Starke Stimme, schwache Schrift

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music-844655_1280Die Diskussion um die Kulturtechniken Lesen und Schreiben wird schon lange geführt. Viele sehen sie bedroht, weil die Videos überall übernehmen. Hinschauen & Zuhören gewinnen gegen das Lesen. Und das hat mehr Gründe als bloß das wundervolle Fernsehprogramm (Bild: Alexas_Fotos, pixabay).

Es geht natürlich auch darum, dass mehr rezipiert wird. Der  Medienkonsum steigt. Es wird nicht mehr viel handschriftlich geschrieben. Dafür greifen die digitalen Formen vom Schreiben um sich.

Allerdings auch die digitalen Formen von Klatsch und Tratsch – und die sind mit Bildern und Videoclips verstärkt. Was sich bewegt, ist automatisch ein Hingucker. Was bunt ist, heischt Aufmerksamkeit. In der Stimme ist die Musik. Die Stimme kommt von innen heraus. Sie ist nicht so oberflächlich wie das Schreiben.

Es gibt die Stimme der Seele und sogar die Stimme der Vernunft. Eine weitere Auswahl von Stimmen: Stimme der Hoffnung, Stimme der Berge, Stimme der Toten, Stimme der Erneuerung, Stimme der Jugend, Stimme der Ausgegrenzten, Stimme der DDR, Stimme der Straße, Stimme der Opfer, Stimme der Stille. Bloß die Wählerstimme zählt nicht viel – Moment, die wird ja auch schriftlich abgegeben.

Und die arme Schrift wurde geschändet von der Rechtschreibreform (wb-Links unten). Mit dem Ergebnis, jetzt sind viele Schreibungen beliebig, zusätzlich zu einem Fundus von Falschschreibungen. Worte werden großgeschrieben, die keine Substantive sind, z.T. können sie sogar gesteigert werden ("seit Längerem"). Worte werden getrennt, die zusammengehören ("weit gehend fertig gestellt", wo doch nix "gehend gestellt" werden kann). Multiple Dreifachbuchstaben ("sss") und Doppel-st ("selbstständig") lassen Texte vor den Augen verschwimmen. Trennungen sind volli-diotisch und irreführend ("Esse-
cke"), und bei gleichen Formen gehen sie anders ("Mes-ser, Mess-ergebnis").

Als ob das nicht genug wäre, vergreifen sich die Gender*innen an der Sprache mit neuen Schlagworten wie Mansplaining und Manterruption (wb-Links Schlagworte). Und vor allen Dingen mit überkandidelten Durchgenderungen ("Mitglieder*innen" und "Einwanderinnen und Einwanderer"), mit geschlechtergerechtem Formulieren ("mail carrier, postal worker" statt mailman). Das ist eine Schändung der ganzen Sprache, die sich bislang vor allem schriftlich niederschlägt, also da, wo's offiziell wird.

Solche Willkürausübung hat der Schrift bestimmt nicht gutgetan. Und das, wo sie sowieso eine schwächere Position hat. Dazu wurde der Artikel gedruckt Die Kraft der Stimme – weshalb Sprechen mehr überzeugt als Schreiben. In der elektronischen Form heißt es Psychologie – Bitte nicht schriftlich streiten! (Süddeutsche Zeitung 9.11.): Eine Studie zeigt: Kontroverse Meinungen provozieren weniger heftige Reaktionen, wenn diese mündlich dargereicht werden. Ein provozierendes Argument in Textform hingegen verleitet Leser leicht dazu, den Autor für einen dämlichen Unmenschen zu halten. Die Forscher vermuten: Die Stimme macht den Unterschied.

Die gesprochene Stimme ist ja auch anders. Die Stimme kann laut oder leise sein, freundlich oder böse. Man muss gleich zuhören, man kann nicht abkürzen. Man kann's nicht nochmal anhören, sondern nur das rekapitulieren, was im Gedächtnis geblieben ist. Und das ist stark von den wahrgenommenen Äußerlichkeiten der Sprecher und den transportierten Emotionen abhängig, vom sogenannten paralinguistischen Inhalt: der Tonlage, der Sprechgeschwindigkeit, dem Rhythmus.

Beim geschriebenen Text gibt's das nicht. Kein Timbre, keine Modulation, kein Gefühlsausdruck. Allenfalls kann der Text gesperrt oder FETT daherkommen oder sogar vollfett mit Ausrufezeichen:

Laut!!

Auch in der Wortwahl lässt sich einiges kompensieren. Wer eindringlich reden kann, braucht nicht zu starken Worten zu greifen. (Dieser Punkt war in der Studie ausgeschlossen, aber er spielt bestimmt eine Rolle.) Gemäß der Studie machte es einen Unterschied, ob der Sprecher konforme oder missliebige Meinungen äußerte – letzteres führte zum Urteil oberflächlich, kalt, irrational, kindisch.

Erstaunlich ist die Dominanz der Stimme gegenüber dem Bild. Es spielte nämlich keine Rolle, ob der Mensch mit der unbequemen Meinung zusätzlich zu sehen war und seine Inhalte in einem Film darbot. Dabei gibt es andere Studien, wo die Dominanz des Optischen betont wird, z.B. dass der besser aussehende Kandidat überzeugender wirkt.

Dem gibt man dann seine Stimme, und schon ist die Dominanz der Stimme besiegelt.
 

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Eine Antwort auf Starke Stimme, schwache Schrift

  1. Saco sagt:

    In der Tat. Überzeugen läßt sich viel leichter in einem persönlichen Gespräch.Oder in einem Vortrag. So schreibt mir Eugen Drewermann, er sei skeptisch,ob mein Weg zu einer Religions- und Psychiatriereform richtig sei, dieser Weg über die Veröffentlichung voon Büchern. Ein Umdenken in Religionssachen müsse individuell in Einzelgesprächen erfolgen. Nur so könne man Patienten überzeugen, religionsgeschädigt zu sein.Denn das verdrängt der Klient.

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