Philosophie: Glück & Wille

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Vom verschmitzten Lächeln des Glücks (Bild: 21150, pixabay) zu den gefletschten Zähnen des Willens (Bild: Kjerstin_Michaela, pixabay) ist ein weiter Weg. An diesen beiden Aspekten des menschlichen Seins wird der Versuch unternommen, Aussagen über das Bewusstsein abzuleiten, speziell zu der Frage, müssen Glück und Wille bewusst sein? Gemeinsam haben sie die Eigenschaft, manipulierbar oder kontrollierbar zu sein und von daher Einsichten zu eröffnen. Das Ganze folgt der Überlegung, dass die unvollständige wissenschaftliche Abdeckung von diesem Bereich auch Amateuren die Freiheit gibt, an der Forschung mitzuwerkeln. Immerhin ist ja jeder mit dem nötigen Instrumentarium ausgestattet: Kopf, Hirn, Körper. 

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Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt, hat Albert Schweitzer gesagt. Etwas profaner sind die biologischen Grundlagen, die in den Glücksempfindungen die Wirkungen von Hormonen wie Endorphinen und Oxytocin sowie Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin sehen. Solche Glückshormone werden freigesetzt durch Nahrungsaufnahme, beim Geschlechtsverkehr oder beim Sport, aber auch im Zustand zufriedener Entspannung.

Die Philosophie hat viele Glücksdefinitionen vom "Lebensglück" und vom "Zufallsglück", vom "größten Glück der größten Zahl" bis hin zu Glücksumfragen für den "Weltglücksbericht". Nach Bunge/Mahner könnte das Glück als Menge der Glückszustände definiert werden (Unterstellung wb), passend zum Bewusstsein als Menge aller Bewusstseinszustände. Ein Glückszustand existiert damit gemauso real wie ein Bewusstseinszustand. Analog zu diesem ist er eine Eigenschaft von hormonellen und neuronalen Prozessen.

Der Bestsellerautor Yuval Harari schreibt in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit über die Vermessung des Glücks (S. 463 …). Dort wird erklärt, jeder Sinn, den wir unserem Leben geben, sei reine Illusion, und wenn man sein Glück vom Lebenssinn abhängig machen will, müsse man sich eine wirkungsvolle Illusion zulegen.

Eine Vermessung des Glücks anhand von materiellen Faktoren wie Gesundheit, Ernährung und Wohlstand scheitere. Der Zusammenhang um so glücklicher, je reicher und gesünder ist nicht nachgewiesen. Trotz bester materieller Umstände könne es Entfremdung und Sinnlosigkeit geben – das subjektive Wohlbefinden hängt nicht unbedingt von den objektiven Verhältnissen ab. Selbst ein Lottogewinn (chance) erzeugt nur auf kurze Zeit Glück (happiness). 

Unser Glücksverständnis ist sehr unterschiedlich, von der hedonistischen Suche nach bestimmten emotionalen Zuständen (wb: Ego-Orgiastik) bis zur buddhistischen Zufriedenheit (wb: Selbst-Bauchpinseln). Bei unseren subjektiven Empfindungen handele es sich lediglich um "flüchtige Schwingungen", während der Buddhismus Ruhe, Klarheit, inneren Frieden und Selbsterkenntnis liefere. Dazu spendiert wb noch das aufgeschnappte Bonmot Glücklich sein heißt nicht, das Beste von allem zu haben, sondern das Beste aus allem zu machen.

Künstliches Glück

Durch elektrische Stimulation von Ratten-Hirnen kann Glück ausgelöst werden. Wenn man den Tieren einen Knopf gibt, mit dem sie die Stimulation auslösen können, werden sie Knopfdruck-süchtig. Bei Menschen hat man das noch nicht versucht. Ist auch nicht nötig, denn es gibt ja die Glücksdrogen. Z.B. Heroin (Kunstname) wird innerhalb weniger Minuten (u.a.) in das Alkaloid Morphin umgewandelt. Das Morphin verursacht die meisten Wirkungen der Droge. Es dockt statt der Endorphine an den Opioid-​Rezeptoren an – und das setzt indirekt Dopamin frei, was stundenlange Euphorie verursacht. Danach ist das künstliche Glück allerdings zuende, und es gibt Entzugs- und andere Folgeerscheinungen.

Mit diesem Vorlauf wird das Argument möglich, Glück ist letztlich das, was die Glückshormone treiben. Begründungen wie Glücklich ist man, weil man besser dasteht als der Nachbar führen in die Irre. Glücklich ist man, weil das Besserdastehen als der Nachbar Prozesse und Zustände in Hirn und Hormonsystem auslöst, die Glückshormone freisetzen.

Es gibt demnach keine direkte Logik von der Art, glücklich, weil die Verhältnisse in der Umgebung so oder so sind. Die Logik liegt in den Verschaltungen, mit denen die Verhältnisse im Hirn abgebildet werden, und die am Ende die Hormonausschüttungen auslösen – und das muss keine nachvollziehbare Logik sein; es kann ebensogut Unlogik mitspielen.

Nach dem Glücksverständnis des Buddhismus', tendieren die subjektiven Empfindungen zum Negativen (wer glücklich ist, hat Angst ums Glück oder will mehr Glück und wird darum unglücklich). Statt diesen "flüchtigen Schwingungen" hinterherzurennen, strebt der Buddhist nach Gleichmut und innerem Frieden – wahrscheinlich konditioniert er sich damit bloß auf weniger Dopamin und mehr Serotonin (oder umgekehrt), und vor allem auf wenger Adrenalin.

Aus dieser Sicht kann man Glück auch ohne Bewusstsein für möglich halten, nach dem Motto Ich wusste gar nicht, wie glücklich ich war. Kann der Mensch unbewusst glücklich sein, oder gilt es nur, wenn das Bewusstsein erfasst wird? Ist das Glück womöglich enger mit dem Bewusstsein verzahnt als etwa der Wille? 

Die Konsequenz ist: Wenn man das unbewusste Glück für möglich hält, muss man auch den Maschinen zusprechen, dass sie glücklich sein können. Was beim Menschen der Hormonpegel ist, wäre dann ein Spannungspotential. Und vielleicht noch ein paar Volt zusätzlich im Bordsystem, damit alles so schön funktioniert wie beim hormonell angeregten Menschen?


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Zunächst muss ein Ziel festgelegt  werden, dann wird Initiative ergriffen. Ohne die Eigeninitiative ist es nur ein Wunsch, der durch andere Menschen oder durch den Zufall erfüllt wird – der Wille wird herkömmlich als Produkt von Bewusstseinsprozessen angesehen.

Seit Benjamin Libet ist diese Sicht nicht mehr haltbar. Libets Experiment weist nach, dass die Willensentscheidung außerhalb vom Bewusstsein stattfindet und erst nachträglich bewusst wird. Der Entschluss zu handeln wird von unbewussten Gehirnprozessen gefällt, bevor er als Absicht ins Bewusstsein dringt. Die bewusste Entscheidung kann somit nicht ursächlich für die Handlung sein.

Nach Oliver Sacks können Stromstöße (bei hirnkranken Patienten) das Bewusstsein und sogar Handlungen steuern, und unter Hypnose kann den Probanden ein posthypnotischer Befehl eingepflanzt werden. Wenn der Proband dann das Fenster öffnet, wie ihm suggeriert wurde, konstruiert er auf Anfrage sogleich eine Begründung für seine Handlung. Die Begründung hört sich plausibel an, aber sie ist falsch, denn der Proband weiß nichts von seinem posthypnotischen Befehl.

Demnach kommt erst die Entscheidung, dann kann sie bewusst werden und als Wille interpretiert werden. Wichtige Entscheidungen sind auch solche, die nicht unmittelbar ausgeführt werden, sondern die den Willen definieren und für zukünftige Beschlüsse festlegen. Unwichtige Entscheidungen für das tägliche Einerlei gehen meist am Bewusstsein vorbei.

Ob das ein Freier Wille ist, wird in anderen wb-Artikeln diskutiert; das muss hier nicht aufgewärmt werden. Der Punkt ist, dass Wille durchaus ohne Bewusstsein vorstellbar ist, wie auch der wb-Artikel über die Roboterintelligenz ohne Bewusstsein behauptet.

Teils wird sogar die Ansicht vertreten, das Bewusstsein laufe nur nebenher und steuere gar nichts (Bewusstsein steuert nicht). So weit muss man nicht gehen, zumal dann die Antwort fehlt, wozu die Evolution so etwas Aufwendiges wie das Bewusstsein überhaupt hervorgebracht hat.

Hier wird auch nicht Poppers Propensitäten das Wort geredet. Sonst wären starke Neigungen Turbo-Propensitäten, und Turboprop passt hier nicht.

Als Resumee lässt sich die Sichtweise einer klaren Trennung von Wille und Bewusstsein gut vertreten. Die getrennte Sicht von Glück und Bewusstsein ist allerdings fraglich. Nicht weil das Glück bewusst definiert werden müsste, aber weil das Glück mit den Hormonkreisläufen zusammenhängt, und das Bewusstsein anscheinend auch, wie es in Bewusstsein VI – inneres Modell vertreten wird.

 

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Eine Antwort auf Philosophie: Glück & Wille

  1. Saco sagt:

    Glücklich ist man oft schon, wenn man weniger unglücklich ist. Kommt ein Unglücklicher in die Praxis, ist es oft hilfreich, die Dinge aufzulisten, die das Unglück bewirken und diese Dinge 1. Nach Wichtigkeit zu sortieren und 2. Abzuarbeiten. Dann soll man auch darüber nachdenken, was schlimmstenfalls passieren kann.  Hat man  Sorge um sein Erbe, so soll man sich fragen: Brauche ich das Erbe überhaupt. Kann man das Haus nicht halten, muss man sich fragen: Kann ich nicht in einer Wohnung oder einer Gemeinschaft vielleicht sogar besser leben. Dann kommt die Frage: Komme ich mit Hartz 4 aus? Man macht dann einen Plan, wie das gehen könnte. Was kostet ein gutes Essen am Tag mit preiswerten Nahrungsmitteln? Reicht mir zur Not Leitungswasser? Wie kann ich zuverdienen? Wo gibt es Hilfen? Man muss die Damoklesschwerter genau untersuchen. Dann verlieren sie manchmal ihre Schärfe.

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