TV: zum Abgewöhnen

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antenna-1295400_1280Wer noch dem Oldtime-Medium Fernsehen anhängt, ist es gewohnt, kujoniert zu werden. Aus "Rundfunkgebühren" wurden "Rundfunkbeiträge", und die schmuddelige Gebühreneinzugszentrale GEZ wurde zum "ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice". Seither werden auch diejenigen zum "Beitragen" genötigt, die gar kein Fernsehgerät besitzen (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Bei vielen Betroffenen ist der Zorn über solche Schikane noch nicht verraucht. Manch einer wird sich sogar ein TV-Gerät zugelegt haben, nachdem er dem Zahlen doch nicht entkommen kann. Anschließend darf er sich über die Fehlbesetzung der Rundfunkräte ärgern, in denen zuhauf religiöse Positionen vertreten werden, was sich in zuhauf religiös angehauchten Programmen niederschlägt. Erst im letzten Jahr wurden zum ersten Mal auch die Standpunkte der Konfessionsfreien bei der Besetzung der Rundfunkräte berücksichtigt, beim WDR und beim HR. Die anderen Bundesländer sind eine ungebrochene schwarze Domäne.

Die Rundfunkräte bestimmen auch über die Vergabe der knappen terrestrischen Frequenzen, und so war es möglich, dass sie dem unsäglichen Bibel-TV dort einen Platz gaben (mit Unterbrechungen, siehe Protest gegen Bibel-TV). Religiöse Indoktrinierung staatlich unterstützt – zum Abgewöhnen. Aber das ist noch nicht alles.

Die Story geht weiter mit der Umstellung der terrestrischen Frequenzen vom Format DVB-T auf DVB-T2 HD ab März 2017. Seither gibt es unverschlüsselte Sender (die öffentlichen und ein paar private Werbesender) sowie (bald) verschlüsselte Sender, die man (bald) nur noch gegen zusätzliche Gebühren empfangen kann. Die Sender werden zu Multiplexen (MUX) zusammengefasst. Zunächst sind 6 Muxe (TV-Jargon) verfügbar, 3 davon öffentlich-rechtliche Sender, 3 Privatsender. Pro Mux werden mindestens vier Fernsehsender in HD ausgestrahlt.

Das sind mehr Sender als beim alten Format, obwohl bei DVB-T2 Fequenzen wegfallen. Es bleiben nur die Kanäle 21 bis 48 (470 MHz bis 690 MHz). Die Kanäle 49 bis 60 (700-MHz-Band) fallen ab 2018 weg, werden aber zunächst noch bis Kanal 59 (778 MHz) benutzt.

Im Klartext bedeutet die Wechselei allerhand Probleme für die Fernsehzuschauer, die keinen Kabelanschluss und keine Satellitenschüssel verwenden. Sie sind die Betroffenen von einer regelrechten TV-Abgewöhnungshilfe. Wenn ihr TV-Gerät älter ist als 1 Jahr, können sie dem Wink mit dem Zaunpfahl folgen und sich ein neues Gerät zulegen. Oder sie müssen sich einen "Receiver" kaufen und installieren, der das neue Format für die alten Fernsehgeräte umsetzt. Der Receiver hat einen eigenen Zapper und wird über ein HDMI2-Kabel mit dem Fernsehgerät verbunden.

Auf dem alten Zapper muss man dann den Eingabekanal HDMI2 einstellen. In der Betriebsanleitung ist das nicht vermerkt, die gilt ja nur für den Receiver. Nun ja, Fernsehzuschauer sind es gewohnt, ihre Zeit nutzlos zu verplempern, wird man sich gedacht haben, wozu soll es ihnen einfach gemacht werden?

Dieser Leitgedanke war wohl auch bei der Konstruktion der Receiver maßgebend. Die Empfangsempfindlichkeit reicht nämlich nicht für das gepackte DVB-T2 HD-Format, sofern die Antenne nicht ganz ausgefuchst ausgerichtet wird. Und zwar jeden Tag neu, abhängig von Wetterlage oder werweißwas. Die Empfangsschwierigkeiten legen ganze Senderbereiche (Muxe) lahm, und das wird noch von den Kinderkrankheiten der Receiver akzentuiert. Da bleibt auch mal ein Sender einfach so weg, wenn man nicht nochmal rauf- und runterblättert. Oder die Kiste hängt sich auf und muss aus- und angeschaltet werden.

TV zum Abgewöhnen.

Klarerweise muss man das als Nötigung verstehen, sich vom Umsonst-Angebot der terrestrischen Sender zu verabschieden. Beim Kabel-TV gibt's keine Antennenprobleme, und beim Satelliten-TV nur wenn's regnet. Bei Kabel und Satelliten ist das Verschlüsseln ja schon eingeführt, das demnächst auch die terrestrischen Privatsender vor unbefugten Zuschauern schützen soll. Aber Gebühren für werbedurchseuchte Sendungen? Wer will denn das? Wer will überhaupt die Werbung bei den Staatssendern?

Es ist Zeit, die Diskussion um das öffentliche Geld aufzunehmen, das von den GEZ-Nachfahren geräubert wird, um es in den öffentlich-rechtlichen Sendern zu versenken. Wieso müssen das 8 oder 9 Mrd. Euros pro Jahr sein? Von denen exorbitante Zahlungen an Kicker und Showmaster gehen, sofern nach den Pensionszahlungen für die TV-Bediensteten was überbleibt? (Siehe Öffentlich-rechtliche Gebührenverschwendungsmaschine.) Und dürfen die hochsubventionierten Öffentlichen sich im Internet ausbreiten, um den Unsubventionierten Konkurrenz zu machen?

 

Links zu einschlägigen Medien-Artikeln:

  • What the Funk? (der Freitag 4.10.16). Da geht es um den Versuch von ARD und ZDF im Internet ein neues junges Format zu etablieren: Die haben Netflix, HBO & Co den Krieg erklärt, nach dem Motto: Mit der dicken Kohle, die wir via GEZ einheimsen, sitzen wir euch allemal aus. Argumente: Seit Jahren werden Mondbeträge für Sportrechte rausgeschmissen. Als Kulturprogramm bleiben folgerichtig nur Volksmusik-Sendungen, Quiz-Shows, Tatort & Degeto-Unterhaltungsfilmchen sowie staatstragend eingefärbte Info-Grundversorgung.
  • Brauchen wir eigentlich noch ARD und ZDF? (the European 2.10.16). Da geht es um die Zusammenlegung von ARD und ZDF.
  • Kontrolliertes Fernsehen (SPIEGEL ONLINE 12.4.16): Der Kampf gegen die Fernsehgebühr ist zur Bewegung geworden. … Die Öffentlich-Rechtlichen dienen erst der Politik und dann dem Zuschauer. Thema ist, ZDF Staatsfunk wie im Politbüro.

 

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