AfD-Klamauk wg. mangelndem Sprachverständnis

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Zum gegenwärtigen AfD-Klamauk lässt sich sagen: Super-Aufmerksamkeitseffekt, und bloß weil die Leute ihre Sprache nicht verstehen. Sie reden aneinander vorbei; die Wirkung ist ein Shitstorm von mindestens 8 Beaufort (Bild: RyanMcGuire, pixabay).

Worum es geht, sagt z.B. der Artikel Volksverhetzung: Hunderte Anzeigen gegen AfD-Fraktionsvize von Storch (Zeit Online 2.1.): Die Staatsanwaltschaft erhält nach einem umstrittenen Tweet von Storchs immer mehr Strafanzeigen, auch gegen Fraktionschefin Weidel. Die Parteiführung spricht von Zensur (2000 Kommentare, da ist kein Nachkommen mit dem Lesen).

Die inkriminierte Text-Stück des von-Storch-Tweets spricht von "barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden".

Nun erlaubt die deutsche Sprache verschiedene Interpretationen solcher Attributierungen:

  1. Die Adjektive "barbarisch" usw. können einschränkend gemeint sein – dann sind von der Gesamtzahl der Männer diejenigen gemeint, die in Horden auftreten und barbarisch, muslimisch und gruppenvergewaltigend sind, eine kleine, aber leider existente Minderheit.
  2. Die Adjektive können im weiteren Sinn auch zuschreibend gemeint sein – dann wird das zu der Behauptung, alle Männer treten in Horden auf und sind barbarisch, muslimisch und gruppenvergewaltigend; was im konkreten  Fall klarerweise Unfug ist, schon weil nicht alle Muslime sind.
  3. Es gibt auch eine Mischung davon, dann wird ein Teil der Adjektive einschränkend gemeint und der andere Teil zuschreibend – das ist die Behauptung, muslimische Männer treten in Horden auf und sind barbarisch und gruppenvergewaltigend, was wegen der willkürlichen Ungleichbehandlung der Adjektive natürlich keine zulässige Interpretation ist.

Merkwürdigerweise ist die 3. Interpretation trotzdem vorherrschend. Wer die Zeit-Leserkommentare studiert, findet auf 100 Posts mit der unausgesprochenen und wohl unbewussten Wahl von 3. nur eine Handvoll Vertreter von 1. (die Möglichkeit 2. setzt niemand voraus).

So wird dann aneinander vorbeigeredet, "das ist Volksverhetzung" (was bei 3. stimmen würde) vs. "so isses doch" (was bei 1. stimmt). Nachdem aber 2. sowieso entfällt und 3. unzulässig ist, kann nur 1. gelten. Keine Rede also von Volksverhetzung, das ist nur Klamauk ohne Substanz.

Selbst wenn die Lage nicht so eindeutig ist wie z.B. bei dem Text-Stück von Weidel "importierte, marodierende, grapschende, prügelnde, Messer stechende Migrantenmobs", kann es kein Urteil wegen Volksverhetzung geben. Dann gibt es nur den Fall 1. und 2., aber wer will entscheiden, welcher gemeint ist?

Noch ein paar Takte Correctness aus den Leserzuschriften willkürlich herausgepickt und anonymisiert referiert:

Wenn eine Feministin hier etwas von deutschen Männerhorden schreiben würde, würden die Gleichen, die jetzt angeblich die Meinungsfreiheit verteidigen, einen Shitstorm vom Zaum brechen.

Ja, und die aktuellen Shitsormer würden in diesem Fall die Meinungsfreiheit verteidigen.

Schreibt man was über Muslime, bricht der shitstorm los mit Löschung und Strafanzeige und allem Drum und Dran. Derweil wird hier von Seiten der Zeit-Redaktion täglich gegen weiße Männer gehetzt. Gerade heute wieder, von wegen "männliche Gewalt in jeder Faser der Gesellschaft".

Das was Frau von Storch geschrieben hat, ist bei genauerer Betrachtung kaum justiziabel (nach §130). Das weiß Frau von Storch genau und freut sich wahrscheinlich über die Löschung. Das beweist nämlich gerade das Argument, dass hier Dinge gelöscht werden, die nicht justiziabel sind, dass also eine Zensur stattfindet.

… eine Marketing-Aktion der AfD.

… ganze große Menschengruppen als "barbarisch", "gruppenvergewaltigend", "Messer stechend" oder "marodierend" zu verunglimpfen …

… das wäre die Aussage, "die Muslime sind barbarisch, gruppenvergewaltigend, Messer stechend oder marodierend" – wurde aber nicht gesagt (da hat jemand aufgepasst).

 

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9 Antworten auf AfD-Klamauk wg. mangelndem Sprachverständnis

  1. Wahr ist nicht, was A sagt, sondern was B versteht.

    Erste Grundregel der Rhetorik.

  2. Saco sagt:

    Na ja, was A sagt, hat A gesagt. Ob es wahr ist, weiß man nicht. Aber die Aussage wurde getätigt und A ist, Zurechnungsfähigkeit vorausgesetzt, für sein Gesagtes verantwortlich. Es gibt Tricks, etwas zu sagen, und dann nicht verantwortlich zu sein. Bischof Schneider sagt, Sünder kämen nach "einem Richterspruch Jesu" in sein ewiges Feuer. Diese Botschaft sei verstörend. Doch Schneider hat sich verrechnet: Jesus ist tot. Schneider droht daher in eigener Täterschaft mit der Hölle. Enzensberger sagt: "Genau" müssten wir sein. Tödlichen Staub blasen in die Getriebe der Mächtigen. 

  3. Es ist ja nicht zwingend, dass jeder Ahnung von Rhetorik haben muss :D

    Ich habe es jedenfalls von der Pike auf gelernt.

  4. Wilfried Müller sagt:

    Also wenn ich B bin, kann ich verstehen, was ich will, und das ist immer die Wahrheit? Dann braucht man keine Wahrheitsfindung mehr zu betreiben, sobald das Wapperl Rhetorik draufklebt. Aber wer entscheidet das? Als B kann ich alles Rhetorik nennen und habe dann immer die Deutungshoheit. Wenig hilfreich.

    Für vertiefende Rhetorik-Studien dieser Link auf Manipulationstechniken von Rhetorik.ch

  5. "Wahrheit ist nun einmal in aller Regel keine absolute Grösse. Sie ist subjektiv, in unserem Fall gesteuert durch das, was verstanden wird.

    Und das könnte auch ein Gericht so sehen. Wenn sich viele "verhetzt" sehen durch den Ausspruch, so muss das Gericht handeln.

  6. Wilfried Müller sagt:

    Dass Wahrheit ein subjektives Element hat, war mir schon klar. Aber dass ein Gericht einen drankriegen könnte, wenn man missverstanden wird (also als A was anderes gemeint hat, als B versteht), war mir neu. Da würde man ja quasi für die Fehler der Sprache verurteilt. Interessantes Thema.

  7. Das Gericht urteilt ja nach dem angerichteten Schaden und nicht nach Interpretations-Feinheiten.

  8. Wilfried Müller sagt:

    … und ich dachte, Gerichte betreiben Wahrheitsfindung. Wer den Schaden anrichtet, A oder B, spielt demnach keine Rolle, es ist immer A?

  9. Das ist vergleichbar mit der Wahrheitsfindung beim § 166 StGB. Da geht es praktisch ausschliesslich darum, ob ein öffentliches Ärgernis hervorgerufen wurde. Messen kann man das hier an der (inzwischen erheblichen) Zahl von Anzeigen oder an den "Shitstorms" in sozialen Medien.

    Ganz sicher geht es aber nicht um linguistische Jonglierspielchen.

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