Evolutionsbiologie als Helfer fürs Sprachverständnis

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Das Bild von Eric Gaba, Wikimedia Commons, zeigt die Verteilung der 7000 Sprachen auf der Erde. Sie sind in 34 farbigen Gruppen dargestellt, die in der Legende benannt sind.

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langleg1Was ist nun der Zusammenhang zwischen Sprachen und Evolutionsbiologie? Schon lange kennt man die Übereinstimmung zwischen den Sprachfamilien und den vorzeitlichen menschlichen Wanderbewegungen. Ein aktueller Artikel dazu heißt Evolutionary biology can help us understand how language works (The Conversation 10.10.).  Der Autor Michael Dunn ist Linguistik- und Philologieprofessor an der Universität von Uppsala. Seine Forschungsgebiete:

  • Warum sind die Sprachen, wie sie sind?
  • Warum gibt es an manchen Stellen so viele und an anderen so wenig verschiedene?
  • Wie entwickelten Sprachen sich so verschieden, um dieselbe Kommunikationsaufgabe zu erfüllen?
  • Was ist spezifisch menschlich an der Sprache, und wie formen Geist und Sprache einander?

Das sind neue Ansätze in der Sprachforschung, denn die alte Schule befasste sich eher mit der Sprache als solcher und mit der Rekonstruktion ihrer genealogischen Abstammungslinien.

Jetzt aber ist ein aufregender Kontakt zur Evolutionsbiologie etabliert. Die Evolutionsbiologen fragen ganz ähnliche Fragen wie Prof. Dunn und seine Kollegen. Z.B. warum sind sie auf diese bestimmte Weise verteilt, und warum sind sie mal ähnlich, mal unterschiedlich?

Der parallele Ansatz erlaubt den Sprachwissenschaftlern, die Computerprogramme der Evolutionsbiologie zu nutzen, und das wird belohnt mit neuen Einsichten in die Veränderungsprozesse und damit ins Wesen der Sprache allgemein.

Prof. Dunn konzentriere sich mit seiner Forschungsgruppe auf die große austronesische Sprachfamilie, die von Taiwan bis zu den Osterinseln verbreitet ist (im Bild oben braun gefärbt, unten rot). Der Grund: Man weiß einiges über die Verbreitung dieser Sprachen. Die einigermaßen bekannte Besiedelungsgegeschichte der Südsee erlaubt Rückschlüsse auf die parallelen Veränderungsprozesse der Sprachen. Die Logik folgt den Mendelschen Regeln der Vererbung, die anhand der Vererbung bei Pflanzen aufgestellt wurden. Die Verheißung ist, nicht nur die Sprachentwicklung so aufzuklären, sondern auch die Entwicklung des menschlichen Geistes (Bild der austronesischen Sprachverbreitung: Vrata, Wikimedia Commons).

1280px-Austroneske_jazykySprachen sind ja nicht nur Haufen von Wörtern. Sie enthalten auch Regeln, um die Worte zu sinnvollen Verlautbarungen zu gruppieren, genannt Grammatik. Wie auch die Worte, ändert sich die Grammatik über die Zeit. Aber tut sie es auf dieselbe Weise? Das wollten Dunn & Co. herausfinden.

Die lexikalischen Änderungen bestehen aus Lautveränderungen; die Worte klingen dann anders. Und sie bestehen aus Wortersetzungen, neue Worte nehmen den Platz von alten ein – und Grammatiken ändern sich auch auf diese Weise. Die Änderungen können graduell erfolgen oder in großen Sprüngen, wenn neue Strukturen adaptiert werden. Um den Grad der Parallelität zu bestimmen, wurden Werkzeuge der Evolutionsbiologie eingesetzt. Es ergeben sich ähnliche Stammbäume fürs Lexikon (Wörter) und die grammatischen Strukturen (Bild Lexical and grammatical rates of change in Austronesian von Simon J. Greenhill, Creative Commons licence).

languagelexi-strctureconversiondunnEs zeigte sich aber, dass Worte und Grammatik sich sehr unterschiedlich ändern. Verzweigungen im Baum der Sprachfamilien sind durch viel größere Änderungen im Lexikon als in der Grammatik gekennzeichnet. Warum das so ist, sollen weitere Forschungen zeigen. Die bisherigen Daten weisen darauf hin, dass den Sprechern Wortänderungen leichter von der Zunge gehen und auch bewusster sind als die eher abstrakten und unbewussten Grammatikänderungen.

Die Forschung findet immer neue Hinweise darauf, dass die menschliche Rasse älter ist als bisher geglaubt (Funde in China). Und die Sprache ist nicht bloß eine neuzeitliche Dreingabe. Sie fußt vielmehr mit tiefen evolutionären Wurzeln im menschlichen (und nichtmenschlichen) Bewusstsein. Das macht die Sprachforschung wichtig für die allgemeine Bewusstseinsforschung.

Zur Aktualität der Forschungsergebnisse merkt der Autor an, dass sie erst durch neue Programme und durch neue Daten erzielbar wurden. Ein Lob gebührt den Linguisten, welche die Bewegung zu open data und reproduzierbarer Wissenschaft unterstützen. Während die Forschungswerkzeuge und -hilfsmittel immer besser werden, nimmt allerdings die Sprachvielfalt ab. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung spricht inzwischen eine von 5 Sprachen: Mandarin, Hindi, Spanisch, Englisch, Arabisch. Tausende von "kleineren" Sprachen stehen vor der Auslöschung. Das macht die Sprachforschung dringlich, wo sie doch ein Fenster in den menschlichen Geist verspricht.

 

Weitere Links im Originalartikel bei The Conversion und bei wb:

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