Panikst├Ârungen - Eine Krankheit wird entschl├╝sselt von Frank Sacco


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Ab geht's in die Folterkammer der Religion – Frank Sacco, Doktor der Medizin, lädt ein. Nur keine Panik – und damit ist das Thema des Artikels erreicht.

Frank Sacco schreibt über Panikstörungen. Die Panikattacken sind vielfältig aufgeschlüsselt, aber die Gottphobie fehlt selbstverständlich im ICD-10 (Sacco). Die Kirchen, Deutschlands zweitgrößer Arbeitgeber und der größte der Psychiatrie mochten nicht, dass dieser Begriff  im Diagnoseschlüssel erscheint. Ecclesiogene Störungen sind ihnen ein Dorn im Auge, müssten sie ja u.a. für die Kosten der Therapie aufkommen. Doch wenn der behandelnde Analytiker nachfragt, liefern betroffene Kinder Hinweise auf den Religionsunterricht (Bilder: Sacco).

 

Panikstörungen – Eine Krankheit wird entschlüsselt  von Frank Sacco

Es gibt sie oft, diese Panikstörungen. Sie treten in Situationen auf, die an sich keine Panik hervorrufen sollten. Also nicht etwa in abstürzenden Flugzeugen. Die Psychiatrie spezifiziert im Diagnoseschlüssel ICD – 10 mehrere Untergruppen, bzw. Situationen, in denen Panikattacken ausbrechen können: Auf großen Plätzen (Agoraphobie), in engen Räumen (Klaustrophobie), oder die soziale Phobie mit ihrer Angst, im Kontakt mit der Umwelt etwas verkehrt zu machen. Bei der Phobie ist die zugrundeliegende Angst verdrängt. Die Gottphobie fehlt selbstverständlich im ICD-10. Die Kirchen, Deutschlands zweitgrößer Arbeitgeber und der größte der Psychiatrie mochten nicht, dass dieser Begriff  im Diagnoseschlüssel erscheint. Ecclesiogene Störungen sind ihnen ein Dorn im Auge, müssten sie ja u.a. für die Kosten der Therapie aufkommen.

Scheinbar ist also eine Panikstörung völlig überflüssig. Haben wir im Allgemeinen nicht recht sichere Verhältnisse auf Deutschlands großen Plätzen und in Deutschlands engen Räumen? Der bedrohliche Adolf Hitler ist gestorben. Auch Mao ist tot. Anschläge durch den IS halten sich zahlenmäßig hier noch in Grenzen. Sitzt dennoch empfindlichen Menschen hier ständig ein „Hitler“ im Nacken, der unbedingten Zugriff auf alle Bürger hat und ein tatsächliches KZ für sie vorhält? Jemand, der uns auf großen Plätzen auf Schritt und Tritt beobachtet und zensiert? Der Zugriff auf uns hat, wenn uns in engen Räumen die Flucht verwehrt erscheint? Der jedes Wort, ja jeden Gedanken  in unserem  sozialen Umgang auf eine Goldwaage legt?

Ein Kandidat für eine solche Phobie – Entwicklung kam heute mit seiner Mutter in die Sprechstunde. Der Junge geht in die 3. Klasse. Die Finger wiesen kleine Wunden auf. Die Nägel waren sehr kurz. Das Nägelbeißen war der Mutter nicht einmal aufgefallen. Es passiert nachts. Die Angst kommt nachts. Stop grow wurde aufgeschrieben. Es schmeckt sehr bitter und wird als Lack aufgetragen. Doch was war die Ursache des Nägelbeißens?

Die elterliche Erziehung schied mit Sicherheit aus. Ich fragte also nach den Inhalten des Religionsunterrichtes. Da hatte es dem Kind missfallen, dass „Gott“ jedes älteste Kind und das Vieh der Ägypter tötete, um Pharao umzustimmen und den unterdrückten Israeliten die Ausreise zu ermöglichen. Dabei, das erklärte ich dem Kind,  hätten mildere Methoden ja ausgereicht, z. B. eine vorübergehende Narkose für das Ägyptische Heer. Auch die Sintflut hatte dem Kind missfallen. Dieser Amoklauf seines „Gottes“ mit Millionen –Ertränkten.  Gute Menschen würden in den Himmel kommen, böse in die „Hölle“, so das Kind. Ich führte beherzt eine EAT durch. Sie dauerte etwa 10 Minuten. In dieser Therapie wird erklärt, dass Gott so nicht ist, wie ihn die Bibel schildert, weil er ja die Liebe ist. Und die Liebe hält keine Hölle, kein KZ  vor. Ich erzählte dem Kind, Gott die Liebe  habe nie jemanden und schon gar nicht ein unschuldiges Kind getötet, weder mit Wasser noch sonst irgendwie. Gott sei ja nicht „verrückt“. Es sei „Kirchenreklame“, ihn so darzustellen, wie es die Schule anstelle. Mit dieser Reklame solle Kindern große Angst gemacht werden. Der Junge wirkte erleichtert.

Kinder speichern vor der Entwicklung eines kritischen Bewusstseins Informationen über ihren Gott in abgelegenen Bezirken des Großhirns. Dort setzen sich lebenslange Engramme im Unbewussten fest. Diese dauerhaften, die Kindheit überdauernden  Tätowierungen der Seele nennt man auch  Archetypen. Der Kirchenautor Hans-Werner Deppe, Erzbistum Paderborn, stuft „Gott“ ein: Er sei  „schlimmer“ als Hitler.  Sein Bibelgott-Hitlervergleich ist im Grunde wie jeder Hitlervergleich widerlich, aber völlig legitim. Denn der Gott der Bibel führt sich tatsächlich „schlimmer als Hitler“ auf. Auch stammt  der Vergleich mit Hitler ansich von einem jüdischen Nobelpreisträger für Literatur: Isaak B. Singer. 

Dieser lebendige „Hitler“ also, unser Christengott ist es, der alles sieht auf großen Plätzen. Auch macht er jede Flucht aus engen Räumen unmöglich. Er liest jeden Gedanken und bestraft mit ewiger Folter ungebeichtete Fehler, die wir im Umgang mit unserem sozialen Umfeld alltäglich begehen. Bischof Nikolaus Schneider benennt stellvertretend für seine Kirche die Art dieser Strafen: Es warte ein „ewiges Feuer“ auf Sünder. Diese Botschaft Jesu sei „verstörend“, so der ehemalige EKD-Chef. Aufgrund diese Verstörtseins erscheint es empfindlichen Menschen besser, jeden sozialen Umgang möglichst zu vermeiden, z. B. in einer sozialen Phobie oder in einem Autismus bzw. einer Schizophrenie. Nur so kann es gelingen,  im zwischenmenschlichen Umgang fehlerfrei, kirchlich „sündenfrei“ zu bleiben. Oder man wird Nonne. Oder Mönch. Oder Landarzt (siehe bei Kafka: „Ein Landarzt“).

Einer Panikstörung liegt also in der Regel eine tatsächliche Massiv-Angst zugrunde, die noch einmal gravierender ist als die in einem abstürzenden Flugzeug. Der Tod auf der Wiese nahe einem Rollfeld ist meist schmerzlos. Der Nichttod in einem ewigen Feuer, bei dem es lt. Deppe bis zu 6000 Grad heiß werden  könne, ja in dem man „froh“ sei, um jedes nicht „brennende Körperteil“, ist damit nicht zu vergleichen. Es ist eine andere Dimension. Es ist ein Quantensprung. Panik heute in Deutschland: Ja. Vor einem „Hitler“? Ja. Doch konnte man sich vor Hitlers Foltern noch durch einen Gang in eine Gaskammer retten, so gibt es in Jesus KZ Hölle nicht einmal einen vor den Foltern „rettenden“ Elektrozaun. Hier klärt sich auch die Koexistenz der Symptome Panik und Depression. Es besteht im kollektiven Unbewussten ziemlich global  eine ständige unterschwellige Angst vor ewiger Strafe. Sie ist heutiges offizielles Dogma beider Amtskirchen. Und sie ist es, die das „Unbehagen in der Kultur“  eigentlich verursacht.

Psychiater reden die Schuld der Amtskirchen, ihrem größten Arbeitgeber,  an psychiatrischen Erkrankungen nicht klein, sondern weg. So schloss der Psychiater meiner Ärztekammer 2009 „sicher“ aus, dass ein Kind durch ein Höllenpredigen krank werden könne. Untersuchungen darüber kann er natürlich nicht vorweisen. Er macht aus seinem Wunsch eine „Wissenschaft“. Es ist eigene Gottangst meiner Kollegen, die sie in diesen größten Kunstfehler der Geschichte der Psychiatrie hinein führt. Sie ist auch die Ursache der hohen Suizidhäufigkeit unter Psychiatern und Psychotherapeuten. Sie kennen ihr Unbewusstes nicht. Krankmachende Religiosität ist auch in den Lehranalysen unserer Analytiker kein relevantes Thema. Diese Angst ist es auch, die unsere Psychiatrien füllt. Denn eine Psychiatrie ist immer nur ein Abbild der jeweiligen Gesellschaft.

sacoBabylonFrank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor u.a. des Buches "Wenn Glaube krank macht", BoD, 404 Seiten, 12,99 €

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