Rezension zu „Treffen sich zwei Gene – Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens“ von Ernst Peter Fischer

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118_0075_173871_xxlNoch eine neue Rezension von Dr. Gerfried Pongratz befasst sich mit Genen. Der Verlag sagt dazu: Warum wir ein neues Verständnis der Gene brauchen! Die Fortschritte der Genetik sind enorm – und die herkömmliche Vorstellung, Gene hätten einen festen Ort und klar definierte Aufgaben, ist nach neuesten Erkenntnissen überholt. Ernst Peter Fischer zeigt, warum wir ein verändertes Verständnis der Gene brauchen: Sind sie doch etwas Bewegliches, mit dem unsere Erbanlagen einen ständigen Wandel vollziehen. Die Rezension von Gerfried Pongratz (6/2017):

„Treffen sich zwei Gene – Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens“

Gene sind Prozesse. Deshalb ist die lieb gewordene Auffassung von Genen als Kausalfaktoren mit festem Ort und klar definierten Aufgaben mit den neuen Erkenntnissen nicht mehr vereinbar“. Diese Feststellung im Vorwort beschreibt den Inhalt des Buches und vermittelt indirekt die Absicht des Autors, den neuesten Wissensstand zu den Themen Gene – Genetik – Bauplan des Lebens – Geheimnis des Lebens – Gentechnik zur Verbesserung des Menschen, einem breiten Leserkreis verständlich zu vermitteln. Der renommierte Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer unterzieht sich dieser Aufgabe mit Akribie und erkennbarer Begeisterung; er zeigt am historischen Werdegang der Forschung, wie sich das moderne Bild der Gene im Lauf der Zeit entwickelte und aktuell bei einem dramatischen Wendepunkt im Verstehen unseres Erbguts und der Natur des Lebens angelangt ist.

„Niemals bestimmen Gene allein, welche Charakteristiken ein Organismus letztendlich aufweist. Erbanlagen gehen vielmehr zahlreiche Kollaborationen ein und stehen in Wechselwirkung mit vielen Faktoren“ (S. 8). Mit dieser Feststellung verbindet sich ein folgenreicher „Abschied vom Determinismus der Gene“, der zum Eingeständnis führt, dass man im Erbmaterial eines Menschen kaum Gene findet, sondern „offenbar viel mehr und vielleicht etwas Neuartiges, das man noch längst nicht verstanden hat“ (S. 23). Das sog. „Humangenomprojekt“ hat die „Geheimnisse der Gene und des Menschen nicht gelüftet, sondern im Gegenteil enorm vertieft“. Manche Fachleute sprechen von einem „postgenetischen Zeitalter“, obwohl sie mittels Gen-Bearbeitung (z.B. mit CRISPR-Cas9) immer „bessere Methoden finden, in das Erbgut einzugreifen, auch wenn sie nicht verstehen, was die eigentlichen Lebensläufe ausmacht“ (S.24).

Mit „Der lange Weg zu langen Molekülen“ beginnend, beschreibt der Autor die Entdeckung der Gene, die Arbeiten Gregor Mendels und seiner Nachfolger, die genetischen Studien an Drosophila melanogaster, die Arbeitsmethoden und Forschungsergebnisse der Molekularbiologie mit der Strukturaufklärung der Proteine und der Doppelhelix sowie die Einführung genetischer Begriffe in die Wissenschaftssprache, wobei zahlreiche grafische Darstellungen das Verstehen komplizierter Vorgänge erleichtern. Die Beschreibung von „Rätseln der Immunologie“, wie z.B. eine Zelle aus wenigen Genen die große Vielzahl an Antikörpern erzeugen kann, führt zur Erkenntnis, dass Gene „erst im Lauf der Entwicklung zusammengestellt (werden), und zwar abhängig von den Erfahrungen, die ein Kind macht…“, woraus folgt: „Gene sind nicht, Gene werden nur, und zwar sowohl während der Entwicklung des Menschen als auch in jedem Augenblick seiner Existenz, wenn seine Zellen ihre Proteine anfertigen, mit denen sie den Lebensunterhalt bestreiten“ (S. 100).

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem überschreiten, auch nur annähernd alle im Buch beschriebenen Aspekte der genetischen Wissenschaften darzustellen. Letztere haben sich nach Ansicht verschiedenen Experten „in eine völlig neue Situation hineinmanövriert: Das gute alte Gen, nach dem seit über hundert Jahren geforscht wird…, lässt sich kaum noch fassen….Die Zeit nach den Genen hat begonnen, und die Zukunft steht so offen wie nie“ (S.28). Mehrere Kapitel mit zahlreichen Unterkapiteln erläutern und erhärten diese Aussage, nicht zuletzt die Aufklärung epigenetischer Mechanismen führte zur Einsicht, „dass Gene – konkret die DNA-Sequenzen einer Zelle – niemals allein bestimmen, welche Charakteristiken einem Organismus letzten Endes zukommen“ (S. 202). „Es gibt nicht die eine Ebene – die der genetischen Moleküle -, die eine andere Ebene ursächlich hervorbringt. Vielmehr stellt sich ein Wechselspiel ein, bei dem das, was gemacht ist, das beeinflusst, was sich mit dem Machen befasst“ (S. 213).

Dass die genetischen Wissenschaften in der Öffentlichkeit einen hohen Aufmerksamkeitsgrad besitzen (und z.T. sehr kontroversiell diskutiert werden, siehe „Gentechnik in der Landwirtschaft“), liegt nicht nur an den bereits genützten Eingriffen ins Erbgut von Pflanzen, Bakterien, Viren, Tieren, sondern auch an zukünftigen Möglichkeiten, die Großes erahnen, bei vielen Menschen aber auch befürchten lassen. Bedeutende Kapitel des Buches sind deshalb den Themen „Arbeit am Erbgut“ und „Die Verbesserung des Menschen“ gewidmet, wobei im Bereich „Gene Editing“ selbstverständlich die alles Bisherige überragende Methode CRISPR-Cas9 ausführlich zur Sprache kommt. Die sich durch diese relativ einfache und kostengünstige Gentechnik-Methode ergebenden Aussichten sind noch gar nicht voll abschätzbar, Biomediziner z.B. hegen die begründete Hoffnung, dass CRISPR-Cas9 als Quelle für gravierend positive medizinische Neuerungen dienen und zu gesünderen Menschen, bzw. zu einem besseren Leben führen kann. Die Unterkapitel „Auf dem Weg zu einem besseren Menschen“ und „Perfekte Menschen in einer perfekten Gesellschaft“ hat der Autor allerdings mit Fragezeichen versehen und widmet 13 Seiten (294 – 307) der „Freiheit und Verantwortung in der Wissenschaft“, wobei er eindrücklich darlegt, wie die „Verantwortung der Naturwissenschaftler eine neue Dimension angenommen“ hat (S. 305).

Das Nachwort des Buches beginnt mit „Pantha rhei“ und verbildlicht – mit literarischen und philosophischen Aperçus gewürzt –, wie „alles in Bewegung und Bewegung alles“ ist: Leben ist im Fluss „und dieser Fluss lebt von den Genen und die Gene von und in ihm“ (S. 311). Eine Zeittafel zur Geschichte des Gens und ein ausführliches Glossar ergänzen ein interessantes Werk zu einem nicht einfach zu erläuternden und auch für Leser mit soliden Biologiekenntnissen nicht in allen Einzelheiten leicht zu verstehenden großen Thema, das letztendlich „das Leben und die ganze Welt umfasst“. Dem Autor ist es populärwissenschaftlich gelungen, die genetischen Wissenschaften in einem großen Bogen von den Anfängen der Gene, über ihre zahlreichen (erfolgreichen und erfolglosen) Zwischenschritte, bis zum heutigen Erkenntnisstand – nicht als Objekte, sondern als Prozess begriffen – gut verständlich darzustellen und dabei auch künftige Entwicklungen aufzuzeigen, die noch ungeahnte Möglichkeiten in sich bergen.
 

Dr. Gerfried Pongratz

Ernst Peter Fischer: „Treffen sich zwei Gene – Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens“ © 2017, Siedler Verlag München, ISBN 978-3-8275-0075-5, 336 Seiten.
 
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