Der Bankenkrise zum 10-jährigen Jubiläum – die zweite erschütternde Analyse

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drowning-2049247_1281Seit 10 Jahren laborieren Finanzwirtschaft und Finanzpolitik an den Auswirkungen der Bankenkrise, ohne dass ein Ende absehbar wäre. In manchen Banktresoren schlummern noch unbekannte Risiken, und die Zentralbanken trauen sich kaum, von der Rettungs-Politik der Geldfluten abzukehren (Bild: HypnoArt, pixabay).

Im ersten Artikel Der Bankenkrise zum 10-jährigen Jubiläum – eine erschütternde Analyse wurde die herkömmliche Sicht auf die Krise dargestellt, und dazu eine neue Sicht: Die Krise der kurz- und langfristigen Fälligkeiten (“maturity mismatch"). Diese beiden Sichtweisen werden hier kurz skizziert, bevor eine weitere Beschreibung der Entwicklung referiert wird, in der wieder neue Aspekte hervorgehoben werden. Vor allem wird auf die Versäumnisse der bundesdeutschen Politik abgezielt, und es werden die immer noch ungelösten Probleme genannt.

Sicht aus der US-Immobilienblase

Der Bankencrash 2008 ist das Ergebnis der US-Immobilienkrise, wo Millionen Leute Häuslebauer wurden, die kein Einkommen und kein Kapital besaßen (no income, no assets, sogenannte "ninas"), die aber trotzdem Geld von den Banken kriegten. Das funktionierte nur, solange die Immobilienpreise stiegen. Als das nicht mehr der Fall war, crashten die Finanzierungen, Millionen Häuser standen leer. Vorher wurden die Hypotheken noch schnell gebündelt als "Verbriefungen". Man nannte diese Papiere subprime (=dreiviertelfaul) und gab ihnen trotzdem das Spitzenrating AAA. Die AAA-subprimes wurden vor allem von deutschen Landesbanken und der KfW gekauft, die auf diese Weise eine dreistellige Zahl von Milliarden verbrannten. Die deutsche Politik schenkte den Banken viele Milliarden, um sie vor der Pleite zu bewahren. Insgesamt ging die Staatsschuld dadurch um 300 Mrd. rauf. Um den Banken das Geld schenken zu können, pumpte sich der Staat das Geld bei den Banken und zahlt ihnen Zinsen dafür.

Sicht aus der Finanzierungsseite

Auch hier wird der Crash des US-Immobilienmarkts mit seinen 8,7 Millionen Zwangsvollstreckungen genannt, aber als Ursache wird letztlich das Finanzierungssystem der Banken gesehen. Das System geht so: Die Banken besorgen sich Kredite mit kurzen Laufzeiten zu günstigen Zinsen. Das verleihen sie mit langen Laufzeiten zu geringfügig höheren Zinsen – und davon leben sie. Dafür entwickelte sich ein "wholesale money market", in den die Banken oft mehr Geld steckten als in Kundenkredite. Die Banken pumpen sich gegenseitig Geld, über Nacht, nur für kurze Zeit, um hier oder da bessere Zinsen zu erhaschen. Die Margen sind klein, also werden riesige Beträge herumgeschoben, um substantielle Gewinne zu generieren. In dieser Situation, wo alle so schwer verschuldet waren, war es nicht mal nötig, dass die Hypotheken floppten. Es reichte schon aus, dass die Flop-Wahrscheinlichkeit bei einigen stieg. Das war Grund genug, um das gegenseitige Geldleihen der Banken – und damit die Finanzierung des Geldmarkts – zu einem abrupten Halt zu bringen. Die europäischen Geldmärkte machten am 9.8.07 dicht. Danach war es nur noch eine Frage von Tagen, bis den Banken das Geld ausging, das sie ja als kurzfristige Kredite aufgenommen hatten und alle paar Tage neu aufnehmen mussten. Die Verfeinerungen des Systems mit “round tripping” kann man im wb-Artikel machlesen. – Bei all den Rettungsanstrengungen wurde kaum Ursachenforschung betrieben, Schuldzuweisungen gingen bloß blind an "die Globalisierung".

Sicht aus dem deutschen Fehlverhalten

Das ist ein Vorwurf, den der nächste Artikel in aller Ausführlichkeit vertieft, Deutschland und die Finanzkrise(n) (Ökonomenstimme 15.9.). Gemäß des Autors, des Wirtschaftsprofessors Martin Hellwig, ist Deutschland seit 2007 im Krisenmodus, ohne dass diese Tatsache bei vielen angekommen wäre. Die Liste der Krisen ist beeindruckend:

  • die internationale Finanzkrise (2007 bis 2009),
  • die irische Immobilien- und Bankenkrise (2008 bis 2010),
  • die spanische Immobilien- und Bankenkrise (2010 bis 2012),
  • die südeuropäischen Staatsschuldenkrisen (ab 2010),
  • die Krise der Seeschifffahrt (ab 2008) und der schiffsfinanzierenden Banken (ab 2013),
  • die Turbulenzen des europäischen Finanzsystems im zweiten Halbjahr 2011
  • und die Krisen der Unternehmenskredite griechischer und italienischer Banken (seit 2012).

Diese Krisen beruhen alle auf der übermäßigen Kreditvergabe in den Jahren vor 2008. Der Artikel listet die Kosten recht kulant: WestLB 18 Mrd., IKB 9,6 Mrd., HRE 14 Mrd., HSH Nordbank 16 Mrd., Sächsische Landesbank 1,4+ Mrd., Landesbank Baden-Württemberg 5 Mrd., BayernLB 10? Mrd., Commerzbank 3 bis 6 Mrd. Das wird zusammen zu mehr als 70 Mrd. Euros, ohne BremenLB, NordLB und KfW IPEX.

Bemerkenswert ist, dass es importierte Probleme sind; ähnlich hohe Kosten entstanden sonst nur in Ländern, die selbst im Zentrum von Krisen standen. Und das, obwohl die deutschen Banken von den staatlichen Rettungsmaßnahmen in den USA, in Irland und Spanien profitierten. Noch ein Insiderdetail: Die staatliche Hilfe für Griechenland ermöglichte es den deutschen Banken, griechische Schuldtitel rechtzeitig an griechische oder zypriotische Banken zu verkaufen, die am Ende ihrerseits Staatshilfen brauchten.

Entgegen den deutschen Gepflogenheiten gab es in den USA einen sehr gründlichen Bericht über Krisenursachen und Krisenverlauf, den eine vom Kongress eingerichtete unabhängige Kommission erstellte. In Deutschland gab es nur einen im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 tätigen Untersuchungsausschuss des Bundestags zur Hypo Real Estate (HRE). Der bezeichnet die Krise platterdings als Ergebnis von Fehlentwicklungen in den USA, denen Deutschland zum Opfer fiel. Erst waren das Hypothekenverbriefungen (AAA-subprimes, Wortschöpfung wb) und dann die allgemeine Panik durch das “maturity mismatch".

Keine Untersuchung gab es zur Frage, warum Deutschland davon stärker betroffen war als andere Länder. Ebensowenig wurde untersucht, warum die Verantwortlichen nicht früher gegensteuerten.  Und das, obwohl nach Hellwig spezifisch deutsche Fehlentwicklungen klar auszumachen sind. In seiner Formulierung ist das Geschehen am "wholesale money market" mit dem Pfandbriefgesetz von 2005 verbunden. Die damit verbundene Zugangserleichterung (= Zockerlaubnis für alle, auch die Landesbanken, wb) verschärfte die Intensität des Wettbewerbs unter den Pfandbriefbanken. In der Folge musste man extreme "Fristentransformation" betreiben, wenn man überhaupt im Markt überleben wollte (also kurzfristig leihen und langfristig verleihen).

Die HRE tat sich dabei hervor und wurde deshalb unmittelbar vom Zusammenbruch der Geldmärkte im September 2008 betroffen (und "benötigte" 100 Mrd. Staatshilfe, wb). Das Problem wurde benannt, doch auf die Ursachen und einen etwaigen Reformbedarf ging der HRE-Untersuchungsausschuss nicht ein. Es wurde auch nicht untersucht, wie schlecht die "Governance" dieser Institute war, und ob es an "Due Diligence" (gebotener Sorgfalt) mangelte, z.B. beim Engagement der BayernLB bei der österreichischen Hypo Group Alpe Adria (5 Mrd. verbrannt, wb). Kein Thema war, dass die Landesbanken in der Zeit von 2001 bis 2005 (bevor sie ihr Geschäftsmodell auf EU-Geheiß umstellen mussten) noch einmal über 100 Mrd. Schulden aufnahmen, ein Geldhaufen, den sie ja irgendwie anlegen mussten, und der dann in AAA-subprimes landete.

Die HRE ist ohnehin nur einer der Geschädigten. Bei IKB, Sachsen LB und WestLB wären die Verluste auch nicht so groß geworden, wenn diese Institute nicht getrixt hätten. Sie hatten große Bestände an Verbriefungen in "Zweckgesellschaften" (Augenwischer-Gesellschaften, um die Bilanz zu schönen, wb) ausgelagert, ohne sie mit Eigenkapital zu unterlegen.

Vor der Krise hatte das Bundesministerium der Finanzen (unter Minister Steinbrück, wb) die Entwicklung von Verbriefungen und von Zweckgesellschaften begrüßt und gefördert, also genau von den Instrumenten, die den Crash am meisten beförderten. Dabei sagt nach Hellwig schon der gesunde Menschenverstand, dass die Übertragung von Kreditrisiken durch Verbriefung die Kreditrisiken erhöht, weil sie die Anreize zur Kreditwürdigkeitsprüfung mindert. Ebenso klar ist, dass die Auslagerung riskanter Anlagen in Zweckgesellschaften den betreffenden Banken erheblichen Liquiditäts- und Solvenzrisiken verschafft.

In Hellwigs Worten liest sich die Entstehung des "wholesale money market" als starkes Wachstum der Banken vor 2007, finanziert durch Schulden. Das Eigenkapital ging von 6% 1998 auf 3% 2007 runter (bei den 20 größten europäischen Banken, bei der Deutschen Bank waren's nur 2% 2007). Die neue Verschuldung kam zu großen Teilen aus Geldmarktkrediten und Derivaten, mit der entsprechenden Fragilität. Sobald die Krise einsetzte, ließ die extrem hohe Verschuldung Zweifel an der Solvenz großer Banken aufkommen – ihnen wurde nichts mehr geliehen, die Refinanzierung über den Geldmarkt kam ins Stocken.

Nach Hellwig war der Zusammenbruch der Geldmärkte im September 2009 das Ergebnis von klar erkennbaren Wirkungszusammenhängen, die später auch die Turbulenzen von 2011 prägten. Auch heute noch begründen sie systemische Risiken. Hellwig sähe gern die Mitverantwortung der Behörden geprüft, denn die Deregulierung erlaubte es den Banken ab 1996, die Marktrisiken selber einzuschätzen – mit dem Resultat, dass viele Risiken ausgeblendet wurden.

Doch die Bundesregierung hat eine öffentliche Diskussion darüber  verweigert und mit fadenscheinigen Begründungen abgewimmelt (auf Fragen der Grünen behauptete sie, es gebe keine Wortprotokolle zu den Sitzungen, obwohl das doch im Vorhinein vorbereitet und dokumentiert wird). Noch unseriöser: laut Bundesregierung könne eine Veröffentlichung der gewünschten Information die betroffenen Banken oder gar das gesamte Finanzsystem gefährden, und das bei Banken, die schon unter der Kuratel des Bundes standen.

Alles kein Thema; Problembewältigung besteht nun mal in staatlichen Zahlungen, die nicht hinterfragt werden sollen (wb). So wurden die Reformmaßnahmen seit 2009 der öffentlichen Diskussion weitgehend entzogen. Der Autor Hellwig kritisiert das Bankenrestrukturierungsgesetz von 2010 als insuffizient, es "konnte erkennbar nicht das leisten, was versprochen wurde." Deshalb musste es alsbald ergänzt werden (und ist immer noch insuffizient, wb).

Derzeit wird über neue "Bad Banks" für die faulen Kredite in den Büchern europäischer, auch deutscher, Banken diskutiert (versteckte AAA-subprimes & Co., wb). Die Risiken landen wieder beim Steuerzahler, so Hellwig. Viele der Mechanismen, die das System 2008 beinahe in den Abgrund stürzten, sind nach wie vor virulent. Und Hellwigs Merksatz am Ende: Der Mangel an Transparenz und Verantwortlichkeit ist mit ein Grund für das Vordringen des Populismus und die Delegitimierung unserer Demokratie.

 

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