Gedankenexperiment zur Erklärung der Niedriglöhne

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Dr. Steven Englander, vormals Citygroup-Strategiechef, ist der Forschungschef von Rafiki Capital Management. Von ihm stammt ein bemerkenswertes Gedankenexperiment, das klar macht, warum viele Löhne immer niedriger werden (Bild: stevepb, pixabay).

Beschrieben ist das Gedankenexperiment in dem Artikel A Thought Experiment On Why Wages Are So Weak (Zero Hedge 12.8.). Man kann sich der Logik schwer entziehen, die da vorgelegt wird. Aber nun Schritt für Schritt in freier Nacherzählung:

  1. Man stelle sich eine Ökonomie vor, die aus einer Busfahrerin, einem Taxifahrer, einer Köchin, einem Übersetzer, einer Babysitterin, einer Doktorin und einem Finanzexperten besteht. Gegeben sei die Qualifikation der Leute, die Busfahrerin beherrscht das sichere Lenken, der Taxifahrer kennt das Straßennetz, die Köchin versteht sich auf gute Rezepte, der Übersetzer ist in seinen Sprachen firm, die Babysitterin hat ihre Verlässlichkeit bewiesen, die Doktorin hat das medizinische Wissen intus, der Finanzexperte weiß, wie man ‘current account’ sagt.
  2. In der Ökonomie A würde es erhebliche Probleme geben, wenn die Leute zufallsmäßig ausgetauscht werden. Zum Beispiel wenn der Finanzexperte kochen soll, wenn die Köchin den Arztjob übernehmen soll, wenn die Doktorin Taxi fährt usw. Für jeden Job braucht es in Ökonomie A spezielles Wissen, Können und Charaktereigenschaften. Der Austausch bringt Chaos und Produktionsausfall, weil die ausgetauschten Leute nicht mehr die passenden Qualifikationen haben.
  3. In Ökonomie A kriegen die Leute deshalb angemessenen Lohn, der Prämisse folgend, dass der Lohn sich an der Angst der Bosse orientiert, ihre Beschäftigten zu verlieren. Sie müssen ja dann ausgebildete Nachfolger suchen, sie schulen und einarbeiten und warten, bis sie die Nützlichkeitsschwelle erreichen. Das ist teuer, deshalb zahlen sie lieber mehr – außer für Leute im Hamsterrad; um die Unqualifizierten scheren sie sich nicht.

Wie sieht es aber in einer Ökonomie B aus, wo die moderne Technik ihre Möglichkeiten entfaltet? Dann ist die Logik ganz anders.

  1. Es sind wieder dieselben Leute da, und sie werden zufallsmäßig ausgetauscht.
  2. In der Ökonomie B gibt es dann weniger Probleme, denn der Bus ist jetzt programmgesteuert und vermeidet von sich aus Konfliktsituationen, die Taxis haben alle ein Navi (außer anscheinend in New York, wie der Autor mokant anmerkt), zum Kochen gibt's intelligente Herde und fertig gemixte Zutaten, das Übersetzen geht automatisch am Computer, die Babysitter wissen, dass Haus und Barschrank videoüberwacht sind, für die Doktoren gibt's allwissende Diagnoseprogramme, und die Finanzexperten haben virtuelle Assistenten, die ‘current account’ sagen können. Der zufällige Austausch macht nicht mehr viele Probleme.
  3. In Ökonomie B kriegen die Leute deshalb weniger Lohn, so die Folgerung. Es ist ja nicht mehr so wichtig, sie an ihrem Arbeitsplatz zu halten, wo sie doch leicht ersetzbar sind, ohne große Einbußen an Produktivität.

Daraus leitet der Autor Englander ab, dass das Vordringen der Billiglöhne eine Folge vom Übergang der Ökonomie A in Ökonomie B ist – die Prämie, die man für spezielles Wissen und Können erhält, fällt bald flach. Zusammen mit der sharing economy und den economies of scale bedeitet das für viele gut und halbwegs gut ausgebildete Mitglieder der Arbeiterklasse einen finanziellen Abstieg.

Englander macht sich daran, Beweise zu sammeln, um seine These zu stützen. Dazu legt er Kurven vor, die das Geschehen für die Automobilindustrie belegen. Wo die Roboter zuerst massiv eingesetzt wurden, stagniert der einst hohe Lohnfortschritt besonders deutlich. Wo viel gezahlt wurde, wachsen die Löhne kaum noch, wo wenig gezahlt wurde, ist das Wachstum derzeit noch besser (jedenfalls nach Englanders Kurven).

Im Weiteren wird über die Einflüsse von Zentralbankpolitik und Inflation raisoniert. Am liebsten hat die Ökonomie einen Boom, aber die flächendeckende Ersetzung der gutausgebildeten Arbeitskräfte durch weniger gute ist auch ein schönes Geschäft. Der Autor postuliert zusätzlichen Bedarf und Lohnanstieg für niedrigqualifizierte Arbeitskräfte, was angesichts der prekären Entwicklung zweifelhaft erscheint. Realistischer ist seine Vermutung, ein Anstieg des Lebensstandards sei eher über niedrigere Verbraucherpreise als über höhere Löhne zu erwarten – das sei nicht gerade der American dream. Er hält es für möglich, dass es zwar weniger Jobs für Ärzte und Anwälte gibt, aber mehr für andere Hochqualifizierte wie etwa dancers with the stars.

Kommentar wb

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Tanzchoreographien werden bald im Computer produziert, und die Zeit ist auch nicht mehr fern, wo Schauspieler computermäßig animiert werden. Die virtuelle Welt entledigt sich der Menschen immer mehr. Das Argument ist aber nicht totzukriegen, nach dem der Technikfortschritt zwar viele Entlassungen mit sich bringt, aber auf anderen Gebieten viele neue Jobs schaffe.

Nur heißt die Realität hohe Arbeitslosigkeit in der ganzen Welt, ausgenommen ein paar privilegierte Staaten. Selbst in Deutschland sind 3* so viele Menschen arbeitslos, wie die Statstik behauptet (siehe Arbeitslosenzahlen gefaked). Die Wanderbewegung der Jobs kehrt sich allmählich um: Erst in Billiglohnländer, dann in Super-Billiglohnländer und nun zurück in die entwickelten Länder. Bloß sind die Jobs dabei futschgegangen, denn jetzt können ganz wenig Leute mit Roboterhilfe alles Benötigte produzieren. Das Billigmachen, das Steven Englander beschreibt, ist nur ein Schritt in der Abfolge. Der nächste Schritt ist dann die Vollautomatisierung:

Bus und Taxis fahren fahrerlos, das Kochen besorgen Automaten, das Übersetzen besorgt der Computer allein. Fürs Babysitten gibt's Roboter, für die Medizin Analyseautomaten, und die Finanzexperten sind durch virtuelle Assistenten ersetzt. Die Software, die ‘current account’ sagen kann, wird nur einmal geschrieben und auf Millionen Assistenten, Roboter und Rechner gespielt. Die Hardware wird in Großserien automatisch hergestellt.

Das heißt, keine neuartigen Arbeitsplätze mehr, denn die Roboter bauen und programmieren sich dann selber. Der Zeitpunkt, wo das eintritt, hat schon einen Namen: Singularität. Man streitet noch darum, ob und wann es soweit ist, aber angesichts der Entwicklung wird es immer schwerer, nicht daran zu glauben.

 

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