Philosophie: Glück & Sinn des Lebens

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happiness-1261852_1280Eine private philosophische Diskussion hatte das Thema Sinn des Lebens, und damit verbunden auch das Glück. Beklagt wurde, dass die deutsche Sprache in dieser Beziehung sparsam ist, während die englische nicht nur happiness, luck und chance kennt, sondern auch fortune, bliss und felicity (Bild: kropekk_pl, pixabay).

Sind die Briten deshalb glücklicher als wir? Im WORLD HAPPINESS REPORT steht Deutschland auf Platz 17 und Großbritannien auf Platz 19. An den Worten liegt es wohl nicht. Mal nachschauen, was Philosophen dazu sagen, aber vorsichtig, weil sie so viel sagen …

Da kommt der Bestsellerautor Yuval Harari recht, der in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit über Glück (S. 458 …) und den Sinn des Lebens (S. 476 …) schreibt.

Dort wird erklärt, jeder Sinn, den wir unserem Leben geben, sei reine Illusion, und wenn man sein Glück vom Lebenssinn abhängig machen will, müsse man sich eine wirkungsvolle Illusion zulegen.

Eine Vermessung des Glücks anhand von materiellen Faktoren wie Gesundheit, Ernährung und Wohlstand scheitere. Der Zusammenhang um so glücklicher, je reicher und gesünder ist nicht nachgewiesen. Trotz bester materieller Umstände könne es Entfremdung und Sinnlosigkeit geben – das subjektive Wohlbefinden hängt nicht unbedingt von den objektiven Verhältnissen ab. Selbst ein Lottogewinn (chance) erzeugt nur auf kurze Zeit Glück (happiness). 

Unser Glücksverständnis ist sehr unterschiedlich, von der hedonistischen Suche nach bestimmten emotionalen Zuständen (wb: Ego-Orgiastik) bis zur buddhistischen Zufriedenheit (wb: Selbst-Bauchpinseln). Bei unseren subjektiven Empfindungen handele es sich lediglich um "flüchtige Schwingungen", während der Buddhismus Ruhe, Klarheit, inneren Frieden und Selbsterkenntnis liefere.

Der wissenbloggt-Artikel Der Sinn des Lebens von Günter Dedié beschreibt einige andere Auffassungen und die maßgebenden Aspekte anhand von Terry Eagletons Buch Der Sinn des Lebens.

Begriffsdefinition

Was bei diesen Erörterungen auffällt, ist die Abwesenheit von klaren Begriffsdefinitionen. Sinn und Glück sind nicht kategorisch definiert. Dies Manko lässt sich mit einer Anleihe bei Bunge/Mahner beheben, die allerdings etwas pikant ist. In ihrem grundlegenden Buch Über die Natur der Dinge ist ein ganzer Kanon von Begriffen definiert, bloß Sinn und Glück eben nicht. Man kann deshalb nur versuchen, die Denkweise von Bunge/Mahner auf diese Begriffe anzuwenden. Inwieweit dieser Versuch legitim ist, mag jeder selber entscheiden.

  • Sinn wäre demnach ein beliebiges Konstrukt, das nur dadurch eine fiktive Existenz hat, dass es von denkenden Wesen gedacht wird (zu beliebigen und nicht beliebigen Konstrukten siehe Philosophie: was sind Konstrukte? und die weiteren Links unten). Das passt mit der Definition von Harari zusammen, der den Sinn des Lebens eine reine Illusion nennt. Untermauert wird das dadurch, dass auch ein beliebiger Unsinn der Sinn des Lebens sein kann, z.B. der Wunsch nach einem schönen Leben nach dem Tode.
  • Glück fällt in eine ganz andere Kategorie. Nach Bunge/Mahner könnte es als Menge der Glückszustände definiert werden (Unterstellung wb), passend zum Bewusstsein als Menge aller Bewusstseinszustände. Ein Glückszustand existiert damit gemauso real wie ein Bewusstseinszustand. Analog zu diesem ist er eine Eigenschaft von hormonellen und neuronalen Prozessen. Er muss nicht einmal bewusst sein, wie man an dem Spruch sieht: Ich wusste gar nicht, wie glücklich ich war.

Wenn diese Definitionen akzeptiert werden, sollten sie erhebliche Auswirkungen auf den Diskurs haben. Glückszustände existieren real, und zwar egal, ob sie hedonistische Orgiastik oder buddhistisches Bauchpinseln beinhalten. Beides ist die Eigenschaft der variantenreichen hormonellen und neuronalen Prozesse. Auch das Würfelglück ist eine Variante von diesen Prozessen, soweit die menschliche Reaktion betroffen ist – das physikalische Element ist der Zufall (chance).

Wer nicht bloß zockt, sondern sein Glück vom Lebenssinn abhängig macht, nutzt demnach ein beliebiges Konstrukt, um reale Gefühle zu erzeugen. Das ist an sich etwas ganz Normales, weil alle beliebigen Konstrukte gefühlswirksam sind. Wer sich dessen bewusst ist, wird vielleicht anders auf den Sinn des Lebens schauen, relaxter, weniger engstirnig. Für Dogmatismus ist unter diesen Aspekten kein Raum.

 

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3 Antworten auf Philosophie: Glück & Sinn des Lebens

  1. @ „Das subjektive Wohlbefinden hängt nicht unbedingt von den objektiven Verhältnissen ab.“

    Das ist zutreffend, wenn man den gewohnten Zustand der Verhältnisse zugrunde legt, denn der ist der sog. Hedonischen Adaption unterworfen: Starke Gefühle wie Glück oder Trauer werden nach einiger Zeit „eingeebnet“. Man muss auch hier – wie so oft – in Prozessen denken: Glück ist die Folge einer Änderung des Zustands zum Positiven, erstaunlicherweise weitgehend unabhängig vom Niveau am Anfang. Unglück besteht vergleichbar dazu aus dem Verlust von etwas, beispielsweise einem geliebten Menschen.

  2. Nachtrag: Ein paar Hinweise zum Glücksgefühl als Ergebnis einer Zustandsänderung findet man übrigens in Christina Berndts Buch „Zufriedenheit“ (dtv 2016) auf S. 17 ff:

    • Die Häufigkeit des Glücks hat in Deutschland seit 2007 weder zu- noch abgenommen
    • Wir empfinden Glück, wenn uns überraschend etwas Gutes widerfährt
    • Glück wird durch körpereigene Botenstoffe wie Endorphine oder Oxytoxin „erzeugt“; diese müssen aber zunächst ausgeschüttet werden, und werden anschließend vom Körper auch wieder abgebaut.
  3. Wilfried Müller sagt:

    Zum Oxytocin schreibt Angelika Förster u.a. in unserem Artikel Die hormonelle Komponente der Religion.

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