Über den „Sinn des Lebens“ von Frank Sacco

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Für Gläubige macht sogar ein verdrießliches Leben Sinn: Je schlechter es hier läuft, umso besser wird es in einer erhofften oder angenommenen  Transzendenz. So schreibt Frank Sacco, Doktor der Medizin. Für Religionsfreie sieht er aber auch Sinn: Man findet hier im Helfen Sinn (Bild: Sacco, der Sinn ist im rechten unteren Quadranten abgebildet).

Über den „Sinn des Lebens“  von Frank Sacco

Das Leben hat eine naturimmanente Ausrichtung. Leben will weiterleben, ja es will sich sogar triebhaft reproduzieren: Millionen Spermien sterben, und eines kommt zum Ziel. Leben will nach dem individuellen Tod in anderen Existenzen weiter existieren. Lebendiges will sich also vermehren, damit es weitergeht.  Das Warum dieses Wollens, und ob es überhaupt ein Warum gibt,  ist bislang nicht geklärt. Vielleicht ist auch alles Zufall. Ein Glücks- oder Unglücksfall  in der Ursuppe.

Leben in der Natur will sich zudem rigoros gegen anderes Leben durchsetzen. Denn anderes Leben  könnte den Drang zu leben beeinträchtigen. So handelt die Natur gemäß dem von Nietzsche favorisierten Recht des Stärkeren. Das Schwache, die Schwachen müssten weg, so Nietzsche. Nachdem man sein Konzept in Auschwitz lebhaft ausgelebt hatte, denken wir heute anders – hier in Deutschland. Im Jahr 2017. Wir sind hier gegen dieses Natürliche. Ja im Gegenteil. Wir schützen die Schwachen unserer Art, die Armen, die Behinderten, die schwer Kranken. Auschwitz, von Christen gemacht und verbrochen,  hat uns, oder einigen von uns das gelehrt, was das so unchristliche Christentum nicht zu lehren vermochte.

Macht er Sinn, der angesprochene Drang im Leben, dieses auf Kosten anderer sich durchsetzen, dieses auf Kosten anderer zu leben? Macht das Fressen und Gefressen werden Sinn? Auch der Mensch wird ja zum Ende irgendwie „gefressen“, sei es (früher) von wilden Tieren, oder in der Jetztzeit von Viren oder Bakterien. Realisten erkennen schnell: Nur mit Glück oder gezieltem Aufwand, und wenn einem Leben Sinn gegeben wird, hat es Sinn, ein Leben im Chaos der herzlosen Natur zu leben.

Wenn man Glück hat, gut durchkommt, ja gar Glück bei der Auswahl seiner Eltern und seines Vaterlandes hatte, wenn man sich zu schützen gelernt hat, wenn man genug Mittel hat, sich zu verwöhnen, ja sich den Luxus eines guten Lebens gönnen kann, in dem man zufrieden ist, dann kann ein Leben Sinn machen. Es beinhaltet dann mehr Freude als Leid. Dann lohnt sich für viele unterm Strich die Angelegenheit Leben. Vieles im Leben ist auch oft wenig reflektierte Routine: Kindergarten, Schule, eine Arbeit suchen, die gut bezahlt wird oder die den eigenen Fähigkeiten entspricht oder die gar Spaß oder gar Sinn macht. So hat ein Restaurator Freude, aus unansehnlich Gewordenem Schönes zu machen und Schönes erfreut dann ihn und andere. Berechtigter Stolz entwickelt sich. Zufriedenheit.

Wenn man in altruistischer Einstellung sieht, dass ein Leben Sinn macht, indem man Leid anderer vermindert, ja sogar andere durch persönlichen Einsatz zufrieden oder glücklicher macht, so gibt das einem Leben auch im Chaos Sinn. Das gilt  besonders, wenn ein solches Leben auch irgendwann (auf Erden oder sonstwo) Anerkennung findet. Man findet hier im Helfen Sinn. In der Sache liegt es begründet, dass jedem Helfen Grenzen gesetzt sind, sodass auch Frustration, also eine Form von Leid entsteht.

Streng Gläubige sehen die Erde nur als Durchgangsstation und nehmen die sich ergebenden Situationen, seien sie nun gut oder schlecht,  als gottgewollt an. Für Gläubige, und glauben wir nicht alle irgendwie, macht sogar ein verdrießliches Leben Sinn: Je schlechter es hier läuft, umso besser wird es in einer erhofften oder angenommenen  Transzendenz. Wenn man sein Kreuz, vergleichbar mit dem Kreuz Jesu hier auf sich genommen habe, werde es, so die Amtskirchen, in der Ewigkeit eventuell gut bis sehr gut. Ein Gott werde eventuell alles belohnen. Religiös motivierte Askese und anderes derartiges Erleiden haben dann den „Sinn“, sich in der Ewigkeit Freiheit von Leid oder gar einen tagtäglichen Überfluss zu verschaffen. Ein Schlaraffenland, Paradies genannt, wartet.  Askese erweist sich somit als ein an sich egozentrischer oder angstbesetzter Deal mit dem jeweilig zuständigen Gott.

Viele wollen auch dieserart, also durch Leiden die Höllen vermeiden, die ihnen ihre Religionen präsentieren bzw. androhen. Das trifft für die Patienten mit religiös bedingtem Masochismus vom Typ Ödipus zu. Ödipus brannte sich ja in schrecklicher Angst vor Zeus´ Hölle, die es nicht gab, da es Zeus nicht gab, beide Augen aus. Seine schweren Ängste verschwanden danach umgehend. Masochismus macht hier also, obgleich Unsinn,  „Sinn“, da der Erkrankte „seinem Gott“ büßend ein Opfer darbringt. Auch hinter der  „endogenen“ Depression, bei der man keinen offensichtlichen Grund findet, ist oft eine masochistische Buße versteckt. Ja es gibt heute in der Fibromyalgie, einer Variante der Depression,  den Mechanismus, sich dort, wo keine Schmerzen sind, diese zum Schrecken unserer Schmerztherapeuten herbei zu halluzinieren. Freuds Elisabeth von R. war ein solches Beispiel. Sie strafte sich wegen eines schuldlosen sündigen Gedankens mit Schmerzen ebenso hart wie Ödipus es wegen seines schuldlosen Inzestes mit der Mutter tat. Ödipus hatte eine hübsche Frau gevögelt, ohne zu wissen, dass es seine Frau Mama war. Pech gehabt!  Die falsche Religion gehabt! An einen Gott geglaubt, den es nicht gab. Den man Ödipus  eigeredet hatte. Der Ödipuskomplex impliziert Gottangst – und nicht Vaterangst.

Dass man in einem objektiv betrachtet bedrückenden Chaos lebt, fällt einer Person oft auch gar nicht auf. Dieses Entrückt sein von der Realität bewirken zahlreiche Neurotransmitter, die sogenannten Glückshormone wie Dopamin, Serotonin oder Noradrenalin. Ja sogar Morphine müssen ins Spiel, die sog. Endorphine. Ganz ohne sie, die Glückshormone, sähen wir die Welt ungeschminkt, halt so, wie sie ist. Das darf nicht sein. Glückshormone machen Verdrängungsprozesse möglich und damit den Wahn, die Welt sei schön. Im Verliebt sein kommt es zum Hormonexzess, sodass Nervenärzte wie Freud auch hier einen Wahn attestieren. 

Depressionen entstehen, wenn der synaptische Spalt von den Transmittern verarmt. Zum Beispiel bei chronischem negativem Stress oder Ängsten. Man kann sie dann von außen substituieren. Diese Mittel heißen Antidepressiva. Besser ist jedoch, ergänzend mit den Patienten über ihr Trauma zu reden, einerlei, wer oder was das Trauma herbeiführte. Und besser ist, man betreibt zusätzlich den Versuch, Ursachen für Depressionen zu beheben, also Lebensumstände zu verbessern oder eine andere Einstellung der Klienten zu dem, was sie als Unglück empfinden,  zu bewirken. Wer schreckliche Angst hat, etwas zu verlieren, kann sich auch fragen, ob es nicht einerlei oder gar besser ist, etwas verloren zu haben. So entsteht Platz für Neues. So kann es noch einmal spannend werden.

 

Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor u.a. des Buches "Wenn Glaube krank macht", BoD, 404 Seiten, 12,99 €

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