Die Diesel-Verschwörung

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car-312338_1280 VW ist radlos, weil Rad ab – so könnte man das nennen, wenn es witzig wäre. Es ist aber ein Trauerspiel, was da abläuft. Die Rede ist nicht von den Kartellvorwürfen gegen die deutsche Autoindustrie, sondern vom Dieseln an sich (Bild: Clker-Free-Vector-Images, pixabay).

Der sogenannte Dieselgipfel war nur eine Peinlichkeit in einer Reihe von Vorfällen, bei denen die Dummheit regierte; gewürdigt in der Presseschau zum Dieselgipfel: "Die Politik lässt sich an der Nase herumführen" (ZEIT ONLINE 3.8.). Die Chose begann mit der dummdreisten Manipulation der VW-Abgas-Software und zieht sich durch die ganze Aufarbeitung der Causa.

Dass daraus eine globale VW-Abmelk-Aktion wurde, lässt sich eigentlich nur mit einer Verschwörung erklären: Deutsche Schuld trifft auf die internationale Finanzgeier-Industrie, und nach dem Motto allzeit schuldbereit fügen sie sich und blechen. Dass es völlig ungerecht und übertrieben zugeht, spielt keine Rolle. Bei wissenbloggt sollen ein paar Daten genannt werden, welche die Asymmetrie belegen.

Dieseltote: Phantasiezahlen

Hier soll nicht die reale Gefährdung heruntergespielt werden, die aus der Luftverschmutzung herrührt. Aber wenn irreale Zahlen ins Spiel gebracht werden, erfolgt der Übergang von Aufbauschen zu Desinformation und Fake News. Beispiele:

  • Neue Studie zu Stickoxiden 107.000 Tote durch Dieselabgase (MDR 15.5.): Über ein Drittel der Todesfälle durch Dieselabgase betrifft nicht eingehaltene Abgaswerte. Sie kosten jedes Jahr weltweit 38.000 Menschen das Leben – 11.400 davon in Europa.
  • Jährlich 7000 Tote durch Abgase – Gefährliche Stoffe kommen aus dem Auspuff  (Osnabrücker Zeitung 23.10.16): In Deutschland gibt es jährlich rund 7000 Todesfälle durch Abgase aus dem Straßenverkehr … Demnach sterben hierzulande daran etwa doppelt so viele Menschen wie an Verkehrsunfällen – beides bezieht sich auf die Studie Mehr Tote durch Luftverschmutzung (Max-Planck-Gesellschaft 16.5.15).

Man sieht, wie die Zahlen angereichert werden. 11.400 Dieselopfer in Europa, 7000 Auto-Abgasopfer in Deutschland. Aber wieviel davon sind Opfer der zusätzlichen Diesel-NOx durch die Manipulation? 100? 1000? Wo sind die Zahlen, und wie belastbar sind sie?

Realistische Todeszahlen

Es bestehen keine Meinungsverschiedenheiten darüber, dass häusliche Kleinfeuer die schlimmsten Luftverschmutzer sind. Schon das Grillen dürfte die Diesel-Abgase als Todesursache überflügeln, wenn man solche Zurechnungen machen mag.

man-1519667_1280Dem Alkohol werden in Deutschland jählich 80.000 Tote zugeschrieben, und dem Rauchen sogar 140.000. In 1 l Tabakrauch sind 10.000 Mal soviel Schadstoffe wie in 1 l Luft von einem Verkehrsknotenpunkt. Die 140.000 Raucher-Toten verursachen pro Jahr 80 Mrd. Kosten durch Arbeitsausfall, Frühverrentnerung und Operationen, und dabei ist das frühere Sterben der Raucher und damit der Renten-Spareffekt schon eingerechnet (Bild: intographics, pixabay).

Wo bleiben die anderen?

Das ist die Standardfrage bei der Wiedergutmachung. Wieso trifft es nur Deutschland, und die anderen üben keine Wiedergutmachung? Die USA nicht für Vietnam, Libyen …, die Russen nicht für Afghanistan, die Saudis nicht für den Jemen …

Im speziellen Fall des Dieselskandals ist die große Frage, wieso bleiben die anderen Hersteller ungeschoren? Obwohl sie doch die Grenzwerte oft noch mehr verletzen als VW? Diese Frage wird vor allem von der Zeit gestellt, eine Auswahl von Artikeln:

  • Diesel-Skandal – Renault, Fiat und Ford unter Schummelverdacht (Süddeutsche Zeitung 3.8.16): Eine französische Kommission hat 86 Dieselfahrzeuge auf ihre Abgaswerte untersucht. Die Ergebnisse sind teils verheerend. Die Experten stellten fast dass illegale Abschalteinrichtungen wohl gleichermaßen bei Marken aus Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Korea und den USA eingesetzt werden. Auch die Nachprüfung durch das Bundesverkehrsministerium hat gezeigt, dass die Hersteller illegale Abschalteinrichtungen verwenden. Stets geht es darum, dass die Abgastests unter Laborbedingungen besser ausfallen als auf der Straße.
  • Abgasskandal: Nicht allein VW gehört an den Pranger (ZEIT ONLINE 16.10.16): Beim Dieselskandal herrschen zwei Irrtümer: Nur VW-Fahrzeuge hätten das Abgasproblem und die Politik sei überrascht worden. Man hätte längst mehr kontrollieren müssen.
  • Abgas : Volkswagen ist nicht allein (ZEIT ONLINE 3.11.16): Merkwürdig, dass weiterhin nur VW in der Kritik steht. Tatsächlich überschreiten die Autos vieler Hersteller unter realen Bedingungen die Abgaslimits erheblich.
  • Abgaswerte: Auch Daimler und BMW sind auffällig (ZEIT ONLINE 16.12.16) Der VW-Abgasskandal lässt grüßen: Auch Wagen von BMW und Mercedes haben sich in Labortests anders als auf der Straße verhalten. Klimaschützer fordern Konsequenzen. Die ermittelten NOx-Werte waren erheblich höher als angegeben, beim BMW um das 2,8-fache, beim Mercedes um das 2,7-fache, beim VW Passat um das 3,7-fache.
  • VW-Skandal: Verdächtige Abgaswerte bei mehreren Autoherstellern (ZEIT ONLINE 15.4.) Fast alle Autokonzerne beeinflussen einer Untersuchung zufolge die Abgase ihrer Modelle. Der Stickoxid-Ausstoß ist bei niedrigen Temperaturen auffällig hoch.
  • Hurra, wir schlachten die deutsche Autoindustrie! (The European 4.8.) Fahrradpflicht für alle!

Der letzte Artikel geht sarkastisch an das Thema heran. Die Fakten sind danach: Die anderen sind nicht sauberer, andere Marken mogeln genauso, schmutzige Diesel sind demnach beileibe kein exklusives deutsches Problem: Ausländische Hersteller machen sich einen schlanken Fuß.

Normen und Realität

So kann man das auch nennen. Andere Stimmen sprechen von industriepolitischen Machenschaften, weil die Dinge grenzenlos aufgebauscht werden, um der eigenen Industrie Vorteile zu verschaffen. Die US-amerikanische Umweltgesetzgebung kann man demnach als Handelsprotektionismus verstehen. Die US-Standards für NOx können als Versuch gelten, die angeschlagene amerikanische Automobilindustrie gegen den Import energieeffizienter Dieselmotoren zu schützen. Diese US-Standards für Stickoxide wurden 2007 gesetzt, im Jahr der europäischen Dieseloffensive in den USA. Dafür gingen die US-Standards über die EU-Standards hinaus, sogar über die Euro-6 Standards – allerdings nur für die hauptsächlich importierten kleinen Motoren. Die großen Dieselmotoren der US-Straßenlokomotiven blieben durch laxere Standards unbehelligt. Ob das der Grund für den VW-Betrug war?

Wo die Standards liegen, und wie sie überschritten werden, zeigt der Artikel Stickoxid-Belastung durch Diesel-Pkw noch höher als gedacht Auch Euro-6-Diesel stoßen sechs Mal mehr Stickstoffoxide aus als erlaubt (Umweltbundesamt 25.4., Bild: Umweltbundesamt).
diagramm_pkw-diesel_neuMan sieht, die Euro-6-Diesel erfüllen tatsächlich nicht mal die Euro-3-Norm. Aus dem Bild lässt sich keine Rechtfertigung ableiten, alle Dieselfahrzeige außer Euro 6 zu sanktionieren. Der Artikel Abgas-Anarchie (NachDenkSeiten 3.8.) betont dazu ebenfalls, dass die ausländischen Hersteller fatalerweise aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit geraten. Der Text liefert Details zur Skandal-Lage, Fazit: Das Ergebnis des Diesel-Gipfels ist also eine staatlich tolerierte Anarchie. Gesetze, Verordnungen, Normen und Grenzwerte existieren zwar auf dem Papier, haben aber keine Bedeutung, wenn sie von industriell übergeordnetem Interesse sind.

Das hört sich wieder nach Verschwörung an: Was nicht sein darf, kann nicht sein – Es werden nur ausgesuchte Hersteller belangt – Die Sache wird unsachlich aufgebauscht – Die realen Verhältnisse geraten außer Sicht.

Würdigung der Argumente

Was hier zusammengetragen ist, soll keine Entschuldigung sein für Täuschung statt Forschung. Sowas muss genauso als Betrug gelten wie Doping statt Training beim Sport. Aber aus den verschleierten Werten eine Weltuntergangsstimmung zu konstruieren, oder wenigstens ein Diesel-Armageddon, ist fehl am Platz.

Was allerdings angebracht wäre, ist eine Haftbarmachung derjenigen, die für all den Unverstand verantwortlich sind. Das fordert z.B. der Artikel Managergehälter – Auch VW-Vorstände sollen Boni zurückzahlen (Der Tagesspiegel 21.11.16): Millionengehalt trotz Abgasskandal: Aktionärsschützer fordern bei Volkswagen eine mögliche Rückforderung von Managerboni.

Wie groß muss die Unfähigkeit vom VW-Management sein, wenn es lieber Milliarden abdrückt statt mit Testreihen von Konkurrenzfahrzeugen zu belegen, dass VW nicht schlimmer ist? Und warum laviert man immer noch um die ordnungsgemäße Bereinigung der Schmutzaffäre herum, wo es doch die SCR-Technik gibt, die 90% der NOx rausfiltert?

Das kostet 1500 Euros pro Fahrzeug. Zum Vergleich: Der Ex-VW-Boss Winterkorn kassiert eine Betriebsrente von 3100 Euros pro Tag.

 

Links von NDS, SZ und wb dazu:

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2 Antworten auf Die Diesel-Verschwörung

  1. Wilfried Müller sagt:

    Nun ist auch der ADAC aufgewacht, siehe EcoTest: Importeure mit massivem Stickoxid-Problem (ADAC 20.8.): Wir haben Euro-6-Diesel nach Konzernen ausgewertet. Der Renault-Konzern, Fiat-Chrysler, Ford und die Hyundai-Gruppe haben die höchsten Schadstoffwerte. Wir fordern verbindliche Hardware-Nachrüstungen.

    Die Zahlen sprechen für VW, nur die getesteten BMW/Mini waren besser. Ein Auszug aus der Tabelle:

    Fabrikat NOx g/km getestete Fz
    Renault / Dacia 0,684 14
    Fiat / Alfa / Jeep 0,561 4
    Ford 0,488 10
    Peugeot / Citroen 0,263 12
    Mazda 0,250 10
    Opel 0,236 11
    Mercedes 0,149 21
    VW 0,146 44
    BMW / Mini 0,141 36
    erlaubt nach Euro 5 0,180 ab 2009
    erlaubt nach Euro 6 0,080 ab 2014

     

  2. Wilfried Müller sagt:

    Der ADAC bekommt Unterstützung – wenn man die Zahlen anschaut, sind sie aber voneinander abhängig und trotzdem unerklärlich anders. Dazu der Artikel Abgasskandal – Import-Fahrzeuge viel dreckiger als deutsche Autos (SZ 4.9., im Druck ist der Titel das schöne Wortspiel Sauber, Volkswagen – auf bayerisch bedeutet sauber "gut gemacht"): Das CAR-Institut der Universität Duisburg-Essen hat die Abgaswerte von 138 Autos aktuellen Euro- 6-Dieselautos verglichen. …  Die Modelle deutscher Hersteller schneiden sehr gut ab. Die Fahrzeuge von VW waren in der Untersuchung die saubersten.

    Die (gekürzte) Tabelle zeigt, um welchen Faktor die Abgaswerte beim Fahren auf der Straße über dem in Europa erlaubten Grenzwert von 80 Milligramm Stickoxid pro Kilometer liegen, im Schnitt Faktor 5,3. Man sieht, die Tabelle hängt mit der ADAC-Tabelle oben zusammen. Die Zahl der getesteten Fahrzeige weicht aber ab (in Klammern die Zahlen vom ADAC), und erstaunlicherweise weichen auch die Faktoren ab (berechnet aus den ADAC-Werten). Die Abweichungen der Faktoren sind nicht mit den Abweichungen der getesteten Fahrzeuge erklärbar; bei Renault ist die Abweichung Fz=0, bei Mercedes sinds 6 Fz, die Faktor -4,0 haben müssten, damit es aufgeht. Die Autos saugen aber kein NOx ab, da stimmt also was nicht. Mit * ist markiert, wo die Unterschiede einen anderen Rang ergeben.

    Fabrikat Faktor getestete Fz
    Renault / Dacia 11,1 (8,6) 14
    Fiat / Chrysler / Jeep 8,6 (7,0) 5 (4)
    Ford 6,1 9 (10)
    Peugeot / Citroen 4,6 (3,3) 7 (12)
    Mazda 4,4 (3,1) 5 (10)
    Opel* 6,2 (3,0) 7 (11)
    Mercedes 4,2 (1,9) 15 (21)
    VW 2,0 (1,8) 12 (44)
    BMW / Mini* 2,4 (1,8) 20 (36)

     

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