Schach den Saudis


makka-1004141_1280Die türkischen Moscheen stehen unter Kontrolle des türkischen Geheimdienstes Millî İstihbarat Teşkilâtı, während die arabischen Moscheen unter der Kontrolle des saudischen Geheimdienstes al-Muchabarat al-'Amma as-Sa'udia stehen. Entsprechendes gilt für die Koranschulen und die dorthin entsandten Imame (wb-Links unten, Bild: ziedkammoun, pixabay – Mischung von Mittelalter und Moderne in Mekka, Saudi-Arabien).

Saudi-Arabien sieht sich als Zentrum des sunnitischen Islams, im Gegensatz zum Iran, wo der schiitische Islam regiert. In Saudi-Arabien selber gilt die besonders rückständige Spielart des wahhabitischen Islams. Während im Iran praktisch nur Muslime leben, gibt es in Saudi-Arabien auch 19% Religionsfreie und 5% Atheisten (Gallup-Umfrage 2012, 1. Link unten).

Ähnlich vielfältig ist die politische und soziale Lage im Land der Saudis. Die saudische Machtpolitik rüstet auf, um das Land zum größten Rüstungsimporteur der Welt zu machen (wb-Link Rüstung), damit der Krieg im Jemen geführt werden kann (2.). Das Land finanziert Moscheen in der ganzen Welt, wo für den militanten Islam und gegen die westliche Zivilisation gebetet wird (3. und wb-Links 5* Saudi), und es galt als einer der größten Unterstützer des IS. Die Strafen für Vergehen gegen die Scharia und für ein öffentliches Bekenntnis zum Atheismus sind drakonisch (4. – 6.).

Trotz dieser abschreckenden Features wird das Geld der Saudis überall genommen. Z.B. war Serbien früher tolerant, jetzt wird es durch den saudischen Einfluss zum islamistischen Einfallstor (7.). Sogar in der Schlammschlacht um die US-Präsidentenwahl steckt angeblich suadisches Geld (8.). Dazu passt die saudische Drohung gegen die USA aus dieser Zeit (9.), sowie die AI-Forderung nach Ausschluss Saudi-Arabiens aus UN-Menschenrechtsrat (10.).

Inzwischen wandelt sich das Bild. Das Säbelgerassel geht jetzt in die andere Richtung. Saudi-Arabien und Trump-USA halten nun gegen den Iran zusammen (11.). Sie sind befreundet, auch wenn's mal Probleme mit den Waffen gibt, mit denen die USA die Saudis versorgen (12.). Vielleicht deswegen gibt sich Saudi-Arabien bei all seinem wissenschaftsleugnenden Glauben technikfreundlich und macht die RoboterIn Sophia zum Staatsbürger (13.). Aber die Emanzipation fängt nicht bei den RoboterInnen an.

Was sich schon 2016 ankündigte (wb-Link Emanzipation), setzt sich 2017 fort. Der Kronprinz Mohammed bin Salman beschneidet die Macht der Mullahs (14.), er entmachtet die Religionspolizei (15.). Die letzten 30 Jahre wurden für "nicht normal" erklärt (der Berichterstatter kam in den Genuss dieser Nichtnormalität und kann die Saudis nur zu den Änderungen beglückwünschen). Euphorie ist aber nicht angebracht, denn im Land der Saudis ist immer noch viel verboten, zumal für die Frauen. Auch wenn sie jetzt autofahren dürfen, sie dürfen nicht (16.):

  1. in der Öffentlichkeit essen. Denn sie müssen einen Gesichtsschleier tragen, und den dürfen sie zum Happepappen nicht lüften,
  2. sich hübschmachen. Denn sie müssen Haar und Körper bedeckt halten, mit einer Ganzkörperverhüllung ‘Abaya’,
  3. mit nichtverwandten Männern sprechen. Dafür können sie sogar eingesperrt werden,
  4. frei heiraten. Saudische wahhabitische Muslimas dürfen keine Nichtmuslime, Schiiten oder gar Atheisten heiraten,
  5. ohne männliche Erlaubnis reisen,
  6. ein Bankkonto eröffnen. Auch dazu brauchen sie die Erlaubnis des verfügungsberechtigten Ehemanns/Vaters.
  7. einen Job annehmen. Zwar verlangt die Regierung nicht mehr Erlaubnis/Befehl des Verfügungsberechtigten, aber die Arbeitgeber tun's.

Deshalb dürfte der Equal Pay Day in Saudi-Arabien ungefähr am 30.12. liegen (bei uns am 18.3., das ist der Tag, bis zu dem die Frauen quasi umsonst arbeiten). Das ist aber nicht das Highlight des Artikels. Das kommt jetzt, und es ist eigentlich nicht so lustig.

Erst hat ein Großmufti eine Fatwa gegen das Schachspielen erlassen (17.) und viel Häme dafür geerntet. Eine Fatwa gegen das Fahrradfahren von Frauen gab's ja auch schon, und dann eine Gegen-Fatwa von wissenbloggt gegen das Autofahren von Mullahs (wb-Link Humor). Aus dem Spaß wurde nun Ernst, weil die Schachweltmeisterin Anna Muzychuk lieber ihre Titel aufgibt, als sie im frauenverachtenden Saudi-Arabien zu verteidigen, wo das Blitz- und Schnellschachturnier "Rapid and Blitz" stattfindet (18.). Dass auch die Israelis draußenbleiben müssen, zeigt die Grenzen der saudischen Liberalisierung. Saudi-Barbarien ist noch nicht abgeschafft. Die Religion treibt weiter ihr Unwesen. Das Geleitwort dazu kommt auf französisch (Quelle ungooglebar):

Un croyant, c'est quelqu'un qui a lu des textes sacrés.
Un athée, c'est quelqu'un qui les a compris.

Ein Gläubiger, das ist jemand, der die heiligen Texte las.
Ein Atheist, das ist jemand, der sie verstand.

 

Medien-Links:

  1. GLOBAL INDEX OF RELIGIOSITY AND ATHEISM – 2012 (WIN-Gallup International). Atheistischste Länder: China, Japan, Tschechei, Frankreich, Korea, Deutschland. Religiöseste Länder: Ghana, Nigeria, Armenien, Fidschi, Mazedonien, Rumänien.
  2. Tracked Warcrimes by the US backed, Saudi-led Coalition in Yemen (Al Masdar News 26.1.17): Third year is about to enter, since Saudi Arabia and its allies started the aggression on Yemen.
  3. Islam-Finanzierung in Albanien – Die "Erdogan-Moschee" auf dem Balkan (Deutschlandfunk 4.9.17): Weil der Staat sich lange Zeit aus Religionsfragen heraushielt, entstand ein Vakuum – das Golfstaaten und die Türkei füllten.
  4. Saudi Arabia sentences a man to 10 years in jail and 2,000 lashes for being an atheist (thinkaboutnow 1.9.16): … defined terrorism as “calling for atheist thought in any form, or calling into question the fundamentals of the Islamic religion on which this country is based”.
  5. Saudi man gets 10 years and 2,000 lashes for atheist tweets (Mashable 28.2.16): A court in Saudi Arabia has sentenced a man to 10 years in prison and 2,000 lashes for expressing his atheism in hundreds of Twitter posts. Dies führte bei 3sat zu der Schlagzeile Schläge im Namen des Herrn (Link ist gelöscht).
  6. Saudi Arabia declares all atheists are terrorists in new law to crack down on political dissidents (Independent 1.4.14): Atheists, peaceful protesters and those who go to fight abroad have all been brought under the auspices of new "anti-terror" laws.
  7. Kosovo – Land der verlorenen Illusionen (mdr 26.5.17): Im Kosovo, dem jüngsten und einem der ärmsten Staaten Europas, bewegt sich nichts: Enttäuschung über die EU, Perspektivlosigkeit und eine große Arbeitslosigkeit prägen die Gesellschaft. In der nimmer endenden sozialen Misere gewinnt der Islam im einst säkularen Land immer mehr an Einfluss. Auch der radikale Islam.
  8. Saudi Arabia Has Funded 20% Of Hillary's Presidential Campaign, Saudi Crown Prince Claims (Zero Hedge 14.6.16): … that Saudi Arabia is a major funder of Hillary Clinton’s campaign to become the next president of the United States.
  9. Terroranschläge – Saudi-Arabien droht Amerika (Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.9.16): Saudi-Arabien droht Amerika mit ernsten Konsequenzen. Grund ist ein neues Gesetz, das den Hinterbliebenen des Anschlag vom 11. September eine Klage gegen Saudi-Arabien ermöglicht.
  10. AI fordert Ausschluss Saudi-Arabiens aus UN-Menschenrechtsrat (Telepolis 2.7.16): In Syrien ist der Bürgerkrieg auch eine Art Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, in dem von den Saudis finanziell unterstützte Salafistenfanatiker im Verdacht stehen, Alawiten und andere schiitische "Häretiker" massenhaft zu massakrieren. … gab der Staat Saudi-Arabien in der Vergangenheit "sehr viel Geld aus", um hierzulande Salafisten zu fördern. Dieses Geld war seiner Einschätzung nach "wesentlich" für das Wachstum der Bewegung, aus der sich fast alle Dschihadisten rekrutieren.
  11. Iran Rejects Trump's Warning; Foreign Minister Slams "Saudis Involvement In 94% Of Terrorist Attacks In The World" (Zero Hedge 23.7.17): Some countries consistently supported the wrong groups – these are the same countries from whose nationals, almost 94 percent of those engaged in acts of terror, came – so we are talking about a consistent record on their side and a consistent record on the Iranian side.”
  12. US-Supplied Defense System Failed To Intercept Houthi Missile Attack On Saudi Capital (Zero Hedge 26.10.17): Rocket scientists: "You shoot five times at this missile and they all miss? That's shocking.”
  13. Meet Sophia: The Humanoid Robot That Was Granted Citizenship By Saudi Arabia (Zero Hedge 26.10.17): The outspoken humanoid robot called Sophia, flown in from Hong Kong, was granted Saudi citizenship at the Future Investment Initiative …
  14. Saudi Prince, Asserting Power, Brings Clerics to Heel (New York Times 5.11.17): For decades, Saudi Arabia’s religious establishment wielded tremendous power, with bearded enforcers policing public behavior, prominent sheikhs defining right and wrong, and religious associations using the kingdom’s oil wealth to promote their intolerant interpretation of Islam around the world. Now, Crown Prince Mohammed bin Salman is curbing their power as part of his drive to impose his control on the kingdom and press for a more open brand of Islam.
  15. Mohammed bin Salman – Der Prinz will Saudi-Arabien radikal verändern (Süddeutsche Zeitung 26.10.17): Die verhasste Religionspolizei ist entmachtet worden …  die vergangenen 30 Jahre für "nicht normal" erklärt – in den Siebzigerjahren gab es noch Kinos im Königreich. Der Kronprinz sagt damit laut SZ, dass in Saudi-Arabien Fundamentalisten das Sagen hatten, sogar Extremisten. Das Königshaus hatte die Familien- und Gesellschaftspolitik an sie ausgelagert, und im Gegenzug verliehen die Kleriker dem Königshaus religiöse Legitimität.
  16. Seven things Saudi women still can't do, despite driving ban lift (MEE 27.9.17)
  17. Saudi-Arabien – Saudischer Großmufti will Schach verbieten  (Süddeutsche Zeitung 22.1.): Er hält das Spiel für ein Werk des Teufels und sprach eine Fatwa aus. Die Welt lacht. Die SZ auch mit dem lustigen Titel in der Druckversion: Saudi Schach – Großmufti: Saudische Eröffnung
  18. Die Schachweltmeisterin gibt ihre Titel auf – weil sie sich nicht wie ein Wesen zweiter Klasse fühlen will (ze.tt 27.12.): Anna Muzychuk reist nicht zu einem internationalen Turnier in Saudi-Arabien, weil sie sich nicht vorschreiben lassen möchte, wie sie sich zu verhalten hat.

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