Bevölkerungsschwund so katastrophal wie Bevölkerungsexplosion?

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people-2608316_1280Panickers sind auf deutsch Angsthasen. In den 1970er Jahren verbreiteten sie Angst, man müsste bald die Menschen stapeln. Wo nun weltweit die Geburtenraten fallen, geht's in die Gegenrichtung: Panikmache wegen Bevölkerungsschwund. Täuschen sich die panickers? (Bild: StockSnap, pixabay)

Wenn sie sich in der einen Richtung getäuscht haben, warum nicht auch in der anderen Richtung, meint der Artikel Is Population Decline Catastrophic? (MisesInstitute 3.10.). Der Autor Peter St.Onge lehrt an Taiwans Fengjia University College of Business. Interessant ist, dass er speziell auf Deutschland bezogen argumentiert.

Deutschland investiere wie auch andere Länder bis Japan in Massenimmigration und Geburtenförderung. Aber der Autor hält die Ansicht für falsch, dass nur der Import von lebendigen Körpern ("warm bodies") den ökonomischen Kollaps verhindern könne.

Er unterscheidet Bevölkerungsrückgang auf staatlicher und globaler Ebene, und er gibt Gründe an, warum ersteres keine Katastrophe, sondern im Gegenteil etwas Positives ist.

Erst einmal müsse man nach Gründen unterscheiden. Wenn die Mongolen kommen, leidet ein Land, weil das allgemeine Abschlachten auch das Produktivkapital dezimiert. Wenn aber die Bevölkerung durch andere Ursachen zurückgeht, könne man die Pest als gutes Beispiel ansehen. Der wird generell zugestanden, einen Aufschwung ausgelöst zu haben. Wenn nämlich die Bevölkerung um 1/3 schwindet, während Land und Kapital gleichbleiben, bedeutet das dieselben Ressourcen für weniger Menschen und damit einen Gewinn.

Nun schwindet die Bevölkerung aber nicht durch die Pest, sondern weil die Leute weniger Kinder haben wollen. Das heißt, nicht einmal die vorhandenen Produktivkräfte gehen verloren. Ein ungeborenes Kind vernichtet keine Produktivkräfte, wie es der Tod eines Arbeiters täte.

Der Autor nennt das einen ökonomischen Schatz ("economic bonanza") pro Kopf, was Europa da hebt. Am Beispiel von Deutschland erklärt er, dass die hiesige Geburtenrate von 1,25 bedeutete, die Bevölkerung verminderte sich pro Zyklus (75 Jahre bei mittlerer Lebenserwartung von 75 Jahren) um 1/3. Ohne Einwanderung würde Deutschlands Bevölkerung also bis 2100 um 1/3 schrumpfen.

Ist das gut oder schlecht?

Diese Frage teilt St.Onge auf in die Gesamtzahl und die Altersverteilung. Wenn's nur um die Gesamtzahl geht, ist es großartig für die Deutschen, der ganze Reichtum steht nun für weniger Menschen bereit. Dass auch das Steueraufkommen sinkt, befindet er für unerheblich, zumal die Staatskosten meist auch an die Bevölkerungszahl gekoppelt sind.

Nun aber die Altersverteilung. Wenn es weniger Arbeitende und mehr Rentner gibt, liegen die Lasten auf weniger Schultern. Es gilt aber andersum auch für die Kinder – Kinder aufzuziehen ist teuer. Beides zusammen geht in die Abhängigkeitsrate (“dependency ratio”) ein, in der Alte plus Kinder pro Arbeitendem zusammengezählt werden.

Dazu nennt der Autor UN-Zahlen für Deutschland. 2100 wird es demnach 68 Millionen Deutsche geben, nach derzeit 82 oder 83 Millionen. Das sind etwa 20% weniger (also nicht die 1/3-Schrumpfung von oben, wb). Die Altersverteilung pilzt sich noch weiter auf, mit 1/3 mehr Menschen über 65 (von 17 auf 23 Millionen). Kinder unter 14 nehmen von 11 auf 9 Millionen ab. Die Abhängigen werden demnach von 28 auf 32 Millionen zunehmen. Derweil geht die Arbeitsbevölkerung der 15- bis 64-Jährigen von 54 auf 36 Millionen zurück.

Heute trägt eine arbeitende Person im Schnitt eine halbe abhängige Person, 54 Millionen tragen 28 Millionen. 2100 wird jeder im Schnitt fast eine ganze Person erhalten müssen, 36 Millionen tragen 32 Millionen. Doch das wird durch zwei Faktoren erleichtert:

  • einmal werden die Menschen nicht nur älter, sie altern auch gesünder. In Deutschland steigt die Lebenserwartung um 1,4 Jahre pro Dekade. Mithin werden die 65-Jährigen von 2100 so gesund sein wie die 53-Jährigen heute, und die 78-Jährigen so gesund wie die derzeitigen 65-Jährigen. Wenn man die Alten dann erst mit 78 in Rente gehen lässt, ändert sich nichts an der Belastung, außer dass sie geringer wird, weil weniger Kinder zu versorgen sind. Bloß dass die Politik sich scheut, das Rentenalter um 1,4 Jahre pro Dekade anzuheben …
  • zum zweiten gibt es das ökonomische Wachstum, das über die Jahre hinweg anhält. Der Autor nennt es ironisch, dass Wirtschaftswachstum fürs Bevölkerungwachstum das worst-case scenario ist. Wenn das Gegenteil eintritt, wenn die Wirtschaft zusammenbricht, werden nach aller Erfahrung viel mehr Kinder in die Welt gesetzt. Die sind das soziale Sicherungssystem, wenn der Sozialstaat pleitegeht.

Wenn kein Wirtschaftswachstum stattfindet, löst sich nach St. Onges Logik das demografische Problem von allein. Entweder die Wirtschaft wächst, oder die Warnung vorm Bevölkerungsschwund war falscher Alarm ("So if we fail to grow, the demographic problem actually solves itself anyway. Either we grow, or population decline was a false alarm anyway.").

Die Zahlen für Deutschland: In den letzten 50 Jahren ist Deutschlands Ökonomie bezogen auf den Einzelnen um 1,65% pro Jahr gewachsen. Wenn sich der Trend bis 2100 fortsetzt, bedeutet das die 4-fache Arbeitsleistung (bei St. Onge auch den 4-fachen Verdienst ("a 2100 German worker making 4 times what they do today"). Wenn's noch steiler aufwärtsgeht, werden die Deutschen nach dieser Vorstellung noch reicher, während jede Katastrophe sie zahlreicher macht.

Man möge keine Angst vor den 1,4 Jahren haben, um welche der Renteneintritt pro Dekade aufgeschoben wird, denn die längere gesunde Zeit bedeute eine geringere Belastung. Den vierfachen Verdienst durchs Wirtschaftswachstum rechnet der Autor in 80% Abnahme der demografischen Bürde um. Diese Entwicklung senke die Belastung am Ende um 50%: doppelt soviele Abhängige beim 4-fachen Einkommen.

Fazit des Autors: Egal ob man die Gesamtzahl oder die Altersverteilung anschaut, der Bevölkerungsschwund durch weniger Kinderkriegen wirkt nicht im entferntesten katastrophal. Global gesehen bewirken mehr Menschen allerdings auch mehr Investitionen, Innovationen und Wirtschaftswachstum. Deshalb sollten wir nach St. Onge global zu mehr Menschen tendieren, während weniger Menschen auf Staatsebene gewiss keine Katastrophe seien.

 

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Eine Antwort auf Bevölkerungsschwund so katastrophal wie Bevölkerungsexplosion?

  1. Wilfried Müller sagt:

    Dazu eine Grafik von der UNO:

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