Warum man den Kopf beim Küssen meist nach rechts neigt

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Zum Fest der Liebe eine Kuss-Untersuchung – was könnte schöner passen? Das Resultat ist verblüffend: die meisten Küsse werden von rechts verabfolgt. Das ist die Aussage des Artikels Why most of us lean to the right when we kiss (the Conversation 20.12.).

Bei der Zusammenstellung der Bilder fiel auf: Auch die Kussbilder zeigen das Phänomen des Rechtsküssens mit großer Mehrheit. Linksküsser sind wahrhaftig rar (alle Bilder: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Warum ist das so? Der Conversation-Artikel macht das an den unterschiedlichen Hirnhälften fest. Die linke Hirnhälfte unterscheidet sich von der rechten, Fähigkeiten wie Sprachvermögen oder Rechtshändigkeit sind asymmetrisch in einer Seite konzentriert – und das Küssen auch?

Das ergründeten die Forscher Michael J. Proulx, A.K.M. Rezaul Karim und Alexandra de Sousa (Psychologiedozenten und -professoren an der University of Bath/England und der University of Dhaka/Bangladesh). Sie führten einfache Verhaltenstests durch, mit denen sie unbewusste Neigungen offenlegten, wie Menschen sehen und interagieren, mit der Welt und untereinander.

Dazu wurde untersucht, wie Menschen ein Diagramm mit durcheinandergehenden Linien und Winkeln aufnehmen, mit dem Ergebnis, dass die Menschen eine unbewusste Neigung dazu haben, die Dinge in Uhrzeigerrichtung wahrzunehmen (1. Link unten).

Die Forscher realisierten dann, dass das auch auf physische Instinkte zutreffen könnte – wer wen dafür küsste, ist nicht überliefert. Es ging nicht bloß um Küsse, sondern auch die Präferenz zu Kopfdrehungen und generell asymmetrischen Verhaltensphänomenen (2.).

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Viele solche Angewohnheiten zeigen sich früh im Leben. Kinder haben z.B. eine instinktive Neigung, den Kopf nach rechts zu drehen und als Kompensation den linken Arm vorzustrecken.

Vorausgegangene Untersuchungen zeigten, dass sich das bis ins Erwachsenenalter fortsetzt (3.). Wenn ein Erwachsener einen anderen auf die Lippen küsst, neigen sich ihre Köpfe meist automatisch nach rechts. Aber ist das eine Fortführung der Rechtsneigung, mit der die Menschen geboren werden? Oder lernen die Menschn bloß, sich auf diese Art zu küssen?

In westlichen Gesellschaften ist das öffentliche Küssen gang und gebe, man sieht es auch in TV und Film. Die Frage ist nun, sind die Filmküsse repräsentativ für die Verhaltensweise der Gesellschaft, oder beeinflussen sie umgekehrt das allgemeine Verhalten? Bisherige Untersuchungen befassten sich mit “W.E.I.R.D.”-Gesellschaften – Western, Educated, Industrialized, Rich and Democratic (weird heißt sonderbar, komisch).

Möglicherweise küssen natürliche Gesellschaften anders, wenn sie nicht durch weird-Beobachtungen lernen? So kommt der Kontakt zu Bangladesch, einem Nicht-weird-Land. Dort lebt eine konservative muslimische Gesellschaft, bei der das öffentliche Küssen tabu ist, auch in TV und Film. Während ähnliche Resultate in den weird-Ländern am sozio-kulturellen Lernen festgemacht werden können, entfällt diese Möglichkeit in Bangladesch.

kiss-2026515_12803In der Studie wurde eine Anzahl von Paaren aus Bangladesch gebeten, sich zuhause zu küssen. Danach wurden sie getrennt darüber befragt. Als Ergebnis zeigte sich, dass mehr als 2/3 der Befragten den Kopf bevorzugt nach rechts drehten. Männer küssten 15 Mal häufiger los als Frauen, Rechtshänder bogen sich dabei nach rechts, und Linkshänder nach links.

Die Geküssten, also mehrheitlich Frauen, machten die Bewegung spiegelbildlich mit, egal, ob sie Rechts- oder Linkshänder waren. Andersrum zu küssen fühlt sich falsch an, sagten die meisten, Küsser und Geküsste gleichermaßen.

Damit zeigte sich, das die Menschen sich gleich verhalten, auch wenn die sozialen Umstände verschieden sind. Die Neigung zum Rechtsküssen ist wahrscheinlich angeboren und durch die ungleiche Verteilung der Aufgaben auf die Hirnhälften bestimmt – ebenso wie Rechts- und Linkshändigkeit. Vermutlich ist das der Funktion der linken Hirnhälfte zuzuschreiben, wo die Gefühls- und Entscheidungszentren lokalisiert werden.

 couple-1299498_12804Hormonspiegel (z.B. Testosteron) und Neurotransmitter  (z.B. der Glücks-Botenstoff Dopamin) mögen in den beiden Hirnhälfen unterschiedlich verteilt sein und zur Bevorzugung des Rechtsküssens beitragen.

Wer sich zum Küssen nach links biegt, gehört zur Minderheit. Macht aber nix, sagt der Artikel, wenn die geküsste Person geküsst werden will, wird sie voraussichtlich passend zurechtbeugen.

Dazu gibt's einen schönen Spruch, der mit der Wortgleichheit von Fräulein (miss) und daneben, verfehlen (miss) spielt:

“Always remember this: 'A kiss will never miss, and after many kisses a miss becomes a misses'.” (4.)

Der wirkliche Grund für die ganze Biegerei beim Küssen ist natürlich ein anderer: Man biegt sich, weil die Nase in der Mitte ist. Ohne Nase gäbe es wohl keine Rechtsküsser und Linksküsser, sondern nur Mitteküsser …

 

Forschungs-Links:

  1. The what and why of perceptual asymmetries in the visual domain (NCBI 15.12.10)
  2. Anticlockwise or clockwise? A dynamic Perception-Action-Laterality model for directionality bias in visuospatial functioning (NCBI 24.6.16)
  3. Human behaviour: Adult persistence of head-turning asymmetry (nature 13.2.03)
  4. “Always remember this: 'A kiss will never miss, and after many kisses a miss becomes a misses'.” (Thinkexist.com, von Doris Day gesungen, wird aber John Lennon zugeschrieben)
  5. Why most of us lean to the right when we kiss (the Conversation 20.12., Originalartikel).

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