Schreiben eines enttäuschten Religions-kritischen Genossen an den Bundesvorstand der LINKEN

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tangle-774853_1280Der religionspolitische Kurs der LINKEN gleicht dem Knäuel im Bild von geralt, pixabay. Hier wird das Schreiben von Wolf-Jürgen Aßmus wiedergegeben, der den Bundesvorstand für den unnötigen Abfall der LINKEN vom Säkularismus kritisiert (beim Parteitag im Juni). Mit dem Religions-Schmusekurs hat die LINKE vor einiger Zeit begonnen, siehe Links unten.

"Schreiben eines enttäuschten Religions-kritischen Genossen an den Bundesvorstand der LINKEN"

Werte Genossinnen und Genossen,

ich trat am 1.10.2014 aus innerer Überzeugung der Partei der LINKEN bei, weil ich alle (!) meine politischen Vorstellungen im Programm trefflich vertreten sah und ich mich nach wie vor angenommen fühle, sowohl in meiner Eigenschaft als verpartnerter Homosexueller als auch als überzeugter Humanist.
 
Bei aller großen Bedeutung sozialer Gerechtigkeit (jenseits von Martin Schulz‘ leeren Worthülsen!), fairer Arbeitsbedingungen und lebenswürdiger Bezahlung auch der Rentner, der Abrüstung mit dem Ziel der Friedenssicherung in der Welt erkannte ich die besondere Glaubwürdigkeit der LINKEN – damals – auch und gerade in der für mich ganz wesentlichen Rolle als einziger säkular orientierter Organisation innerhalb des bundesdeutschen Parteienspektrums.
 
Leider hat die LINKE in jüngster Zeit – spätestens mit dem äußerst zweifelhaften, weil von der Parteiführung undemokratisch aufoktroyierten „Rückholungsantrag“ über Nacht zum bereits getroffenen Beschluss der Auflösung aller Staats-Kirchen-Verträge – beim letzten Parteitag im Juni vollkommen ohne Not dem Säkularismus abgeschworen und damit sicher einige überzeugte Genossen vor den Kopf gestoßen wenn nicht gar deren Austritt aus der Partei provoziert oder zumindest billigend in Kauf genommen. Ralf Michalowsky, einer der Sprecher der BAG Laizismus in der LINKEN, brachte das kürzlich in einem Kommentar auf den Punkt:
https://hpd.de/artikel/linke-verbiegt-sich-gerade-14514
 
Die Parteiführung widerspricht mit diesem Kniefall – nicht etwa vor den Gläubigen, sondern vor deren organisierten Anführern – u.a. der humanistischen „Amsterdam-Deklaration“ vom IHEU-Kongress 2002, insbesondere nachstehenden wesentlichen Zielen:

  • „Humanisten glauben, dass die Lösungen zu den Problemen der Welt im menschlichen Denken und Handeln liegen statt in göttlicher Intervention.“ (Artikel 2)
  • „Humanismus ist undogmatisch und erlegt seinen Anhängern kein Glaubensbekenntnis auf. Er ist daher der Bildung und Erziehung frei von Indoktrination verpflichtet.“ (Artikel 4)
  • „Die großen Weltreligionen behaupten, sie basierten auf Offenbarungen, die für die Ewigkeit feststünden, und viele trachten danach, der gesamten Menschheit ihre Weltsicht aufzuerlegen.“ (Artikel 5)

Womit wir bei der unsäglichen „Ewigkeitszusage“ des Genossen Bodo Ramelow angelangt sind, die dieser wider besseren Wissens um den wahren (nämlich auf die verbleibende Lebenszeit damaliger natürlicher Personen beschränkten!) Inhalt des „Reichsdeputationshauptschlusses“ qua seines Amtes postulierte und damit m.E. den Anstoß zur zunehmenden Hinwendung zahlreicher Parteigrößen zu „Übersinnlichem“ gab – wie zuletzt auch zu meinem großen Entsetzen seitens der von mir wegen ihrer stets rationalen Gedankenführung hoch geschätzten Sahra Wagenknecht im domradio-Interview vom 7.7.2017, anlässlich dessen sie die von den Kirchen übernommenen „traditionell wichtigen sozialen Aufgaben“ lobend erwähnte, ohne jedoch die nahezu 100%ige öffentliche Finanzierung dieser „Tendenzbetriebe“ zu erwähnen oder das von diesen dennoch durchgesetzte haarsträubende kirchliche Arbeitsrecht zu kritisieren oder auch nur in Frage zu stellen. Und ausgerechnet die Kirchen, die sie bei ihrer Kritik an einer „Gesellschaft, in der Wenige immer größeren Reichtum anhäufen“ als „Gewinnler“ offenbar vollkommen aus den Augen verloren hatte, „könnten noch viel stärker eine kritische Stimme, ein kritisches soziales Gewissen der Gesellschaft sein.“ Kein Sterbenswörtchen (!) über deren Intoleranz in vielen gesellschaftlichen Fragen – von deren kategorischem Nein zur „Ehe für alle“ (die sie angesichts eines rein säkularen Rechtsaktes sowieso nichts angeht!) über die Verweigerung der „Pille danach“ (egal für wen, aber in einem besonders krassen Fall sogar für ein Vergewaltigungsopfer durch zwei selbstherrlich konfessionell geführte Krankenhäuser in Köln!) bis zu deren lobbyistisch-aggressiver Einmischung beim Thema „Selbstbestimmten Sterben“, um nur wenige Beispiele zu nennen! Den Rückfall in ein solches „soziales Gewissen“ (?!) – bestimmt von einer Kritik-resistenten, da seit Jahrhunderten bequem „gebetteten“ Organisation, die sich stets mit jeglichen Machthabern „einzurichten“ wusste – als „moralischer Instanz“, in dem ich keinerlei Forderung nach Entgegenkommen entdecken kann, verbitte ich mir als „Selbstdenker“.
Sollten wir's nicht besser erst mal aus eigener Überzeugung versuchen als in blinder Abhängigkeit von klerikalen Tendenzbetrieben? Um es mit Christopher Hitchens‘ Worten zu sagen: „Der menschliche Anstand (bzw. Ethik) ist nicht von der Religion (bzw. Moral) abgeleitet. Er geht ihr voran.“
 
Während sich dem offensichtlichen Beschluss der Parteiführung (zur Wiederholung der Abstimmung auf „Biegen und Brechen“ solange, bis das Ergebnis passt!) führende Köpfe wie Dietmar Bartsch, Gregor Gysi, Petra Pau und Oskar Lafontaine (wie im Beitrag „Die Linke versagt im Kampf um ein aufgeklärtes Europa“ in der MIZ 2/16 geschildert) kritiklos, wenn nicht sogar überschwänglich lobend beugen wie – nicht völlig überraschend! – auch die religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion Christine Buchholz, schwindet – trotz aller übrigen großartigen Diskussionsbeiträge und politischen Entwürfe! – mein Vertrauen in die gesellschaftlich offene, unverklärte und Vernunft-gesteuerte Zukunft (m)einer Partei leider umgekehrt proportional.
 
Mit nachdenklich-solidarischen Grüßen

Wolf-Jürgen Aßmus
 
P.S.: Dieser Text darf/soll gerne an die vorstehend genannten Personen weitergeleitet werden.
 

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Eine Antwort auf Schreiben eines enttäuschten Religions-kritischen Genossen an den Bundesvorstand der LINKEN

  1. Wilfried Müller sagt:

    Dieses Schreiben wurde auch bei atheisten-info.at gebracht: Zum religiösen Kniefall der LINKEN (12.8.). Der Macher Erwin Peterseil hat dazu eine Vor- und eine Nachbemerkung verfasst:

    In der BRD gibt's die LINKE, nach dem Ende der DDR startete der Neubeginn aus den Trümmern der SED zuerst bis 2007 mit der "Partei des Demokratischen Sozialismus" (PDS), dann folgte die Fortsetzung als "DIE LINKE". 2009 hatte man das beste Wahlergebnis mit 11,7%, 2013 waren es 8,6 %, bei den aktuellen Umfragen zur heurigen Bundestagswahl liegt die LINKE zwischen acht und zehn Prozent. Die Partei hatte wohl in Überresten marxistischer Traditionen bisher deutlich säkulare Positionen eingenommen. Im Mai 2016 hat man jedoch damit begonnen, diese Ausrichtung zu liquidieren. Besonders hat sich dazu Bodo Ramelow, seit Dezember 2014 Ministerpräsident in Thüringen, hervorgetan, er hoffte u.a. auf eine Audienz beim Papst, im Juni 2017 wurde die Auflösung der Kirchenstaatsverträge aus den 19. Jahrhundert nicht ins Wahlprogramm aufgenommen, der Fraktionschef Dietmar Bartsch vertrat im Juli 2017 die Ansicht, die Politik der SED gegen die Kirchen wäre falsch gewesen. Das Gebiet der Ex-DDR ist heute eine der religionsfreiesten Bereiche der Welt, die LINKE sieht das als Fehler. So deppert muss man einmal werden können!

    Nachbemerkung atheisten-info: Es ist ja bekannt, dass Politiker sehr häufig eine gänzlich falsche Vorstellung von der Bedeutung der Religion in der Gesellschaft haben, sie glauben meistens, dass die Zahl der Mitglieder in den Kirchen ein Ausdruck der Bedeutung der Religion in der Gesellschaft sei. Näher beschäftigen sie sich damit nicht, dass wenn in der BRD von den knapp 83 Millionen Einwohnern 55 Millionen den beiden christlichen Großkirchen angehören, es deswegen nicht 55 Millionen praktizierende und religiös geformte Menschen gibt. Die Religion wird von etwas mehr als drei von den 55 Millionen tatsächlich regelmäßig ausgeübt, die große Mehrheit ist aus Tradition, aus sozialen Bezügen, aus Konformismus noch Kirchenmitglied, ohne dass die religiösen Lehren für sie noch eine wahrnehmbare Bedeutung hätten. Ebenso ist es atemberaubend, dass Politiker in großer Anzahl immer noch keine Ahnung davon haben, dass kirchliche Sozialdienstleistungsanbieter mit öffentlichen Geldern und nicht aus Kirchenmitteln finanziert werden.
    Aber die LINKE – deren Vorvorgängerpartei "SED – Sozialistische Einheitspartei Deutschlands" dem Säkularismus in der DDR enormen Auftrieb gegeben hatte, der sich auch nach dem Konkurs der DDR und der SED nicht nur hielt, sondern sogar noch deutlich erweiterte – meint nun mit einem Schwenk zurück, aktive Gläubige in ihre Wählerschaft holen zu können. Nu, vielleicht gelingt es, drei Dutzend von den drei Millionen praktizierenden Christen dazu zu bewegen, aber die möglichen Wähler, die durch solche antisäkulare Dummheiten und Kriechereien in Kirchenärsche verloren gehen werden, auf die verschwendet man keine Gedanken, ja man ignoriert damit die Millionenschaften der Säkularisten vorsätzlich, Entschuldigung, nicht vorsätzlich, sondern aus atemberaubender Dummheit!

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