Gegen die Verklärung der 68er

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protest-155927_1280Durch die Medien geht just die Retrospektive der 68er-Bewegung. Die Proteste von Studenten und linksgerichteten Bürgerrechtsbewegungen werden gefeiert als Aufbegehren gegen den Autoritarismus der Elterngeneration, als Kampf für gesellschaftliche Werteveränderung, Demokratie, Emanzipation, sexuelle Freiheit, Umweltschutz, Entnazifizierung usw. Diskutiert wird: Wie haben die 68er Deutschland verändert – wo prägen sie die Republik bis heute? (Artikel ZEIT ONLINE, Bild: OpenClipart-Vevtors, pixabay)

Diesem Aspekt der 68er haftet so etwas wie Wehmut an. Ja, der alte Muff wurde entsorgt, die Enttabuisierung fand statt. Aber jetzt läuft die Gegenbewegung, der Rückschritt, der von Millionen Immigranten und islamistischer Indoktrinierung ins Land gebracht wird. Das wird als kulturelle Bereicherung gefeiert, und nicht als Aufgabe der errungenen Werte kritisiert.

Political correcte Medien trauen sich nicht, die Errungenschaften von Emanzipation und Enttabuisierung direkt zu verteidigen; um so intensiver können sie dem damaligen Aufbruch nachtrauern. Die Frauenbewegung erfuhr damals einen Aufschwung, aber jetzt liegt sie darnieder, in anti-islamophobe Tabus und oberlehrerhaften Genderismus verstrickt. Von dort ist keine Verteidigung der emanzipativen Werte zu erwarten.

Die Antwort auf die Zeit-Frage ist deshalb in aller Kürze, die 68er haben Deutschland durch Emanzipation und Enttabuisierung verändert, nur lässt diese Prägung stark nach – aber die Veränderungen umfassen noch ganz andere Punkte.

Das sind Aspekte, die in dem Diskurs zu kurz kommen. Die Rede ist vom aufkommenden Terrorismus, in den sich die Ableger der 68er verstrickten, ohne dass die Konsequenzen des überzogenen Protests diskutiert würden. Es wurde ja nicht bloß gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Auch gegen unser "Schweinesystem" wurde heftigst protestiert, mit allen Schikanen bis zu Geiselmord und Bombenterror. Es wurde lautstark diskutiert, von Schreihälsen, die mit unverstandenen kommunistischen Zitaten alles niederbrüllten. 

So brachte die Generation '68 eine hässliche doofe Protest-Elite hervor, zusammen mit einer schönen doofen Pop-Elite, die Sex and Drugs and Rock 'n' Roll predigte – das System kaputtmachen oder aussteigen.

Dabei hatte Deutschland sich damals eine ziemlich heile Welt erarbeitet, wo jeder eine auskömmliche Lebensperspektive hatte. In den 1960er-Jahren war alles in Ordnung bis auf ein wenig Spießbürgertum. Damals hatten die Arbeitsplätze noch keine Beine, um wegzulaufen. Die Banken sammelten noch das Geld der Sparer ein, um es den Unternehmern als Kredit zu geben, und die Börsen taten dasselbe mit dem Geld der Anleger. Die Finanzwelt hatte noch nicht zu ihrem wahnwitzigen Eigennutz-Wirbel abgehoben, und die Vorstufen der totalen Globalisierung liefen sozialverträglich ab.

Die Rückbesinnung sagt uns, dass wir bis zu den 1970er Jahren einen einmaligen Höhepunkt erlebt haben (jedenfalls die damals schon anwesenden von uns). Das haben die vielen Protestler der 68er-Generation bekämpft – und dann haben sie tatenlos zugeschaut, wie das Aufgebaute und Erreichte dereguliert und niedergemacht wurde.

Kaum jemanden scherte es, dass die Deregulierung das Land eroberte, die Finanzwelt, die Wirtschaftswelt. Die '68er konnten noch Kleinbürgers Traum vom auskömmlichen Job, Famile und Eigenheim ausleben, und sie verachteten das. Die danach kamen, konnten den Spießer-Traum oft nicht mehr wahrmachen, und die verachteten das nicht mehr.

Und jetzt herrscht eine Abzocker-Elite, wo die Großbanker und Topmanager nur glücklich sind, wenn sie die Finger bis zur Achsel in der Kasse haben. Der Schaden, den sie mit ihrem Eigennutz angerichtet haben, wird von der Allgemeinheit bezahlt, und die Politik tut ein übriges und häuft Billionenschulden und -risiken an.

"Arbeitskräfte" sind heute nur noch was Negatives, das wegoptimiert gehört, oder ausgelagert, offgeshored und billiggemacht. Oder gleich durch Roboter ersetzt. Denn der Profit der Privilegierten ist wichtiger als alles andere, zumal wenn's sich bei dem anderen bloß um Menschen handelt. Und erst recht, wenn's nur Jugendliche sind – heute kann man denen alles zumuten, die lassen sich alles gefallen.

  • Gegen unsere besten Zeiten unter der sozialen Marktwirtschaft wurde irre protestiert.
  • Als das Soziale abgebaut wurde und sich die Lebensperspektiven immer mehr verschlechterten, wurde der Mund gehalten.

Man möchte fast meinen, dass es den Leuten möglichst gut gehen muss, damit sie einen Protest zustandebringen statt umgekehrt. Als der Protest unangemessen war, kam er. Als er wirklich nötig war, blieb er aus, während Ungerechtigkeit und Ungleichheit triumphierten. Warum nicht je ungleich desto Ramba-Zamba?

Die US-Kriegstreiberei triumphiert wieder in mehreren Staaten des Nahen Ostens, Arabien und Afrika, ohne dass die Leute auf die Straße gehen wie damals gegen den Vietnamkrieg. Keinerlei Lerneffekt aus Vietnam, Afghanistan, Irak usw. Die europäischen Staaten dürfen nun von Aufrüstung und militärischen Eingriffen in aller Welt reden, ohne dass es massenhafte Proteste gibt.

Ist das der Effekt Schnauze voll von Schnauze voll? Wie auch immer, der gehätschelten 68er-Generation wird man den Niedergang anlasten müssen, der in den 1970ern mit der Deregulierung einsetzte, der in den 1990ern schlimmer wurde, als der Zusammenbruch des Sowjetimperiums dem Kapitalismus freie Bahn bescherte, und der jetzt in einen neuen Militarismus mündet.

Kein Grund also, die 68er zu verklären. Sie sind die Generation mit der größten Schuld an den herrschenden Verhältnissen von Prekariat, Sozialabbau und kaputten Lebensperspektiven.

(Der Schreiber dieses gehört der 68er-Generation an.)

 

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2 Antworten auf Gegen die Verklärung der 68er

  1. Saco sagt:

    Na ja. Ich war 1 Jahr im Studium, 1968.

    Und das in Berlin. Der Kuh-Damm war voll. Voll von Menschen, die nicht wollten, dass Vietnamesen sterben. Man schoss Rudi in den Kopf. Gewalt gegen Sachen – da war man sich einig. Gegen Menschen? Hans-Martin Schleier, der war nicht so ohne. Er war, glaub ich, im Vorstand von Daimler, der Firma, die Vernichtungswaffen nach Vietanam verschiffte. War das so? Ist lange her. Man brachte ihn um. War er unschuldig am Tod von Vietnamesen? Auf jeden Fall zog der Staat Germany, allen voran Helmut Schmidt, Konsequenzen. Man mottete die Bewegung 68iger ein. Stammheim. So wars gewesen. "Schuld" war nicht jeder 68 ziger. Die haben es auch nicht verbockt. Wenigstens nicht alle. Die 68ziger deckten eigentlich erst die Schweinereien 35-45 auf. Bis dahin kam alles untern Teppich…Abgewügt haben die 68 ziger andere.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Ich war '69 in Berlin und erinnere mich noch an die Fratzen der schreienden Idioten mit ihren auswendig gelernten kommunistischen Sprüchen. Mit denen war nicht zu reden, die schrien alles nieder. Mit der Schuld meine ich die ganze Generation, die am eigenen Fortkommen bastelte wie ich, und die aktuelle Deregulierung völlig ignorierte.

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