Ein gerader Weg in die Anstalt von Frank Sacco

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sacoGibbs 001Dieser Artikel von Frank Sacco, Doktor der Medizin, hat zwei Titel. Eigentlich ist es eine Rezension, die sich mit einem Buch befasst, das der Rezensent zurecht verabscheut. Konsequenterweise ist es ein Verriss.

Hier geht es um die Evangelikalen, die ihre Kinder vor "falscher Heilssicherheit" bewahren wollen. Befremdlich und abstrus, ja, kriminell, was da vermittelt wird. Dem Kind muss Höllenfurcht eingeimpft werden, auf dass es sein Schuldigsein begreife. Das halten die Evangelikalen für "schriftgemäßen Dienst an Kindern" (Zitate aus dem Verlagstext).

„Kinderevangelisation“ „Frohe“ Botschaft? Wie macht man Kinder evangelisch?

Ein gerader Weg in die Anstalt  von Frank Sacco

Rezension des Buches „Wagnis Kinderevangelisation“, Autor Alfred P. Gibb, betanien-Verlag
 

Ein Wagnis sei es also, Kindern das Evangelium beizubringen. Gehe dabei etwas schief, so könne sich das Kind nicht wirklich als Sünder fühlen. Glaube es nicht an einen Erretter namens Jesus, sei es halt nicht gerettet. Man solle also dem Kind nicht einfach die Story vom Kreuz erzählen, die Story von der Errettung durch den Jesus der Bibel vor einem  „zweiten Tod“, vor der Hölle. Nein. Das Kind müsse wirklich sein Schuldigsein in Form einer Selbstanklage begreifen. Es müsse entsprechend Angst vor einer Nichtrettung bekommen. Es müsse in eine echte tägliche Furcht im Kind entstehen. Ja Panik ist angesagt. Angeführt wird hier 5. Mose 31: Kinder sollen Gott „fürchten lernen alle Tage“, also jeden Tag.

Etliche nichtchristliche Eltern geben ihr Kind sorglos im nahe gelegenen christlichen Kindergarten ab. Kindern  „ungeretteter Eltern“ (S.16) müsse man als Kinderevangelist dort das bieten, was diese „Eltern nicht bieten können“ (S. 17). Welche „Freude“ ist es, „diese  jungen Menschen in unserer Obhut zu haben…“, so der Autor. Nun, es ist eine verbrecherische, da krankmachende  Obhut. Das Denken der Kinder sei „noch formbar“ (S.22). Sie seinen „von Natur aus…leichtgläubig…und schnell zu beeindrucken“. „Mit der Unreife ihrer Erfahrungen können sie leicht in den Bann eines Erwachsenen“, eines Evangelisten gezogen werden. Man müsse den Kleinen  bewusst machen, dass sie „auf dieselbe Weise errettet werden müssen wie Erwachsene…“ Die Hölle ist halt laut der  Schrift nicht kinderfrei. Zur Errettung gehöre es, dass das Kind der „ Sünde überführt wird“. Es müsse wissen, dass es „als Sünder Errettung braucht…“. Es werden Fragen ans Kind formuliert: „Glaubst du, dass du ewig verloren bist, wenn du in deinen Sünden stirbst?“  Und weiter: „Jesus starb für Sünder und auch du bist ein Sünder. Glaubst du also, dass Jesus für dich starb?“  „Ein guter Vergleich für die Errettung eines Kindes  sei „das Zubereiten eines Feuers in einem Ofen…“. Matthäus spricht ja vom „Feuerofen“.

Zur Verdeutlichung soll man den Kindern auch Römer 3 nahelegen: „Alle sind abgewichen. Da ist keiner, der Gutes tut… die ganze Welt ist dem Gericht Gottes verfallen. Man soll die Worte „keiner“ und „alle“ „betonen“. Man solle auch mit dem individuellen Kindstod arbeiten: „Angenommen, du würdest jetzt sterben. Wo würde Gott dir deinen Platz geben?“ Vom „Zorngericht“ Gottes ist die Rede (S.54). Ein Geistlicher, der nicht so am Kind arbeite, sei nach Jeremia 48 „verflucht“. Man solle dem Kind die Offenbarung 21 darlegen. Uns allen ist der Text in etwa bekannt: „Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.“ Dieser unzweideutige Text der  Offenbarung ist eindeutig nicht „verfassungskonform“ und gehört ohne Verzug verboten. Denn die Androhung jenseitiger Strafen ist ein „Geschäft“ der Kirchen, so Bischof Nikolaus Schneider. Gibbs muss an keiner Stelle das Wort Hölle aussprechen. Die Hölle ist durch den Sprachgebrauch ein Selbstgänger. Sie ist  jedem lesenden Kind ein Begriff.

Ist Gibbs nun veraltet, weil er im 20. Jahrhundert arbeitete? Nein. Im Gegenteil. Die Religionen sind zurück. Heutige Geistliche glauben an die Hölle. Darum wurden sie ja, analytisch gesehen, Geistliche. Man wählt den Beruf aus Angst – und nicht etwa aus Liebe zum Täter der Sintflut und zum Planer der Apokalypse. Geistliche und ein Heer von Kirchenangestellten   vermitteln verbal, non-verbal und über 250 Kirchenlieder  das Thema der ewigen Verdammnis. Man vereinnahmt als Großunternehmen die Kinder über sog. „christliche“ Kindergärten und Schulen. Zurzeit baut das Erzbistum Hamburg eine weitere Schule. An Einrichtungen der Kirchen treten regelmäßig Pastoren zum Zweck der Evangelisation auf. So vermittelt man  dem Kind ganz nebenbei und wie selbstverständlich seine angebliche Schuld am Kreuzestod Jesu. Auch dieser üble Kirchentrick ist evangelisches heutiges Dogma. Pastor Traugott Giesen, Keitum,  schreibt offen von einer „Mittäterschaft“ unserer Kinder. Ich zeigte Giesen wegen Kindesmisshandlung und einem schweren Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention an. Kleine Kinder gelten aus gutem Grund in der BRD für schuldunfähig. Man will und muss sie vor nicht kindgerechten Schuldgefühlen und Strafandrohungen schützen – und umso mehr vor Sündengefühlen. Doch das Christentum macht unbarmherzig und illegal jedes Kind zum Mörder unterm Kreuz. Das ist in höchstem Maß verabscheuungswürdig. Auch die Staatsanwaltschaft Flensburg sagte mir ein eindeutiges „Nein“ zu dieser Schuld am Kreuz. Doch sie lässt die verbotene Indoktrination an Kindern durchgehen. Wir haben einen Gottesstaat.

Die durch Evangelisation entstandenen Kollateralschäden des Christentums lassen sich zur üblichen Besuchszeit auf den geschlossenen Abteilungen unserer regelmäßig unter kirchlicher Trägerschaft stehenden Krankenanstalten besichtigen. Den dortigen Psychiatern ist es nach dem 2017 erneuerten Loyalitätsprinzip untersagt, bestehende Dogmen anzutasten oder gar den Kirchen Schuld an der Entstehung von Depressionen, Schizophrenien, ADS, Süchten oder Krankheiten aus dem autistischen Formenkreis zu geben. Und der Rest der psychotherapeutisch Tätigen? Dieser Rest hat sich in aller Regel noch nicht so weit emanzipiert, dass er seine Patienten vor den Machenschaften des Klerus schützt. Man zieht sich auf ein Schweigen zurück. Gespräche über Religion mit Patienten gelten nach Lütz als verpönt. Das ist ein selbst zugegebener Kunstfehler. Das „transzendentale Denken“ fehle, so die Chefanalytikerin Prof. Leuzinger-Bohleber, die Nachfolgerin Sigmund Freuds. Nun, das Gegenteil ist der Fall. Man denkt, von Ausnahmen abgesehen, auch als „selbsternannter“ Atheist oder Agnostiker permanent transzendental. Doch dieses Denken läuft als ständig rotierende zweite Festplatte im Unbewussten. Es kontrolliert Taten und Denken des Ichs eines Gläubigen auf Schritt und Tritt. Ich will Sigmund Freud ergänzen: Wo „Über-Ich“ ist, und zwar schwer krankmachendes Über-Ich, da muss „Ich“ werden. Doch mit der heutigen etablierten Psychiatrie geht so etwas  nicht. Ärztliche Kirchen- und Psychiatriekritiker wie mich versucht sie mundtot zu machen. Doch auf Dauer wird sie scheitern. Sie wird die „bittere Pille“ des Sacco-Syndroms schlucken müssen.

saco12548927_1124541627565314_3956406270459900622_n[1](Bild: Sacco)

Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor u.a. des Buches "Wenn Glaube krank macht", BoD, 404 Seiten, 12,99 €

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