Astro-olfaktorisches Argument gegen Gott

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mother-nature-2785299_1280Bei wissenbloggt drängeln sich die Argumente gegen Gott – jenes höhere Wesen, das manche verehren, ist in seiner fiktiven Existenz bedroht. Zwei weitere Artikel erinnern nun ganz schlicht, aber nicht trivial an die anthropozentrische Sicht, die hinter den Gottesvorstellungen steckt (Bild: Kristendawn, pixabay).

Der Artikel von Emily Thomas, Assistant Professor of Philosophy der Durham University, heißt Does the size of the universe prove God doesn’t exist? (The Conversation 2.11., hier geht es um das Astro-Argument, das olfaktorische kommt am Ende.) Die Argumentation zielt auf die Größenverhältnisse ab: Die Zahlen sprechen für die relative Bedeutungslosigkeit des Menschen im Universum.

Es gibt mindestens 2 Billionen Galaxien, und schon eine davon, unsere Milchstraße, hat 100 – 400 Milliarden Sonnen. Wie viele Planeten es gibt, weiß man nicht. Aber man weiß, dass dies Universum ein ganz anderes ist als das, in dem sich die Menschen wähnten, als die Religionen ins Leben gerufen wurden. Müssten die astronomischen Entdeckungen nicht Auswirkungen auf die Religionen haben?

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Argumentation für den Atheismus fortentwickelt. Religionsphilosophen wie Michael Martin und Nicholas Everitt stellten die Überlegung zur Diskussion, was für eine Art Universum der christliche Gott unserer Meinung nach wohl schaffen würde, und wie es tatsächlich beschaffen ist. Da ist eine Diskrepanz, stellen sie fest. Everitt geht der Frage nach, wie groß das Universum ist und leitet daraus Gründe ab, nicht an den klassischen christlichen Gott zu glauben.

Diskrepanz

Die Überlegung geht so: Der Bibel nach ist der christliche Gott zutiefst um das Wohl der Menschen besorgt. Laut Genesis (1:27) schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbild, und in den Psalmen (8:1-5) steht: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst … Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Johannes (3:16) wiederum erklärt, Gott gab den Menschen seinen eingeborenen Sohn (aus Liebe zum Menschen).

Mit diesen Texten will die Autorin die Menschenorientierung der christlichen Religion belegen. Die Menschen sind wie Gott, und Gott schätzt sie sehr. Und was beim Christentum gilt, findet sich auch in den anderen monotheistischen Religionen.

Wenn Gott nun so menschenorientiert ist, sollte er das Universum dann nicht so erschaffen, dass es am Menschen ausgerichtt ist? Die Menschen sollten dann das ganze Universum ausfüllen und über die gesamte Zeit hinweg existieren – aber das Universum ist nicht so.

Die Menschen sind so klein, und der Raum ist so groß ("big, really really big” nach Douglas Adams). 93 Milliarden Lichtjahre im Durchmesser, soweit wir sehen können; und der gesamte Raum dürfte mindestens 250-Mal größer sein als der beobachtbare Teil. Unser Planet ist 150 Millionen Kilometer von unserer Sonne entfernt, der nächste (Doppel-)Stern, Alpha Centauri, ist 4 Lichtjahre entfernt, ca. 40 Billionen Kilometer. Und das gesamte Universum enthält etwa 300 Trilliarden Sterne (300 * 10^21).

Spekulationen

Die Menschen bewohnen den winzigsten Teil davon. Die Landmasse des Planeten Erde ist ein Tropfen in diesem Ozean von Raum. Und es ist alt ("really, really old” nach Douglas Adams). Von den 13 Milliarden Jahren seiner Existenz macht die Menschheitsgeschichte nur 200.000 Jahre aus. Um im Bild zu bleiben, die Menschen gibt's erst seit einem Wimpernschlag. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären?

Die einfachste Erklärung ist, dass Gott nicht existiert. Die räumlichen und zeitlichen Dimensionen liefern gute Gründe, Atheist zu sein. In den Worten von Everitt  vermindern die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft die Wahrscheinlichkeit, dass der Theismus wahr sein könnte. Einfach deswegen, weil das Universum so anders ist, als es nach den "heiligen" Schriften zu erwarten wäre.

Oder gibt's auch andere Erklärungen? Gott könnte ja existieren, aber seine Motive, die Menschen früher zu erschaffen und weiter zu verbreiten, sind unbekannt. Das Göttliche ist nun mal mysteriös. Vielleicht dienen die Ansichten des Raums, wie sie auf ihrer nichtmenschlichen Skala ausgebreitet sind, bloß ästhetischen Zwecken. Oder Gott ist gar nicht so menschen-fixiert, wie die Bibel behauptet. Gott könnte ja Felsen und kosmischen Staub höher schätzen als Menschen.

Das Problem mit solchen konkurrierenden Erklärungen ist: Sie sind unbefriedigend. Sie mögen erklären, dass Gott die winzigen Menschenwesen in ein gigantisches Universum setzte, aber sie sind meilenweit weg von der Begründung warum.

Und der schöne Schußsatz: Das Gewicht der Galaxien, der Druck der Äonen, sie scheinen uns zum Atheismus zu drängen.

Es stinkt

Profaner – und prägnanter – geht's aber auch, wie der konkurrierende Artikel von dem Schriftsteller und Journalisten Klaus Ungerer zeigt, Es riecht nach Mensch (Der Freitag 4/17, hier also das olfaktorische Argument): Terror im Namen des Glaubens, Gedächtniskitsch um Martin Luther: Wir brauchen keinen Gott, wirklich nicht.

Demnach hat Gott, der lang schon Tote, längst zu stinken begonnen. Denn seit einigen Jahrhunderten könne jeder halbwegs gebildete Mensch die göttliche Idee als "unhaltbar und beschämend kurios" erkennen. Ein allmächtiges Wesen mit ungeklärtem Ursprung und zweifelhafter Existenz (lebendig / nicht lebendig/ irgendetwas dazwischen) habe das Universum mitsamt der physikalischen Gesetzen, der "betäubenden Unendlichkeit"  und Milliarden Sonnen und Planeten erschaffen?

Und dies Wesen soll nun, im Jahr 2017, ein ernsthaftes Interesse daran haben, dass man (um nur einige der bizarren Regeln anzuführen, die ihm zugeschrieben werden) – Löckchen an den Ohren trägt – auf keinen Fall einen Baconburger bestellt, sondern Lammfleischdöner – Statuetten eines gefolterten, halbnackten Bärtigen in jedes Klassenzimmer jeder Schule hängt – homosexuelle Liebe für etwas Schlimmes hält etc. pp. Der Autor nennt das "groteske Vorschriften", und sie stinken ihm nach Borniertheit, Kleinlichkeit, Machtgeilheit, Unterdrückungslust, Narzissmus und Dämlichkeit – kurz, sie riechen nach Mensch.

Ungerers Fazit: Heute brauchen wir keinen Gott. Brauchen uns nicht gemeinzumachen mit irrationalen, Jahrtausende alten Gespinsten.

Und das wissenbloggt-Fazit: Das hat Klaus Ungerer gut herausgeschnüffelt. Er hat bewiesen, dass die richtige Nase genauso wertvoll sein kann wie die astrophysikalische Bildung einer Emily Thomas. Man darf Ungerer als Schöpfer der astro-olfaktorischen Argumentation gegen Gott beglückwünschen. Götter sind höchst zweifelhafte Existenzen. Es ist nicht nur Zeit für beyond egg und beyond meat, sondern auch für beyond God.

 

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