Abgesang aufs Vegetarische

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bark-mulch-958416_1280Die Weihnachtsgans ist nicht das einzige Viech, dem es Weihnachten an den Kragen geht. Es müssen auch Rinder, Schweine, Puter, Fische und allerlei anderes Getier dran glauben. Muss aber nicht sein, lautet die Weihnachtsbotschaft fürs Vieh. Inzwischen lässt sich Fleisch rein pflanzlich oder in der Retorte herstellen (Bild Monsterkoi und jsbaw7160, pixabay).

Ein umfangreicher Artikel im Freitag (1. Link unten) illustriert den Stand der Dinge. Das Medium wird seinem quasi fleischfreien Namen gerecht, die britische Autorin Amy Fleming berichtet über Retorten- und pflanzliches Fleisch – sie gibt dem Vegetarismus praktisch den Abschied: Es ist nicht mehr nötig, fürs Schnitzel Tiere zu töten. Jeder kann essen, was er mag, ohne Massentierhaltung und Schlachthof – und ohne Vegetarismus, Veganismus oder sonstige Weltanschauungen, bei denen Entsagung für gesund und moralisch gilt.

Statt der Tiere kann der Vegetarismus geschlachtet werden, und der Veganismus dito.

Diese frohe Botschaft geht bei Fleming vom Silicon Valley aus. Sie berichtet über einen Co-Working-Space, wo die Firma Finless Foods Fisch-Fleisch im Labor züchtet. Das Produkt wird ausschließlich im Labor erzeugt und soll bald auf den Markt kommen.

Der erste In-vitro-Fleischburger wurde schon 2013 vorgestellt. Heute gibt's bessere tierlose Fleischburger z.B. von Impossible Food (2.). Von Memphis Meats gibt's gezüchtete Hackbällchen auf Rindfleischbasis, inzwischen noch frittiertes Hähnchen und Ente à l’orange. Auch die Firma Hampton Creek Foods aus San Francisco will spätestens Ende nächsten Jahres im Labor hergestelltes Geflügelfleisch anbieten.

Fleming beschreibt die die Herstellung von Fisch-Zellkulturen als nicht einfach. Menschliche Zellkulturen werden zwar ständig gezüchtet, und alle möglichen Tierkulturen auch. Für Fische mussten die Hersteller aber von vorne anfangen. Deshalb propagiert die Branche auch neue Namen wie "beyond egg" oder "beyond meat" (wb-Links unten). Begriffe wie "Frankenmeat" und "Laborfleisch" seien weder fair noch zutreffend.

Interessanterweise wird die Parallele zwischen Fleischzellenzüchtung und Bierbrauen gezogen, weil die Bio-Reaktoren den Gärbottichen gleichen. Was anfangs für medizinische Zwecke entwickelt wurde, wird nun eine Technologie zur Züchtung von tierischen Zellen in größerem Maßstab. Die Alternativen zur Umweltschonung:

  1. Alle werden alle Vegetarier – nicht sehr wahrscheinlich.
  2. Man ignoriert die Probleme einfach und verursacht weiter nachhaltige Umweltschäden (und Tierleid).
  3. Man probiert etwas Neues aus – darum geht's hier.

Der Artikel zählt hochkarätige Investoren auf, die auf dem Gebiet tätig sind, Leute aus der Computerbranche wie auch traditionelle Fleisch- und Argrarunternehmen. Sie alle arbeiten am hohen Ziel der Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung. Wie das bei den flossenlosen Fischzüchtern konkret aussieht?

Sie haben einen Deal mit dem San Francisco Bay’s Aquarium. Wenn dort ein Fisch stirbt, wird das Tier abgeholt und eine Zellkultur davon angelegt. Man tut entnommene Zellen in eine Lösung aus Salzen, Kohlehydraten und Proteinen, wo sie sich typischerweise alle 24 Stunden teilen. Der Prozess wird optimiert, um ihn mit konkurrenzfähigen Kosten durchzuführen. Derzeit wird noch tierisches Serum gebraucht, um die Fisch-Zellteilung anzuschieben (500 Dollar pro Liter teures Kälberserum aus dem Blut von Kuhföten), aber das soll nur vorübergehend sein. Die Wachstumsfaktoren für das Zellwachstum sollen bald im Haus selber hergestellt werden. Auch das Strukturprotein Collagen vom Rind wird derzeit noch genutzt, damit die Zellen sich finden und eine Faser bilden.

Die Autorin riskiert einen Blick in die Reaktoren: Sieht nicht besonders appetitlich aus, meint sie, aber vom Schlachthof lässt sich das ja auch nicht behaupten. Noch eine Parallele wird gezogen: Es ähnelt der Insulin-Produktion für Zuckerkranke. Was früher aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen und Rindern extrahiert wurde, kann heute aus genetisch manipulierter Hefe oder Bakterien hergestellt werden. Entsprechend will man Fisch-DNA in Hefen stecken, die dann zur Protein-Fabrikation genutzt werden können. Die Fleischzellen selber sind aber nicht genetisch manipuliert – soweit die Zellkultur-Technik.

Es geht ja auch ohne tierische Zellen. Als weitere Alternative zum Fleisch werden Hightech-Protein-Produkte auf Pflanzenbasis entwickelt. Die Autorin lässt sich von ihrer Recherche bis nach Los Angeles zum Unternehmen Beyond Meat führen, wo "Hühnchen"-Streifen aus Erbsen-Protein und "Rindfleisch"-Burger mit Rote-Beete-Saft produziert werden. Der Saft trieft wie Blut und macht das Ess-Erlebnis authentisch. Den "Impossible Burger" (2.) gibt's in Restaurants quer durch die USA. Fleming schreibt, er sei dem Fleisch zum Verwechseln ähnlich, mit rosa Glanz und triefendem cholesterinfreien Fett. Das Ding werde aus Häm (3.) gemacht, ein Stoff, der im Blut enthalten ist, aber auch aus Pflanzen gewonnen wird.

Der Weg ist damit frei für "schickes vegetarisches Essen" (das eigentlich nix mehr mit Vegetarismus zu tun hat). Die Wegbereiter vom gezüchtetem Fleisch sind sowieso skeptisch gegenüber der Pflanzen-Konkurrenz: Das Verlangen nach Fleisch könne nur durch Fleisch befriedigt werden. Das gezüchtete Fleisch werde bald die ganze Bandbreite abdecken; dasselbe mit Proteinen auf Pflanzenbasis zu erreichen sei sehr viel schwieriger.

Unterstützung kommt auch China: Die chinesische Regierung kündigte an, 300 Millionen $ in die Produktion von künstlich gezüchtetem Fleisch in Israel zu investieren. Doch zurück zur Pflanzen-Konkurrenz. Das Unternehmen Hampton Creek stellt eine Reihe veganer Nahrungsmittel her, eine Mayonnaise mit dem Namen „Just“ und köstliche Dressings und Cookies. Die Forschung bei den kulinarischen Eigenschaften der  Pflanzen geht auch voran. Dabei wird mit künstlicher Intelligenz versucht, schnellstmöglich Pflanzen zu finden, aus denen sich bessere Produkte herstellen lassen. Für ein "Rührei“ gibt es schon wohlschmeckende Prototypen mit Substanzen aus Mungobohnen. Bei entsprechendem Fleisch wird in dieser Firma gebremst: Die US-Bürger werden sich wohl nicht für einen Hamburger auf Pflanzenbasis erwärmen können.

Aber für das Retortenfleisch auch nicht unbedingt, wie die Autorin berichtet. Der Weg zur Akzeptanz von In-vitro-Fleisch sei mit hartnäckigen Problemen gepflastert, vor allem "kommunikativer und regulatorischer" Art. Wer Muskel- und Fettzellen von Tieren in Fabriken züchten will, dem schlage Ekel entgegen. Höchstens im Hinblick auf die ethischen und gesundheitlichen Vorteile können sich viele Verbraucher mit dem Gedanken anfreunden.

Dabei sind die Vorteile immens, keine intensive Massentierhaltung und -schlachtung mehr mit ihren ökologischen und ethischen Problemen. Schluss auch mit den Risiken von Krankheitsübertragung und -verbreitung, mit den Rückständen von Pestiziden, Fungiziden und Antibiotika in der Umwelt. Auch mag nicht jeder die Flechsen und Adern im tierischen Fleisch essen, ganz zu schweigen von dem, was in der tierischen Wurst drin ist (z.B. Zentrifugat, aus Rinderköpfen wird Rotz und Schleim zentrifugiert, kommt alles in die Wurst, Anmerkung wb).

Die fleißige Autorin schreibt noch über das fragwürdige Konzept der Natürlichkeit, schließlich sind Brot, Käse, Joghurt und Wein unnatürlich. Auch Massentierhaltung ist nicht natürlich – Insekten essen dagegen schon. Noch ein paar ethische Anmerkungen: Gezüchtetes Fleisch kann man sich als pflanzengleich vorstellen, weil es kein Gehirn besitzt. Andererseits hat es dieselben Zellstrukturen wie Fleisch von einem Tier. Stoff zum nachdenken für die Vegetarier. Und für die Gourmets auch, denn bei der Züchtung tun sich neue Möglichkeiten auf, neue Geschmacksrichtungen, neue Konsistenzen. Im Radar der zukünftigen Möglichkeiten tauchen sogar menschliche Zellen auf, was auf eine Art von "ethischem Kannibalismus" hinausläuft.

Ob das dann auch unter "Clean Meat" läuft ist fraglich. Aber kommen wird diese Revolution. Winston Churchill sprach schon 1932 davon, warum ein ganzes Huhn aufziehen, um nur Brust oder Flügel zu essen? Und die Menschen sind an die Vorstellung gewöhnt, dass Produkte zunehmend in Fabriken wachsen als auf Feldern (vielleicht sagt das mal jemand der EU, wb).

Noch gebe es Unwägbarkeiten in der Entwicklung von Bio-Reaktoren, sagen die Skeptiker. Manche schätzen den Energieverbrauch, um muskelartige Strukturen zu erzeugen, gleich hoch ein wie bei konventionellem Rindfleisch (was sogar Laien als absurd erkennen). Es folgen Spekulationen über die Umwidmung von Ackerflächen zum Anbau von Pflanzen, die Nährstoffe für In-vitro-Fleisch-Fabriken bereitstellen.

Kurz und gut, das Retortenfleisch ist schon da, und der Retortenfisch kommt. Noch kostet ein Pfund davon 19.000 $, aber der erste Retorten-Hamburger notierte mit 200.000 $. Die Entwicklung lässt den Preis rapide schrumpfen. Die "Gewebe-Ingenieure" sind unter uns. Den Viehzüchtern geht es an den Kragen, und irgendwann ist auch die Bauernlobby nicht mehr unbesiegbar (letzteres von wb ergänzt).

 

Medien-Links:

  1. Schnitzel ohne Leiden (der Freitag 48/2017): In den Laboren des Silicon Valley wächst das Essen der Zukunft. Haben wir bald Fleisch und Fisch, ohne dafür Tiere töten zu müssen? (Der Originalartikel beim Guardian ist nun doch aufgespürt, siehe 5.)
  2. Impossible Food (impossiblefoods.com): The impossible burger is here. A delicious burger made entirely from plants for people who love meat. No more compromises. Ready for an introduction?
  3. Pflanzen-Blut: Veggie-Burger mit Fleischgeschmack (FIT FOR FUN): Für das Pflanzen-Blut wird der Stoff Häm extrahiert, dieser ist der Grundbaustein von Blut und ist ebenso wie im tierischen Blut auch in Pflanzen enthalten. Häm ist Teil des Blutfarbstoffs Hämoglobin. Wird der Pflanzen-Patty dann angebraten, so reagiert das Häm und verleiht dem Burger seinen Geschmack.
  4. What will we be eating next year? (theguardian 24.12.): Meatless meals … Now that we’re au fait with the basics, like nut milks, the most intriguing new food innovations come in the guise of firmer cruelty-free proteins.
  5. Could lab-grown fish and meat feed the world – without killing a single animal? (theguardian 20.9.): Critics dismiss it as unnatural ‘Frankenmeat’, but the San Francisco startups racing to take animal-free meat and fish to market think it’s wonder food. So how were the carp croquettes at the world’s first cultured fish tasting?
  6. Fleisch aus dem Labor: Ohne ein einziges Tier zu töten (ZeitOnline 25.12.): "Esst weniger Fleisch!", heißt es immer. In San Francisco arbeiten Start-ups an Alternativen für Vegetarier. Eine davon: Zuchtfleisch aus dem Labor (nochmal anders übersetzt und mit 400 Kommentaren). "Endlich mal wieder ein positiver Artikel über die Entwicklungen in der Zukunft."
     

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