Der amoralische Sport

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volleyball-1568154_1280Wer den großen Sport im TV anschaut, sieht Spitzenleistungen nicht nur bei Körper- und Ballbeherrschung. Ins Repertoire gehören auch schauspielerische Leistungen, wenn man's nett ausdrückt, oder Lügen, wenn's unnett sein darf. Erfunden wurde der Sport eigentlich als Gentlemen-Disziplin. Fitness mit Fairness. Anstrengung, ohne die Contenance zu verlieren. Transpirieren unter vorbildlicher Haltung
(Bild: andresantanams, pixabay).

Nicht nur aus den Gründen gentlemanlike & fair wird Sport als pädagogisch wertvoll angesehen. Schon Kinder sollen sporteln, um gesund und munter zu werden, ihre Kräfte auszutoben und einen realistischen Bezug zu ihren Fäfigkeiten zu entwickeln.

Soche Selbsteinschätzung wurde früher durch die Erziehung gewährleistet. In einer Kinderschar bekam jedes seine Stelle verpasst; von den Älteren gab es Druck, und die Jüngeren kriegten den Druck weitergereicht, wie in der Thermodynamik. Zu Zeiten der 1-Kind-Familie ist die Dynamik eine andere geworden.

Viele Eltern mühen sich höchlichst, ihren Kindern ein völlig unrealistisches Weltbild zu vermitteln. Da dreht sich alles um das gottgleiche Wesen "mein Kind" (Betonung auf "mein"), und jeder Pups desselben wird von Beifall umtost. In der Schule lässt das nach, aber auch dort sollen die Kleinen vor Konkurrenz geschützt werden; keine Noten, kein Sitzenbleiben.

Erst wenn die kleinen Pupser in eine Sportgruppe kommen, finden sie dort welche, die besser pupsen, schneller laufen, weiter springen und sich energischer durchsetzen. Das nennt man auch Sozialisierung.

Nach solcher Erkenntnislage sind die internationalen Kicker am besten von allen sozialisiert. Jedenfalls verdienen sie am besten von allen (außer den Geldleuten).

Aber was ist das?

Hauchzart touchiert, brechen sie zusammen wie vom Blitz gefällt und wälzen sich in Agonie. So sehen Sieche aus. Die Gegenshow enthält die ganz große Geste "ich doch nicht!" (Betonung auf "ich").

Die Sterbender-Schwan-Show und das Ich-wars-doch-nicht sind beide völlig unabhängig vom realen Grund. Es geht ganz ohne Anlass ("Schwalbe"), es geht mit bänderzerrender, knochenbrechender Attacke. Das Schauspielvermögen reicht auf beiden Seiten aus, um fehlende Wahrheitsgrundlagen zu kompensieren. Die Unschuldsbeteuerungen werden nicht geringer, wenn das Blut von den Stollen rieselt, die Todeszuckungen lassen nicht nach, wenn's eine Schwalbe war.

Wie kommt es, dass höchstbezahlte, erwachsene Männer sich nicht entblöden, diese amoralischen, niederträchtigen Schauspiele zu veranstalten, zwecks Durchsetzung meist illegitimer Wünsche? Die sind doch reich, was müssen die noch mehr für sich rausschinden?

Solche Unredlichkeit und Betrügerei ist systemimmanent bei vielen Sportarten, zumal den Geldsportarten. Videokontrollen, "Challenges" und sonstige Überprüfungen mussten hauptsächlich wegen der Unehrlichkeit der Spieler eingeführt werden. Beim Volleyball sagt die eine Mannschaft geschlossen "Ball drin" und die andere sagt "Ball draußen". Beim Tennis ohne Video-Kontrolle der Linien gibts Unmut, und beim Fechten wird eh schon elektronisch gepunktet. Man muss beinahe froh sein, dass die Biathlon-Leute ihre Meinungsverschiedenheiten noch nicht mit der Knarre austragen.

Die besten Showeinlagen liefert trotzdem noch der Fußball. Die Spieler lernen das Showmachen regelrecht, und die besten Spieler haben's oft am besten gelernt. Viele Spieler haben allerdings nur die Showeffekte perfekt gelernt und anderes weniger. Die laufen dann als "Fallobst" rum und warten, dass irgendwer sie im Strafraum anstupst, damit sie ihre Schwalbe zelebrieren können.

Was dabei rauskommt, ist ein moralisches Defizit, das ganz selbstverständlich ausgespielt wird, eine widerliche Schiedsrichterbeeinflussungskunst, die sich durch viele Spiele und Sportarten zieht.

Ob dies moralische Defizit einen unbewussten Hang zur Erniedrigung auslöst? Ob viele Fußballer deshalb diesen Mut zur Hässlichkeit entwickeln? Einige nutzen Haar, Bart und Tattoos, um sich dermaßen zusammenzurichten, dass keiner sie aus Versehen schön finden kann.

Aber das sind nicht unbedingt die größten Schwalbenkünstler und Showtalente. Vielleicht liegt's ja auch daran, dass Fußballmannschaften systembedingt im Schnitt nur 50% Ballbesitz (ball possession) haben können, und balls bedeutet auf englisch auch Hoden. In diese Richtung könnten z.B. Rugbyspieler denken, denen die kickerhafte Zimperlichkeit fremd ist. Rugbyspieler liegen nur am Boden, wenn sie nicht aufstehen können, was allerdings oft deshalb der Fall ist, weil viele andere auf ihnen draufliegen. In diesem Zusammenhang über Ball, Rugby-Ei und Hoden zu spekulieren, haben die braven Rugbyleute nicht verdient.

Die wissen besser, was Fairness und Anstand ist als die internationalen Kicker. Letzteren fehlt da was, bzw. sie haben was zuviel. Sie verleihen dem Sport einen zusätzlichen amoralischen Touch. Nach der überkandidelten Geschäftemacherei ("Millionarios") und dem nichtendenden Doping ein Feature, auf das viele Zuschauer lieber verzichten würden.
 

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