Ärgernis übercorrecte Medienberichte

image_pdfimage_print

ok-2385794_1280Die Süddeutsche Zeitung gehört zu den Qualitätsmedien und ist ein Hort von gutem Journalismus. Aber es ist nicht alles gut, was sie bringt. Das belegen mehrere wb-Artikel (Berichterstattung, Populistische Hetze, Lügenzahlen), und es ist auch diesmal wieder zu beklagen (Bild: RobinHiggins, pixabay – das Handzeichen bedeutet je nach Land "ok",  "Arschloch" oder noch anderes).

So mehrdeutig wie das optische Signal oben sind auch die Artikel der SZ zum Thema sexuelle Übergriffe. Der "emblematische Hashtag" #MeToo von Alyssa Milano hat eine Woche gebraucht, bis er hierzulande angekommen ist, aber nun wird er um so heftiger abgefeiert. Die Süddeutsche tut es in einigen Artikeln, die zum Teil von der dpa stammen (1. Link unten) oder Eigenprodukt sind, aber nicht online gestellt (2. Link unten), oder einfach die Initiatorin des Hashtags #MeToo feiern (3. Link unten).

Der Artikel zum "emblematischen Hashtag" heißt Sexuelle Belästigung – Was zu sagen ist (SZ 18.10). Er steht auf der Meinungsseite, aber nicht auf der Homepage – und an ihm lässt sich die Kritik am besten festmachen. Auch die anderen SZ-Artikel sind übercorrect, aber der Meinungsartikel von Friedericke Zoe Grasshoff setzt da Maßstäbe.

Die Autorin schafft es tatsächlich, einen richtig schrägen Artikel über sexuelle Belästigung hier bei uns (und nicht auf Hollywoods Besetzungscouches) zu schreiben, über "den ganz alltäglichen Sexismus abseits von hollywoodesken Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen". Der Artikel spricht von Hunderttausenden von "IchAuchs", von Grabschern, von zudringlichen Chefs, von "Schritten im Rücken", von Anmache auf Rolltreppe und Zahnarztsessel, von der Silvesternacht in Köln, vom Präsi Trump mit seinen "Grab the pussy"-Bemerkungen.

Und er sagt keinen Pieps zum fundamentalistischen Islam oder zu ebensolchen muslimischen Männern, mithin zu den Faktoren, von denen die mit Abstand größten Übergriffe gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen und Mädchen ausgehen, in der Schule, daheim, im öffentlichen Raum.

Dafür kommt Trump zweimal vor.

Frauen erleben diese Übergriffe laut des Artikels als allgegenwärtiges Übel, nur dass der US-Präsi nicht allgegenwärtig ist. Es gibt noch andere Übeltäter, möchte man der Autorin zurufen, nicht nur Politiker und Filmbosse und Zahnärzte. Die Kritik muss doch dort anfangen, wo sich der Sexismus konzentriert, bei den reaktionären Muslimen.

Unnötig zu sagen, dass auch in den anderen SZ- und dpa-Meldungen keine Rede von Islam & Muslimen ist. Uns wird hier ein übercorrecter Eiertanz vorgeführt, der einerseits das Problem benennen und bekämpfen möchte, andererseits aber die schlimmsten Übeltäter aussparen will.

Alltägliche Erniedrigung ist Realität für Hunderttausende Frauen und Mädchen hier in Deutschland, während die EmanzInnen ihre vergleichsweise lächerlichen Luxusprobleme in den Medien breitwalzen. So sinnvoll es ist, das Sexismus-Problem anzupacken: Wenn das mit zweierlei Maß erfolgt, ist es ein hanebüchener Hokuspokus.

 

Links von der Süddeutschen Zeitung:

  1. Arbeit – #MeToo: Wie man bei sexueller Belästigung im Job reagiert (SZ 17.10.): Sexuelle Belästigung ist in Deutschland trauriger Alltag – auch am Arbeitsplatz. Das zeigen Studien oder Social-Media-Aktionen wie #Aufschrei oder #MeToo. Der Artikel liefert Fragen und Antworten dazu.
  2. Weinstein-Skandal – Sexuelle Übergriffe als Machtinstrument (SZ 17.10.): Der Fall des Filmproduzenten Harvey Weinstein hat eine Debatte zu sexuellen Übergriffen ausgelöst. Fällig war das schon lange – doch warum droht sie nun dennoch zu verpuffen? (An der SZ liegt's nicht, wb.)
  3. Alyssa Milano – Wortführerin gegen sexuelle Belästigung (SZ 16.10.): Auf Twitter hat die Schauspielerin weltweit Frauen dazu aufgerufen, ihre Erfahrungen mitzuteilen. Und damit eine Gesellschaftsdebatte ausgelöst.

Links von wb zum Thema:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Rechtswesen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten auf Ärgernis übercorrecte Medienberichte

  1. Saco sagt:

    "Normalerweise" reagieren wir auf sexuelle Reize, die vom Gegengeschlecht ausgesandt werden. Es gibt Frauen, die nicht attraktiv sind, und es nicht sein wollen,  in dem Sinn, dass sie keine Signale aussenden. Es gibt Frauen, die  sich hingegen attraktiv machen, angefangen vom Lippenstift bis hin zur Hot-Pant in Kombi mit einem anziehenden Duft, Parfüm genannt. Das nach außen hin getragene Signal lautet: Komm in Kontakt mit mir, und zwar sofort. Bauarbeiter pfeifen nicht jeder Frau hinterher. Und wenn sie pfeiffen, sollte man das nicht zum Metoo machen. Nicht jedes "Kompliment" ist Metoo, schon gar nicht, wenn das Äußere es provoziert. Ich glaube schon, dass in der Silvesternacht auf der Reeperbahn in diesem Sinn provoziert wurde. Die äußere Aufmachung sollte nicht in einem paradoxen Verhältnis stehen zu den inneren sexuellen Einstellungen – die heuzutage sehr konservativ sind. Richtiger Sex findet heute kaum noch statt. Weihnachten ist oft öfter. 

  2. Wilfried Müller sagt:

    Früher waren Metoos die Artikel an der Supermarktkasse, die man schnell noch mitnehmen sollte. Dass Saco nun die Zumutungen an die "EmanzInnen mit den vergleichsweise lächerlichen Luxusproblemen" so nennt, finde ich gelungen. Seinen Sex-Kulturpessimismus muss man ja nicht teilen …

  3. Saco sagt:

    Sex, Wilfried, ist keine einfache Angelegenbheit, bei der man sich regelmäßig entspannen könnte. Das liegt an einer Stummheit in Sachen sexueller Wünsche in einer Langzeitbeziehung. Heute ist in der Die Welt ein Artikel einer Sexualtherapeutin, die früher als Studentin 2 Jahre im Bordell arbeitete. Die Männer, die sie da betreute, waren eher schüchtern und hilflos. Auf jeden Fall lesenswert. Ich habe bei WB ja schon am Welt-Orgasmustag darauf hingewiesen, dass sich diese Gesellschaft  auf virtuellen Sex zurückgezogen hat. Im Artikel steht auch, dass ich täglich und auch öfters täglich Sex mache. Aber es stimmt nicht.Ich will heute, und nur heute,  ehrlich sein.  http://www.wissenbloggt.de/?p=26650

  4. Wilfried Müller sagt:

    Mir hat mal ein kluger Mensch gesagt, wenn man's nicht tut, wird um so mehr drüber geredet. Nicht nur im Hinblick auf Sex, auch auf gutes Essen usw.; beides füllt die Medien. Die Metoos, die jetzt die Medien füllen, gehören aber in die Kategorie "Berichtet auch über mich!" Es ist jetzt chic, dabeizusein. Über die hauptbetroffenen Frauen und Mädchen im reaktionären Islambereich wird aber nach wie vor geschwiegen.

Schreibe einen Kommentar