Deutsche Leseschwäche hinterfragt

image_pdfimage_print

letters-67046_1280geraltIn Deutschland grassiert eine Leseschwäche, die man nicht in Dioptrien messen kann. Die Schüler der Grundschule zeigen sehr unterschiedliche Leistungen beim Lesen. Die einen werden besser, die anderen fallen ab, und das Mittel bleibt ungefähr gleich (Bild: geralt, pixabay).

Nur ist der Mittelwert der Lesekompetenz gar nicht gut im Land der Dichter und Denker. Deutschland liegt unter dem Mittel der OECD-Staaten und unter dem Mittel der EU-Staaten, aber über dem internationalen Mittel – gerade eben vor Kasachstan, aber weit hinter den als Analphabetenland verschrieenen USA. Ganz oben in der Lese-Rangliste liegen Russland und Singapur.

Das ist das Ergebnis der Schulleistungsstudie IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, 1. Link unten). Weltweit waren rund 313.000 Schülerinnen und Schüler, 300.000 Eltern, 16.000 Lehrerinnen und Lehrer sowie 11.000 Schulleitungen an IGLU 2016 beteiligt. In Deutschland waren es rund 4.000 "Viertklässlerinnen und Viertklässler", ebenso wie rund 3.000 Eltern, 200 Deutschlehrkräfte und 190 Schulleitungen.

Weitere Ergebnisse aus (2.): Die Schülerinnen und Schüler in Deutschland erreichen einen Leistungsmittelwert im Lesen von 537  Punkten. Sie befinden sich damit im unteren Mittelfeld der Rangreihe der teilnehmenden Staaten und Regionen. In 20 Staaten erzielen Schülerinnen und Schüler signifikant bessere Leseleistungen als vergleichbare Grundschulkinder in Deutschland. Im EU-Vergleich schneiden mehr als die Hälfte der Teilnehmer besser ab: Irland, Finnland, Polen, Nordirland, England, Lettland, Schweden, Ungarn, Bulgarien, Litauen, Italien, Dänemark und die Niederlande.

Besonders auffallend: Die Streuung der Leistungen ist in Deutschland mit 78 Punkten besonders hoch (50 Punkte entsprechen einem Schuljahr). Insgesamt ist nur die Streuung größer geworden, der Mittelwert ist seit 2001 gleich geblieben. Es ist also nicht besser geworden, nur ungleicher.

Die gute Nachricht: Die bildungsaffinen Eltern tun selber was für die Bildung vom Nachwuchs – daher die vermehrten guten Leseleistungen. Nicht so gut: Vele stecken ihre Kinder in Konfessionsschulen, wo der Standard höher ist als in den staatlichen Schulen.

Und die schlechte Nachricht: 2016 erreichen 18.9 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland nicht die Kompetenzstufe III. Diese Kinder verfügen über ein nicht ausreichendes Leistungsniveau im Lesen. Es ist davon auszugehen, dass sie mit erheblichen Schwierigkeiten beim Lernen in allen Fächern in der Sekundarstufe I konfrontiert sein werden.

Ursachen

Ein Wunder ist das nicht, denn bei den Bildungsinvestitionen liegt Deutschland seit Jahren auf dem drittletzten Platz der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development). Und wenn jetzt Geld ausgegeben wird, dann soll es in die Rüstung gehen, für die "Permanente Strukturierte Zusammenarbeit" der EU-Minister. Von Erhöhung des deutschen Bildungsetats ist nicht die Rede (Bild: ClkerFreeVectorImages, pixabay).

reading-297450_960_720ClkerFreeVectorImages Natürlich gibt es noch mehr Ursachen, z.B. die zunehmende Video-Flut, von der das Lesen zurückgedrängt wird. Weil das in allen Staaten so ist, wird das hier nicht weiter thematisiert. Was aber Thema sein sollte, ist die Frage, inwieweit die schlechten deutschen Ergebnisse migrationsgemacht sind. Diese Frage wird in der Studie nicht expressis verbis gestellt; dabei ist der Anspruch hoch:

Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund von Themen dargestellt, die das Lehren und Lernen an Grundschulen in Deutschland verändert und den Bildungsdiskurs der letzten Jahre besonders geprägt haben. Die Lesekompetenzen der Grundschulkinder werden anhand von zentralen Merkmalen wie Geschlecht, soziale Herkunft, Migrationsstatus und Gestaltungsmerkmalen des Unterrichts sowie im Hinblick auf den Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe I analysiert.

In der Pressemappe (2.) kommt das Wort Migration nur 1* vor, aber der eigentliche Bericht (1.) ist voll davon. Dort kann man auch die Antwort auf die ungestellte Frage lesen: Die Antwort ist ein klares Ja, die Leseschwäche ist migrationsgemacht.

Migration

S. 22: Einige Teilnehmerstaaten und -regionen weisen im Vergleich zu Deutschland deutlich niedrigere migrationsbezogene Disparitäten auf. … Laut Angaben der Eltern, die den Fragebogen ausgefüllt haben, liegt der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund (mindestens ein Elternteil im Ausland geboren) bei rund 32 Prozent und ist vor dem Hintergrund verfügbarer Bildungsstatistiken plausibel. … Im Vergleich zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, deren Eltern in Deutschland geboren sind, erzielen Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund Leseleistungen, die 24 (ein Elternteil im Ausland geboren) beziehungsweise 49 (beide Elternteile im Ausland geboren) Leistungspunkte geringer ausfallen, ein Unterschied, der einem Lernzuwachs von einem halben beziehungsweise einem ganzen Schuljahr entspricht. … Trotz vielfältiger Anstrengungen ist es am Ende der vierjährigen Grundschulzeit in Deutschland nicht gelungen, das bildungspolitische Ziel der Verringerung von zuwanderungsbezogenen Disparitäten zu realisieren. Berücksichtigt werden muss allerdings, dass sich die Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler aus Familien mit Migrationshintergrund in 15 Jahren verändert hat. … Die Heterogenität ist größer geworden.

S. 219: Spätestens mit der Internationalen Reading Literacy Study (Elley, 1992; Lehmann, Peek, Pieper & von Stritzky, 1995) wurde der Nachweis erbracht, dass Viertklässlerinnen und Viertklässler mit Migrationshintergrund im Vergleich zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern ohne Migrationshintergrund im Durchschnitt niedrigere Leseleistungen erzielen.

S. 220: Zudem zeigt sich, dass Viertklässlerinnen und Viertklässler mit Migrationshintergrund in Deutschland im Lesen in den niedrigen Kompetenzstufen überrepräsentiert, in den höchsten Kompetenzstufen hingegen deutlich unterrepräsentiert sind.

S 222: Zum anderen liegen die jüngeren größeren fluchtbedingten Zuwanderungen nach Deutschland zeitlich nicht weit genug vor der Erhebung von IGLU im Mai/Juni 2016, so dass nur sehr wenige Kinder von neu zugewanderten Geflüchteten zum Testzeitpunkt bereits als anerkannte Geflüchtete die vierte Jahrgangsstufe einer Grundschule in Deutschland besuchten.

S. 232: Zudem ist mit 29 Prozent der Anteil an schwachen Leserinnen und Lesern aus Familien mit Migrationshintergrund (beide Elternteile), verglichen mit Schülerinnen und Schülern ohne Migrationshintergrund, immer noch eklatant hoch. Nur etwa jedes zehnte der Kinder, deren Eltern in Deutschland geboren wurden, zeigt vergleichbar schwache Leseleistungen auf dem Niveau der Kompetenzstufen I und II.

Die dargestellten Befunde erlauben es auch für 2016 nicht, ein positives Fazit zu ziehen. Auf Basis der IGLU-Ergebnisse lassen sich keine Hinweise darauf erkennen, dass es dem deutschen Schulsystem, trotz vielfältiger Bemühungen, bisher gelungen ist, dem bildungspolitischen Ziel, der systematischen Reduktion von zuwanderungsbezogenen Disparitäten, näher zu kommen.

Forderung

Klare Aussage also, die Migration drückt die Leseleistungen, und es kommt noch viel schlechter, weil die Zuwanderung von 2015 noch nicht in der Studie angekommen ist. Schließlich schaffen in Syrien 65% der Schüler nicht den Sprung über das, was die OECD als Grundkompetenzen definiert.

Daraus leitet die Studie mehrere Forderungen ab, davon eine (so ganz nebenbei) migrationsbezogene: Herstellung von Chancengerechtigkeit für Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sozialen Herkunft, ihrem Migrationsstatus oder anderen Merkmalen.

Was hier zum Vorschein kommt, ist wieder die übertriebene political correctness. Es darf nicht gesagt werden, dass Deutschlands Absinken bei den schulischen Leistungen wie Lesen (und vermutlich auch anderen Bereichen) nicht bloß eine Folge der Bildungspolitik ist, sondern vor allem eine Folge der Immigrationspolitik – und dass weiteres Absinken bevorsteht.

Es geht hier nicht darum, die Notwendigkeit von Bildungsausgaben anzuzweifeln. Aber das Ärgernis liegt nicht nur in der Unredlichkeit, sonden auch darin, dass wieder mal Grundlagen geschaffen werden, auf denen Kosten falsch verbucht werden können, um die Immigrationskosten besser aussehen zu lassen.

 

Medien-Links:

wb-Links dazu:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Sprache veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Deutsche Leseschwäche hinterfragt

  1. Wilfried Müller sagt:

    Dieser Text wurde bei atheisten-info.at im Artikel Leseschwächen verwendet, zusammen mit einem Text aus der Sonntagsbeilage der österreichischen Kronenzeitung von Dr. Tassilo Wallentin (10.12.). Anlass ist der Stand der Lesefähigkeiten von österreichischen Grundschülern, der anscheinend noch schlechter ist als bei den deutschen.

    Textprobe vom atheisten-info.at-Macher Erwin Peterseil: Zu glauben, es käme im Leben immer nur auf''s eigene Wollen an, ist ein völlig weltfremder Aberglaube von der absolut dümmsten Art! Im wirklichen Leben lernt dann jeder, dass auch gemusst werden muss – und dass dafür auch was gekonnt werden soll, haben eben viele nie lernen gemusst!

    Und von Dr. Wallentin: Wer nicht lesen und schreiben kann, von dem heißt es  im Zeugnis, "er kann gut zuhören und versteht so manches". Wer von anderen abschreibt, "delegiert seine Hausaufgaben erfolgreich". Und wer dämliche Antworten gibt, schwänzt und von der Schule fliegt, "ist sehr originell, widmet sich erfolgreich außerschulischen Aktivitäten und verlässt die Schule auf eigenen Wunsch, um sich neuen Herausforderungen zu stellen".


     

     

Schreibe einen Kommentar