Kann man beweisen, dass Gott existiert?

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kot-3101851_1280Diese Frage wird in Zeit Campus diskutiert. Mehr als 1000 Leserkommentare befassen sich mit dem Thema, obwohl es eigentlich abgenudelt ist. Bei wissenbloggt wird über den Artikel und die Kommentare referiert, unter besonderer Berücksichtigung der anrüchigen Details (Link unten, Bild: Alexas_Fotos, pixabay).

Der Zeit-Redakteur Jakob Simmank interviewt den evangelischen Theologieprofessor Dirk Evers, der "weiß, ob man Gott beweisen oder widerlegen kann". Es geht auch um die Frage, ob Glaube und Wissenschaft vereinbar sind. Laut Evers gibt es zwischen der Naturwissenschaft und dem Glauben "eine ungeheure Spannung". Vor allem die Naturwissenschaft betrachtet die Wirklichkeit so, als gäbe es Gott nicht. Wer Gott oder ein Wunder oder sonstwas Religiöses in der Naturwissenschaft unterbringen will, geht nicht nach wissenschaftlichen Grundsätzen vor. Aber wenn heute alles wissenschaftlich überprüfbar sein soll. Wo ist dann noch Platz für Gott?

Nach Evers ist Gott der Grund der Natur selbst, weshalb alles, was die Naturwissenschaften erforschen, etwas mit Gott zu tun hat. Gott entzieht sich dem naturwissenschaftlichen Zugriff, aber daraus kann man nicht schließen, dass es ihn nicht gibt.

Und wie soll das bewiesen werden? Man hat's mit Wundern probiert; ein Nachweis von Wundern wäre ein Hinweis auf Gott. Eins der Argumente, das "argument of design", habe sich bis heute gehalten. Also das Wunder der Entstehung unserer Welt. Das könne doch kein Zufall sein? Da müsse doch ein Schöpfer dahinterstecken? Da müsse doch eine Lebenskraft, ein Geist, eine Beseelung dahinterstecken?

Der Theologe kennt hier nur das Gegenargument der Quantenphysik, dass es womöglich unendlich viele Welten gibt, und dann könnte auch eine lebensfreundliche dabei sein. (Anmerkung wb: Das allgemein vertretene Argument, Wer schuf den Schöpfer? ist anscheinend noch nicht bis dahin vorgedrungen. Wer einen Schöpfer behauptet, um das Entstehungswunder zu erklären, muss erstmal erklären, wie der Schöpfer entstand.)

Außerdem ist die Designthese noch kein Gottesbeweis, denn man müsste beweisen, dass Lebewesen nicht durch Zufall usw. entstehen können. Kann man aber nicht, deshalb gibt es eine abgeschwächte Form. Demnach gibt es in der Evolution eine "Richtungsgebung mit göttlichem Geist". Auch diese "theistische Evolutionsvorstellung" ist kein Beweis, dass Gott existiert, sondern nur eine Interpretation der Evolution.

Heute sei aber klar, dass es keinen Gottesbeweis gibt, der so schlüssig ist wie der Satz des Pythagoras', auf den sich alle einigen können. Gott durch Naturphänomene oder Beobachtungen zu beweisen, sei demnach gescheitert. Aber dafür gibt's eine schöne Sophistik von Kant. Nach der beziehen sich unsere Begriffe immer auf das, was in Raum und Zeit erfahrbar ist, also nie auf Gott. Man brauche einen zusätzlichen Grund, um die Existenz Gottes anzunehmen, und den soll der sogenannte ontologische Gottesbeweis liefern. Der besagt, dass etwas existieren muss, über das nicht hinaus gedacht werden kann, und das Größte, was gedacht werden kann, ist Gott.

Solche Sophistik hat Kant dann doch nicht vertreten, aber dafür sagte er, es müsse Gott geben, weil das moralisch notwendig sei. Nach allerlei Geschwurbel würde dann Gott als jemand herausgestellt, der "das moralische Wesen des Menschen ergründen und erkunden kann und ihm am Ende des Lebens die entsprechende Seligkeit zuteilen kann".

Von Beweisen ist das weit entfernt, es ist nur Wunschdenken (Anmerkung wb). Genauso wie Kants Vorstellung, es müsse Gott geben, sonst wäre seine Verfasstheit als moralisches Wesen sinnlos. Mit diesem Fehlschlag hat sich laut Evers die Theologie vom klassischen, experimentellen Gottesbeweis verabschiedet. Aber wenn sie nicht mehr auf der Suche nach einem Gottesbeweis ist, was sucht sie dann?

So allgemein könne man das auch nicht sagen, so Evers. Es gebe schon noch Theologen, die an Gottesbeweisen arbeiten. Da geht's dann ins Nebulöse. Was wir mit Gott meinen, ließe sich oft nicht in Begriffe packen. Und irgendwie sei an den Zehn Geboten vielleicht doch was dran. Das läuft dann unter "schief und schräg". Nach  Schleiermacher ist Religion die Bestimmtheit des Gefühls schlechthinniger Abhängigkeit. Der Mensch sei nie schlechthin, sprich absolut frei, aber wenn er nie absolut frei ist, ist er dann schlechthin, also absolut abhängig? Und dann wunderbar sophistisch: "Wir sind schlechthin abhängig von dem Grund unserer Existenz, und der Grund für unsere Existenz ist Gott."

Und wenn wir uns Gott einfach ausgedacht haben? Da kommt Evers in Argumentationsnöte, denn man sieht ja nur das als real an, was durch Logik, Mathematik, Messgeräte usw. nachgewiesen werden kann. Alles andere scheine Illusion zu sein. Aber dann seien Gedanken nicht mehr Gedanken, sondern Begleiterscheinungen beim Feuern von Nervenzellen und Liebe nur ein hormoneller Zustand des Körpers. Für unsere Existenz können wir aber nicht auf Kategorien wie Liebe oder Freiheit verzichten. (Anmerkung wb: hier tritt ein wissenschaftsabholdes Bild der Realität zutage.)

Noch ein Problem: Liebe und Freiheit kann man doch auch empfinden, ohne an Gott zu glauben. Deshalb erweisen sich Religion und Glauben an Gott eher darin, wie man mit Freiheit und Liebe umgeht, so Evers. Nach Luther sind Christenmenschen durch den Glauben frei von Knechtschaft jeder Art, und diese Freiheit führe direkt zur Nächstenliebe. (Anmerkung wb: Ausgerechnet Luther, der die totale Knechtschaft einforderte, 1. These: "Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht "Tut Buße" usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.")

Also was bringt es, an Gott zu glauben? Nun, einen Mehrwert bei der Erklärung der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit bringt Gott nicht, so Evers. Wo er aber für die Erklärung der Wirklichkeit nicht gebraucht wird, gibt es ihn für viele auch nicht. Doch diese Ansicht sei problematisch, weil es unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit gibt.

Die Hirnforschung zweifele z.B. immer wieder am freien Willen der Menschen, weil sie ihn im Gehirn nicht finden kann. (Anmerkung wb: einen unfreien auch nicht). Eine bewusste, freie, autonome Entscheidung sei kein naturwissenschaftlicher Begriff, den man irgendwie methodisch einfangen und im Hirn finden könne. Dieser Begriff entstamme einem anderen Zugang zur Wirklichkeit. (Anmerkung wb: so kann man das auch nennen, wenn man die Forschungsergebnisse ignoriert, nach denen erst die Entscheidung fällt, ehe sie bewusst werden kann.)

Insgesamt macht sich Evers Gedanken um andere Wirklichkeitsbegriffe, um ein reichhaltigeres Verständnis menschlicher Existenz, in dem auch das Nichtquantifizierbare und das Nichtfunktionale eine Rolle spielen können. Bloß dass Theologen und Philosophen mit Wissenschaftlern (und Philosophen, wb) so leicht keinen gemeinsamen Nenner finden. Zumal die Naturwissenschaft zukünftig weitere Aufschlüsse erwartet.

Das nennt Evers eine beliebte naturwissenschaftliche Rhetorik, dass so die Entschlüsselung der letzten Geheimnisse und die Lösung der letzten Rätsel kommen würde (da hat er wohl recht, wb). Also die Wissenschaft kann nicht alles erklären, aber die Bibel? Da steht doch sogar, dass der Gott ins Wetter eingreift.

Tja, man muss die Bibel halt immer wieder wenden und neu interpretieren, sagt Evers. Und das Gottesbild der Bibel muss man im Kontext der Zeit sehen. Er sieht sogar religionskritische Passagen in der Bibel, Gott hänge ja die Sonne und den Mond als Lampen an den Himmel, und die hebräischen Wörter für Sonne und Mond seien Götternamen – die Götter werden zu Lampen degradiert. In Evers Sophistik: "Die Bibel wendet sich also gegen das magische Denken."

Und wenn nun Gott keine Kraft in der Natur ist, sondern ihr Grund, wie Evers auch sagte? Findet sich das in der Bibel? Tja, zwischen den Zeilen; der Theologe hat ja auch gesagt, dass man die immer wieder wenden und neu interpretieren muss (Anmerkung wb). Immerhin sieht er einen "gewissen Grundkonsens" verschiedener Bibeltexte darin, dass niemand Gott je gesehen hat, passend zum Bilderverbot (sorry, wurde oben umgangen, wb). Man muss schon kreativ sein, um Gott in der Bibel beschrieben zu sehen. Beispiel ein alttestamentlicher Text mit dem Propheten Elija, dem Gott sich zeigt, indem er an ihm "vorübergeht". Erst kommen Wind, Erdbeben und Feuer, aber ohne Gott drin. Zum Schluss kommt ein "stilles, sanftes Sausen" mit Gott drin. Jedenfalls erkennt Elija Gott irgendwie, ohne ihn zu sehen, gewissermaßen zwischen den Zeilen.

Schlussbemerkung wb: Das stille, sanfte Sausen ist nicht gerade ein Gottesbeweis, das soll wohl mehr unterschwellig funktionieren.

 

Link zum Artikel Kann man beweisen, dass Gott existiert? (Zeit Campus 30.1.): Gott hat in der Wissenschaft nichts verloren. Oder? Ein Theologe erklärt, ob es einen Gottesbeweis gibt und wie sich die Suche danach verändert hat. Ein paar Highlights aus den Kommentaren:

  • Ein Theologe ist für die Analyse der Fragestellung:"Gibt es einen Gott?" der am wenigsten geeignete überhaupt, da die Theologie die Existenz Gottes als Annahme voraussetzt.
  • "Gibt es einen Gott?" War aber nicht die Frage, sondern die Frage war: "Kann man beweisen, dass Gott existiert?" Und allein aus der Tatsache, dass die Frage gestellt wird, lässt sich schließen, dass dieses bislang nicht beantwortet wurde.
  • Dabei sollte man aber im Blick halten, dass es quasi unmöglich ist, die Nichtexistenz von irgendetwas zu beweisen, insbesondere wenn dieses etwas metaphysisch ist. Und auch, dass es kaum etwas anderes gibt als die Existenz Gottes, was Menschen in den letzten Jahrhunderten/-tausenden so intensiv zu beweisen versucht haben.
  • Genauso könnte man einen Alkoholiker über Abstinenz befragen.
  • Evangelische Theologen zu dem Thema einzuladen ist genauso, wie wenn man Dieter Bohlen beauftragen würde, Bachs Kunst der Fuge, Schuberts Unvollendete oder Mahlers 10. Sinfonie fertigzuschreiben.
  • Man kann existierende Phänomene unterschiedlich sehen (Freier Wille und feuernde Neuronen), wer aber völlig frei jeweils eine tiefere Ebene hinzudichtet (das ist Gott) verlässt jegliche gemeinsam besprechbare Basis.
  • Und selbst wenn man beweisen könnte, dass es einen Gott gibt, heißt das ja noch lange nicht, dass es dann auch der richtige Gott ist. Schließlich glauben Menschen an zahllose verschiedene Götter, die allesamt durch ihre Religionen oder Glaubensauslegungen klar definiert sind und zwischen denen gewaltige Unterschiede bestehen, selbst innerhalb ein und derselben Religion.
  • Das verweist auf das tiefe Problem von Religion: ihre Anhänger wollen auf Teufel-komm-raus Recht mit ihrem Unsinn haben.
  • Gott ist nicht erforschbar, denn Gott ist der Erforscher.
  • Wer jetzt aber das Sein Gottes erfahren will, der muss nur mal einen Tag bewusst leben ohne dabei einen Gedanken zu formen.
  • Ich habe das Gefühl, das machen viele und nicht nur bei der letzten Bundestagswahl.
  • Kann man beweisen, dass Gott existiert? Nein – natürlich nicht, wie soll man etwas beweisen, was sich Menschen ausgedacht haben? Für mich ist die Frage eher: Warum sollte man das überhaupt? Es gibt Leute, die fühlen sich wohler, wenn sie an einen (wie auch immer gearteten) Gott glauben. Die brauchen keinerlei 'Beweise'. Und es gibt solche, die keinen Gott brauchen. Für die ist die Frage sowieso gegenstandslos.

Noch ein Link: God is an algorithm: why we’re closer to a Black Mirror-style reality than we think (The Conversation 31.1.): Do we have free will, or are we controlled by a higher power?

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3 Antworten auf Kann man beweisen, dass Gott existiert?

  1. Wilfried Müller sagt:

    Bei atheisten-info.at setzt sich Erwin Peterseil, der AI-Schöpfer mit demselben Artikel auseinander. Seine eingestreuten Kommentare sind lesenswert, z.B. Hat sich Gott selber erschaffen oder hat es ihn urgeknallt? Kann man beweisen, dass Gott existiert? (atheisten-info.at 2.2.)

     

  2. ockham sagt:

    "Eine bewusste, freie, autonome Entscheidung sei kein naturwissenschaftlicher Begriff, den man irgendwie methodisch einfangen und im Hirn finden könne. Dieser Begriff entstamme einem anderen Zugang zur Wirklichkeit. (Anmerkung wb: so kann man das auch nennen, wenn man die Forschungsergebnisse ignoriert, nach denen erst die Entscheidung fällt, ehe sie bewusst werden kann.)"

    In der Anmerkung wird auf das Libet-Experiment verwiesen, mit dem der Schluss gezogen werden kann, wir könnten den Gedanken, frei handelnde Wesen zu sein, getrost zu Grabe tragen. Das wäre zu weit gefolgert. Libets Resultate legen lediglich nahe, dass die unmittelbare Steuerung einer bestimmten Teilklasse von Handlungen unbewusst erfolgt. Er untersuchte ja ausschließlich Handlungen, bei denen der Abstand zwischen Absicht und Ausführung maximal einige Sekunden beträgt. Daraus zu folgern, dass wir gar keine Entscheidungen frei träfen, ist unzulässig. Dazu müsste man erst die Relevanz der Liberischen Ergebnisse im Hinblick auf solche Willensentscheidungen genauer beschreiben, wie wir sie im Alltag treffen – speziell auf solche, die in Bezug auf Fragen nach der Verantwortung unseres Handelns wichtig sind (z. B. die individuelle Berufswahl). Nahezu alle bisherigen empirischen Untersuchungen in diesem Bereich lassen sich so deuten, dass die im Hinblick auf Willensentscheidungen maßgebliche Ausbildung der Handlungsabsicht schon im Zusammenhang mit der Versuchsanweisung erfolgt – und nicht erst unmittelbar vor der Durchführung der einzelnen fraglichen Handlung. Was heisst das? Viele der bisherigen empirischen Untersuchungen zeigen gar keine Ergebnisse über Freiheit oder Unfreiheit des Willens. 

    Quelle: Geist und Gehirn, Dossier, Angriff auf das Menschenbild, Ein Fingerschnipsen ist noch keine Partnerwahl, vgl. S. 56 f.)

  3. Wilfried Müller sagt:

    Wie ockham richtig sagt, hat Libet solche Versuche gemacht. Nach meiner Umschau scheint aber in der Szene Konsens zu sein, dass die Entscheidungen allgemein unbewusst fallen und dann ein Teil davon bewusst wird. Das Bewusstsein fällt keine Entscheidungen, so mein Bild vom derzeitigen Kenntnisstand. Inwieweit das mit dem Freien Willen zu tun hat, wurde bei wb in vielen Artikeln abgehandelt.

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