Fahrrad als Verkehrsbremse

image_pdfimage_print

bike-2793272_1280Alles ändert sich, aber nicht nur zum guten, wie dieser Artikel zeigt. Seit das Bike mit GPS und Satellitenempfang aufgerüstet werden kann, seit es einen Akku tragen kann und einen Motor zur Schonung matter Strampelbeine haben darf, hat sich vieles geändert. Fehlt nur noch, dass das Fahrrad von alleine lenkt und strampelt… (Bild: immerbreight, pixabay)

Das Problem ist aber, dass viele Bikes einfach nur im Wege rumstehen, und das kam so: Die Industrie hat sich schon vor einiger Zeit ein neues Geschäftsmodell ausgedacht, nämlich Bikes zum Vermieten ohne Vermieter in persona. Diese Bikes stehen an den neuralgischen Verkehrsknotenpunkten herum und warten auf jemand, der sie besteigen möchte. Der muss auf seinem Smartphone eine App haben, und dann kann er mit selbigem Smartphone einen Code am Schutzblech einscannen. Über Satellit bekommt er dann die Nummer vom Zahlenschloss zurück, und schon kann er losradeln. Strampeln und lenken muss er allerdings noch selber.

Das Ganze sah nicht wie ein tolles Geschäft aus, wenn man die abgestellten Bikes mit den ungenutzen Stunden multipliziert und das Ergebnis durch moderne Gewinnerwartungen dividiert. Schon als die Bundesbahn ihre potthässlichen Call-a-Bike-Mietfahrräder ausstreute, sah das mehr nach Strategie aus als nach Geschäft. Vielleicht in der Art, dass die Bikes bevorzugt zum Bahnhof rollen, um den Fahrer bei einem unausgelasteten Zug abzuwerfen …

Erstaunlicherweise hat die Bundesbahn mit ihrem Call a Bike noch andere Nachahmer und Konkurrenten als Nextbike gefunden. Wer den Vorzug genießt, in Müchen zu wohnen, konnte Halden von bunten Bikes sehen, die sich überall ausbreiteten. An der hässlichen Einheitsform waren sie als Miet-Bikes zu erkennen. So war's schon in Amsterdam, Madrid, Mailand, Valencia, London, Brüssel und Zürich gewesen, und nach München ist nun Frankfurt dran. Sogar Berlin soll drankommen, man hat also keine Angst vor Radlern mit alternativem Eigentumsverständnis.

Hinter der Bike-Welle stecken fernöstliche Anbieter wie Yobike, Mobike, Obike oder Ofo, und sie sitzen in Singapur, Hongkong oder China. Damit ihnen auf dem langen Weg hierher nicht die Luft ausgeht, sind die Reifen unplattbar: Sie bestehen aus Vollgummi. Oft fehlt auch die Gangschaltung, die ja auch relativ leicht plattzumachen geht. Was dann überbleibt, ist ein Schlichtfahrrad mit modernster Elektronik – und diese Elektronik weiß zuviel.

Das ist der Verdacht, der nun aufkommt. Ein schöner Artikel dazu stammt von der Süddeutschen Zeitung. In der Druckversion wird der Artikel etwas anders anmoderiert, und er heißt "Unter die Räder gekommen". Online wird daraus Verkehrsplanung – Immer mehr Städte sind wie gerädert (Süddeutsche Zeitung 27.10.): Verleihimperien aus Asien fluten Deutschlands Großstädte mit Tausenden Fahrrädern. Was Verkehrsforscher freut, macht Stadtplanern Sorgen. Sie fürchten Verhältnisse wie in Peking.

In Peking gibt's nämlich schon 2.350.000 Leihfahrräder. Wenn man den Artikel frei interpretiert, müssen sich die Pekinesen praktisch den Weg freibellen, wenn sie mal über die Straße wollen. Nicht einfach bei den "mächtigen Klingeln". Und die Fußgänger müssen laut SZ Zickzack laufen, weil alles mit Leihfahrrädern vollgeparkt ist.

Parkchaos durch Mietbikes – das ist die neuste Errungenschaft der fortschrittlichen Städte. In Deutschland handelt es sich noch um einige 1000 Bikes (München: 7000). Frankfurt hat jetzt um Nachsicht ersucht und bekommt vorerst nur ein Mini-Kontingent von 500 Bikes serviert. Das geschah quasi auf dem Gnadenwege, denn machen kann man nix dagegen. Laut SZ gibt es einfach keine Handhabe gegen abgestellte Fahrräder in Innenstädten.

Und wenn die alle Wege verstellen, bis sie zum Verkehrshindernis werden? Wenn der Verkehr bis zur Verkehrsverhinderung gefördert wird? Na, dann holt das Bike eben auf und kommt langsam dahin, wo das Auto schon ist. Klar, Bike-Sharing-Konzepte sind ein Zukunftsmodell. Aber die supersmarten Bike-Sharing-Plattformen werden schon als "Rogue Bike Share" bezeichnet (rüpelhafte Fahrrad-Verleiher) – und sie machen ihr Geschäft vielleicht ganz anders. 

Sie wollen Daten: Wer fährt von wo nach wo und wie lange? Ist der Fahrer Gewohnheitstäter oder wechselt er die Route? Stellt er das Rad korrekt ab oder im Halteverbot? Das sind Informationen, die sich für Werbung und Bonitätsbewertung ausschlachten lassen. Um mit der SZ zu reden, wird alles gesammelt, archiviert und analysiert. Wohl deshalb kaufen sich Technologiefirmen wie Foxconn oder Tencent ein.

 

Weitere Links zum Thema:

 

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Technik, Wirtschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar