Gleich weitermachen gleich Ungleichheit

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scale-2634833_1280Geld regiert die Welt, das drückt das Bild von qimono, pixabay, aus. Denselben Ausdruck findet es auch in einem Oxfam-Bericht (1. und 2. Link unten). Oxfams Ungleichheitsreport erscheint jedes Jahr pünktlich zum Weltwirtschaftsforum in Davos und beeinflusst dort die Debatte, oder auch nicht.

Kritiker reden von fragwürdig generierten Zahlenspielen, weil Oxfam den Global Wealth Report (3. ) und die Forbes-Liste der Milliardäre (4.) einbezogen hat, und weil es immer Meinungsverschiedenheiten über die Erfassung von Besitz und Vermögen gibt. Den Bericht deswegen zu verdammen, wäre aber verfehlt. Denn es werden bedenkenswerte Informationen geliefert, die auch die deutsche GroKo angehen. Ein kurzes Fazit vorneweg:

Gleich weitermachen gleich Ungleichheit, soll sagen, es muss sich was ändern, damit die Ungleichheit endlich weniger wird statt immer nur mehr.

Ein Artikel der Zeit (5. ) zu dem Oxfam-Bericht liefert wieder mal die größte Fülle an Leserkommentaren, aus denen wissenbloggt erneut Inspiration zieht. Viele Zeit-Leserkommentare sind es wert, wieder- und weitergegeben zu werden. Eine kleine Auswahl davon wird hier sortiert und anonymisiert referiert. Zum Inhalt des Artikels selber ein paar Takte vorweg:

Wer reich ist, macht Politik, schreibt die Zeit. Wie ein Leser trefflich kommentiert, ist das eine Neuauflage von Geld regiert die Welt.

Das äußert sich darin, dass 42 Personen mittlerweile soviel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit. 2017 hat das reichste eine Prozent 82% aller Vermögensgewinne eingestrichen (in Deutschland sogar 88%), und die ärmere Hälfte hat gar nichts von den wachsenden Vermögen abbekommen. Der Bericht zeigt, "wie sich der Graben zwischen Reich und Arm weiter vertieft und wie Konzerne und Superreiche ihre Gewinne erhöhen, indem sie Löhne drücken und Steuern vermeiden – auf Kosten normaler Arbeiter/innen und Angestellter sowie des Gemeinwohls".

Zudem sind die Gegenmeldungen problematisch, nach denen es etwa in China und Indien gestiegene Durchschnittseinkommen gebe, so dass sich die Ungleichheit zwischen den Staaten vermindere. Dazu bringt ein Leserkommentar Noch eine Anmerkung zu den Einkommenssteigerungen in China und anderen asiatischen Ländern seit 1980: Die arme Landbevölkerung ohne Einkommen floss/fließt in die Statistiken mit 0 Dollar Einkommen ein. Durch die Landflucht von Millionen der Null-Einkommen-Landbevölkerung in die städtischen Wirtschaftsräume als Wanderarbeiter, Mülltaucher, Prostituierte…, haben sie nun ein Einkommen von mehr als 1,50 Dollar am Tag. Statistisch ist es richtig, dass die Armut in den genannten Ländern abgenommen hat. Augenwischerei bleibt es trotzdem.

Innerhalb der Staaten vergrößert sich die Ungleichheit auch statistisch. Oxfam dazu: "Die Topverdienste an der Spitze hängen mit den Hungerlöhnen am anderen Ende der Wertschöpfungskette zusammen. Wir sehen, dass derzeit – und schon seit langem – vor allem die Kapitaleigner vom Wirtschaftssystem profitieren und nicht die Arbeitenden."

Oxfam fordert deshalb von den Regierungen, den weltweiten Steuersenkungswettlauf zu stoppen und den großen Konzernen mehr Offenheit in Steuerfragen abzuverlangen. Also bitte eine weltweite Mindeststeuer für Konzerne einführen – auch Deutschland könnte viel mehr tun. Die freundliche Oxfam-Aufforderung an die GroKo: "Von der künftigen Bundesregierung würden wir uns neben warmen Worten endlich mehr Taten wünschen."

Das ist nett ausgedrückt angesichts der Schieflage. Ein Dax-Konzernchef verdient 157-mal so viel wie ein Durchschnittsarbeitnehmer (und ein Hedgefonds-Manager noch viel mehr). Das schlug sich im Leserforum in Kommentaren nieder, wo darüber gerechtet wurde, inwieweit die ganz hohen Einkommen und Vermögen überhaupt zu rechtfertigen seien (ab hier die wb-Texte kursiv):

Reichtum

Häufig ist es keine (individuelle) Leistung, die zu großen Vermögen führt, sondern Glück. Da kann man ergänzen "und Beziehungen". So sieht es auch ein anderer Kommentar: Ihren Reichtum haben sie zu einem Großteil der Gesellschaft zu verdanken, und deshalb muss ein besonderer Profiteur auch besonders viel von seinem Erfolg zurückgeben! … Zudem ist die Glückskomponente extrem hoch! … Zudem vermehrt sich Geld heutzutage von selbst!

Am Beispiel von Bill Gates (nach 4.  mit 85 Mrd. der Reichste) wird überlegt, ob das nicht generell zuviel ist, oder ob Gates so eine besondere Leistung erbracht hätte. Dazu wb: Ja, er hat was geleistet, aber nicht mehr als viele andere. Sein Erfolg ist mehr zufällig, siehe  wb-Links unten Bill Gates.

Ein Leser resigniert: Mittlerweile ist es mir lieber, dass Leute wie Gates ihr Geld bei sich behalten und dann sinnvoll investieren, als dass sie es in die Steuertöpfe ihrer Länder tun und dann von Dilettanten ausgeben lassen. Andere setzen die Agenda offensiver und postulieren, dass

  1. Milliardäre einen viel zu geringen Beitrag für die Gesellschaft leisten,
  2. zahlreiche Möglichkeiten haben, ihre Steuerlast durch eine Vielzahl von Konstruktionen zu minimieren und
  3. einen sehr hohen Einfluss auf die Politik haben.

Das wird subsumiert zu: Reichtum in der angeprangerten Dimension vermehrt sich nicht durch Arbeitseinkommen. … Steuern auf Arbeitseinkommen verhindern nur, dass Menschen mit Arbeit zu Wohlstand kommen können, während die Vermehrung des Kapitals der Superreichen davon nicht betroffen wird.

Macht

Macht begründet sich auf Gesetze, die von der Politik beschlossen werden. Die Deregulierung des Finanzwesens war so eine Entscheidung, welche die Politik getroffen hat. … Wem wird gegeben? Natürlich dem Reichen, da der mehr Einfluss auf die Politik hat – sei es durch Lobbyisten oder durch mediale Macht, die man sich auch kaufen kann.

Gleichgesinnt: Deregulierung und Eigenverantwortung dort, wo man Rechte bräuchte, bedeuten schließlich nur, dass das Recht des ökonomisch Stärkeren gilt. Und: Solange die reichen Egozentriker nicht bereit sind, zu teilen, ändert sich auch nix. Aber es wählt ja auch die verarschte Bevölkerung zu 85% eine Politik, die im Sinne der Reichen ist.

Demokratie

Wer sich nicht kümmert, der darf sich in einer Demokratie hinterher nicht beschweren, wenn es ihm schlecht geht. Denn genau so läuft Demokratie eben.

Weniger gleichmütig: Die Superreichen lachen sich tot über die Steuerpolitik. Wie zum Beispiel die CDU seit Jahrzehnten für 0,1% ihrer Wähler die Steuerpolitik macht und alles verhindert, was denen zu Leibe rücken könnte. … Und das hat auch Rückhalt in der Bevölkerung; nach Umfragen ist immer eine Mehrheit gegen Steuererhöhungen. Auch die Forderung nach Sozialer Gerechtigkeit der SPD ist Larifari, wenn keine Gerechtigkeit beim Kassieren der Steuern erreicht wird.

Als Vorbild wird genannt: Skandinavien

  • Kompletter Abzug der Darlehenszinsen von der Steuer bei selbstbewohntem Eigentum.
  • Niedrige Sozialbeiträge, da alle (auch das Groß-Kapital) einzahlen.
  • Hohe Altersrenten, da auch dort alle einzahlen.

Medien

Im Konzert mit dem Bertelsmannschen Bildungsfernsehen (ARD und ZDF sind nur unwesentlich besser) wird die Entmündigung der Vielen effektiv gestaltet, die herrschenden Verhältnisse scheinen wieder gottgegeben.

Vielfach kam das Argument, wieso wählen die Leute nicht anders, und auch dies: Was ich allerdings nicht verstehe ist, warum intelligente Menschen nicht ihren eigenen Spielraum, der ihnen bleibt, nutzen?  (also z.B. beim Krämer einkaufen statt bei Aldi.)

Ganz zynisch: Bringe die Menschen ins Elend, um dann als ihr Wohltäter aufzutreten.

Bevölkerungswachstum

Eine vermeintlich gerechtere Vermögensverteilung im globalen Maßstab dürfte sich zumindest dann als völlig untaugliches Rezept erweisen, wenn die Verbesserung der Lebensbedingungen – so traurig oder grausam dies auch klingen mag – in einigen Teilen der Welt nahezu ausschließlich der Perpetuierung der ohnehin bestehenden Überbevölkerung sowie eines weiteren Bevölkerungswachstums zugute kommt. … Die zumeist vorgebrachten Gegenargumente, wonach die Überbevölkerung etwa auf fehlender Bildung, religiösen Geboten etc. beruhe, übersehen den maßgeblichen Einfluss tief verwurzelter soziokultureller Prägungen und mentalitätsbedingter Veranlagungen, auch wenn diese Begriffe als angeblich "politisch Inkorrekt" weitestgehend tabuisiert werden.

Gegen das Perpetuieren wird Einspruch erhoben, die Zahlen zeigten, dass es konvergiere. Außerhalb von Afrika stimmt das auch, aber in Afrika wirkt tatsächlich der circulus vitiosis, dass gerettete Kinder selber wieder Kinder kriegen, die gerettet werden müssen usw., so dass die neugebaute Infrastruktur (wie z.B. in Kenia und Nigeria) gleich wieder unzureichend wird. Die zynische Sicht:

Reiche mehren ihr Kapital, Arme die Anzahl ihrer Nachkommenschaft. Beide sind erfolgreich. Damit der Erfolg letzterer nicht auf Afrika und Asien beschränkt bleibt, importieren wir (Europa) einen Teil des Übrschusses mit entsprechenden Folgen.

Zahlen

Zu Oxfam, mit der Intention, die bedienen sich: Mehr als 4 Millionen Euro kamen im Berichtszeitraum zusammen. Insgesamt lagen die Jahreseinnahmen bei 23,5 Millionen Euro. Ein Großteil dieser Mittel stammt aus Zuwendungen des Auswärtigen Amtes (AA) für Nothilfe-Einsätze.

Und Fundamentalkritik an der bösen Ungleichheit: Wenn man die Konsumausgaben in unserem Land mal so richtig analysiert, kann nur bestätigt werden, dass es uns im Schnitt richtig gut geht. Im Jahr 2016 lagen die Ausgaben für Auslandsreisen bei über 73 Milliarden Euro, die Ausgaben für Alkohol bei 60 Mrd., für Tabakwaren bei 25,9 Mrd. und sogar die Ausgaben für Tierfutter lagen über 10 Mrd.. Der Jahresumsatz im Rotlichtmilieu lag bei 14,6 Mrd.. Der Glücksspielumsatz stieg zwischen 2012 und 2015 von 33 Mrd. auf 40,3 Mrd., also in drei Jahren um fast 28%. Das Geldversenken in Geldspielautomaten stieg von 19,2 Mrd. auf 25,3 Mrd., also um 31,7%! (Bloß dass bei dem Durchschnitt eben ganz Reiche und viele Arme dabei sind.)

Rechte

Zuerst die Befürchtung, dass eine Veränderung eher zum Schlechteren führt. Darauf: Ist es schlecht, auch was vom Kuchen abzukriegen? Obendrein: Besonders dann, wenn man den Kuchen selbst gebacken hat?

Dagegen: Wenn der Unternehmer in die Schweiz geht, dann hat der Normalo nicht nur nichts mehr vom Kuchen, sondern gar nichts mehr. Aber gekontert: Schon mal von der Idee gehört, die Unternehmen dort zu besteuern, wo auch die Gewinne erwirtschaft werden. Doch auch das macht Probleme: Was bedeutet das für den Staat und die Bevölkerung? Deutschland ist sehr exportorientiert. Viele Firmen machen große Teile ihres Gewinns im Ausland. Diese werden dann nicht in Deutschland versteuert, sondern im Ausland.

 

Nachtrag 24.1.: Gerade passend hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Zahlen für Deutschland herausgebracht (7.). Dazu gibt's auch schon einen Artikel der SZ (8.): 45 Reichen gehört so viel wie der Hälfte der Deutschen.

 

Medien-Links:

  1. Richest 1 percent bagged 82 percent of wealth created last year – poorest half of humanity got nothing (Pressemeldung Oxfam 22.1.):
    Billionaire wealth has risen by an annual average of 13 percent since 2010 – six times faster than the wages of ordinary workers, which have risen by a yearly average of just 2 percent. The number of billionaires rose at an unprecedented rate of one every two days between March 2016 and March 2017.
    It takes just four days for a CEO from one of the top five global fashion brands to earn what a Bangladeshi garment worker will earn in her lifetime. In the US, it takes slightly over one working day for a CEO to earn what an ordinary worker makes in a year.
    It would cost $2.2 billion a year to increase the wages of all 2.5 million Vietnamese garment workers to a living wage. This is about a third of the amount paid out to wealthy shareholders by the top 5 companies in the garment sector in 2016.
  2. Reward Work, not Wealth (Oxfam 1/2018): To end the inequality crisis, we must build an economy for ordinary working people, not the rich and powerful.
  3. Global Wealth Report 2017: Wo stehen wir zehn Jahre nach der Krise? (Credit Suisse 14.11.17)
  4. The World's Billionaires (Forbes 2017): 1. Bill Gates (Microsoft) 85 Mrd. $, 2. Warren Buffet (Berkshire Hathaway) 75,6, 3. Jeff Bezos (Amazon) 72,8, 4. Amancio Ortega (Zara, Spanien), 71,3, 5. Mark Zuckerberg (Facebook) 56.
  5. Soziale Ungleichheit: Wer reich ist, macht Politik (Zeit Online 22.1. fast 500 Kommentare): Weltweit wächst die Ungleichheit, warnt Oxfam. Die Zahlen der Hilfsorganisation mögen nicht so exakt sein, wie sie scheinen. Aber sie beschreiben ein ernsthaftes Problem.
  6. Die wichtigsten Steuern im internationalen Vergleich 2015 (Bundesfinanzministerium 2016)
  7. Looking for the Missing Rich: Tracing the Top Tail of the Wealth Distribution (DIW 23.1.)
  8. DIW-Studie zur Ungleichheit – Den 45 reichsten Deutschen gehört so viel wie der Hälfte der übrigen Bevölkerung? (Süddeutsche Zeitung 23.1.): Eine Ungleichheits-Studie des DIW zur Vermögensverteilung in Deutschland erregt Aufsehen – auch, weil sie mit einem Trick besonders große Unterschiede feststellt.

 

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