Bewusstsein steuert nicht: die Zombies grüßen

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Gerade hat sich wissenbloggt aus dem Fenster gelehnt und behauptet, Roboterintelligenz braucht kein Bewusstsein (wb-Links unten), da kommt Unterstützung von unerwarteter Seite. Die Professoren David A Oakley (Emeritus Professor of Psychology, University College London) und Peter Halligan (Hon Professor of Neuropsychology, Cardiff University) sagen, das Bewusstsein steuert nicht.

Gemeint ist, das Bewusstsein erzeugt unsere Überzeugungen, Gefühle und Wahrnehmungen nicht, es verursacht sie nicht, es sucht sie nicht aus. Stattdessen werden die Inhalte des Bewusstseins "hinter den Kulissen" erzeugt, von schnellen, effizienten, nichtbewussten Systemen in unserem Gehirn. Das passiert ohne Einflussnahme von unserer Selbstwahrnehmung ("personal awareness"), die "passiv im Beifahrersitz hockt", während diese Prozesse ablaufen (1. und 2. Link unten, Bild: geralt, pixabay).

Das ist nachgerade eine Sensation, denn es widerspricht den meisten Autoren, die im Bewusstsein die ganze Palette der kognitiven Entscheidungen verorten. Dass das Bewusstsein nur eine Art Monitor sein sollte, wie Oakley und Halligan nahelegen, geht am ehesten mit den Vorstellungen des Philosophieprofessors Thomas Metzinger einher, nach denen das Bewusstsein ein "Interface" ist und das Selbstmodell "Teil einer biologischen Benutzeroberfläche" (wb-Links Roboterintelligenz).

Der 1. Link ist der ausführliche Artikel, in dem Oakley und Halligan ihre These darlegen. Der 2. Link enthält eine benutzerfreundlichere Version, die hier referiert wird.

Demnach weiß jeder, wie es sich anfühlt, ein Bewusstsein zu haben. Es ist das selbsterklärende Erlebnis der Selbstwahrnehmung, das uns eine Empfindung von Inhaberschaft und Kontrolle über die Gedanken, Gefühle und Erfahrungen gibt, die wir tagtäglich haben.

Die meisten Experten teilen das Bewusstsein in zwei Aspekte: die Erfahrung des Bewusstseins bzw. der Selbstwahrnehmung, und die Inhalte des Bewusstseins. Dazu gehören Gedanken, Überzeugungen, Empfindungen, Wahrnehmungen, Absichten, Erinnerungen und Emotionen.

Naheliegenderweise kann man annehmen, dass diese Bewusstseinsinhalte irgendwie von der Selbstwahrnehmung ausgesucht, verursacht oder kontrolliert werden. Schließlich existieren Gedanken nicht, bis man sie denkt. Aber in dem neuen Paper der Autoren wird argumentiert, dass das ein Irrtum sei.

Wie bereits erwähnt ist die vertretene Vorstellung, dass die Selbstwahrnehmung nicht die Überzeugungen, Gefühle und Wahrnehmungen erzeugt, verursacht oder aussucht. Vielmehr werden die Inhalte des Bewusstseins "hinter den Kulissen" erzeugt, von schnellen, effizienten, nichtbewussten Systemen in unserem Gehirn. Das passiert ohne Einflussnahme von unserer Selbstwahrnehmung, die "passiv im Beifahrersitz hockt", während diese Prozesse ablaufen.

Einfach gesagt, wählen wir die Gedanken und Gefühle nicht bewusst aus – wir werden ihrer gewahr.

Gewahrwerden

Die Autoren geben zu, das klinge merkwürdig (zumal die Literatur meist das Gegenteil voraussetzt, wb). Außerdem ist zu bedenken, wie mühelos wir beim Aufwachen das Bewusstsein wiedererlangen, nachdem wir es während des Schlafs verloren haben. Und wie Gedanken und Emotionen – willkommen oder nicht – fertig geformt im Geist ankommen. Und wie aus dem Farben und Formen der optischen Perzeption bedeutungstragende Objekte oder memorierbare Gesichter konstruiert werden, ohne Anstrengung, ohne Nachhilfe des bewussten Geistes.

Auch die ganzen neurophysiologischen Prozesse, die man für Körperbewegungen oder Sprechen braucht, laufen ohne Selbstwahrnehmung ab. Die Autoren glauben, dass die Prozesse, welche die Bewusstseinsinhalte erzeugen, ebenso an der Selbstwahrnehmung vorbeilaufen.

Diese Forschungsergebnisse gehen auch auf Untersuchungen an neuropsychologischen und neuropsychiatrischen Krankheiten zurück, ebenso wie auf neuronale Kognitionsstudien unter Verwendung von Hypnose. Bei letzterem konnten sich die Stimmungen, Gedanken und Wahrnehmungen der Testpersonen durch die hypnotische Suggestion stark verändern.

Hypnose

Die Versuchsteilnehmer gehen dabei durch eine Hypnose-Einführungs-Prozedur, damit sie in einen mental fokussierten und erfüllten Zustand geraten. Dann werden ihnen Dinge vorgespiegelt, um ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen zu beeinflussen. Als Beispiel wird ein Versuch genannt, wo die Forscher die Hirnaktivität aufzeichneten, während die Teilnehmer ihren Arm willentlich hoben. Zum Vergleich wurde der Arm passiv angehoben, und das wurde mit der hypnotischen Vorspiegelung solch passiver Anhebung verglichen.

Im Hirn waren während der passiven und der vorgespiegelten Bewegung gleiche Areale aktiv, während die willentliche Bewegung andere Areale aktivierte. Demnach kann das Hypnotisieren als Methode gesehen werden, einen Glauben zu vermitteln, der – wenn er akzeptiert wird – die Macht hat, die Wahrnehmung und Verhalten einer Person zu ändern.

Aber woher kommen die Gedanken, Emotionen und Wahrnehmungen dann, wenn sie so manipulierbar sind? Dazu argumentieren Oakley und Halligan, die Inhalte des Bewusstseins seien eine Untermenge der Erfahrungen, Emotionen, Gedanken und Überzeugungen, die von unbewussten Prozessen im Hirn erzeugt werden.

Narrativ

Diese Untermenge erhält die Form einer Selbst-Geschichte ("personal narrative"), die ständig fortgeschrieben wird. Die Selbst-Geschichte existiert parallel zu der Selbstwahrnehmung, wobei die letztere keinen Einfluss auf die erstere hat.

Die Selbst-Geschichte ist aber wichtig, weil sie die Informationen liefert, die im autobiografischen Gedächtnis gespeichert werden (die Story, die wir uns selbst über uns selbst erzählen). Sie gibt uns Menschen die Möglichkeit, zu kommunizieren, was wir aufnehmen und erleben.

Das wiederum erlaubt uns, Überlebensstrategien zu schaffen, z.B., indem das Verhalten anderer Menschen vorausgesagt wird. Intersubjektive Fähigkeiten wie diese stützen die Entwicklung von sozialen und kulturellen Strukturen, die das Überleben der Menschheit seit Jahrtausenden sichern.

Das Argument ist nun, die Fähigkeit, die Selbst-Geschichte zu kommunizieren – nicht aber die Selbstwahrnehmung – gibt uns Menschen unseren einzigartigen evolutionären Vorteil.

Vorteil?

Wenn die Erfahrung von Bewusstsein nicht mit irgendeinem besonderen Vorteil einhergeht, bleibt unklar, was sein Sinn sein soll. Als passiver Begleiter von unbewussten Prozessen macht das Bewusstsein nach Ansicht der Autoren keinen rechten Sinn. Vergleichbar mit dem Regenbogen, der einfach das Ergebnis von Reflektion, Refraktion und Dispersion von Sonnenlicht in Wassertröpfchen sind – ohne irgendeinen besonderen Sinn.

Die Schlussfolgerungen gehen bis dahin, dass sich Fragen zum Freien Willen und zur persönlichen Verantwortung stellen. Wenn unsere Selbstwahrnehmung nicht die Inhalte unserer Selbst-Geschichte kontrolliert, die unsere Gedanken, Gefühle, Emotionen, Handlungen und Entscheidungen abbildet, dann sollten wir vielleicht nicht verantwortlich dafür sein.

Als Antwort darauf geben die Autoren an, Freier Wille und persönliche Verantwortung seien Konstrukte unserer Gesellschaft. Als solche seien sie in unsere Sichtweisen und unser Selbstverständnis eingebaut. Deshalb seien sie in den unbewussten Prozessen repräsentiert, die unsere Selbst-Geschichte kreieren, und in der Art, wie wir diese Geschichte kommunizieren.

Bloß weil das Bewusstsein im Beifahrersitz hockt, bedeutet das nicht, dass wir uns von wichtigen alltäglichen Begriffen wie Freiem Willen und persönlicher Verantwortung lossagen können. Tatsächlich sind sie eingebettet in die Mechanismen unserer unbewussten Hirnsysteme. Sie erfüllen einen wichtigen Zweck in der Gesellschaft und haben großen Einfluss darauf, wie wir uns selbst verstehen.

Fazit

Zum Freien Willen gibt's bei wissenbloggt einige Artikel, die hier nicht nochmal extra aufgeführt werden (wb-Links Freier Wille). Dass die Autoren dem Bewusstsein als passivem Begleiter von unbewussten Prozessen sogar den Sinn absprechen, geht allerdings über den hier vertretenen Standpunkt hinaus.

Immerhin wurde hier die These verfochten, Roboterintelligenz braucht kein Bewusstsein, es geht auch ohne. Vor allem wird hier auch die Trennung vertreten, Kognition bewusste Kognition, Wille – bewusster Wille usw., dass also das Bewusstsein eine Komplikation und eine Dreingabe ist. Darin sieht sich wb auf der Seite von Oakley und Halligan, die das Bewusstsein gänzlich in den Beifahrersitz verfrachten.

Da grüßen die Zombies, die Menschen ohne Seele, sprich ohne Bewusstsein. Es müsste auch ohne Bewusstsein gehen, wenn das Bewusstsein nichts steuert und einfach nur mitläuft. In der Langform (1.) sagt der Artikel ja eindeutig, das Bewusstsein habe keinen top-down control process, und es beinhalte keine ausführende, verursachende oder kontrollierende Beziehung zu irgendwelchen von den psychischen Prozessen, die wir ihm zuschreiben. Die psychischen Prozesse seien nicht unter seiner Kontrolle.

Dass das Bewusstsein so gar keinen Durchgriff und wohl auch keinen Sinn hat, wird hier aber nicht vertreten (wb-Links Bewusstsein). Die Evolution wird sowas Aufwendiges doch nicht schaffen und erhalten, wenn's nix bringt? Wenn die Verortung im Raum, die Generierung von Zeit, das Lernen, das Handlen von Alarm usw. usf. "hinter den Kulissen" passiert, bleibt allerdings nicht allzuviel für die Sinnsuche übrig – das Bewusstsein kriegt die Sinnkrise.

 

Links zu den Originalartikeln:

  1. Chasing the Rainbow: The Non-conscious Nature of Being (frontiers in Psychology 14.11.): Despite the compelling subjective experience of executive self-control, we argue that “consciousness” contains no top-down control processes and that “consciousness” involves no executive, causal, or controlling relationship with any of the familiar psychological processes conventionally attributed to it. In our view, psychological processing and psychological products are not under the control of consciousness.
  2. What if consciousness is not what drives the human mind?  (The Conversation 22.11.): We suggest that our personal awareness does not create, cause or choose our beliefs, feelings or perceptions. Instead, the contents of consciousness are generated “behind the scenes” by fast, efficient, non-conscious systems in our brains. All this happens without any interference from our personal awareness, which sits passively in the passenger seat while these processes occur.

Links von wissenbloggt dazu:

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