegen das Kopftuch positioniert hat, kommt das Thema nochmal hoch. Das Kinderkopftuch soll im öffentlichen Raum gesetzlich verboten werden. Die Verschleierung manifestiere eine Art von Geschlechter-Apartheit und markiere Mädchen als Sexualwesen, die ihre Reize vor den Männern zu verbergen haben.

Dieses patriarchalische Rollenbild diskriminiere nicht nur das Mädchen, sondern auch den Mann als triebgesteuert und unbeherrscht. Dazu sagte schon der wissenbloggt-Artikel Pragmatische Überlegungen zur Kopftuch-Debatte: Es ist eine implizierte Verunglimpfung, wenn fremde Männer nicht Haare und Figur der Frauen sehen dürfen – unterstellt wird, sonst würden sie sich an ihnen vergehen. In unserer Kultur werden solche Männer aber eingesperrt. Außerdem möchte man das doch keinem Hund antun (Bild: Unsplash, pixabay).

Terre des Femmes fordert die Realisierung von Chancengleichheit und auf das im Grundgesetz verankerte Recht auf Weltanschauungsfreiheit. Hierfür müsse allen Kindern ein (kopftuchfreier) gesetzlicher Schutzraum zur Verfügung gestellt werden, in dem sie ein säkulares Gesellschaftsmodell erfahren können (Pressemitteilung siehe unten).

Freiwillig?

Damit reagiert Terre des Femmes auf den zunehmenden Druck der Islamisierungsbestrebungen. Unter Experten ist unstrittig, dass Schulen und Kindergärten zunehmend unter der Ausbreitung islamistischer Zwänge leiden. Wer als Lehrerin vor der Klasse steht, muss für Gleichberechtigung und Freizügigkeit eintreten. Das ist schwierig, wenn in der Klasse verschleierte Mädchen sitzen, die ihre Lehrerin für eine Schlampe halten, weil sie die Haare schön hat und das auch zeigt.

Umgekehrt gilt natürlich das Entsprechende, wenn die Lehrerin muslimisch ist und ihr Haar verhüllt. Dann baut sie einen Konformitätsdruck auf. Wenn die muslimischen Schülerinnen nicht anecken wollen und nicht zurückgesetzt werden wollen, verspüren sie den Druck zum Kopftuchtragen. Diesem Druck nachzugeben und sich solche Wertvorstellungen aufoktroyieren zu lassen, ist unserer Gesellschaft nicht gemäß.

Immer wieder kommt dann das Argument, sie tun's ja freiwillig. Aber wie wird der Wille von 6- oder 11-Jährigen geprägt? Durch Indoktrinierung, dadurch, dass sie immer wieder vorgesagt bekommen, was sie machen sollen. Das ist bei muslimischen Mädchen genauso, und es läuft immer öfter auf Kopftuch hinaus.

Umfragen und Urteile

Man kann es nicht an erhobenen Zahlen sehen, aber an der zunehmenden Häufigkeit, mit der das Thema hochkommt. Und mit zunehmendem Missbrauch der Toleranz tendiert die Einstellung der Bevölkerung zu weniger Toleranz. Das besagt der Artikel Religionsfreiheit – Mehrheit der Deutschen will Kopftuchverbot an Schulen (Süddeutsche Zeitung 2.5.): An deutschen Schulen dürfen Schülerinnen generell aus religiösen Gründen Kopftuch tragen. Die Mehrheit der Deutschen sieht das kritisch und würde das Kopftuch im Unterricht gern kategorisch verbieten.

Demnach waren 51% gegen das Kopftuch, 30% wollen es erlauben, und 11% wollen es ab 16 Jahren oder so erlauben. Bei einer anderen Umfrage sprachen sich 54% gegen Lehrerinnen mit Kopftuch aus. Schwierig ist die Gesetzeslage. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts dürfen die Bundesländer ihren Lehrkräften das Kopftuch-Tragen im Unterricht nicht mehr pauschal verbieten. Verbote, die von einzelnen Bundesländern oder Schulen in der Vergangenheit ausgesprochen worden waren, hatten vor Gericht keinen Bestand und wurden spätestens in zweiter Instanz aufgehoben, Neutralitätsgesetz hin, Säkularität her.

Was anderes sagt ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs –  Arbeitgeber dürfen Kopftücher unter Umständen verbieten (Der Tagesspiegel 14.3.): Arbeitgeber können das Tragen eines Kopftuchs untersagen, wenn weltanschauliche Zeichen generell in der Firma verboten sind und es gute Gründe gibt. Das entschied der Europäische Gerichtshof (Luxemburg, Rechtssachen C-157/15 und C-188/15). Voraussetzung ist dabei, dass weltanschauliche Zeichen im Unternehmen generell verboten sind und dass es gute Gründe gibt. Der bloße Kundenwunsch, keine Frau mit Kopftuch solle Leistungen für ihn erbringen, genügt nicht für ein Verbot. In Deutschland sind Kopftücher am Arbeitsplatz im Prinzip erlaubt, aber Einschränkungen sind möglich – am Ende ist es Abwägungssache.

Umschau

Einfacher ist es in Frankreich. Dort gilt: Kopftuch tragen zählt nicht zu den Menschenrechten (N24 26.11.15): Wer für den französischen Staat arbeitet, darf sich nicht verhüllen oder verschleiern, bestätigt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. … Religiöse Symbole oder Bekenntnisse sind für Staatsdiener … tabu. Sogar Schüler dürfen im Klassenzimmer weder Kreuz noch Kopftuch oder Kippa tragen.

In der Schweiz tickt man auch anders, das besagt der Artikel Bis zu 10.000 Franken Strafe fürs Burka-Tragen (N24 25.11.15): Verhüllungsverbot in einem Schweizer Kanton: Im Tessin hat das Parlament einem Anti-Burka-Gesetz zugestimmt. Frauen drohen Strafen von bis zu 10.000 Franken. Das neue Gesetz schießt übers Ziel hinaus, es betrifft sogar Touristen und nicht nur Staatsangestellte.

Dazu siehe auch Ägypten – Kopftuch verboten (Frankfurter Rundschau 27.11.16): Wer in Kairo in bestimmten Restaurants essen oder in Clubs feiern will, sollte kein Kopftuch tragen. Das Kopftuch entwickelt sich in Teilen der muslimisch geprägten Gesellschaft zur Bürde.

Und aus deutschen Landen nicht ganz frisch auf den Tisch: Religion – Warum eine Juristin mit Kopftuch den Freistaat Bayern verklagt (Süddeutsche Zeitung 29.6.16). In Bayern herrscht demnach ein offenes Neutralitätsverständnis, in den Gerichtssälen hängt ein Kruzifix (das steht auf der zweiten Seite). Durch das Kruzifix im Gerichtsaal identifiziere sich der Staat mit einer Religion und verstoße damit gegen das Gebot der religiösen Neutralität des Staates. Das Tragen eines Kopftuchs zuzulassen hingegen stehe für das Bekenntnis zu einem "offenen", inklusiven Verständnis religiöser Neutralität.

Kopftuch für Neutralität? Schwachsinnige Argumentation. Genausogut könnte man dem Kollegen X aus Papua-Neuguinea ein neutrales Bekenntnis zu seiner Religion gewähren, indem man ihm das Tragen eines Penisköchers erlaubt. Ein paar Takte Argumentation der kopftuchtragenden Klägerin:

Ihre Religion bestärke sie darin, nach der Wahrheit zu suchen, sagt sie,  und die Gesetze des Landes zu achten. Der Frage nach der Priorität – ihre Religion oder das Grundgesetz? – weicht sie aus, es sei gelebte grundgesetzlich gewährte Freiheit, den Islam zu leben (aber nicht wenn man ihn über das Grundgesetz stellt, Anmerkung wb). Ein Staat müsse die Gesellschaft widerspiegeln, immerhin seien Muslime Bürger wie alle anderen auch. Deshalb möge sie das Kopftuch nicht für den Beruf abnehmen. Sie denke auch ans Jenseits, und ihre Religion verleugnen, das könnte sie nicht. Sie fände es respektlos, wenn man das von ihr verlangt, zumal es rechtswidrig sei.

Damit impliziert sie, das Kopftuch sei eine Forderung ihrer Religion, obwohl das gar nicht stimmt. Aber sie ist nicht nur in ihrer Religion fremd; im modernen Weltbild ist sie auch nicht zuhause. Religion bestärkt sie nämlich nicht, nach der Wahrheit zu suchen. Vielmehr sieht die Religion sich im Besitz einer Wahrheit, und sie bestärkt sie darin, blind an diese Wahrheit zu glauben und ja nichts davon zu hinterfragen. 

Das Kontrastprogramm dazu liefert der Artikel Pseudo-Feministinnen mit Kopftuch (cicero 3.3.): Kopftuch und Feminismus sind nicht zu vereinen. … Um Frauen und deren Rechte wirklich zu unterstützen, müssten muslimische Feministinnen ihr Kopftuch ablegen.

Dort liest man auch ein paar Takte zum Feminismusversagen: Es sei paradox: Während die Genderfeministinnen generell alle Männer als Täter verdächtigten und anklagten, dürfe ausgerechnet über muslimische nicht gesprochen werden. Es sei unbegreiflich, dass sie ausgerechnet dem muslimischen Mann Rabatt gewähren wollen. Gleichzeitig betonten sie kategorisch die Opferrolle aller Frauen.

Der Zwang sei offensichtlich. Und wenn die "stolzen Kopftuchträgerinnen hierzulande" sich das endlich eingestehen könnten, dann müssten sie sagen: Ich nehme das Ding ab, als Feministin kann ich gar nicht anders.

 

Pressemitteilung von TERRE DES FEMMES, vorgestellt auf der Terre-des-Femmes-Jahresversammlung:

Recht auf Kindheit muss gewahrt bleiben: TERRE DES FEMMES fordert gesetzliches Kopftuchverbot bei Mädchen

TERRE DES FEMMES fordert, das sogenannte Kinderkopftuch im öffentlichen Raum, vor allem in Betreuungs- und Ausbildungsinstitutionen, für alle minderjährigen Mädchen gesetzlich zu verbieten. Darauf hat sich die Frauenrechtsorganisation auf ihrer jährlichen Hauptversammlung mit großer Mehrheit am vergangenen Wochenende verständigt.

„Wir wollen, dass jedes Kind – gemäß der UN-Kinderrechtskonvention sind dies alle Personen unter 18 Jahren – ein Recht auf Kindheit hat“, erklärt Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von TERRE DES FEMMES zum Kopftuchverbot für Minderjährige. Verschleierung (häufig Hidschab) von Mädchen, wie sie zunehmend bereits in Kindergärten und Schulen zu beobachten sei, stehe diesem entgegen. Sie manifestiere bereits in der hochsensiblen Entwicklungsphase eine Art von Geschlechter-Apartheit und markiere Mädchen als Sexualwesen, als Verführerinnen, die ihre Reize vor den Männern zu verbergen haben. Dieses patriarchalische Rollenbild des weiblichen Kindes und heranwachsender Mädchen diskriminiere nicht nur sie, sondern auch den Mann als angeblich triebgesteuert und unbeherrscht.

Kindergärten, Schulen und andere Ausbildungsstätten müssen Orte sein, in denen sich jeder unabhängig von Geschlecht, kultureller Herkunft und Weltanschauung entwickeln kann. Nur so kann Chancengleichheit realisiert werden. „Alle müssen das Recht auf eine gleichgestellte Entwicklung erhalten“, fordert Stolle. Dazu gehöre auch das im Grundgesetz verankerte Recht auf Weltanschauungsfreiheit. Hierfür müsse allen Kindern ein gesetzlicher Schutzraum zur Verfügung gestellt werden, in dem sie ein säkulares Gesellschaftsmodell erfahren können.

 

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