Jesus, fliegende Untertassen und andere Märchen

image_pdfimage_print

douthatZufälliges Zusammentreffen oder Fügung? Wer das Online-Angebot der New York Times am 24.12. anschaute, sah u.a. das hier Wiedergegebene (Bild: Screenshot New York Times).

Beim flüchtigen Lesen sah das aus wie Jesus, fliegende Untertassen und andere Märchen. – und es wurde dadurch viel wahrer als der eigentliche Artikel. Selbiger stammt vom Kolumnisten Ross Douthat, der auf seinem Banner stehen hat Politics, religion, moral values and higher education. Der Artikel heißt Flying Saucers and Other Fairy Tales (New York Times 23.12.): Why ancient folklore might tell us more than federal research about alien encounters.

Der Text ist ein Beispiel für die Glaubensvermittlung, derer sich viele Mainstreammedien befleißigen (z.B. auch die Süddeutsche Zeitung). Bei wissenbloggt läuft die Berichterstattung zu solcherlei unter Verlogenheitsbewältigung – und vordergründig geht es um die UFO-Forschung der US-Regierung, die eigentlich schon genug belächelt wurde. Sie liefert aber den Vorwand für eine nette kleine Missionsanstrengung, und das geht so:

Der Autor mit den moralischen Werten und der höheren Erziehung findet die US-Ausgaben für UFOlogie ganz ok, es wäre ein Zeichen zivilisatorischer Gesundheit, überschüssiges Geld in wissenschaftliche Randbereiche zu stecken. Trotzdem zweifelt er daran, dass die merkwürdigen Lichter und Raumschiffe tatsächlich zu irgendwelchen ETs gehören. Kann schon sein, dass es da draußen welche gibt, aber das ist nicht die wahrscheinlichste Erklärung für die Phänomene.

Vielmehr sind die UFO-Sichtungen sowas wie die Märchen der Vergangenheit – langlebige Phänomene mit wechselnder Interpretation, aber dauerhafter Basis. All die Features der Aliens wie Gestaltwandel und mysteriöse Reise durch Raum und Zeit finden sich genauso in den Märchen.

Zitiert werden Ufologen wie Jacques Vallée, Erich von Däniken, Ridley Scott und Sally Quinn mit ihren Bestsellern, die auch Märchenhaftes erzählen. Der Autor hält es für realistisch, dass wir unsere raumzeitalterlichen Vorurteile in ein andauerndes Phänomen ummünzen, das viel ärger als bloße Besuche aus dem All ist. Das sei die quasi-magische These der Ketzer unter den Ketzern, also der Ufologen, die nicht an die normale UFO-Folklore glauben, nach der das UFO-Tum irgendwann zum Teil der Wissenschaft würde und uns Alien-Kontakte beschere.

Damit soll nicht gesagt sein, dass diese Überlegungen auf der tatsächlichen Existenz einer 5-dimensionalen Märchenwelt basieren, von der uns moralisch undefinierte Wesen besuchen. Das sei bloß alles Imagination, die auf verinnerlichten Phantasien beruht, auf halluzinogenen Sunstanzen oder auf unterbewussten Nebeln.

Solche rationale Sicht muss aber nicht unbedingt vorhalten. Es scheint so zu sein, dass unsere heutigen Eliten darauf aus sind, eine neue Religion zu entdecken. Das liest der Autor aus Büchern heraus, die dem post-christlichen Volk diverse Versionen von Buddhismus, Pantheismus und Heidentum nahebringen wollen. Für Suchende in dieser Richtung ("such shoppers") ist die verblüffende Übereinstimmung zwischen UFO-Tum und Märchen möglicherweise eine Hinleitung zu einer neuen spiritualistische Kosmologie und kein Argument dagegen. Das gilt nach Douthat besonders, wenn in das Ganze noch Multiversen und Simulationshypothesen hineingemixt werden, die eine Menge metaphysische Kapricen enthalten.

Wer nun christlich bleiben will, kann sich bei diesen sonderbaren Stories auf den agnostischen Standpunkt stellen, ohne sie spontan zu verachten, weil das Christentum nicht verlangt, dass die ganzen Para-Erfahrungen entweder gottgesandt, dämonisch oder imaginär seien.

Vielmehr sagt die christliche Idee bei allen möglicherweise existierenden Wunderkräften: Wenn der wahre Gott seine Schöpfung betritt, tut er es ehrlich, geradeheraus und in einer verletzlichen, menschlichen Form. Er zeigt sich öffentlich, egal ob in einem Stall oder auf dem Hinrichtungshügel. So ist der Glanz der Aliens wie auch der Glanz der Märchenfeen verständlicherweise ein Objekt der Neugierde – aber eine Gefährdung für jede Art von Glaube. Der einzige vertrauenswürdige Gott sei derjenige, der keine Zaubertricks vorführt – soweit das Referat über den Artikel.

Es ist wirklich wahr, dass die NYT ihren Lesern solche Rabulistik unterjubelt. Man kann sich die letzten beiden Absätze dort selber ansehen. Interessant sind die >500 Kommentare, von denen auch einer auf den Jesus-Artikel oben im Bild Bezug nimmt. Dem Autor Douthat wird die Frage nahegelegt, "What would Jesus do?" – als ob es einen Jesus gäbe. Noch einer sei hervorgehoben: No need to look to outer space. There are aliens all around us. They participate in ordinary life, use the same gadgets, and don't do any special tricks. I was even married to one of them until I found out.

Insgesamt sind die Kommentare nicht so interessant wie die von der guten deutschen Zeit (Stand 24.12. als die NYT 100 Kommentare hatte, muss wohl zurückgenommen werden, z.B. wegen: If the faeries, sprites, UFOs & other sitings can be explained away as fairy tales, why can't the Holy Spirit be explained as a ghost story?).

Der Zeit-Artikel: Pentagon: USA suchten jahrelang nach Ufos (Zeit Online 17.12.): Das US-Verteidigungsministerium hat laut Medienberichten 22 Millionen Dollar ausgegeben, um Fälle von Ufo-Sichtungen zu untersuchen. Das Ergebnis: vor allem Papierkram (Der Artikel hat 250 Leserkommentare, die z.T. recht witzig von außerirdischen Glibberwesen in Grün und grünen Schleimis sprechen, und: Was machen die Grünen eigentlich, wenn tatsächlich einmal grüne Männchen landen sollten? Sich umbenennen in "Die Grünen, die schon länger hier leben"?)

Abgesehen von den Witzchen zeigt sich hier, wie clean die Zeit ist, und wie wenig es die NYT ist (auch das muss wohl im Hinblick auf die unzensierten Leserbriefe beiderseits zurückgenommen werden, und weil ein wb-Artikel vom 29.12. auch ein wenig an der Zeit kratzt, Willkommenskultur: Augenwischerei geht weiter. Es stimmt allerdings wiederum, wenn man den NYT-Hype um Russiagate anschaut).

Wie auch immer, das gibt's in der Zeit nicht, dass ein Autor dort unbezahlte Werbung für seinen Glauben machen darf. Solch unverholene Mission in einem Meinungsartikel zuzulassen, ist keine Kleinigkeit, zumal sie völlig willkürlich aufgepfropft ist. Genaugenommen sind Götter schließlich noch weniger real als UFOs, weil hinter den Göttern gar keine beobachtbaren Phänomene stecken.

 

Links von wissenbloggt:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar