Neue Möglichkeiten für Lügendetektoren werfen ethische Fragen auf

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meditation-1000056_1280Die Zukunft gewährt neue Zugänge zur Lügeneliminierung. Speziell im Bereich der gerichtlichen Wahrheitsfindung kann der Lügenapparat der Angeklagten (und Ankläger) ausgehebelt werden, indem das Hirn direkt gescannt wird. Man stellt die Fragen und lokalisiert die Hirnaktivitäten – dabei wird der Unterschied im Magnetresonanzbild sichtbar. Die Hirnareale werden unterschiedlich aktiviert (Bild: johnhain, pixabay)

Die Frage ist nicht mehr, Kann man das? sondern Darf man das verwenden?

Ein Artikel, der sich damit auseinandersetzt, heißt If a brain can be caught lying, should we admit that evidence to court? Here’s what legal experts think (THE CONVERSATION 2.8.). Gleich eingangs wird festgestellt, dass die Genaugikeit des Gehirnlesens (“mind reading technology”) zunimmt.

Verschiedene Methoden werden genannt, mit denen falsche Angaben oder zurückgehaltenes Wissen erkannt werden können. Dabei gibt es große Unterschiede – der herkömmliche Lügendetektor ist gegenüber den neuen Methoden primitiv. Er testet physische Reaktionen, Herzschlag, Blutdruck, Pupillenweitung, Schweißabsonderung.

Dagegen wirken die neuen Methoden mit Magnetresonanzbildern sehr modern, denn sie schauen direkt ins Hirn und erkennen dort "Signaturen" fürs Lügen. Die Namen für solche Scans sind “brain fingerprinting”, “guilty knowledge tests” oder “concealed information tests”. Sie unterscheiden sich vom klassischen Lügendetektor. Mit ihrem Anspruch, die "Fingerabdrücke von Wissen" zu entschleiern, wollen sie die ganzen Informationsfragmente einzeln abprüfen und so die Wahrheit herausdestillieren.

Wenn also jemand mit der Frage gelöchert wirtruth-2069843_1280d, Haben Sie Ihre Frau geschlagen? hebt sich der Wissensbereich von Schlagen im Detail hervor. Was allerdings bei Trickfragen passiert, wie etwa Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen? wird nicht gesagt – eine Art Kernschmelze wahrscheinlich (Bilder: GDJ, pixabay).

Die neue Technik sammelt elektrische Hirnimpulse durch die Schädeldecke ("scalp") mittels Elektroenzephalografie (EEG). Dabei wird ein "P300-Signal" erkannt, das ein Indikator für Antwortreaktionen des Hirns auf Fragen oder visuelle Stimuli ist. Es indiziert die Erkennung von bestimmten Informationsstücken.

Zur Kontrolle enthält der Test auch neutrale Fragen, die keine solchen Reaktionen hervorrufen, während andere gezielt nach einzelnen Wissensstücken sondieren. Das P300-Signal kommt laut Artikel typischerweise nach 300 bis 800 Millisekunden, und das ist zu schnell für die Lügner, um es zu verbergen. Indem die Sondierungen den Fokus auf jene Wissensbereiche setzen, die nur der Schuldige besitzen kann, wird die Entschleierung bewirkt. Der Test geht beim Schuldigen positiv ("accurate") aus. Die Fürsprecher dieser Methode sind davon überzeugt, dass viel mehr Beweiskraft darin steckt als bei normalen Befragungen durch Menschen.

Die Frage ist nun, Wenn die Methode zuverlälssig verborgenes Wissen über krimninelle Akte zum Vorschein bringt, darf sie dann vor Gericht angewendet werden?

Vor britischen Gerichten ist sie noch nicht zulässig und wird es womöglich auch niemals sein. Andere Jurisdiktionen sind nicht so zurückhaltend und erlauben die Methode, z.B. Indien. Ein indischer Mordfall wird genannt, wo die Hirnreaktionen auf die Täterin hinwiesen, von der Planung über den Kauf von Arsen bis zur Ausführung des Mordes. Sie wurde verurteilt, nach heftiger Diskussion wurde das Urteil jedoch aufgehoben.

Das bedeutet keine generelle Ablehnung dertruth-2069846_1280 Methode. Das indische Obergericht will sie weiterhin für Freiwillige zulassen. Zur Argumentation zählen auch weiter gefasste Gründe, aus denen Wissen zurückgehalten werden kann. Wer nichts mit dem Verbrechen zu tun hat, kann immer noch lügen.

Dann geht es darum, andere zu schützen oder illegale Verbindungen zu verbergen. Der Test liefert dann Aufklärung, es geht es um Wissen, nicht um Schuldfeststellung. US-Forscher haben nun untersucht, inwieweit gehirnbasierte Beweise einen unzulässigen Einfluss auf Juries ausüben können oder eine Vorverurteilung verursachen würden. Das hielten die Forscher möglicherweise für übertrieben. Mag sein, dass Juroren beeinflusst werden, im Sinne von Schuld oder Unschuld, aber andere Beweise wiegen schwerer, Motiv oder Gelegenheit.

Wenig überraschend, findet der Artikel. Es kommt eben auf den Zusammenhang an, in dem neurowissenschaftliche Beweise vor Gericht eingebracht werden. Sie können zu einem Fall beitragen, aber nur in Abhängigkeit von der Beweislage insgesamt. Der Ausgang des Verfahrens wird nicht von den Neuro-Beweisen allein bestimmt, auch wenn die gelieferte Information noch so signifikant ist.

Der Fortschritt geht aber weiter. Die Technik der Gedächtniserkennung ("memory detection technologies") wird besser. Auch wenn sie genauer wird – wie auch immer man "accurate" definiert -, muss sie nicht automatisch vor Gericht zugelassen werden. Das müssen die Betroffenen ausdiskutieren. Die Gesellschaft als ganzes und die Rechtspflege im speziellen müssen entscheiden, ob das Gedächtnis privat bleibt, oder ob die Bedürfnisse der Justiz das Eindringen in die Privatsphäre rechtfertigen. Der Schlußsatz: Unsere innersten Gedanken wurden immer als privat angesehen; sind wir bereit, sie zugunsten der Rechtspflege aufzugeben?

 

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