Rezension zu „Es waren einmal BANKER – Warum das moderne Finanzsystem gescheitert ist“ von Leonhard Fischer

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9783711001634-559x800Das internationale Finanzsystem hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert. Und spätestens seit dem großen Crash von 2008 mit den beispiellosen Rettungsaktionen von Politik und Zentralbanken sind die Auswirkungen bei allen Menschen angekommen. So schreibt der Ecowin-Verlag über das Buch von Leonhard Fischer und seinen "fundierten Befund zur Lage unseres Finanzwesens und (seine) originellen Vorschläge zur Überwindung der Krise." Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz (11/2017) sieht den Inhalt vor allem in dem Untertitel beschrieben „Warum das moderne Finanzsystem gescheitert ist“. Der Rezensent gibt eine uneingeschränkte Leseempfehlung für Interessierte.

 

Es waren einmal BANKER – Warum das moderne Finanzsystem gescheitert ist“

 

Wenn ein international tätiger, sehr renommierter Top-Finanzmanager gemeinsam mit einem erfahrenen Wirtschaftsjournalisten ein Buch mit dem provokanten Titel „Es waren einmal Banker“ präsentiert, kann man gespannt sein und viel erwarten – und wird im vorliegenden Fall auch nicht enttäuscht! Klar und schonungslos gegenüber der eigenen Branche und staatlichen Akteuren werden alte und neue Fehler, wie auch Versäumnisse, im Finanz- und Bankenwesen sowie in der Finanzpolitik analysiert und in ihren Auswirkungen offen gelegt.

Entlang persönlicher Erfahrungen und weiterführender Gedanken beschreibt Leonhard Fischer, angeregt und unterstützt durch Diskussionen mit dem Journalisten Arno Balzer, das Geschehen auf den Finanzmärkten, die Gründe für Krisen und Crashs und die Perspektiven für die Zukunft des Geldwesens. Über Dekaden hatte sich ein durch Deregulierungen, aber auch durch Technik, Theorien und Finanzmathematik vorangetriebener, mit blauäugigem Optimismus und Gier verbundener, grenzenloser Kapitalismus entwickelt, der 2008 in eine große Finanzkrise mündete: „Uns geht es darum, aufzuschreiben, was mit unserem Finanzsystem passiert ist, und zu erklären, warum das passiert ist – und zwar so, dass möglichst jeder es verstehen kann“ (S. 16).

Nach einem Prolog, der grundsätzliche Fragen aufwirft, beginnen die Ausführungen mit dem in die Finanzgeschichte eingegangenen „Saturday Night Massacre“ am 6. Oktober 1979, das – mit Freigabe der amerikanischen Zinsen und einer Talfahrt der Börsen – zu gravierenden Anpassungsprozessen führte, die die Finanzwelt radikal veränderten. Der Autor beschreibt die Entwicklung von „neuen Königen der Wall Street“ und der „schönen neuen Welt der Computer“, die brillanten Finanzmathematikern ermöglichte, mit immer mehr Formeln und Algorithmen in Verbindung mit „Data-Mining“ mathematische Finanzmodelle zur Bewertung von Optionen zu kreieren, was hochriskante „Derivate“ auf Aktien, Indizes, Währungen etc. entstehen ließ: „Das neue Geschäftsfeld breitet sich rasend schnell aus. Fast im Tagesrhythmus werden neue Produktvarianten geboren. Und dann kommt der ganz große Wurf. Die sogenannte Portofolio Insurance wird entwickelt“ (S. 66). In der Folge kam es 1987, ausgelöst vor allem durch Computertrading, zum ersten großen Crash; er konnte von der amerikanischen Zentralbank mittels drastischer Zinssenkung und Liquiditätsflutung bewältigt werden, was danach in der gesamten Finanzbranche, vor allem aber bei risikofreudigen Bankmanagern, zur verhängnisvollen Anschauung und Erwartung von „Too big to fail“ führte.

Mehrere Kapitel des Buches beleuchten die kritischen und gefährlichen Entwicklungen (ausufernder Derivatehandel, Hedgefonds und Private Equity etc.) im internationalen Finanzwesen, die zur jüngsten großen Finanzkrise führten: „Nein, es ist nicht nur die Gier einiger weniger gewesen, es ist vielmehr der Glaube vieler, dass modernes Risikomanagement, leistungsfähige Computertechnologie und offene, globalisierte Märkte die alten wirtschaftlichen Gesetze endlich ausgehebelt haben – es ist wie eine Religion, an die alle glauben wollen“ (S. 20). (Sir Isaac Newton, der im 17. Jahrhundert durch Finanzspekulationen sein gesamtes Vermögen verloren hatte, prägte dazu den legendären Satz: „I can calculate the movement of stars, but not the madness of man“)

Am 15. September 2008 platzte eine riesige Immobilienblase in den USA. Die amerikanische Administration verweigerte diesmal die „Too big to fail“-Hilfe, worauf die sehr bedeutende Investmentbank Lehman Brothers in die Insolvenz schlitterte und zahlreiche andere Banken weltweit mit in die Krise riss – eine gigantische Welle von Vermögensvernichtung war die Folge. Zur Anatomie der Krise gehörte die Handhabe und Wirkung der unüberschaubaren Fülle von Derivaten sowie ausgeklügelte computerisierte Risikomodelle, die versagt hatten, aber auch die Ignoranz, bzw. der gravierende Mangel an Verantwortungsbewusstsein der Akteure (hs. Banker) im Finanzsektor. Zusätzlich fatal wirkten – und wirken noch immer – gewaltige realwirtschaftliche Ungleichgewichte zwischen Asien und den USA (aber auch Europa), die sich über Jahrzehnte zu einer gewaltigen Geld- und Schuldenblase aufgebläht haben. Der oftmals zu hörenden Ansicht, dass die europäische Eurokrise eine Folge der globalen Finanzkrise 2008 sei, widersprechen beide Autoren; in ihrer Analyse kommen sie zur Auffassung, dass es auch ohne Finanzkrise zur Eurokrise gekommen wäre: „Und wenn sich bei der Finanzkrise die internationale Finanzelite blamiert hat, so ist es bei der Eurokrise die politische Elite Europas“ (S. 161). Schlüsselfaktoren der Eurokrise waren und sind die Leistungsbilanzdefizite der Südländer, zusammen mit fehlender Haushaltsdisziplin.

„Nach der Krise ist vor der Krise“ und „The Day After“ nennen sich zwei Kapitel, die den Blick in die Zukunft richten. Das deregulierte Finanzsystem hat sich als Quelle von Ineffizienz und Exzessen erwiesen, wie auch als zentrale Ursache für zunehmende Ungleichheit in der Vermögensverteilung: „Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr eine Einzelfallregulierung im Bankenbereich brauchen, sondern eine komplett neue internationale Geldarchitektur“ (S. 166). Die Verschuldung in der Weltwirtschaft (dzt. 200 Billionen Euro, d.h. 325% der weltweiten Wirtschaftsleistung) hat höchst bedrohliche Ausmaße angenommen und gleicht einer tickenden Zeitbombe, wobei es grundsätzlich nur zwei Wege gibt, sie zu entschärfen und auf ein verkraftbares Schuldenniveau zu kommen: Erstens Deflation mit Folgen wie Konkursen und Pleiten, oder zweitens Inflation als schleichende, oder abrupte Geldentwertung – beides als schmerzliche Teilenteignung der Gläubiger.

Im Kapitel „Zentralbanken – oder wie wir lernten, Schulden zu lieben“ werden die Methoden der „Geldschöpfung“ durch Zentralbanken und die damit verbundenen Gefahren aufgezeigt. Besonders die USA und Japan, aber auch zahlreiche Länder der Eurozone leben seit Jahrzehnten massiv über ihre Verhältnisse; die amerikanische, europäische und japanische Zentralbank versuchen – bis jetzt erfolgreich, aber wie lange noch? – durch exzessive Geldvermehrung die Probleme im Griff zu behalten. Durch niedrige, bzw. keine Zinsen und höhere Inflation sowie auch in der Forderung nach einer Transferunion sehen manche Finanzmanager und Politiker (z.B. Emmanuel Macron) einen Ausweg aus der Misere; für finanzstarke Länder wie Deutschland würde dies allerdings zu gigantischen Vermögensverlusten führen.

In den Kapiteln „Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt“ und „Anlegen in Zeiten der Cholera“ analysiert der Autor anhand verschiedener Szenarien die Situation der derzeitigen Finanzwirtschaft und die daraus resultierenden Möglichkeiten für Sparer und Anleger. Der von verschiedenen politischen Akteuren vertretenen Forderung nach einer Aufgabe, bzw. Rückabwicklung des Euro erteilt er eine klare Absage, da dies, wie er stringent erläutert, zu einem katastrophalen finanztechnischen und politischen Tohuwabohu mit gravierenden wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen führen würde.

In der Schlussbetrachtung „Die Lehre aber aus dieser Geschichte“ meint der Autor, dass eine Gesellschaft ihr Finanzsystem grundsätzlich nicht rein marktwirtschaftlich organisieren kann; jede Finanzarchitektur schafft unweigerlich Strukturen, die systemische Risiken entstehen lassen. Die Frage nach der Zukunft des Kapitalismus beantwortet er mit dem Hinweis auf eine neue, digitale Wirtschaftswelt, die ihre Angebote ohne große Investitionen ausweiten kann. Dies lasse zwangsläufig die Nachfrage nach Geld für Investitionen und damit auch den Zins sinken. Für beide Autoren steht fest: „Die Digitalisierung der Wirtschaft hat das Potential, das Wesen unseres Geldes noch grundsätzlicher zu verändern, als es der Finanzmarkt-Kapitalismus der vergangenen Jahrzehnte mitsamt allen Krisen und Crashs vermocht hat“(S.246). Und als Empfehlung für Geldanleger verweisen sie auf die natürlichen Ressourcen unseres Planeten, die eine der langfristig vielversprechendsten Wertanlagen darstellen und entsprechend geschützt werden sollten!

Während sich der Titel des Buches „Es waren einmal Banker“ dem Rezensenten nur sehr vage über Gedankenumwege erschließt, erfüllt der Untertitel „Warum das moderne Finanzsystem gescheitert ist“ alle diesbezüglichen Erwartungen. Das Buch bietet, populärwissenschaftlich fundiert, dabei auch spannend zu lesen, eine umfassende Darstellung der Gesetze, Regeln und Funktionsweisen des globalen sowie nationalen Finanz- und Bankenwesens mit all seinen Möglichkeiten, aber auch Risiken und Problemen. Uneingeschränkte Leseempfehlung für Interessierte, die wissen möchten, wie das Geldgewerbe funktioniert und welche finanzsystemischen Gefahren Staaten und Anleger aktuell bedrohen!

 

Gerfried Pongratz

Leonhard Fischer: „Es waren einmal BANKER – Warum das moderne Finanzsystem gescheitert ist“, Ecowin Verlag, 2017, ISBN 978-3-7110-0163-4, 246 Seiten.

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