Holland, England, Schweiz, Singapur, Irland: die größten Steuerflucht-Helfer

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file-20170721-28478-yjy3wyWo die Politik versagt, helfen Leaker und Journalisten – und nun auch Wissenschaftler. Niemand mag mehr hinnehmen, wie sich die globale Wirtschaft der Besteuerung entzieht (Bild: Die effektive Besteuerung der US-Firmen 1947-2011, US Federal Reserve via Wikimedia).

Bei wissenbloggt wurden viele Anläufe zur Trockenlegung der Steueroasen gecovert (siehe Links unten). Erfolge gab es nicht mehr zu melden, seit das US-Finanzministerium das Schweizer Bankgeheimnis geknackt hat. In Deutschland hatten allenfalls die Bemühungen des SPD-Politikers Norbert Walter-Borjans Erfolg, solange er nordrhein-westfälischer Finanzminister war, siehe auch „Ich habe niemals eine Steuer-CD gekauft“ (Der Freitag 29.6.).

Mit dem NRW-Regierungswechsel verliert Deutschland in Walter-Borjans den wichtigsten Jäger der Fiskaltouristen, und ein deutsches Unternehmensstrafrecht gibt es auch immer noch nicht (siehe Bitte Bankenbestrafung!). Höchste Zeit also, dass die Wissenschaft der Politik auf die Sprünge hilft.

Das tut sie mit dem Artikel Uncovering Offshore Financial Centers: Conduits and Sinks in the Global Corporate Ownership Network (nature 24.7.): We introduce a novel data-driven approach for identifying OFCs based on the global corporate ownership network, in which over 98 million firms (nodes) are connected through 71 million ownership relations. … We identify 24 sink-OFCs. In addition, a small set of five countries – the Netherlands, the United Kingdom, Ireland, Singapore and Switzerland – canalize the majority of corporate offshore investment as conduit-OFCs.

ofc-networkDer nature-Artikel berichtet von einer Datenauswertung, die Firmengeflechte als Netz darstellen; die Firmen sind die Netzknoten und die Besitzverhältnisse die Relationen. Entlang dieser Relationen gibt es Geldflüsse von den Tochtergesellschaften zu den Besitzern. Die Feinanalyse dieser Geldflüsse zeigt, wie das Geld fließt. Die Forscher konnten zwei Arten von Offshore Financial Centers (OFC, meistens Länder) herausfiltern.

Die OFCs definieren sich durch Finanzdienste für ausländische Firmen, die in keinem Verhältnis zur Wirtschaftsleistung der Zentren (Länder) stehen. Herkömmlicherweise nimmt man an, das betreffe nur ferne, kleine Steueroasen. Die Forschung ergab aber, dass es auch andere gibt.

Unterschieden werden Sink-OFCs, wo überproportional viel Geld aus dem Wirtschaftskreislauf abgezogen wird, und Conduit-OFCs, wo unverhätnismäßig große Geldströme ihren Ursprung haben. Das beschreibt der Artikel OFC Meter von CORPNET, einer Forschungseinrichtung der Universität von Amsterdam (Bild: CORPNET, Figure 3 im Paper, sinks farbcodiert und conduits größencodiert). Wie die Relationen aussehen können, zeigt ein anderes Bild von CORPNET, links ein Firmengeflecht, rechts dasselbe auf Länder bezogen:

ofc-chains

Wie die Wissenschafter die Ketten ineinander überführt haben, ohne Zyklen zu erzeugen, ist in dem Paper bei Figure 1 beschrieben.

Die Ergebnisse werden in einem anderen Artikel fürs weniger wissenschaftsgestählte Publikum aufbereitet, Offshore Financial Centers and The Five Largest Value Conduits in the World (CORPNET 24.7.): Public outcry over tax havens has increased in recent years. Journalists have shed light on the users of these offshore financial centres (OFCs), as well as the jurisdictions, banks, accountancy and law firms involved: OffshoreLeaks (2013), LuxLeaks (2014), SwissLeaks (2015), the Panama Papers (2015) and BahamasLeaks (2016).

countryranksDie Forscher identifizierten 24 sink-OFCs, darunter Luxemburg, Hongkong, die britischen Jungferninseln, Bermuda, Jersey, die Caymaninseln und Taiwan, das bisher noch nicht als Steueroase identifiziert war (Tabelle: CORPNET).

Überraschenderweise kristallisierten sich nur 5 große Länder als conduit-OFCs heraus, in denen die Geldströme ihren Ursprung nehmen. Am größten ist der Anteil von Holland (23%) und Großbritannien (14%). Danach kommt die Schweiz (6%), Singapur (2%) und Irland (1%). Zusammen steht das für 47% der gesamten Steuerflucht-Gelder (Bild: CORPNET):

countryflags-wideheaderDamit wird klar: Steueroasen sind nicht unbedingt ferne, kleine, rückständige Inseln, bei denen es schwer ist einzugreifen. Viele sind oder waren britische Kolonien – es ist ja schon die Rede davon, dass ganz Britannien nach dem Brexit zur Steueroase werden könnte. Mit solchen Aussagen machte der britische Finanzminister Druck auf die EU. Als ob es mit den ex-britischen Caymaninseln, Bermuda, den britischen Jungferninseln oder Jersey noch nicht genug britsche Steueroasen-Kultur gäbe.

Hoffentlich haben die Forscher Javier Garcia-Bernardo, Jan Fichtner, Frank W. Takes und Eelke M. Heemskerk mit ihrer datenmäßigen Durchleuchtung den gewünschten Erfolg bei der Bekämpfung der Steuerflucht. Sink-OFCs gibt's wie Sand am Meer; wenn die eine Steueroase trockengelegt ist, macht die nächste auf. Aber die Chance besteht, bei den nun identifizierten conduit-OFCs (Holland, England, Schweiz, Singapur, Irland) bessere Ansatzpunkte zu finden.

 

Links von wissenbloggt dazu:

 

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