HEIMAT

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HeimatUbi bene, ibi patria (Cicero).

Einige recht persönliche Gedankensplitter.

Deutsche "Patrioten" reden gern von ihrer „Heimat“, die es zu bewahren und zu pflegen gelte. Inzwischen scheinen selbst die Grünen sich mit dem Gedanken an „Heimat“ vertraut zu machen. Doch was ist nun wirklich gemeint mit diesem Begriff? Reden alle, die ihn in den Mund nehmen, von derselben Sache? Haben etwa gar alle dieselbe Heimat? Kann ein ganzes Land, oder gar ein ganzer Kontinent Heimat sein?

Ich folge mal einem gängigen Klischee und fange ganz klein an: Heimat als lokal begrenztes Umfeld mit seinen Bauten, seiner Natur und seinen Menschen. Der kleine Milch-, Butter- und Käseladen: die Milch wurde aus einem großen Kessel in ein mitzubringendes Gefäß geschöpft. Alles war offen, nichts verpackt und der Picasso-Euter war noch nicht erfunden. Ein Bäcker an der Ecke und in der Nachbarstraße der alte Laden meines Großvaters: „Kolonialwaren und Drogerie“ stand immer noch oben dran, obwohl er seit 1929 in der Weltwirtschaftskrise in Konkurs gegangen war. Natur? Nun, wenn man die Schrebergärten entlang des „Schwarzen Kamp“ so bezeichnen will – eindrucksvoll. Und die Menschen? Der Sohn vom Ehepaar „Milchladen“, der kleine Achim, ein wenig doof zwar, aber er hatte als einziger in der Nachbarschaft einen Roller mit Ballonreifen. Und Frau Hefendehl, unsere Lehrerin in der ersten und zweiten Klasse der Volksschule, die an unser Haus grenzte, zog einem auch gern einmal eins mit dem Lineal über die Finger, wenn die Aufmerksamkeit nachließ.

Heimat? Doch wohl eher Nostalgie ohne Bindungseffekt. Was gäbe es da zu bewahren oder zu pflegen? Heute ist nichts mehr von dem da, was ich beschrieben habe. Bin ich jetzt „heimatlos“? Alles fließt, nichts hat Bestand. Das wollen (und können) die Propagandisten von „Heimat“ nicht erkennen oder wahrhaben. Menschen werden geboren und Menschen sterben, manche ziehen fort, Neue kommen an. Die Gebäude bleiben länger, strahlen aber keine Botschaft aus.

Was also meinen die Heimatbeflissenen denn nun wirklich?

Den Grünen mit ihrem Vorstoß unterstelle ich einfach einmal, dass sie so etwas wie den Erhalt der Umgebung, vor allem der Natur im Blick haben, soweit das unserer Legislation unterliegt. Im Einzelnen habe ich aber nicht nachverfolgen können, ob dies wirklich den Intentionen entspricht, oder ob sie nur einen Begriff okkupieren wollen, der der politischen Konkurrenz am Herzen zu liegen scheint.

Wenn völkische Nationalisten von Heimat reden, so ist dies offenbar ein mehr oder weniger hermetisch abgeriegelter Raum, in dem man keinerlei Veränderungen zulassen möchte, auf den man gar stolz sein kann. Das nostalgische Element, das ja ein jeder für einen lokal begrenzten Raum haben mag, wird dann zusätzlich dadurch überhöht, dass man alle politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen 50 Jahre zurückschrauben möchte auf das Allernötigste. Deutlich ablesen kann man das an deren Haltung zu Abtreibung, Sterbehilfe und Homosexuellenrechte. Anderes kommt sicher noch hinzu. Sie sprechen dann gerne von Sprache und Kultur, denken aber an den Muff der 50er und 60er Jahre. Denn schon bei der Sprache stimmt es ja nicht. Wir haben zwar (unter anderem dank Luther, das sei hier ruhig einmal erwähnt) so etwas wie eine Deutsche Hochsprache (dokumentiert bei Siebs), aber mitnichten ist es so, dass jeder Deutsche auch jeden anderen Deutschen ohne Probleme verstehen könnte. Man sende einen Hamburger nach Niederbayern! Und die Kultur? Gehört es etwa nicht zum selben Kulturbereich, gleich ob wir Shakespeare oder Baudelaire lesen? Reihen sich Goethe und Schiller dort nicht ein? Was bieten sie denn als deutsche Extra-Kultur an? Gern wird auch noch auf die deutsche Wissenschaft abgehoben. Da wird es dann wirklich peinlich, da nichts internationaler ist als die scientific community.

Mit „Heimat“ hat das also alles nichts zu tun – es ist purer Chauvinismus, der dazu noch geplagt ist von den entsetzlichsten Überfremdungsängsten.

Zurück zum überschriftlichen Cicero: Wer könnte es besser beurteilen als der expat, der „seiner Heimat beraubt“ irgendwo in der Fremde lebt? Ich nehme mich noch einmal als Beispiel. Neben einigen längeren Auslandsaufenthalten bin ich schließlich in diesem kleinen nordafrikanischen Gastland Tunesien gelandet – seit nunmehr fast 20 Jahren. Seit eingen Jahren habe ich auch die Daueraufenthaltsberechtigung, die anfangs immer wieder einmal erneuert werden musste. Ja, und ich fühle mich heimisch hier, auch ohne den doofen Achim oder die Lehrerin Hefendehl. Wie kann das sein?

Wo es dir gut geht, dort ist Heimat, sage ich dann mit Cicero noch einmal für die Nichtlateiner. Wenn das Umfeld, in dem du dich bewegst, zu dir passt, es dich auch akzeptiert, dann hast du Heimat. Das ist etwas sehr Persönliches und nichts Nationalistisches. Meine Freunde, meine kleine Familie, so kompliziert sie auch zusammengesetzt sein mag, geben den Rückhalt für ein erfülltes Leben, sind Heimat.

Kultur

 

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Eine Antwort auf HEIMAT

  1. Indianerjones sagt:

    Der Mensch an sich steht im Mittelpunkt der Sache und sucht sich seine Umwelt selbst aus, zu seiner Zufriedenheit natürlich, irgentwelche Zugehörigkeiten die von andern bestimmt werden, sind natürlich genauso abzustreiten, wie zwanghafte Konfessionsmitgliedschaften, somit ist eine Heimat etwas , wo man sich im inneren wohlfühlt, ohne dabei "kriegerisch" mit anderen sein zu müssen. 8-)

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