Rezension zu „Frauen dürfen hier nicht träumen“ von Rana Ahmad

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Saudi-Arabien ist eines der reichsten Länder der Welt, schreibt der bfb-Verlag. Beherrscht von Scharia und der Religionspolizei. Als Zehnjährige muss Rana sich zum ersten Mal verschleiern. … Rana fehlt die Luft zum Atmen, sie beginnt zu zweifeln: an Gott. Darauf steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe. Auch deshalb beschließt sie auszubrechen. Das "uneingeschränkt empfehlenswerte" Buch darüber, wie Rana dem geistigen Gefängnis Islam entflieht, rezensiert Dr. Gerfried Pongratz (1/2018).

Rana Ahmad: FRAUEN DÜRFEN HIER NICHT TRÄUMEN

„Die spannendsten Geschichten schreibt das Leben selbst“, Rana Ahmads uneingeschränkt empfehlenswertes Buch liefert den Beweis; ihre in Teilen „unter die Haut gehende“ Biografie berührt in mehrfacher Hinsicht:

Als überaus farbig, sehr gut erzählte Lebensgeschichte einer jungen, mutigen Syrerin, die in Riad in Saudi Arabien in einer streng gläubigen muslimischen Familie aufwächst und nach und nach – mit dramatischen Erlebnissen und biografischen Einbrüchen – sich von der totalen Kontrolle und Fremdbestimmtheit der patriarchalen Welt einer alles beherrschenden Religion zuerst mental, dann auch real befreit und sich auf einer abenteuerlichen Flucht nach Deutschland retten kann.

Als schonungslose Beschreibung einer auf religiös fundamentalistischem Islam beruhenden Gesellschaftsordnung, die (nicht nur) in Saudi Arabien alle Lebensbereiche diktatorisch dominiert und vor allem Frauen die Luft zum Atmen nimmt.

Als Ansporn und Ermunterung für Frauen, die in ähnlichen Situationen das Joch der Unterdrückung nicht mehr tragen wollen, von Selbstbestimmung träumen und an Flucht denken. Als Ansporn auch für mutige Männer, die im Land selbst unter Lebensgefahr Widerstand leisten, Aufklärung betreiben und dabei getötet werden können, oder, wie z.B. Raif Badawi, unmenschliche Strafen erdulden müssen.

Last not least als eindrückliche Schilderung, welchen Widrigkeiten und Gefahren Flüchtlinge auf der Flucht ausgesetzt sind, unter welch belastenden Bedingungen sie im Ankunftsland oftmals leben und um die Asylgewährung bangen müssen und wie schwierig die Eingliederung in eine fremde Kultur und ein Neuanfang für die meisten von ihnen ist. Aber auch als dankbare Erzählung, wie freundliche Menschen, ehrenamtliche Unterstützer und auch Behördenvertreter sich bemühen, das Los der Flüchtlinge zu erleichtern und uneigennützig Hilfe zu geben.

Mein Ausbruch aus Saudi-Arabien, mein Weg in die Freiheit“ lautet der Untertitel des Buches, wobei unter Freiheit auch sehr stark „innere Freiheit“ zu verstehen ist. Rana ist ein aufgewecktes, intelligentes, ursprünglich auch sehr frommes Mädchen, dem nach und nach – ab dem 10. Lebensjahr muß sie sich verschleiern, darf nicht mehr Fahrrad fahren, darf nicht mehr allein auf die Strasse gehen, muß sich ihren Brüdern unterordnen usw. – bewußt wird, unter welch totaler Kontrolle und Gewalt muslimische Frauen in Saudi-Arabien und vergleichbaren Ländern leben müssen. Nach einer unglücklich verlaufenen Ehe und dramatischen Gewalterlebnissen beginnt sie – angeregt durch Literatur via Internet – sich immer stärker für Naturwissenschaften zu interessieren und an der herrschenden Gesellschaftsordnung, basierend auf Religion und rigiden Gottesglauben, zu zweifeln; sie entwickelt sich dabei – immer wieder auch geplagt von Zweifeln und Gewissenbissen – zur Atheistin. Was auch innerhalb der eigenen Familie strikt verborgen bleiben muß – Glaubensabfall wird mit dem Tode bestraft. In atheistischen Internet-Netzwerken findet sie Freunde, Unterstützer und Trost; sie vermitteln ihr letztendlich auch die Kraft und den Mut, den Ausbruch zu wagen, das Land und die Familie – vor allem den abgöttisch geliebten Vater – zu verlassen. Am 19. Mai 2015 gelingt es Rana Ahmad unter Todesgefahr, „dem geistigen Gefängnis Islam“ zu entfliehen und von Riad nach Istanbul zu flüchten. Nach einer schwierigen Zeit in der Türkei, wo sie nur dank der Unterstützung von atheistischen „Internet-Freunden“ einigermaßen über die Runden kommen kann, gelingt ihr gemeinsam mit ihrem Freund die lebensgefährliche Flucht in einem überfüllten Schlauchboot nach Griechenland. Nach einem Zwischenaufenthalt bei hilfsbereiten Menschen in Athen und einer sehr strapaziösen Weiterflucht über die Balkanroute (österreichische Polizisten waren die ersten freundlichen Personen) endet die Reise in Deutschland, wo Rana Ahmad derzeit intensiv Deutsch lernt und sich unter Mithilfe von zahlreichen Freunden und Organisationen (Zentralrat der Ex-Muslime, Giordano-Bruno-Stiftung) einlebt und auf ein Physikstudium vorbereitet. Gleichzeitig ist sie in sozialen Medien aktiv und als Interview-Partnerin gefragt; dies führt auch immer wieder zu Hassbekundungen und Todesdrohungen, was aber ihre Religionskritik und ihr Anliegen, auf das schwere Los von Frauen in fundamentalistischen islamischen Staaten hinzuweisen, nicht behindern kann.

Rana Ahmads Buch (verfaßt mit der Berliner Co-Autorin Sarah Borufka) kann als abenteuerliche Biografie einer mutigen und intelligenten 32jährigen Frau gelesen werden. Man kann es aber auch als Aufruf zu Widerstand gegen Autokratie und Männerherrschaft, gegen die Unterdrückung von Frauen und gegen religiösen Fundamentalismus verstehen.

Richard Dawkins, der ebenfalls zu Rana Ahmads Unterstützern zählt, hat es wie folgt ausgedrückt: „Saudi-Arabien ist eine Schande für die Menschheit und, vor allem für Frauen, die Hölle auf Erden. Rana Ahmad ist eine der wenigen tapferen Frauen, die unter großem persönlichen Risiko dem Regime getrotzt haben und geflohen sind. Ihre bewegende Geschichte ist eine mutige und wichtige Kampfansage, ein Aufruf, Menschenrechte vor der Unterdrückung durch theokratische Regime zu schützen und zu verteidigen!“

 

Gerfried Pongratz

Rana Ahmad: „Frauen dürfen hier nicht träumen, btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House, München 2017, ISBN 978-3-442-75748-02, 317 Seiten

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2 Antworten auf Rezension zu „Frauen dürfen hier nicht träumen“ von Rana Ahmad

  1. Saco sagt:

    Religion kann zur Hölle auf Erden werden. Bei fremden, d. h. uns nicht eigenen Religionen sehen wir das klar. Der nüchterne Blick auf die eigene Religion ist uns oft verwehrt. Er ist "verschleiert". Er ist aus Angst heraus verschleiert. Die Hölle auf Erden machen Christen auf den geschlossenen Abteilungen unserer Psychiatrien durch. Bewusst oder (meist) unbewusst haben sie religiöse Jenseitsängste, also ein Sacco-Syndrom. Weit über 50 % der dort untergebrachten ist dort wegen einer Gottangst. 

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