Philosophie: was sind Möglichkeitsräume?

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download-617135__480Eine private philosophische Diskussion hatte das Thema Möglichkeitsräume und Übergangswahrscheinlichkeiten. Grundlage dafür war Poppers Kosmologie, wie sie in einem Aufsatz von Dr. Hans-Joachim Niemann diskutiert wurde (Bild: geralt, pixabay).

Der Aufsatz heißt Über Utopien und Wunder. Eine Welt voller Möglichkeitsräume und steht in der Zeitschrift „Aufklärung & Kritik“, Heft 61, Juli 2017, 24. Jahrgang, Nr. 3 von der Gesellschaft für kritische Philosophie. Die GKP stellt nur die Inhaltsangabe ins Netz. Die Inhalte sind nicht online verfügbar, am ehesten noch über diesen Link. Bei wissenbloggt wird kurz referiert, ganz knapp über Popper, etwas mehr über Niemann und ein wenig ausführlicher über die betreffende Diskussion aus Sicht von Bunge/Mahners materialistischer Ontologie.

Popper

Mit seiner Propensitätentheorie widerspricht Popper der gen-zentrierten Weltsicht. Er behauptet, dass die eigentlich kreativen Kräfte der Evolution vom Wissen und der Aktivität der Organismen herrühren und, ganz anders als bisher geglaubt, die Selektion ('natürliche Zuchtwahl') nichts Kreatives beitrage. Das Denken in Ursache und Wirkung beruhe auf falschen Vorstellungen. Im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben seien es Wahrscheinlichkeiten, die alles steuern. Die popperschen Wahrscheinlichkeiten, propensities genannt, seien wie Kräfte, die aus der Zukunft kommen, weil sie sich auf zukünftige Zustände beziehen. Nicht die Vergangenheit schiebe uns, sondern die vor uns liegenden realen Möglichkeiten wirkten wie eine Anziehungskraft, die uns aus der Gegenwart in die Zukunft ziehe.

Niemann

Von dieser "Anziehungskraft" ist bei Niemann sonst nicht mehr die Rede, wenn er die Möglichkeiten diskutiert. Es beschränkt sich auf die Möglichkeitsräume, die vom Urknall an gegeben seien und die er real nennt. Zudem gebe es Übergangswahrscheinlichkeiten in die Möglichkeitsräume, die je nach dem vorhandenen Wissen und Können bei naheliegenden Räumen groß sind und bei fernliegenden Räumen klein. Was für den Menschen die Verwirklichung von Utopien ist, sei aus dieser Sicht die Realisierung oder "Besetzung" von Möglichkeiten aus dem Möglichkeitsraum – Utopien im Kopf und Möglichkeitsräume in der Außenwelt.

Aber nicht alles Denkbare ist möglich. Es gibt demnach irreale Utopien wie das Perpetuum moblie, die gar nicht realisierbar sind, und denen deshalb irreale Möglichkeitsräume entsprechen. Zudem wird abgeleitet, dass fernliegende Utopien kaum zu erreichen seien, die Entwicklung gehe eher Schritt für Schritt. Fern-Utopien seien sogar gefährlich, z.B. "Wohlstand für alle". Dabei spiele laut Popper künftiges Wissen eine wichtige Rolle, und dieses Wissen können wir heute noch nicht haben. Konkrete Pläne scheitern deswegen, Fehler werden gemacht.

Die Eroberung der Möglichkeitsräume ist aber nicht von menschlichen Utopien abhängig, sie öffneten sich z.B. auch für die Moleküle, die das Leben initiierten, und für die ganzen "Wunder der Natur". Deshalb wird der Begriff Utopie so erweitert, dass er für alles gilt, was rückblickend schier unmöglich erschien, auch wenn niemand dawar, um die Utopie zu denken. Genauso mag es sein, dass sich weitere Möglichkeitsräume auftun, die gegenwärtig unvorstellbare Möglichketen bieten.

Die Möglichkeitsräume bzw. Propensitäten erschließen sich mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten, Übergangswahrscheinlichkeiten genannt. Die Wahrscheinlichkeiten hängen vom Wissen und Können ab, das Wissen und Können der Zukunft baut auf dem heutigen auf. Wie das Wissen und Können sich schrittweise entwickelt, so erschließen sich auch immer nur die nahegelegenen Möglichkeitsräume.

Dazu wird die Frage gestellt, sind unrealisierte Utopien ein Teil der wirklichen Welt? War die Machbarkeit von z.B. Flucgzeugen schon ein Teil der Realität, bevor sie gebaut wurden? Das läuft auf die Frage hinaus, sind die Genies Erfinder oder sind sie nur Entdecker?

Niemann beantwortet diese Frage generell mit Entdecker, sogar für die Schöpfung von Musikstücken. Die Komponisten seien demnach keine Erfinder von Melodien, sondern die Entdecker von Melodien. Generell hält er die Möglichkeitsräume für real, weil die Übergangswahrscheinlichkeiten real sind, und die Möglichkeitsräume "wirken" auf die Übergangswahrscheinlichkeiten und bestimmten deren Wert. Das Universum habe nicht nur eine Wirklichkeitsstruktur, sondern auch eine Möglichkeitsstruktur.

Während Niemann die Menschen zu Utopien ermutigt, bremst er auf dem Gebiet der Feinabstimmung der Naturkonstanten, von denen die Möglichkeitsräume ja maßgeblich bestimmt werden – darüber sollte man nicht nachdenken, meint er, eine Theorie dafür werde es nie geben. Das stellt einen Widerspruch zu seinem sonstigen Optimusmus dar, mit dem er revolutionäre neue Möglichkeitsräume mit ungeahnten Inhalten postuliert, die durch zunehmendes Wissen und Können erschließbar werden.

Diese Herangehensweise bietet nun eine Erklärung für Phänomene wie Kreativität und Emergenz. Kreativität ist demnach das subjektive Sich-Vorstellen-Können von etwas Neuem, das aber in Wirklichkeit schon lange möglich gewesen ist. Nur das Denken ist neu, nicht das Imaginierte. Deshalb die Ablehnung des Erfindens, es sei nur ein Entdecken. Man nähert sich dem schrittweise, bis es sozusagen auf der Hand liegt.

Für die Emergenzen liefert der Ansatz eine besondere Ursache, nämlich die Übergangswahrscheinlichkeiten in die betreffenden Möglichkeitsräume. Diese Räume sind nicht neu, sie kommen dem Betrachter nur so vor, weil sie noch nicht besetzt waren. Das gilt auch für die "Wunder der Natur". Auch in Zukunft werden die Menschen Entdeckungen machen, mithin also ungeahnte neue Möglichkeiten erschließen. In diesem Zusammenhang spricht Niemann davon, dass das Fortschrittsprinzip der Organismen eigentlich nicht ein fortgesetzter Kampf ums Überleben sei, nicht die bessere Anpassung, sondern die Suche nach unbesetzten Möglichkeitsräumen, sprich Nischen. Also Kooperation und Symbiose statt Konkurrenzkampf.

Dasselbe stellt sich Niemann auch als Leitidee für die Immigranten vor, die denselben Lebensraum mit den Einheimischen teilen könnten, aber in anderen Möglichkeitsräumen leben könnten, also ihre eigenen Lebensweisen bzw. Nischen finden.

Diskussion

Das Letztere dürfte reichlich optimistisch sein, aber die Sichtweise mit Möglichkeitsraum und Übergangswahrscheinlichkeit ist interessant. Was nicht interessant gefunden wurde, ist die Vorstellung von Anziehungskräften aus der Zukunft. Wenn es die gäbe, bräuchte man keine schrittweise Annäherung, die ja immer von der Gegenwart ausgeht. Die Zukunft könnte uns dann gleich zur Fern-Utopie hinziehen – eine absurde Vorstellung, die sogar Rückkopplungsschleifen zulassen würde. Das ist genauso irreal wie die Zeitreise, wo der Reisende in seiner eigenen Vergangenheit herumpfuscht.

Zur Frage der Realität wurden Bunge/Mahner bemüht. Gemäß denen sind die (essenziellen) Eigenschaften der Dinge gesetzmäßig mit einigen anderen verbunden, und sonst wirken keine Gesetze. Die Gesamtheit der Eigenschaften definiert dann einen Zustandsraum, so dass die Dinge einen gesetzmäßigen Zustandsraum haben. Weil die zentrale Eigenschaft der Dinge die Veränderbarkeit ist, ändern sie ihren Zustand. Jedes Ding befindet sich demnach in einem abstrakten Raum möglicher Zustände, seinem gesetzmäßigen Zustandsraum.

Möglichkeitsräume sind aber mehr als Zustandsräume von Systemen (zusammengesetzten Dingen). Zustandsräume sind ja nicht statisch, denn emergent entstandene neue Eigenschaften geben den Zustandsräumen neue Dimensionen und erweitern sie somit. Diese schrittweisen Erweiterungen sind in den Möglichkeitsräumen erfasst.

Das unterstützt das Diktum vom schrittweisen Fortschritt sehr schön, aber nicht die konkrete Realität der Möglichkeitsräume. Den Zustandsräumen kommt eine abstrakte Realität zu, und die Möglichkeitsräume sind gewiss nicht konkreter. Das Argument mit den realen Übergangswahrscheinlichkeiten greift nicht. Auch wenn die Wahrscheinlichkeiten objektiv vorhanden sind, werden die Möglichkeiten erst durch den Übergang real – das nennt sich ja bezeichnenderweise Realisierung. Und es "wirkt" nichts auf die Wahrscheinlichkeiten, denn die beschreiben ja bloß den Zufall: Wenn man dichter dran ist, gibt es mehr Treffer.

Immerhin muss man die Ontologie von Bunge/Mahner wohl erweitern, wenn man den Möglichkeitsräumen abstrakte Existenz zubilligt. Dann gibt es nicht nur Dinge, die aus sich selbst heraus konkret existieren, und Konstrukte, die nur fiktiv existieren, indem sie gedacht werden (können). Sondern auch Möglichkeiten, die abstrakt bzw. fiktiv existieren.

Das sind keine Konstrukte, weil ihre (fiktive) Existenz nicht von denkenden Wesen abhängt. Sie fügen sich gut ein, denn bei den Konstrukten kann man die Unterscheidung auch weiter treiben (beschrieben in Philosophie: was sind Konstrukte?). Demnach gibt es

  • beliebige Konstrukte, die nur (fiktiv) existieren, wenn sie gedacht werden, und deren Existenz verlöscht, wenn sie nicht mehr gedacht werden (z.B. der Gott Zeus),
  • nicht beliebige Konstrukte, die dadurch (fiktiv) existieren, dass sie gedacht werden können (z.B. die bungesche Zahl 4653712650806471583077231724333419010833),
  • Möglichkeitsräume, die (fiktiv) existieren, egal ob jemand sie denkt oder denken kann und
  • Dinge, die (konkret) existieren

Bleibt die Frage nach entdecken oder erfinden. Das ist letztlich eine Definitionsfrage. Man könnte sagen, in der Mantisse von \pi ist alles schon codiert, der simple Kreis enhält mithin alle Erfindungen. Aber wenn die Suche danach unendlich lange dauert, erfindet man's lieber ohne \pi. So ähnlich kann man bei den Konstrukten argumentieren. Die nicht beliebigen Konstrukte sind Entdeckungen, die beliebigen Konstrukte sind Erfindungen, einfach weil's so viele Möglichkeiten gibt. Bei den Möglichkeitsräumen kann sich jeder selber aussuchen, wieviel Kredit er den Schöpfer*innen geben mag. Vorschlag zur Güte: Wenn's ganz naheliegend war, ist's eine Entdeckung, wenn viele Schritte nötig waren, eine Erfindung.

 

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