Mauschelei mit Geburtenraten

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Gut gewollt ist noch lange nicht objektiv. Diese Tatsache gilt genauso wie das Gegenteil, dass schlecht gewollt nicht unbedingt objektiv ist. Im konkreten Fall geht es um Geburtenraten, speziell um die Frage, sind die je nach Religion anders? (Bild: prawny, pixabay)

Ein aktueller Artikel dazu zeigt, wohin das führt. Vor lauter gutem Willen kann selbst ein veritabler Autor wie Carsten Frerk unredlich argumentieren, siehe Der Mythos hoher muslimischer Geburtenraten (fowid 26.1.): Die Furcht vor einer "Islamisierung Deutschlands" und einer "Überfremdung" – aufgrund behaupteter hoher Fertilitätsraten "der Muslime" – hält sich immer noch in nicht wenigen Köpfen. Deshalb seien nachfolgend Daten und Fakten zusammengestellt, die erläutern, dass es mittlerweile ein Mythos ist und die Realität sich anders darstellt. Frerks Hauptargumente:

  1. die Fertilitätsraten "der Muslime" sinken,
  2. die Fertilitätsraten haben nur wenig bis gar nichts mit Religion zu tun.

Ersteres wird hier nicht bestritten, nur sind die "muslimischen" Raten absolut höher, wie man in Frerks Statistiken sieht. Dass er Indonesien (2,4 Kinder pro Frau), die Türkei (2,1) und den Iran (1,7) heranzieht, liefert beruhigende Aussagen für große Teile der muslimischen Welt. Für andere Teile sind die Informationen bedenklicher, z.B. für Syrien (3,1), Ägypten (3,4), Pakistan (3,7), Afghanistan (5,3), Nigeria (5,7). Doch gerade diese Zahlen sind für Deutschland maßgeblich, denn von da kommen die meisten Flüchtlinge. Zudem liefert Frerk ein entlarvendes Bild der Fertilitätsraten in der Türkei: die nehmen von Istanbul (1,7) zu nach Anatolien (3,5). Anatolien und Kurdistan sind aber die Regionen, aus denen die meisten Türkischstämmigen in Deutschland kommen. Die Fertilitätsrate der türkischen Frauen in Deutschland (1,7) ist denn auch nach 2 Generationen Integration noch höher als die der biodeutschen Frauen (1,3).

Die zweite Behauptung, dass die Fertilitätsraten nichts mit der Religion zu tun hätten, findet sich immer wieder. Die Aussage einer höheren "muslimischen Fertilitätsrate" ist nach Frerk schlichter Unfug. Maßgeblich sei die sozio-ökomische Entwicklung der Länder, Einkommen, Lebensstandard, Bildung, geringe Kindersterblichkeit, Erwerbstätigkeit von Frauen usw. Zu ergänzen ist die Emanzipation der Frauen, die vielfach als Haupt-Geburtenbremse gesehen wird – und gerade mit den frauenbezogenen Faktoren sieht es in islamischen Staaten schlecht aus. Indirekt wirkt die Religion eben doch auf hohe Geburtenziffern hin. Das ist ein Circulus vitiosus: Wo die Religion regiert, schafft sie Not und Rückständigkeit, wo Not und Rückständigkeit herrschen, findet die Religion verstärkten Zulauf.

Die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung sprechen eine andere Sprache als Frerk. Derzeit sind es 23% Muslime weltweit (gegenüber gut 31% Christen) bei 7,5 Milliarden Menschen, also gut 1,7 Milliarden Muslime. Für 2050 wird ein Gleichstand bei etwa 30% Muslimen und Christen vorausberechnet. Dann wird es knapp 10 Milliarden Menschen geben, darunter an die 3 Milliarden Muslime. In gut einer Generation also eine Zunahme von fast 75%. Die kommt nicht von Mission oder höherer Lebenserwartung, sondern vom Kinderkriegen.

Die höhere "muslimische Fertilitätsrate" ist mitnichten Unfug, sie ist Realität: Muslime sorgen für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerungszunahme bis 2050, ihr Anteil ist der größte von allen Religionen.

Für Afrika wird eine Verdoppelung der Bevölkerung bis 2050 vorausgesagt, also eine Zunahme um 100%. Afrikas Hauptreligionen sind Islam und Stammesreligionen bzw. christliche Abmischungen davon (die Grenzen zwischen den verschiedenen Religionen sind oft nicht genau bestimmbar, da sich der traditionelle Glaube mit christlichen Hauptströmungen und Sekten vermischt hat). Das unterstützt die Aussage von der extrem hohen "muslimischen Fertilitätsrate". Es ist nur zu ergänzen, dass auch die Stammesreligionen und ihre christlichen Derivate mit einer extrem hohen Fertilitätsrate einhergehen.

So zeigen die Statistiken in Frerks Artikel eben nicht die von ihm behauptete Unabhängigkeit von Religion und Fertilitätsrate (Tabelle 5, "Länder mit höchsten Geburtenraten" – dargestellt sind Fertilitätsraten). Man muss nur Islam und Stammesreligionen zusammenfassen, und schon kommt genau das raus, was Frerk nicht wahrhaben will: Die Geburtenrate ist am höchsten, wo Islam oder Stammesreligion walten.

Damit ist die Kritik nicht abgeschlossen, denn ein weiterer Punkt gibt Anlass zur Sorge. Das ist Deutschlands Altersverteilung bei den muslimischen Bevölkerungsanteilen incl. Flüchtlinge. Frerk spricht von einer deutlichen Überschätzung des Anteils der Muslime bei Umfragen. In Deutschland seien es real 5% (2015, zwei Jahre später 6%), und wahrgenommen wurden 16%.

Das beruht aber auf einer konkreten Wahrnehmung, denn die Altersverteilung der Muslime und besonders der Flüchtlinge ist eine ganz andere als die der Biodeutschen. In den obersten Alterskohorten sind praktisch 0% Muslime, und bei der Jugend sind es 20-30%. Besonders unter den jungen Männern ist der Anteil hoch, weil die Flüchtlinge zumeist jung und dann zu 3/4 Männer sind. Und diese Gruppe ist nun mal am wahrnehmbarsten. Die Abbildung unten entstammt der Publikation vom Statistischen Bundesamt, Mikrozensus (2016:Reihe 1, Fachserie 2.2). Die schwarzen, hellgrünen und lila Linien wurden von wb eingezeichnet und geben die religiöse Zuschreibung wieder.

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(Hier mussten Annahmen getroffen werden und Werte aus Befragungen zuhilfe genommen werden. Das Statistische Bundesamt und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge liefern zwar einen Wust von Zahlen, aufgeschlüsselt nach Monaten, Ländern und werweißwasnoch. Nur die Zahlen, die jeder haben will, die werden nicht berechnet, extrapoliert, geschätzt. Kaum möglich, dass das nur Unfähigkeit ist und keine Absicht. Wahrscheinlich ist die Desinformation politisch gewollt.

Mangels entsprechender Kurve wird also der muslimische Anteil mit 20% angenommen, wo der Gesamt-Anteil Ausländer+Migrationshintergrund 30% ist. Bei der Jugend sind 20% Muslimischstämmige dargestellt – muslimisch"stämmig", weil unter ihnen 20% religionsfrei sind. Unter den nicht-muslimischstämmigen 80% ist der Anteil der Religionsfreien 80%).

Die Kurve oben beeindruckt durch den hohen Anteil an Ausländern bzw. Deutschen mit Migrationshintergrund bei den jungen Alterskohorten. Jedes Jahr rückt die Säule eine Etage nach oben, und abgebaut wird sie vor allem ganz oben, im 0%-Muslime-Bereich. So wird der muslimische Anteil schon durchs Altern größer. Dies Faktum geht bei dem Frerk-Artikel ganz unter.

Die apostrophierte "Überfremdung" ist in unseren Schulen längst angekommen (mit dem entsprechenden Absinken der Lernleistung nach Schulleistungsstudie IGLU, auch wenn dort die Zuordnung der Lernschwachen zu Migranten versteckt wird). Der Mikrozensus 2011 dazu: Bei den unter 10-Jährigen stellen Kinder aus Einwandererfamilien rund 35 Prozent der Bevölkerung. Am höchsten ist der Anteil von Einwandererkindern bei den unter 6-Jährigen in Bremen (58 Prozent) gefolgt von Hamburg (49 Prozent) und Hessen (46 Prozent). Das sind Zahlen von 2011 für alle Einwanderer; derzeit darf man von durchschnittlich 30% Muslimen in den Schulklassen ausgehen. Aus Schülern werden Leute, und die Fremden-Anteile wachsen durch die Altersstruktur automatisch weiter. Ohne extra hohe muslimische Geburtenraten und ohne weitere Zuwanderung rechnet man mit einer Zunahme auf 11% muslimischen Bevölkerungsanteil bis 2050 (The Growth of Germany’s Muslim Population).

Aber 11% sind zu niedrig geschätzt, denn die Zuwanderung geht weiter, und es werden ständig neue Pull-Effekte kreiert (Familiennachzug für temporär Beherbergte, Auswahl der Zielländer nach bereits Eingereisten, Unterstützung von Clanbildung bis zu 30 Personen).

Und die Fertilitätsraten von Migrantinnen sind höher als die der Biodeutschen. In dem Frerk-Artikel wird umfänglich dargelegt, dass die Fertilitätsraten von Migrantinnen zurückgehen. Gut so, aber das bedeutet ja nur, dass der muslimische Anteil nicht ganz so schnell zunimmt. Wie schnell er zunimmt, hängt vom Unterschied Migranten/Biodeutsche ab. Immerhin ist die deutsche Fertilitätsrate durch den Einfluss der Migration insgesamt nach oben gegangen, von 1,3 auf 1,5 Kinder pro Frau im Durchschnitt. Die Fertilitätsrate der deutsch-türkischen Frauen wird mit 1,7 angegeben, gegenüber 1,3 bei den biodeutschen. Die Flüchtlingsfrauen dürften bei 3,0 für Muslime und Stammesreligiöse liegen (was Frerk in Tabelle 10 angibt, ist Augenwischerei, weil das Kinderkriegen bei den Befragten noch nicht abgeschlossen ist). Gemittelt mit den Deutsch-Türkinnen kommen daumengepeilte 2,3 als realistischer Wert raus.

Wenn keine Angleichung stattfindet, potenziert sich so ein Unterschied über die Jahre gewaltig. Nach 5 Generationen wäre die Relation 200% zu 11% ((2,3/2)5 zu (1,3/2)5), also eine Vermehrung auf den 18-fachen Anteil. Für den Integrationsfall, dass nach 3 Generationen Gleichstand eintritt, kommt knapp die Relation 3,5 heraus. Angesichts dessen ist die abschließende Behauptung des Artikels schlicht falsch, es drohe keine zahlenmäßige "Überfremdung" durch Geburtenraten.

Wie groß der muslimische Anteil zusammen mit dem stammesreligiösen Anteil wird, hängt von der Integration ab, und von der weiteren Zuwanderung. Ab wann man sich überfremdet fühlt, steht im Ermessen des Einzelnen. Bei vielen könnte es mit 2-stelligen muslimisch-stammesreligiösen Prozentanteilen soweit sein, und die 10% werden in einigen Jahren erreicht. Nun sind 10% Anteil kein Problem, wenn es sich um wohlintegrierte Kulturmuslime handelt. Aber Frankreich und Großbritannien sind mit ihren 10% gar nicht glücklich, und dort will man keinerlei neuen Zuzug haben. Insofern ist es unangebracht, die zahlenmäßige "Überfremdung" pauschal zu negieren.

Dabei unterstellt dies Szenario die erfolgreiche Integration. Was aber, wenn sich nicht integriert wird? Wenn weitere Clans und Parallelgesellschaften entstehen, und hunderttausende von jungen arbeitslosen Muslimen und Stammesreligiösen ihre Kultur von Frauenverachtung, Antiemanzipation und Machtübernahme durch Kindermachen ausleben?

Radio Erdogan und die Koranschulen arbeiten daran, Internetportale rufen dazu auf. Die Gegen-Bestrebungen sind spärlich, die staatliche Autorität ist eine Lachnummer. Die Schulen sind froh, wenn sie überhaupt einen geregelten Unterricht in deutscher Sprache zustandebringen. Die Politik ist organisierte Verantwortungslosigkeit. Demokratische Willensbildung findet nicht statt, das Recht wird gebeugt, das Parlament wird umgangen, das Volk wird zu den Jahrhundertentscheidungen nicht befragt.

Es wird nur in Gruppen pro und contra polarisiert – konstruktiv geht nichts in der Richtung voran, dass die Einreisenden auf unsere Werte eingeschworen werden, dass ihre Daten bedingungslos offengelegt werden, dass erst mal Planungssicherheit entsteht. Es werden keine Bedingungen an erfolgreiche Integration gestellt, und passende – integrationsfördernde – Arbeit gibt es nur wenig.

Da braucht es keinen wie auch immer gearteten Mythos, damit sich viele Menschen Sorgen machen. Die schnelle Zunahme des muslimischen Anteils ist gewährleistet, und der politische Dilettantismus lässt keine stringenten zukunftsfähigen Regelungen erkennen. Die Furcht vor einer "Islamisierung Deutschlands" ist ja auch die Furcht vor einer Politik, die sich gegen die eigenen Bürger kehrt und das Wohl von Fremden aus der halben Welt über das Bürgerwohl stellt. Und natürlich die Furcht vor den unabsehbaren Folgen der Rechtegewährung ohne Pflichtsetzungen.

Inzwischen scheint es einen Konsens zu geben, dass man die Schuld nicht bei den Immigranten sucht. Die machen nur, was alle in ihrer Situation machen würden. Die Schuld wird klar bei der Politik verortet, und bei den Medien, welche so eine Politik gutschreiben. Der Frerk-Artikel gehört leider in diese Kategorie.

 

Medien-Link: Warum in Deutschland mehr Kinder geboren werden (Süddeutsche Zeitung 17.10.16): Den größten Anteil am Zuwachs 2015 tragen Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Er ist damit unmittelbar Folge der hohen Zuwanderung. Demnach haben Geburten von Frauen aus Syrien, Rumänien, Bulgarien, Kosovo oder Serbien besonders starken Einfluss auf die Zahl von jetzt 1,5 Kindern pro Frau, außerdem wird der Einfluss ausländischer Mütter, die für deutsche Verhältnisse überdurchschnittlich viele Kinder hier bekommen, in den nächsten Jahren vermutlich weiter wachsen.
 

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