Suizidgedichte

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Sie analysieren sich von selbst. "Kunst" lässt normalerweise Spielraum für eigene Gedanken. Meine Gedichte lassen keinen Spielraum. Die sind wie Handschellen für die Geistlichkeit (Bild: Sacco).

 

 

Suizidgedichte


Unser Kirchenlied 234  Sonja, 8 Jahre

Kind,
Wie bist du blass und krank

Mutter,
Der Pastor zu mir sang
Wenn ich nicht der Buße tue
Mein Leib dann nicht im Himmel ruhe
Er dann im Feuer brennen muss
In Ewigkeit in Rauch und Ruß

Mutter,
Wenn ich Sünden würd begehn
Würds in der Hölle schlecht mir gehn
Wenn ich vergäße Buß und Reue
Käm ich ins Feuer
Jeden Tag aufs neue

Auch meine Seele dann dort brennen muss
Jeden Tag im Rauch und Ruß

 

Erklärung

Angesprochen ist das im Jahr 2010 gültige evangelische  Kirchenlied  Nr. 234 „So wahr ich lebe, spricht dein Gott“. Es singen da der Pastor oder gar „Gott“ oder beide unseren Kindern zu:

„…dein Seel und Leib dort (in der Hölle) brennen muss“.

 

Der Sprung

441771, hier ist die Telefonseelsorge, Martin mein Name, was kann ich für sie tun?

Martin, mein Name ist Hans, ich fühl mich nicht gut, ich sitz hier in Flensburg im Hochhaus. Ich fühl mich beschissen. Habs Fenster auf und will springen.

Hans, gut dass sie hier anrufen, sich mit mir unterhalten wollen, beruhigen sie sich jetzt erstmal und setzen sich auf einen Stuhl oder aufs Bett, ihre Gefühle können vergehn, es kann morgen schon alles anders aussehn, sehn sie, ich sitz hier auch im 10 Stock, im Pressehaus, und ich fühl mich prima, und ihnen kanns auch bald wieder prima gehn, aber wenn sie jetzt so da sitzen, werden sie wohl glauben, es wird nie mehr wieder was. Wo ist denn ihr Problem, an was denken sie, Hans?

Ich hab Panik, Martin, 's Blut kommt mir in den Kopf, ich hab irgendwie Angst, Angst, dass ich mich versündigt hab, Angst in die Hölle zu kommen.

Hans, das gibts schon mal, das vergeht, die Hölle gibts doch gar nicht, wenigstens nicht so, durch die Fürsprache Jesu bei Gott müssen wir ja gar nicht in die Hölle, das ist ja das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus, die frohe Botschaft, ich bin ja Pastor, Pastor im Ruhestand, mir können sie vertraun, Jesus hat ja das Kreuz auf sich genommen, gerade auch für sie Hans, zur Vergebung ihrer Sünden hat ers auf sich genommen, er hat ihnen schon längst alle Sünden verziehn, und Gott hat ihnen auch verziehen, schon lange, Hans.

Aber Martin, in der Bibel sagt Jesus, wer gegen den Heiligen Geist sich versündigt, dem wird nicht vergeben, nicht in dieser und nicht in jener Welt. Und ich hab gegen den Heiligen Geist gesündigt… ich weiß nur nicht wie und wann.

Ja, Hans, so ists gemeint von Jesus, das ist schon so, aber was ist das überhaupt, gegen den Heiligen Geist sündigen…

Hans,    Hans……..                       

 

 

Anna hängt sich auf
    
Anna war knapp acht,
da gab Mutter sie das erste Mal in der Kirche ab.
Sie war ein Kind der Liebe.
Sie bekam nie Hiebe.

Pastor Heuer erzählt ihr die Sintflutgeschichte:
„Anna, das ist eine große Hoffnungsgeschichte,
denn in der großen Wassernot,
erspart Gott Noah den Ertränkungstod.“

Auf dem Nachhauseweg machte Anna an einem Baume halt.
Von zuhaus her kannte sie nichts von solcher Gewalt.

Die nächste Woche der Pastor erzählt,
was unsre Anna noch mehr quält,
wie Lot aus Sodom rannte,
sich umsah und sah, wie seine Familie verbrannte.

Auf dem Nachhauseweg machte Anna an einem Baume halt,
von zuhaus her kannte sie nichts von solcher Gewalt.
Sie dachte an das Flammenmeer.
Sie sagte den ganzen Tag nichts mehr.

Die nächste Woche die Mutter wartet,
sie hatte Anna um vier erwartet.
„Trink sein Blut“, hat er gesagt, der Pastor Heuer,
„dann kommst du in den Himmel und nicht ins Feuer.“

Und dann hat der Pastor noch angefangen,
der am Kreuz sei für Annas Sünden ans Kreuz gegangen.
Auf dem Nachhauseweg machte Anna an einem Baume halt.
Als man sie fand, da war sie schon kalt.

 

 

Der Engel

Mein kleiner Engel –
hatte der Vater immer gesagt.
Blond war sie wie'n Engel,
hat auch der Pastor gesagt.

Eines Tags hat der Engel geweint.
Wie's scheint,
hat sie der Pastor getadelt,
sie habe Christus mit angenagelt.
Sie habe angefangen
und Sünden begangen.
Deshalb sei Christus gekommen
und habe 's Kreuz auf sich genommen.

Dann lebte der Engel wie du und ich,
und dachte an andre und nicht an sich.
Sie wurde der liebste Mensch der Welt,
ihr zählte nicht Ehre und nicht das Geld.

Mit dreißig wurde sie von Sinnen,
sie schrie ganz laut und hörte Stimmen.
Mit vierzig ihre Mutter seufzt,
sie hat sich aufgehangen, in einer Kirche, an einem Kreuz.

 

                                          

Andreas hat er geheißen

Andreas war ein stilles Kind,
so still, wie man nur wen'ge find.
Seine Schwester war im Meer geblieben,
das war auf Borkum, da war Andreas sieben.

Andreas kannte Adolf Hitler genau.
Andreas Vater sagte: „Hitler war ne alte Sau,
Opa Willi und die Juden hat er vergast.“
Andreas hörte das und wurde blass.

Dann kam der Pastor und hat geklingelt,
von Tür zu Tür ist er getingelt:
„Andreas braucht, das weiß ich schon,
um ein guter Mensch zu werden, die Kommunion.“

Zur Kirche ging er dann,
unser Andreas, der kleine Mann.
Da erzählte der Pastor vom Sodomfeuer,
Andreas stand auf und rief: „Gott ist ein Ungeheuer.“

„Wie kann nur Gott die Juden verbrennen,
und lässt nur Lot aus dem Feuer raus rennen,
dieser Gott, und das ist kein Spaß,
er ist gemeiner als Hitler mit seinem Gas.“

Da sind Pfarrer und Gemeinde aufgebraust,
sie riefen: „Raus hier Andreas aus diesem Gotteshaus.
Gott mit Hitler zu vergleichen,
das ist Sünde ohnegleichen.“

Der kleine Andreas lief weinend raus,
raus aus diesem gottlosen Gotteshaus.
Bis zur großen Eiche ist er gekommen,
da hat er sich einen Strick genommen.

 


„Gottes“ Hölle

Als sich ihr Unbewusstes
das erste Mal bewusst wurde,
ihr Leib kommt in die Hölle,
ins Feuer, verwandelte es sich
in einen einzigen Schrei.
Im ganzen Irrenhaus war er zu hören.

Das zweite Mal
war es lediglich eine Kreuzigung.

Das dritte Mal
war es lediglich Entsetzen.

Das vierte Mal
ging sie freiwillig,
dieses Entsetzen näher zu studieren.

Eines Tages kam dann dieser Gott.
Da hat sie ihn nur ausgelacht.
Er verzog sich.
Voller Scham.            

 

Für  immer

Für immer sprach der Pastor da,
zum kleinen Kind vor dem Altar.
Für immer wird die Warze weg sein,
die Heilerin, sie möchte gut sein.

Doch überdenke, kleines Kind,
dort hinzugehn war große Sünd.
Für immer mag die Warze weg sein,
doch der Teufel wird nun für immer
in dir drin sein. Und dich in
seine Hölle mitnehmen.

Für immer, dachte unsre Anna da,
vor den dunklen großen Altar.
Für immer, auch in Ewigkeit.
Für immer und für alle Zeit.

Mit dreißig ist die Depression gekommen,
hat Anna in die Pflicht genommen.
Für immer, dacht ihr Herz beklommen,
da hat sie's Leben sich genommen.
Dies erzählte mir ihr Mann,
der's immer noch nicht fassen kann.

 


Leon, was weinst Du?

Es war da einer in der Kirche, sie hatten ihn mit Nägeln an ein Holzkreuz anschlagen, um ihn zu töten, grausam zu töten, und da musst ich weinen.

Das ist Jesus, Leon, Gottes Sohn.

Wie können Menschen nur so grausam sein, Mutter?

Ja, das ist sehr grausam, Leon. Ist normal, dass du da weinst.

Und der Pastor hat gesagt, Jesus musste wegen uns, wegen mir, so grausam sterben, zur Vergebung meiner Sünden.

Hat Pastor Weding dir das gesagt, Leon?

Ja, das hat er gesagt. Und Jesus  würd uns aber vergeben, es sei uns vergeben, wenn wir sein Blut trinken und seinen Leib essen, dann würd er uns vergeben. Mutter, ich bin Schuld an Jesu Tod, Mutter, an diesem Tod bin ich Schuld.

Denk einfach nicht  weiter drüber nach, Leon, 's sind alte Geschichten aus der Bibel. Hast du dein Medikinet schon genommen? Nimm dein Ritalin, Leon.

 

Geduldsfaden gerissen

Du bist 'n Arschloch, sagte Tom zu mir. Ich war Pfleger auf der N14. Er war schizophren. Und manisch. Wir hatten 'ne Drehtür für ihn, extra für ihn, auf der N14. Zwölf Mal war er schon da. Kam immer mit so'm Teufelszeug an, Amuletten, Glaskugeln, Satanischem, was mit Raben. Du bist ein Arschloch, sagte Tom. Ich hatte ihm 20 mg. Valium verpasst, und das mit Gewalt. Intravenös.  Musste sein, sagte ich. Hattest vierzehn Tage die Reitstiefel an, lauter Blasen und Eiter. Hast getobt. Weiß ich, sagte er, is aber meine Sache, sagte er. Kannst mich ja anzeigen, sagte ich.

Er war 'n Kämpfer, er kämpfte gegen Gott, verspottete ihn mit dem Teufelskram, er reizte ihn, verfluchte ihn, da war er groß drin. Wirklich groß. Aber sein Gott war größer. Und 'n Verbrecher dazu.

Lass den Mist mit dem Satan, bekommt dir nicht, sagte ich. Dein Gott ist stärker, obwohl's  den nicht gibt. Gibt keinen Gott, sagte ich. Und du kriegst auch keine Unterstützung, bei dem, was du machst. Unsere Psychiater ziehen den Schwanz ein. Die traun sich nicht, was gegen Gott zu machen, oder gegen seine Leute.

Sind die feige? fragte Tom. Is 'n Unterschied, Angst und feige, sagte ich. Jedenfalls: Lass den Scheiß sein, sagte ich. Die Kirchenleute ficken jeden mit ihrem Gott. Und weil sie schon bei Kindern anfangen, bleibt das ewig drin im Kopp. Die Angst. Is auch noch in deinem Kopp, Tom. Schreib lieber deine Story auf, und zeig mirs. Wir machen 'n Buch draus. 'N Buch gegen die Kirchenleute. Sind Kinderficker, die Kirchenleute.

 

 

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