Arbeitslosenzahlen gefaked

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pants-1255851_1280Wo war das "Abwehrzentrum gegen Falschmeldungen“, als die Bundesagentur für Arbeit (BA) ihre neuen Lügen präsentierte? Die Berichte darüber lauten so wie dieser, Arbeitsmarkt – Flüchtlinge in Förderkursen (Süddeutsche Zeitung 31.5.): Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland sinkt erneut: Erstmals seit 26 Jahren ist die Zahl auf unter 2,5 Millionen gefallen.

Das sagt die Statistik der Arbeitsagentur, und die SZ sagt: Viele sind aber verdeckt ohne Job. Bloß so richtig rückt die SZ auch nicht mit der Wahrheit heraus. Keiner will die Hose runterlassen (Bild: bykst, pixabay).

Zu den 2.497.416 Millionen Arbeitslosen kommen nach dem Bericht Umfassende Arbeitsmarktstatistik Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung (BA Mai 2017) noch 395.864 Personen, die "im weiteren Sinn arbeitslos sind", 608.222 Personen, die "nahe am Arbeitslosenstatus sind", und 25.635 ominöse Personen, die "weit weg vom Arbeitslosenstatus sind". Das wären dann 3.527.137 Arbeitslose – man muss das selber zusammenzählen, denn die BA rechnet irgendwie anders und kommt für Mai 2017 auf 3.526.439 Personen mit Unterbeschäftigung (ohne Kurzarbeit).

Die genauen Angaben widersprechen sich schon beim 1. Nachrechnen. Aber es ist viel schlimmer. Die Zahlen täuschen über einen grandiosen Betrug hinweg. In Wirklichkeit beziehen an die 10 Millionen Personen Arbeitslosengeld, und ca. 7,5 Millionen sind echte Arbeitslose, nicht nur 2,5 Millionen.

Genaue Zahlen sind nicht aufzutreiben, weil die BA nur die gefakedten Zahlen liefert, bei denen die meisten Arbeitslosen aus der Statistik rausgerechnet sind. Als da wären: Unterbeschäftigte, Aufstocker, Ein-Euro-Jobber, offiziell keine Arbeit Suchende, an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen Teilnehmende (z.B. für Integration deutsch lernen), über 58 Jahre Alte, Langzeitarbeitslose (innerhalb eines Jahres kein Jobangebot), am Tag der Erfassung Krankgeschriebene, in Ausbildung Befindliche, Angehörige Pflegende, Kinder Erziehende oder Vorruheständler – "arbeitssuchend" ist noch lange nicht "arbeitslos".

Darüber informiert der Artikel Warum es in Deutschland „nur“ rund 3 Millionen Arbeitslose, aber 7 Millionen Hartz IV- und Arbeitslosengeldempfänger gibt (O-Ton Arbeitsmarkt, 2.6.14). Die Zahlen sind 2 Jahre alt, aber die Definitionen sind immer noch genauso aktuell wie der euphemistische Satz: Nicht alle Leistungsempfänger gelten als Arbeitslose im Sinne der Statistik.

Monat für Monat verkündet die Bundesagentur für Arbeit (BA) demnach die Arbeitslosenzahl. Doch das ist nur die Spitze des Eisberges all jener Menschen, die in Deutschland Arbeitslosengeld I oder Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitssuchende (Hartz IV) erhalten.

Mit anderen Worten: die BA lügt und betrügt. Die aktuelle Arbeitslosenzahl von unter 2,5 Millionen ist reine Augenwischerei und Schönfärberei.

Die Zahlen von 2016 liefern 5,9 Millionen Hartz-IV-Bezieher, davon 4,4 Millionen deutsche und 1,5 Millionen Zugezogene aus Osteuropa und Flüchtlinge. Mit einer weiteren Million Flüchtlingen wird in 1-2 Jahren gerechnet. Nicht alle gehören in die Arbeitslosenstatisik, nämlich 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche. Macht immerhin 4 Millionen Arbeitlose zusätzlich zu den 3,5 Millionen der BA, Summe 7,5 Millionen Arbeitslose.

Das ist das Dreifache von dem, was offiziell gilt, und der Faktor 3 illustriert die Unehrlichkeit besser als jeder Schmäh. Soviel auch zum Credo "Deutschland geht's so gut."

Leit abweichende Zahlen liefert der Artikel Fast jeder Zehnte lebt von staatlicher Hilfe (ZEIT ONLINE 28.11.16): Hartz IV, Sozialhilfe, Zuschüsse zur Rente: In Deutschland sind acht Millionen Menschen auf Hilfe vom Staat angewiesen. Viele können sich alltägliche Dinge nicht leisten.

Hier ist die Rede von gut 5,8 Millionen Menschen mit Arbeitslosengeld II/Sozialgeld, also Hartz IV, sowie einer Million Frauen und Männer mit Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung sowie 137.000 mit Hilfe zum Lebensunterhalt. Die letzteren 1,137 Millionen sind bei den 7,5 Millionen nicht eingerechnet. Im Gegenzug wurden aber die nicht Arbeitsfähigen nicht rausgerechnet. Das macht den Faktor 3 recht belastbar, auch wenn es in dem Zeit-Artikel nur heißt, Das Hartz IV System zählt über die Hälfte der erwerbsfähigen Arbeitslosen nicht zu den Arbeitslosen dazu.

Alternative Zahlen liefert auch Der Monatsbericht zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Deutschland (BA Januar 2017): Im Januar 2017 gab es nach vorläufiger Hochrechnung 5.133.000 erwerbsfähige Leistungsempfänger von Arbeitslosengeld und Arbeitslosengeld. Im Januar 2017 haben nach vorläufigen Daten 911.000 Personen an einer vom Bund oder der Bundesagentur für Arbeit geförderten arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teilgenommen.

Wie das zurechtdefiniert und verstrubbelt wird, zeigt das Paper auf Seite 45:

  • Arbeitslosigkeit = Zahl der Personen, die die Arbeitslosenkriterien des § 16 Abs. 1 SGB III (Beschäftigungslosigkeit, Verfügbarkeit, Arbeitssuche) und des § 16 Abs. 2 SGB III (keine Teilnahme an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme) erfüllen und deshalb als arbeitslos zählen.
  • Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne (i.w.S.) = Zahl der Arbeitslosen nach § 16 SGB III plus Zahl der Personen, die die Arbeitslosenkriterien des § 16 Abs. 1 SGB III erfüllen (Beschäftigungslosigkeit, Verfügbarkeit und Arbeitssuche) und allein wegen des § 16 Abs. 2 SGB III (Teilnahme an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme) oder wegen des § 53a Abs. 2 SGB II (erwerbsfähige Leistungsberechtigte nach Vollendung des 58. Lebensjahres, denen innerhalb eines Jahres keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten werden konnte) nicht arbeitslos sind.
  • Unterbeschäftigung im engeren Sinne (i.e.S.) = Zahl der Arbeitslosen i.w.S. plus Zahl der Personen, die an bestimmten entlastend wirkenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen oder zeitweise arbeitsunfähig sind und deshalb die Kriterien des §16 Abs. 1 SGB III (Beschäftigungslosigkeit, Verfügbarkeit und Arbeitssuche) nicht erfüllen. Personen in der Unterbeschäftigung im engeren Sinne haben ihr Beschäftigungsproblem (noch) nicht gelöst; ohne diese Maßnahmen wären sie arbeitslos.
  • Unterbeschäftigung = Unterbeschäftigung i.e.S. plus Zahl der Personen in weiteren entlastenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, die fern vom Arbeitslosenstatus sind und ihr Beschäftigungsproblem individuell schon weitgehend gelöst haben (z.B. Personen in geförderter Selbständigkeit und Altersteilzeit); sie stehen für Personen, die ohne diese arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen arbeitslos wären

Ein weiterer Artikel zum Thema heißt Die Renaissance der Klassengesellschaft. Ein Interview mit dem Soziologen Prof. Dr. Klaus Dörre über Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland (NachDenkSeiten 19.5.). Da geht's nicht nur um die gefakedten Zahlen:

Zur ganzen Wahrheit gehört, dass das deutsche „Jobwunder“ auf der Ausbreitung von schlecht entlohnter, wenig angesehener, unwürdiger und deshalb prekärer Arbeit beruht. Wenn man sich das Volumen an bezahlten Arbeitsstunden anschaut, wie es sich zwischen 1991 und 2013 entwickelt hat, dann wird man sehen, dass es beständig gesunken ist, insgesamt um etwa 12%.

Zwischen 2000 und 2013 beruhte der Zuwachs an Beschäftigung demnach ausschließlich auf atypischer Beschäftigung (Minijobs, Leiharbeit, befristete Tätigkeiten und Teilzeittätigkeit) sowie auf Soloselbständigkeit. Die Statistik vertuscht das laut NDS zum Teil dadurch, dass Teilzeitbeschäftigungen über 20 Wochenstunden als Vollzeitbeschäftigung bewertet werden.

So kann man es zurechtlügen: Zwar gab es zwischen 2000 und 2013 eine Abnahme der Arbeitslosigkeit um 1 Million, doch zugleich ging die Vollzeitbeschäftigung um 1,5 Millionen Stellen zurück. Wunder was, wenn die unteren 40% der Lohnbezieher seit 1995 real an Einkommen verloren haben (wie immer ist der Staatsschuldenboom nicht eingerechnet, sonst wären es mehr als 40%).

Die Lügerei um die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen ist deshalb kein Kavaliersdelikt, sondern schwerer Betrug an der Bevölkerung. Die Menschen werden bewusst desinformiert und irregeführt, um ihnen das Credo "Deutschland geht's so gut" verkaufen zu können, auch wenn die Wirklichkeit längst anders aussieht.

 

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Eine Antwort auf Arbeitslosenzahlen gefaked

  1. Wilfried Müller sagt:

    In den USA wird genauso gelogen und betrogen. Das ist der kurzgefasste Inhalt von mehreren aktuellen Artikeln:

    • The Real Unemployment Number: 102 Million Working Age Americans Do Not Have A Job (The Economic Collapse 4.6.). Der Artikel zählt 95 Millionen US-Amerikaner mit, die zur Kategorie "not in labour force" gehören (Hausfrauen, aber auch viele, die aus der "labour force" rausgerechnet werden). 7 Millionen oder 4,3% werden offiziell als Arbeitslose gezählt, während die Site ShadowStats "alternative Daten" mit 22% Arbeitslosigkeit berechnet. Nach dem Artikel ist die offizielle Arbeitslosenzahl, wie sie in den Mainstream-Medien endlos propagiert wird, bis zur Bedeutungslosigkeit manipuliert, nichts als Nonsens. Wo der Unterschied herkommt?  Es fängt schon mal mit der offiziellen Zunahme von 138.000 Arbeitsplätzen im Mai an – was dabei nicht thematisiert wird: sie reichen nicht zum Ausgleich des Bevölkerungswachstums. Zugleich gingen 367.000 Vollzeitjobs verloren und wurden durch Teilzeitjobs ersetzt, was auch nirgends erwähnt wird. Außerdem wurden im Mai nochmal 608.000 Menschen in die "not in labour"-Kategorie umgebucht. Diese Manipulationen schaffen ein schönes Bild, während die Lage sich in Wirklichkeit verschlechtert: Vor der letzten Rezession lebten 26 Millionen US-Amerikaner von food stamps, jetzt sind es 44 Millionen. Die Geschäftsaufgaben erreichen gerade einen absoluten Höhepunkt, und die Zahl der Obdachlosen ist im Los Angeles County binnen eines Jahres um 23% gestiegen. Es ist ein Kampf von Schein gegen Sein. Das TV berieselt die Zuschauer endlos mit der Botschaft, alles ist ok, und die meisten Amerikaner glauben es – noch.
    • 93% Of All Jobs "Created" Since 2008 Were Added Through The Birth/Death Model (ZERO HEDGE 4.6.). Dieser Artikel liefert eine Menge statistisches Material, um die Täuschung zu belegen.
    • The US Jobs Market Is Much Worse Than The Official Data Suggest: The Full Story (ZERO HEDGE 4.6.). Dieser Artikel liefert noch mehr statistisches Material.
    • Which U.S. Jobs Are Disappearing Fastest? (ZERO HEDGE 2.6.): Lokomotivführer, Automechatroniker, Telefonoperatoren sind laut statista die am meisten gefährdeten Jobs.

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