Streit um Kolumbus

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seville-2022165_1280Wo die Deutschen ihren Luther haben, um des ausgehenden Mittelalters zu gedenken, haben die Amerikaner ihren Kolumbus. Wie auch Luthers Gedenken zwiespältig ausfällt, so wird auch um Kolumbus gerungen. Hat Kolumbus den schlimmsten Genozid zu verantworten? Oder ist er der Revolutionär der globalen Ökonomie? (Bild: Ei des Kolumbus in Sevilla, JaimePF55, pixabay.)

Die Vereinigten Nationen haben den 9. August zum Internationalen Tag der indigenen Völker erklärt. Diese Völker repräsentieren 5000 Kulturen, sie machen 5% der Weltbevölkerung aus und 15% der ärmsten Bevölkerung. Von den rund 7000 Sprachen weltweit wird die große Mehheit von den indigenen Völkern gesprochen.

Dies Jahr wurde das zehnjährige Jubiläum der UN-Deklaration zu den Rechten der indigenen Völker mit ihren 46 Artikeln gefeiert. Aus diesem Anlass gab es ein kritisches Geleitwort, What Columbus Day really celebrates: The “most massive act of genocide” in world history (salon 10.11.): Christopher Columbus’ arrival marked the beginning of the genocide of Native Americans, history’s largest genocide.

Das geht wohl auf ein Buch von David E. Stannard zurück, American Holocaust: Columbus and the Conquest of the New World. Dort heißt es: Die Auslöschung der amerikanischen Indianer war der massivste Akt von Genozid in der ganzen Weltgeschichte. Es geht um 100 Millionen Menschen, die in der Zeit umkamen. Von 20 Uramerikanern überlebte nur einer das "Blutbad".

Eine Gegensicht publizierte der Artikel How Columbus Revolutionized The Global Economy (MisesInstitute 11.10.). Demnach wird das Wortgefecht um den Genozid seit Jahren mit Verbitterung geführt. Nur dass eben wenige Zeigefingerschwinger ("pundits") die wirtschaftlichen Zusammenhänge richtig wahrnehmen. Und die sprechen eine ganz andere Sprache, weil sie Kolumbus auch große Verdienste zuschreiben.

Zudem sind die Zahlen (1 von 20 überlebte) umstritten. Kaum ein Experte bestreitet jedoch, dass der amerikanische Kontinent spärlich bevölkert war, als Kolumus' Mannen eintrafen. Im Verhältnis zu den Ressourcen war die Bevölkerungszahl überaus klein. Und das ist wichtig für die ökonomische Argumentation.

Es gibt eine wachsende wissenschaftliche Durchdringung der amerikanischen Geschichte, die sich mit den sogenannten Grenzstaaten ("frontier states") befasst. Die Wissenschaft legt dar, dass Grenzregionen wie in Amerika, Australien, Südafrika und Ostrussland ganz anders anzuschauen sind als die seit längerer Zeit unveränderten Länder, ökonomisch, politisch und soziologisch.

In Nord-, Mitel- und Südamerika besiedelten neue Menschengruppen das Land, das einst von ganz anderen Völkern besiedelt war, mit anderen Gebräuchen, Wirtschaftsformen und Instttutionen. Die Bewegung der Immigranten ins Grenzland und ihre Ausbeutung der Naturschätze haben die Gegebenheiten von heute maßgeblich mitgeformt.

Der Begriff der Großen Grenze ("The Great Frontier") wurde Ende 19. Jhd. und Mitte 20. Jhd. ausformuliert. Die große Zeit der Grenzbesiedelung von 1500 bis 1900 revolutionierte die globale Wirtschaft und die globale Demographie (Anmerkung wb: ein schöner Euphemismus für den "Genozid").

Grenzstaaten werden so definiert, dass sie in den zurückliegenden Jahrhunderten ihre Macht über Territorien ausdehnten, die an ihr Kerngebiet angrenzten. Hier ist nicht Afrika, Indien oder Ostasien gemeint, sondern die Regionen, die durch Mangel an Arbeitskräften im Verhältnis zum Überfluss an natürlichen Ressourcen gekennzeichnet sind. Für die ist Arbeitskräftemangel bezeichnend, mit diversen Auswirkungen, bis hin zu Immigration und Sklaverei. Wo es zuwenig Arbeitskräfte gibt, um zu ackern und zu ernten, zu baggern und zu schürfen, werden die Menschen erfinderisch.

Selbstredend ist dann die Urbevölkerung schon dezimiert, durch Krieg und eingeschleppte Seuchen. Das ökonomische Problem hieß dann, Arbeitskräfte aufzutreiben:

  • Siedler anlocken – in der Richtung wurden diverse Strategien ausprobiert. Es gab Zeitverträge, mit Zahlung der Transportkosten von Europa her gegen ein paar Jahre Arbeitsverpflichtung und mit anschließender freier Staatsbürgerschaft. Als die Grenze sich westwärts verschob, gab es die Homestead Acts und günstige Landverkaufs-Programme, um die Siedler nach Westen zu locken. In Argentinien gab der Staat sogar Beihilfen an Siedler aus Italien. Die vielen europäischen Namen der Amerikaner künden vom Erfolg der Siedlerwerbung. Dabei waren es nicht nur Europäer, die immigrierten. Im 19. Jhd. strömten chinesische und japanische Arbeiter in die USA, um von den kalifornischen Arbeitskräftemangel zu profitieren. Ähnlich war es in Brasilien und Peru, und als die Sklaven in Kuba befreit wurden, mussten dort zehntausende von chinesischen Arbeitern als Ersatz importiert werden.
  • Sklaven heranschaffen – wo die freiwillige Immigration nicht ausreichte, um die Löhne auf das Maß zu drücken, das Besitzern und Regierungen behagte, wurde die Sklaverei eingeführt. Mit Sklavenarbeit ließen sich die Kosten nicht nur für die Sklavenarbeiter niedrig halten, sondern auch für freie Arbeitskräfte. Das bewährte sich vor allem bei manuell anspruchsvoller Arbeit wie in den Zuckerrohr- und Baumwollplantagen. Größter Sklavenimporteur war Brasilien, wo es zeitweise ein mehrfaches an Sklaven gab wie an eropäischstämmiger Bevölkerung. Im Lauf der Zeit wurde diese "Lösung" zum Konfliktthema, und zwar in vielen Staaten. Anders als viele Linke meinen, ist die Sklaverei keine US-amerikanische Spezialität. Sie zeigte sich in vielen "Grenzstaaten" rund um die Welt. In Nord- und Mittelamerika lohnte sie sich wegen des Arbeitskräftemangels besonders. Deshalb konnte sie dort erst später abgeschafft werden als in Europa.

Für die westeuropäische Bevölkerungsexplosion während der Industrialisierung und ins 19. Jhd,. hinein gab es einen einfachen Ausweg. Die leeren Räume in Amerika waren der ideale Ort, um missliebige soziale Klassen zu entsorgen. Die Politiker konnten diese Menschen ermuntern oder subventionieren, den Ozean zu überqueren. Die Briten schickten ihre Straftäter nach Übersee, Arbeiter aus Süditalien und Irland folgten freiwillig.

Die geringe Bevölkerungsdichte und der damit zusammenhängende Arbeitskräftemangel verhinderten Dumpinglöhne. In der Folge glichen sich auch die Löhne in Europa nach oben an. Für die Zurückgebliebenen gab es den Vorteil, dass auch sie von den Schätzen Amerikas profitierten, incl. Fischrei, Bergbau und Plantagen. Und das geht bis heute. Europa profitiert weiter von der amerikanischen Dynamik.

Wenn Europa jetzt über die Immigration aus dem Nahen und Mittleren Osten und aus Afrika klagt, dann tut es das angesichts einer immer noch recht einheitlichen Kultur. Die modernen Post-Grenzstaaten sind erheblich vielgestaltiger. Die USA haben 70% europäischstämmige Bevölkerung, in Kanada sind es 81%., in Europa 90%.

Lateinamerika ist noch bunter. Brasilien hat 40% europäischstämmige Bevölkerung. Das Erbe der importierten Sklaven ist unübersehbar. Nur in Russland ist es ähnlich wie in Europa. Es ist albern, wenn Europäer den Amerikanern (oder Lateinamerikanern) was über Toleranz und Offenheit erzählen wollen. Die Mitglieder der neuen Welt wissen viel mehr darüber als die Europäer, die zuhauseblieben und von denen profitierten, die nach Übersee gingen. Und die letztlich auch von der Sklaverei profitierten, aber den Menschen in Übersee die Probleme überließen – inklusive der Bevölkerungsexplosion, welche die US-Bevölkerung von 1830 bis 1900 verfünffachte.

Das war keine kleine Sache. Mindestens 18 Millionen Immigranten aus Europa mussten integriert werden – mehr als 1830 in ganz Amerika lebten. Wenn man die Neigung der Europäer zu Weltkriegen einkalkuliert, kann man nur mit Beklommenheit überlegen, wie eine solch destabilisierende Situation in Europa wohl gehandhabt worden wäre.

In vieler Hinsicht sind die politischen Gegebenheiten der Neuen Welt ein Erbe der Grenzzeiten. In Grenzstaaten findet man geringere öffentliche Ordnung und Sozialleistungen. Das mag an diversen Faktoren liegen, von Umzugsbereitschaft über Kosten für Datenerhebung und Ordnungserhaltung bis zu den schwierigen Beziehungen zwischen Siedlern und Urbevölkerung.

Das möge bedenken, wer die amerikanischen Staaten nur als wackelige Gesellschaften sieht, mit niedriger Vertrauensbasis, fehlendem sozialem Zusammenhalt und hohen Kriminalitätsraten. Das alles ist eine Folge der kultuerellen Divergenz. Nicht-Grenzstaaten haben Jahrhunderte Zeit gehabt, um zusammenzuwachsen. Die Gesellschaften der Neuen Welt haben bis dahin noch einen langen Weg vor sich.

Und Kolumbus? Der hatte garantiert keine Ahnung von der sozialen und ökonomischen Revolution, die er lostrat, indem er Europa den Weg zur Großen Grenze eröffnete. Kolumbus wollte nur reich werden. Doch die Menschen von heute leben mit dem Erbe von Europas Expansion in die neuen Länder, die Kolumbus begann.

 

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