Psychologische Erschütterungen

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Wie das Wissen um verschiedene Kulturen die Fundamente der Psychlogie erschüttert – das ist die Frage, mit der sich ein Artikel in The Conversation beschäftigt. Der Artikel von Nicolas Geeraert (Senior Lecturer, University of Essex, Link unten) ist aber nicht so fetzig wie die Überschrift (Bild: kalhh, pixabay).

Der Autor beschreibt die Entwicklung der Phychologie als eine Domäne von Nordamerika und Europa. Dort wurde viel herausgefunden über das, was das menschliche Verhalten steuert, und die mentalen Prozesse, die man lange für universell hielt. In den letzten jahrzehnten haben die Forscher diesen Ansatz hinterfragt, mit der Vorstellung, ob psychologische Phänomene nicht durch die Kulturen geformt werden, in denen die Menschen leben.

Gewiss gleichen sich die Menschen auf vielerlei Weise, physisch und auch von den biologischen Notwendigkeiten her. Welchen Effekt sollten dann unterschiedliche Kulturen auf die fundamentalen Aspekte unserer Psyche haben, auf Wahrnehmung, Erkenntnis, Persönlichkeit? Dazu liefert Geeraert Fakten.

Ausgehend von der Annahme, dass das Verhalten homogen ist, können die Ergebnisse von kleinen Gruppen verallgemeinert werden. Aber dem ist nicht so. Man hat sich zu lange auf die Studenten als Forschungsobjekte konzentriert, einfach weil an den Unis so viele davon rumlaufen. So kam es, dass 90% der Teilnehmer an psychologischen Studien WEIRD sind, Western, Educated, Industrialised, Rich, and Democratic. Das ist gewiss keine repräsentative Auswahl für die Weltbevölkerung (weird heißt bizarr, sonderbar).

Ein Gedankenbeispiel fällig? Man stelle sich einen Panda, einen Affen und eine Banane vor. WEIRD-Personen selektieren standardmäßig Panda und Affe, was auf einen analytischen Denkstil hinweist – die Objekte werden weitgehend unabhängig von ihrem Kontext wahrgenommen.

Teilnehmer aus östlichen Ländern selektieren oft den Affen und die Banane, weil beides in dieselbe Umgebung gehört und in Beziehung zueinander steht (Affen fressen Bananen). Das ist eine holistische Denkweise, wo Objekt und Kontext im Zusammenhang gesehen werden. Solche Denkweisen herrschen in asischen Kulturen wie etwa in Indien vor.

Holistische Sicht

Ein klassisches Experiment dazu präsentierte Probanden aus Japan und den USA eine Serie von bewegten Szenerien. Jedes Bild zeigte Wasserwesen vor dem Hintergrund einer Unterwasservegetation. Beide Gruppen sollten dann sagen, an was sie sich davon erinnerten. Beide merkten sich die größeren Fische gleichermaßen – der Unterschied lag im Hintergrund. Die Japaner erinnerten sich z.B. besser an die Farbe des Wassers. Das wird dem holistischen Denken zugeschrieben, das sich ebenso auf den Hintergrund und den Kontext konzentriert wie auf den Vordergrund.

Der Autor sieht darin eine Demonstration, wie kulturelle Unterschiede so etwas fundamentales wie das Gedächtnis beeinflussen können. Jede psychologische Theorie muss das beachten. Aus weiteren Untersuchungen stammt die Erkenntnis, dass kulturelle Unterschiede die Kognition beherrschen, nicht nur Gedächtnis, sondern auch Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Urteilsvermögen und sogar Sprechen und Denken.

Das Selbst

Wie würde man sich selbst beschreiben? Vielleicht durch persönliche Merkmale wie intelligent oder witzig? Oder durch Präferenzen wie "ich liebe Pizza"? Oder durch soziale Beziehung wie "ich bin Vater/Mutter"? Lange galt die psychologische Annahme, dass alle dazu neigen, sich (und andere) durch persönliche Merkmale zu beschreiben.

Muss aber nicht so sein, denn das ist anscheinend kulturell gebunden. die WEIRDs würden sich tatsächlich eher als freie, autonome und einmalige Individuen mit einem Spektrum von verfestigten Charakteristika sehen. In vielen Teilen der Welt beschreiben sich die Menschen aber eher durch ihre starken, unterschiedlichen sozialen Beziehungen. Das herrscht in Asien vor, in Afrika und in Lateinamerka. Dabei spielen unterschiedliche soziale Beziehungen eine Rolle, ebenso wie Antriebe und Erziehung.

Diese Unterschiede in der Selbstrepräsentation wurden sogar schon auf Gehirnebene nachgewiesen. Bei einer Hirn-Scan-Studie zeigte man Chinesen und US-Amerikanern verschiedene Adjektive, mit der Frage, wie gut sie sich davon beschrieben fühlten. Dasselbe wurde in Bezug auf die (nicht anwesende) Mutter der Probanden gefragt.

Bei den WEIRDs stelle man klare Unterschiede in der Reaktion des medialen präfrontalen Cortex' auf die beiden Fragen fest (das ist die Hirnregion, welche mit der Selbstrepräsentation zusammenhängt). Bei den Chinesen gab es kaum Unterschiede zwischen den Fragen nach dem Selbst und nach der Mutter. Folgerung daraus: Das Areal für die Selbstrepräsentation überlappt sich weitgehend mit den Arealen für die Repräsentation naher Verwandter.

Geistige Gesundheit

Auch die Studien über die geistige Gesundheit waren stark von der WEIRD-Denke beeinflusst. Die Kultur kann unser Verständnis von geistiger Gesundheit unterschiedlich beeinflussen. Durch die Unterschiede im Verhalten ist unser Bezugssystem von angepasstem oder abweichendem Verhalten unvollständig. Was die einen als normal ansehen, weicht bei anderen von der Norm ab.

Weiterhin wurde eine Anzahl von kulturspezifischen Krankheitssyndromen gefunden. Männer,die an Koro leiden (meist in Asien), haben den falschen Glauben, dass ihr Penis in den Körper zurückschrumpft. Bei Hikikomori (meist in Japan) ziehen sich die Betroffenen aus der Gesellschaft zurück. Der böse Blick (meist im Mittelmeerraum) beschreibt den Glauben, dass Blicke Unheil bringen können. (Anmerkung wb: Da fällt einem noch die malaysische Sitte des Amoklaufens ein, die auch als kulturgebundenes Syndrom gilt.)

Dass solche kulturspezifischen Syndrome existieren, wurde von der Weltgesundheitsorganisation und der American Psychiatry Association kürzlich bestätigt. Manche der Syndrome wurden in deren Klassifikation von Geisteskrankheten aufgenommen. Damit ist es quasi offiziell, dass Kultur einen massiven Effekt darauf hat, wie wir uns selber sehen, und wie wir von anderen gesehen werden. Die psychologische Erkenntnis dessen kratzt gerade mal an der Oberfläche, sagt Geeraert. Das Arbeitsfeld “cross-cultural psychology” wird an den Unis der Welt zunehmend gelehrt.

Manche Experten halten es für einen integralen Bestandteil der Psychologie, während andere eine Extradimension darin sehen. Mehr Forschung wird gebraucht, um herauszufinden, ob die kulturellen Unterschiede nicht auch andere Gebiete beherrschen, in denen das menschliche Verhalten bis jetzt als einheitlich gilt. Nur wenn wir darum wissen, werden wir jemals den Kern des menschlichen Fundaments erkennen können, der uns allen gemeinsam ist.

 

Medien-Link:

How knowledge about different cultures is shaking the foundations of psychology (The Conversation 9.3.).

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