Ich bin der Ich-bin - Die Suche nach "Gott"


JahweDurch das Wort «Ich bin der Ich-Bin» (hebr. אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה eh'jeh asher eh'jeh) gab sich JahveElohim auf dem Berg Horeb im brennenden Dornbusch dem Moses kund als der Ich-Bin (griech. ἐγώ εἰμί ego eimi), der Ich-Seiende, der Bringer des Ichs, der in seinem wahren Wesen der Christus ist, das Welten-Ich, der aus der Sonnensphäre auf die Erde herabsteigt.

Zeuge: Moses, Aufschreibender: wer auch immer. Hat es jemand verstanden? Wir kommen darauf zurück.

Eine der ältesten Karten der Welt zeigt einen Erdenkreis mit einem himmelan strebenden Babylon in der Mitte, und je näher man sich der Peripherie nähert um so „unordentlicher“, chaotischer, ja anarchischer wird diese Welt. Dass man die Kapitale ins Zentrum setzt, ist dabei eher gewöhnlich in dieser Zeit. Ungewöhnlich, aber vielsagend, ist hierbei die indirekte Aussage: Nur in der Mitte akkumuliert sich alles Wissen dieser Welt, ein Wissen, das identisch ist mit dem Glauben an einen „Gott“, der irgendwo darüber thront. Jede Entfernung von dieser Zentralerkenntnis ist damit gleichsam gegen Wissen und Glauben gerichtet.

Dies war nicht immer so. Zu den Blütezeiten der Naturreligionen lebten die Dämonen, Geister und Götter im unmittelbaren Umfeld. Sie waren direkt verantwortlich für das konkrete Wohlergehen oder alle nur erdenklichen Schicksalsschläge, die die Menschen trafen. Also versuchte man, sie mit Opfergaben (meist Tiere) versöhnlich zu stimmen. Als man nun daranging, das nähere Umfeld abzusuchen, fand man die Geister nicht, allenfalls wilde Tiere, deren Gefährlichkeit aber nicht mit irgendwelchem „göttlichen“ Einfluss in Verbindung gebracht wurde. Also wurden die Götter auf Berge versetzt – der berühmteste wohl der Olymp. Als auch diese erforscht waren, mussten halt die inzwischen entdeckten Planeten („Wandelsterne“) als Sitz der Götter dienen – Venus, Mars und Jupiter zeugen noch heute davon. Schließlich kam man – übrigens an verschiedenen Orten unabhängig voneinander – auf die Idee, alle vorher sauber getrennten Eigenschaften einem einzigen „Gott“ zuzuschreiben, der damit zu einem Monsterwesen aufgebläht wurde mit den bekannten Zuschreibungen wie All-Macht, All-Wissen und anderen All-Bernheiten. Wir bewegen uns nunmehr im Bereich der Monotheismen, die derzeit weltweit dominant sind (Hinduismus und Buddhismus spielen dagegen eine nur untergeordnete Rolle).

Halt! werden nun Juden, Christen und Muslime gemeinsam rufen. Sooo einfach ist es ja nun nicht, schließlich handelt es sich bei der Basis unserer Religionen um Offenbarungen, also gleichsam von „Gott“ selbst vorgegebenen Fakten.

Doch kann nichts über die Tatsache hinwegtäuschen, dass alles, was man über „Gott“ zu wissen glaubt, Niederschriften vom Hörensagen sind. An keiner einzigen Stelle „spricht“ ein „Gott“ selbst zu seinen Fans. Alles über diesen „Gott“ Gesagte kann daher ebenso gut falsch wie richtig sein. Zu dieser Erkenntnis gelangten bereits die Kirchenväter, angefangen bei Augustinus (Si comprehendis non est deus = wenn du es verstehst, ist es nicht Gott) bis hin zu Thomas Cusanus – mithin den Begründern der klassischen negativen Theologie. Wenn also Papst Ratzinger sine erste Enzyklika “Gott ist Barmherzigkeit“ nennt, hätte er mit derselben Berechtigung behaupten können, dass „Gott“ unbarmherzig ist. Die moderne negative Theologie hätte ihm zugestimmt. Also wäre es wohl besser gewesen, sich jeder qualitativen Aussage zu enthalten. Er wäre es den Kirchenvätern schuldig gewesen. Dasselbe, was hier über das Christentum gesagt wird, trifft natürlich auf den Islam ebenso zu. Islamische Theologen wissen das und monieren es auch angesichts des optimistischen Werks von Mouhanad Khorchide „Islam ist Barmherzigkeit“. Bei beiden ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens als präzise theologische Überlegung. Ergänzend sei noch angemerkt, wie der große Philosoph der arabischen Hochzeit, Ibn Rushd, die Dinge sah. Er ging wohl im Gefolge von Aristoteles von einer „duplex veritas“ aus, also einem möglichen Auseinanderklaffen von Glaubenssatz und tatsächlichen weltbezogenen Anwendungen. Leider sind genau diese Werke nach Wiedererstarken des Islam, der Hochzeit ein abruptes Ende setzend, in einem frühen Autodafé verbrannt worden. Es lässt sich nur noch aus dem verbliebenen Rest erschließen.

Genau an dieser Stelle scheiden sich nun die Geister. Eine große Mehrheit der Religiösen ist eher geneigt, den orthodoxen Exegesen (im Arabischen entsprechend „tafsîr“) Folge zu leisten und keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen. Man glaubt weitgehend kritiklos, was – im Laufe der Zeit angereichert um zahllose Dogmen oder fatwat – vorgesetzt wird. Durch die allen Religionen eigene frühkindliche Indoktrination wird der klare Blick auf Tatsachen empfindlich gestört. Ein solcher Glaube, da schwer von außen beeinflussbar – sollte deshalb auch nicht angefeindet werden. Man hat ihn als Tatsache hinzunehmen. Nur wenigen gelingt es, über Zweifel allmählich zu anderen Erkenntnissen zu gelangen, die wegen der relativen Starrheit der Religionen dann natürlich schnell im Atheismus landen. Man hat eben keine wirkliche Wahl zwischen orthodoxen und liberal-säkularen Näherungen an die Religion.

Der „gesunde“ Menschenverstand spielt hier eine entscheidende und gleichzeitig tragische Rolle. Abgesehen einmal davon, dass bereits die Etikettierung eine schlichte Unverschämtheit ist (was ist bitteschön ein „ungesunder“ Menschenverstand?), liegt hier im Grunde nichts anderes vor als eine Ansammlung von Vorurteilen, die sich bis zum 18. Lebensjahr verfestigen (das geht meines Wissens auf Dirac zurück, aber ich kann als „Nicht-Gott“ irren).

Wir sehen also, dass für manche ein „Gott“, extrahiert als alten Büchern, existiert, für andere wiederum nicht. Bei dieser Erkenntnis könnte man es belassen, aber ich möchte es noch einmal auf eine andere Art der Erklärung versuchen.

Das mit der damaligen Wissenschaft weitgehend kongruente Ideengebäude des Katholizismus wurde im 16. Jahrhundert gleich von zwei Seiten attackiert. Neben der Reformation Luthers war es die aufstrebende Wissenschaft, die alte Gedankengebäude zum Einsturz brachte. Das heliozentrische Weltbild mit auf Ellipsen (nicht einmal „göttlichen“ Zirkeln) um das Zentralgestirn kreisenden Planeten, die dazu auch noch rotierten, brachte die mittelalterliche christliche Vorstellung von „Oben“ und „Unten“ – mithin Himmel und Hölle – in ärgste Bedrängnis. Wir können uns das heute nur noch sehr schwer vorstellen, was damals an Umwälzungen tatsächlich passierte. Luther war gemessen daran sicher noch das kleinere Übel.

Seitdem haben sich die Wissenschaften mit zunehmender Geschwindigkeit von dem entfernt, was einmal fest begründeter Glaubenssatz war (siehe oben: Babylon). Die Diskrepanz wurde immer größer und bald schien es keinerlei Übereinstimmungen zwischen wissenschaftlichem und religiösem Weltbild mehr zu geben. „Gott“ trat nur noch als Lückenbüßer auf mit immer kleiner werdendem Einflussbereich. Doch stimmt das wirklich?

Betrachten wir einmal kurz die beiden „Außenbereiche“ heutiger Naturwissenschaft: Die Kosmologie einerseits und im Mikrokosmos die Quantenmechanik. Dem Laien sind beide Bereiche gleichermaßen verstandesmäßig unzugänglich. Sie enden in Formelwelten, die nur noch der Mathematik zugänglich sind. Und nicht einmal alle Mathematiker sind noch in der Lage, jeder Wendung in der Quantenmechanik zu folgen. Doch was passiert, wenn Physiker uns diese Welt zugänglich machen wollen?

Gleichungen werden zu Gleichnissen: es wird uns eine untote Katze präsentiert (Schrödinger), die man nur versteht, wenn man zumindest eine kleine Ahnung von der zugrunde liegenden Mechanik des Unbestimmten hat. Kleinstteilchen werden mit Farben versehen, so als ob sie dadurch erklärbarer würden. Und dabei ist man immer auf der Suche nach der „Urkraft“ (GUT, Konsolidierung der Gravitation mit den anderen bekannten Kräften), die man vielleicht niemals finden wird, auch wenn Hawkings felsenfest davon überzeugt ist. Und im Großen? Auch da ist der Erfindungsreichtum der Physiker erstaunlich groß. Ein „Urknall“, den es vielleicht niemals gegeben hat (obwohl Johannes-Paul II enthusiastisch darauf einging) hatte sicherlich keine Klangkomponente und die „Schwarzen Löcher“ rufen im französischen Sprachbereich (trou noir) eher sexuelle Konnotationen hervor, als dass sie etwas zur Sacherklärung beitrügen. Man hätte ein schwarzes Loch auch durchaus als „Kollapsator“ oder ähnlich bezeichnen können.

Der Islam ist übrigens noch weit davon entfernt, ähnliche Aussagen wie die von Johannes Paul II zu akzeptieren. Man behauptet immer, der Islam habe die Aufklärung versäumt und komme deshalb nicht voran. Es ist viel simpler: der Islam ist weitestgehend wissenschaftsfeindlich eingestellt, befindet sich also noch auf der Stufe der mittelalterlichen Catholica.

Warum all dies?

Heute äußern sich zumeist Naturwissenschaftler zu philosophischen Fragen. Die klassische Philosophie stirbt aus. Sie gibt uns nichts mehr, wandert allenfalls ab in soziologische Überlegungen, manche sagen: Spielereien. Und Naturwissenschaftler sind immer nah bei „Gott“, wie immer fern er auch sein mag. Sie können ihn nicht erklären und sie wollen das auch gar nicht. Aber ihrer Materie liegt es eben nahe, bisher Unerklärtes in eine Ecke zu schieben, die irgendwo und irgendwie „Gott“ ist.

Es macht fast den Eindruck, als ob auch Naturwissenschaftler sich nicht vollständig vom Transzendenten lösen könnten. Das klassische – und später bereute – Beispiel ist die Einsteinsche Konstante, mit der er sich ein gravitätisches, also quasi göttliches statisches Universum erhalten wollte, obwohl alle seine Formeln dagegen sprachen.

Reste von Religiosität oder das krampfhafte Bemühen, Dinge erklärbar zu halten? Ich weiß es nicht. Doch genau an dieser Stelle endet Wissenschaft, wenn sie sich nicht mit den psychologischen Grundproblemen der Menschen befasst.

Betrachten wir Religion doch einmal wissenschaftlich. Da die Theologie keine Wissenschaft ist, können wir das natürlich nur von außen betrachten. Dazu sollten wir uns mit dem Phänomen der Meme vertraut machen. Jeder Mensch unterliegt der genetischen Evolution – das darf als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden. Dies ist ein höchst langwieriger Prozess, der sich in den überschaubaren Generationen so gut wie nicht bemerkbar macht und daher auch von überzeugten Kreationisten, die in kürzeren Zeiträumen denken, nicht wahrgenommen werden will.

Anders sieht es mit den Memen aus, die man auch als kulturelle Imitationen bezeichnen kann. Sie evolutionieren in aller Regel schnell, sind nachvollziehbar und greifbar. Ein solches Mem kann zum Beispiel ein Musikstück sein, das sich als Ohrwurm für eine Weile festsetzt, bis es irgendwann durch anderes ersetzt wird und verschwindet. Es kann sich aber auch als ein begleitendes Mem in einem größeren Mem-Komplex dokumentieren, wie beispielsweise die ehrfurchtgebietenden Sakralbauten der Religionen, oder die Riten, die mit Religion verbunden sind wie Eucharistie oder dem Zwang zu fünf Gebeten pro Tag. Das hat zwar alles nicht direkt mit dem jeweiligen Mem-Komplex Religion zu tun, unterstützt es aber nach Kräften. Dieser Zusammenhang ist den meisten Religiösen völlig unbekannt.

Unabhängig von den Kern-Memen folgen sie allem, was sich sonst noch so darum im Laufe der Zeit geschart hat – weil sie es nie gelernt haben zwischen primär und sekundär zu unterscheiden. Es ist ja auch für die Protagonisten der Religionen, die schließlich ihr Geld damit verdienen, viel leichter und vorteilhafter, sie in diesem Unglauben zu belassen.

Ich bin der Ich-Bin, obwohl nie von einem der Götter geäußert, erhält damit eine neue Dimension, wenn man es genau betrachtet. Es ist letztlich die Aussage, dass sich ein „Gott“ wie auch immer er beschaffen sein mag, jeder Erkenntnis entziehen wird, so sehr auch seine jeweiligen Fans sich bemühen werden, das Gegenteil zu behaupten. Weder die Physik und schon gar nicht die Religion werden jemals in der Lage sein, begründete Anlässe für seine Existenz zu geben.

So sagt denn auch ein jüdisches Sprichwort so treffend: „Der Mensch denkt und G‘tt lacht.“