Familiennachzug: Zahlen manipuliert

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access-933120_1280Es gibt keine offiziellen Zahlen für den aktuellen Familiennachzug – nur bis 2015 werden welche geliefert (1.-4. Link unten). Das ist sehr merkwürdig, weil die Familiennachzügler ja mit offiziellem Visum einreisen und auch zu 100% alimentiert werden. Anscheinend ist es nicht möglich, die Visen zeitnah zu zählen und in die Statistik einzutragen (Bild: geralt & TheDigitalArtist, pixabay).

Bei den Zahlen zum Familiennachzug herrscht das gleiche Durcheinander wie bei den Flüchtlingszahlen. Schwer vorstellbar, dass die Zahlenmystik auf etwas anderes ausgelegt ist, als einen Schleier über die realen Verhältnisse zu breiten. Mehr als 2 Jahre nach dem Gipfelansturm 2015 gibt es keine klaren Zahlen zu den Flüchtlingen. Wer nachschaut, findet ein Sammelsurium von divergenten Zahlen nach Schutzstufe usw.: Die Zahl der deutschen Asyl-Erstanträge, die Zahl der in Deutschland Schutzsuchenden, die Zahlen für die ganze EU von Frontex, die Zahlen aus dem Resettlement-Abkommen usf.

Hier ist eine Aufstellung der Zahlen vom Familiennachzug pro Jahr zusammengetragen; die Zahlen sind auch aufsummiert, dazu gewährte Asylzahlen und Quoten Nachzug/Asyl. Zum Vergleich die Zahl der gestellten Asylanträge in Deutschland und die Frontex-Zahlen, gewonnen aus (1.-5.):

Jahr Nachzug Summe Asyl D Qu. D Frontex
2006 56.302 56.302 30.100 1,3    
2007 55.194 111.496 30.303 1,8    
2008 51.244 162.740 28.018 1,7    
2009 48.235 210.975 33.033 1,7    
2010 54.865 265.840 48.589 1,7    
2011 54.031 319.871 53.347 1,1    
2012 54.816 374.687 77.651 1,0    
2013 56.046 430.733 127.023 0,7    
2014 63.677 494.410 202.834 0,5    
2015 82.440 576.850 476.649 0,4 890.000 1.800.000
2016* 105.000 682.000 745.545 0,2 280.000 511.000
2017* 118.000 880.000 222.683 0,2 187.000 205.000
2018* 200.000 1.080.000 180.000 0,9 200.000 200.000

* Familiennachzug 2016 aus 13., 2017 aus 14. und 2018 geschätzt.
 Quote aus Nachzug aktuelles Jahr durch Asylzahl vom vorigen Jahr

Auffällig ist dabei, dass die Zahl der Familiennachzügler seit über 10 Jahren bei 50.000 pro Jahr lag, mit deutlichem Anstieg in den letzten 4 Jahren. Allein 2006-2018 ergibt das über eine Million Familiennachzügler, und die Zahl wächst weiter.

Mehr als 800.000 anerkannte Flüchtlinge können ungehindert ihre Familie nachholen, ca. 300.000 klagen gegen ihren Asylbescheid, um auch derartige Asylrechte zu bekommen (6.-10.). Weil etwa die Hälfte der Klagen Erfolg hat, bringen die nochmal einen Schub Familiennachzug.

Um die Nachzugsrechte der subsidiär Geschützten wird noch gerungen. Aktuelle GroKo-Zahlen: 1000 Personen als Monatskontingent – aber nicht wirklich 1000, denn für enge Angehörige kann es aus humanitären Gründen eine Härtefallregelung geben. Nun sind Familienmitglieder alle enge Angehörige, das Ganze passiert eh aus humanitären Gründen, und wer wäre da kein Härtefall?

Migrationsmathematisch ermittelte Zahlen

Die staatlichen Zahlenlieferandos und -lieferhelden rechnen den Familiennachzug nicht zu den Flüchtlingen. Die nachziehenden Familienangehörigen von Flüchtlingen stellen selbst keine Asylanträge und sind deswegen nicht in den entsprechenden Asylstatistiken enthalten. Dasselbe gilt für die minderjährigen Alleinreisenden, die keinen Asylantrag stellen, aber bleiben dürfen.

Mit solchen Zählmethoden können abwiegelnde Meldungen von dieser Art hervorgerufen werden (11..): 2017 kamen deutlich weniger Flüchtlinge illegal in die EU (Frankfurter Allgemeine Zeitung 20.2.) oder Weniger Flüchtlinge in 2017 (Süddeutsche Zeitung 20.2. nicht online).

Basis für die Artikel: Die Zahl der illegal in die EU einreisenden Flüchtlinge und Migranten sinkt. Aber die Zahl der legal Einreisenden steigt, und der Bevölkerung wird nicht gesagt, wie stark sie steigt und wieviele insgesamt kommen. Bei dieser Desinformationsstrategie fehlen auch die durch das Resettlement-Abkommen Umverteilten (aktuell nur 1.200, potentiell 160.000, 12..).

Bezeichnend ist, dass die FAZ wenigstens die korrekte Meldung "weniger illegale Flüchtlinge" brachte, während die SZ einfach nur "weniger Flüchtlinge" schrieb (inwieweit der Begriff "Flüchtlinge" zutrifft, soll hier nicht diskutiert werden).

Weitere Aussichten

Das Europäische Parlament wünscht Gesetzesinitiativen der Europäischen Kommission zur Reform der neuen "Dublin IV"-Verordnung so zu ändern (13..): Mit der soll allen Geschwistern der Nachzug aus Afghanistan, Syrien, Algerien usw. in die EU erlaubt sein, und die Flüchtlingsverteilung auf die Mitgliedsstaaten soll praktisch nach Willen der Flüchtlinge stattfinden; die Behauptung Verwandte mit legitimem Aufenthaltsstatus in einem der Staaten zu haben reicht, um den Staat automatisch für den neuen Asylantrag zuständig zu machen. Zudem wird den Antragstellern gestattet, sich als Gruppen von bis zu 30 Personen erfassen zu lassen, die sich gemeinsam in einen Mitgliedsstaat überstellen lassen. Dafür reicht auch wieder die Behauptung, sich während der Reise nahegekommen zu sein. De facto ist der gewünschte Staat dann Deutschland.

Das taktische Argument ist, diese umstrittenen Änderungen und andere strittige Punkte (z.B. ein erweiterter Familienbegriff in der sogenannten Qualifikationsrichtlinie) sollten im Paket mit anderen Änderungen verabschiedet werden. Dieses ganze, für die Union wichtige Paket wollte die Union nicht aufhalten. Außerdem, so das pragmatische Argument, reisen die Immigranten sowieso dahin, wo sie wollen, und um diese Sekundärmigration zu verhindern, könne man Familien auch gleich zusammenführen. Nur der Europäische Rat muss diesen Änderungen noch zustimmen.

Quoten

Bei der freifliegenden Zahlenjonglage der Lieferandos gibt es keine einheitlichen Prognosen, wie groß die Nachzugsfaktoren sind. Man kann Quoten von 0,4 Nachziehenden pro Asylanten lesen, oder von 0,9 bis 1,2, oder auch 1,0 (vom Ex-Innenminister). Die Tabelle oben zeigt Quoten, die langjährig weit über 1,0 liegen. Erst in den letzten Jahren sinken die Quoten unter 1,0 und sogar bis auf 0,2. Wie soll man das verstehen?

  • Unwahrscheinliche Interpretation: Die Flüchtlinge von 2013 bis heute wollen nicht so viel Familienmitglieder nachholen, oder die Familien sind kleiner.
  • Wahrscheinliche Interpretation: Da zeigt sich ein enormer Nachholbedarf an Familiennachzug.

Mal angenommen, die gewünschte Quote ist bloß 0,5, wieviel Nachholbedarf besteht dann? Dazu noch der Nachholbedarf für die Wunschquote von 1,0:

Jahr Quote Wunsch 0,5 Wunsch 1,0
2013 0,7 22.000
2014 0,5 64.000
2015 0,4 19.000 120.000
2016 0,2 133.000 372.000
2017 0,2 257.000 628.000
2018 0,9 23.000
Summe   409.000 1.229.000

Angesichts dieser schlichten Abzählung werden die Vorstellungen von AfD & Rechtspopulisten durchaus plausibel. Bei ungebremstem Familiennachzug können durchaus viele Hunderttausende oder Millionen Menschen über den Familiennachzug zusätzlich ins Land kommen. Pikanterweise wird in dem Link 6. eine Sprecherin der Linkspartei zitiert, die solche Zahlen "grotesk" und "pure Hetze, ohne jeden Realitätsbezug" nennt.

Das ist verräterisch: Denn wenn das Hetze ist, dann sind Millionen Familiennachzug schlecht.

Ähnlich verräterisch ist die Kampagne mit der "sehr belastbaren" Zahl von 60.000 potentiellen Familiennachzüglern (8.). Die wurde von einem Experten fabriziert, der für ein dem  Arbeitsministerium unterstelltes Institut arbeitet, und er gewann seine Zahlen aus einer Umfrage unter Flüchtlingen – Lieferandos liefern eben das, was bestellt wird. Um die Restglaubwürdigkeit auf Null zu reduzieren, ging es nur um subsidiär Schutzbedürftige, während die Zahlen des laufenden Familiennachzugs der anerkannten Asylanten (Tabelle oben) ignoriert wurden. Manipulation pur.

 

Medien-Links:

  1. Das Bundesamt in Zahlen 2015 (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 10.10.16, Familiennachzug auf S. 92…)
  2. Familienasyl und Familiennachzug (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 31.1.)
  3. Fluchtmigration (Bundesagentur für Arbeit 1/2017): Für das gesamte Jahr 2017 beläuft sich die Zahl der neu registrierten Schutzsuchenden auf 187.000 (2016: 280.000; 2015: 890.000).
  4. Aktuelle Zahlen zu Asyl (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 12/17). Entwicklung der jährlichen Asylantragszahlen: 2015: 476.649, 2016: 745.545, 2017: 198.317
  5. Einwanderung Familiennachzug von Migranten 2016 um 50 Prozent gestiegen (Welt 19.1.17): 2016 wurden 105.000 Visa erteilt, 2015 waren es noch 70.000. Der Nachzug von Syrern und Irakern stieg besonders stark.
  6. Flüchtlinge: Zehntausende bemühen sich um Familiennachzug (Zeit Online 11.10.17): Das Auswärtige Amt hat Zahlen zum Familiennachzug in Deutschland lebender Flüchtlinge vorgelegt. Auch eine Prognose für das Jahr 2018 wurde erstellt. Von Anfang 2015 bis Mitte 2017 wurden nach dieser Quelle bereits 102.000 Visa zum Familiennachzug für Syrer und Iraker erteilt. Das Ministerium schätzt demnach, dass bis 2018 etwa 100.000 bis 200.000 weitere Visa hinzukommen könnten.
  7. Flüchtlinge: Familiennachzug nimmt stark zu (Zeit Online 19.1.): Der Nachzug von Familienangehörigen nach Deutschland ist im vergangenen Jahr nach Medienberichten gestiegen. Die meisten Menschen kamen aus Syrien und dem Irak.
  8. Familiennachzug: Forscher rechnet mit bis zu 60.000 zusätzlichen Flüchtlingen (Zeit Online 24.1.): Laut einem Experten betrifft der Familiennachzug vor allem Frauen und Kinder aus Syrien. Eine von ihm genannte Zahl sei "sehr belastbar", die Regelung sei "menschlich". Was in dem Artikel keine Erwähnung findet: Der Experte Herbert Brucker arbeitet für das IAB, ein Institut, das dem Arbeitsministerium untersteht. Basis für die Zahlen war eine Umfrage unter Flüchtlingen. Die zusätzlichen 60.000 entfallen wohl zusätzlich auf den Familiennachzug subsidiär Schutzbedürftiger.
  9. Regierung erwartet 3,6 Millionen Flüchtlinge bis 2020 (Süddeutsche Zeitung 24.2.16): Nach SZ-Informationen plant die Bundesregierung intern mit insgesamt 3,6 Millionen Flüchtlingen bis 2020.
  10. Flüchtlingspolitik – Innenministerium will keine Zahlen zum Familiennachzug nennen (Süddeutsche Zeitung 20.10.17): Wissenschaftlich belegbare Daten gebe es nicht. Aus den Antworten und den bisherigen Nachzügen leiten die Wissenschaftler einen Faktor von weniger als 0,5 ab.
  11. Grenzschutzagentur Frontex : 2017 kamen deutlich weniger Flüchtlinge illegal in die EU (Frankfurter Allgemeine Zeitung 20.2.): Die Zahl der illegal in die EU eingereisten Flüchtlinge und Migranten ist nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 2017 um 60 Prozent zurückgegangen. (Diese DPA-Meldung stand wortgleich in der SZ als Weniger Flüchtlinge in 2017, nicht online). Die Zahlen für die verschiedenen Flüchtlingsrouten: 2017: 205.000, 2016: 511.000, 2015: 1,8 Millionen.
  12. "relocation" und "resettlement" – Wie funktioniert die Flüchtlingsumverteilung in Europa? (Zukunft Europa 26.6.17): Zwei verschiedene Flüchtlingsumverteilungsprogramme sollen für mehr Solidarität innerhalb der EU sorgen.
  13. Vorschläge des Europaparlaments Bundesregierung alarmiert über EU-Flüchtlingspläne (Spiegel Online 13.1.): Das Europaparlament will die Dublin-Regeln ändern: Die Familienzusammenführung soll wichtiger werden. Nach SPIEGEL-Informationen befürchtet Berlin, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen muss (hier wird die Zahl 105.000 genannt).
  14. Hintergrund – Der Familiennachzug in Zahlen (Bayernkurier 1.2.): Der Familiennachzug für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus bleibt bis Ende Juli ausgesetzt. Ab August soll maximal 1000 Betroffenen pro Monat der Nachzug erlaubt werden (hier wird die Zahl 118.000 genannt).
  15. Deutsche Asylpolitik – Abschreckung aus Prinzip (Süddeutsche Zeitung 16.1.): Die Flüchtlingszahlen sinken, den Alarmisten in der deutschen Politik kommt nach und nach die Arbeitsgrundlage abhanden. Trotzdem sind schärfere Maßnahmen geplant als je zuvor.

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