Je reicher, desto unethischer, oder Gier ist geil

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Gleich 7 Studien belegen, dass die Mitglieder der Upper Class sich unethischer verhalten als solche der niederen Klassen (die man lieber nicht Kleinbürger nennt). Das war nicht nur bei der Vorfahrt so (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Die getesteten Bereiche umfassten das Verkehrsverhalten, die Entscheidungsfindung, die Selbstbereicherung sowie Verhandlungen und Fairness. Und das Ganze lag – wer hätte das gedacht – am freundlicheren Verhältnis der Reichen zur Gier.

Der Artikel stammt von den Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (1. Link unten). Die Autoren Paul K. Piff,  Daniel M. Stancato, Stéphane Côté, Rodolfo Mendoza-Denton und Dacher Keltner haben einen wohlbegründeten Artikel abgeliefert, um ihre These zu untermauern, Stichworte sozialer Status, unmoralisches Handeln, ethische Wertung, Egoismus.

Die Untersuchung zielte auf das Verhalten der oberen und der unteren Klasse, die man in den USA leicht anhand des pay checks und der zugehörigen Statussymbole unterscheidet. Der sozioökonomische Status beschreibt den Rang einer Person im Verhältnis zu anderen, mit den Kriterien Besitz, Prestige und Bildung.

Untersuchungsgegenstände waren unethisches Verhalten und illegale oder moralisch verwerfliche Handlungen, die anderen schaden. Also Betrug, Täuschung oder Gesetzesbruch mit ernsthaften Konsequenzen für die Allgemeinheit.

Das wurde nun in Bezug auf die beiden Schichten untersucht.

  • Die Menschen der Unterschicht leben in Umgebungen, die durch weniger Ressourcen, größere Gefahren und mehr Ungewissheit bestimmt sind. Sind die Menschen dort eher geneigt, sich unethisch zu verhalten, um ihre Möglichkeiten zu verbessern oder ihre Nachteile zu überwinden?
  • Beim nochmaligem Überlegen kann auch das Gegenteil gelten, nämlich dass die Oberklasse mehr zum Unethischen neigt. Mehr Möglichkeiten und Freiheiten sowie Unabhängigkeit von anderen bringen weniger Rücksicht auf andere, weniger Großzügigkeit, Spendenbereitschaft und Altruismus mit sich. Dafür mehr Egoismus, getestet in Ökonomie-Spielen, und generell mehr selbstbezogene soziale Denke, die voraussehbar mehr unethisches Verhalten verursacht. So wurde ja auch die Bankenkrise von 2008 mindestens teilweise dem unethischem Verhalten der Reichen zugeschrieben.

Die Religion trägt ihr Scherflein zum Bravsein bei, sie preist die Armen und warnt die Reichen: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Wenn's nach den Studien geht, kommen die Reichen jedenfalls nicht in den Himmel. Sie neigen zusehr dem unethischen Verhalten zu, was wohl durch ihre positivere "Einstellung zur Gier" erklärt werden könne, wie der Artikel in vornehmem Understatement erklärt.

Gier wird unter den Fachleuten als verlässliche Bestimmungsgröße für unethisches Verhalten angesehen. Schon Plato und Aristoteles stellten die Gier als Wurzel persönlicher Amoralität dar. Gier treibe die Menschen zu materiellem Gewinn statt ethischen Standards. Bei der Verfolgung ihrer egoistischen Ziele verletzen die Gierigen moralische Prinzipien, sagt die heutige Forschung. Das wird anhand von mehreren Studien nachgewiesen. Gier führt zu geringerem Interesse dafür, wie das eigene Verhalten andere trifft und dabei noch mehr unethisches Verhalten auslöst. Die Autoren sehen Reichtum und Unabhängigkeit als Antrieb, die Eigeninteressen dem Allgemeinwohl überzuordnen und Gier als geil einzuschätzen.

Die 7 Studien der Autoren wurden im Bereich der Universität, der Stadt und des ganzen Landes durchgeführt, um diese Aussagen zu testen. Mit ihren Befragungen und objektiven Messungen versuchten die Forscher, die Erkenntnisse zu generalisieren und gegenüber falschen Deutungen abzusichern.

Die Studien 1-3 prüften, inwieweit die höhere soziale Klasse mit unethischem Verhalten verknüpft ist. Das wurde z.B. beim Autofahren überprüft. Studie 4, setzte die Teilnehmer einem Priming aus, danach wurde abgefragt wie das unethische Verhalten der höheren und niedrigeren Klasse beeinflusst wurde. Die Studien 5-7 befassten sich mit der Gier; kann die positivere Einstellung der oberen Klasse zur Gier erklären, warum sie zu unethischerem Verhalten neigt?

  1. Studie: Die Zahl der Fahrzeuge, die sich bei einer Kreuzung vordrängelte (anderen den Weg verbaute) in Relation zur.Autoklasse (vehicle status). Ergebnis: je größer das Auto, desto mehr wurde gedrängelt. Der deutliche Zusammenhang wird vom Regressionskoeffizienten 0,36 und der Standardabweichung 0,18 wiedergegeben.
  2. Studie: Fast die gleiche Abhängigkeit wurde gemessen, als das Verhalten am Zebrastreifen untersucht wurde. Die höherklassigen Autos nahmen den Fußgängern öfter die Vorfahrt, Regressionskoeffizient 0,39 mit Standardabweichung von 0,19.
  3. Studie: Das war eine Befragung, die den Teilnehmern verschiedene Szenarios von unethischem Verhalten (unrechterweise von etwas profitieren oder sich etwas aneignen) vorlegte, und sie fragte, ob sie es auch so tun würden. Hier zeigten die Höhergestellten auch nach Bereinigung von Ethnie, Geschlecht und Alter mehr unethisches Verhalten, Regressionskoeffizient 0,13 mit Standardabweichung von 0,06.
  4. Studie: Die Ergebnisse gingen noch über die von Studie 1-3 hinaus, weil sie den Schluss nahelegten, dass die Erfahrung des Höhergestelltseins eine kausale Beziehung zu unethischen Entscheidungen und Verhaltensweisen bewirkt.
  5. Studie: Inwieweit sich jemand an die Wahrheit hält, ist negativ mit der Einstellung zur Gier verknüpft. Es ergaben sich Regressionskoeffizienten von -4,55/-12,29/-2,43/-11,41 mit Standardabweichungen von 1,90/3,93/1,87/3,81 je nach Test.
  6. Studie: Die Bereitschaft zur Täuschung hängt positiv von der Einstellung zur Gier ab, je gieriger, desto mehr Täuschung. Es ergaben sich Regressionskoeffizienten von 0,22/0,06/0,61/0,68 mit Standardabweichungen von 0,11/0,03/0,11/0,27 je nach Test. Als Ergebnis wird eine zumindest teilweise Verursachung von unethischem Verhalten durch Neigung zur Gier festgestellt.
  7. Studie: Diesmal wurde die Neigung zur Gier bei niederklassigen Probanden untersucht, inwieweit sie unethisches Verhalten erzeugt, z.B. Geld stehlen, sich bestechen lassen, Leute übervorteilen. Hier ergab sich eine gegenläufige Steigerung beim Primen mit "Gier ist geil". Die untere Klasse zeigte unbeeinflusst wenig unethisches Verhalten und die obere viel. Das Priming wirkte bei der unteren Klasse stark in Richtung unethisch, bei der oberen aber gegenteilig in Richtung weniger unethisch; Regressionskoeffizienten von 0,38/-0,24 mit Standardabweichungen von 0,18/0,18 respektive.

Als Ergebnis wird die Frage gestellt: Ist die Nobilität wirklich nobel? In beiden Arten von Versuchen, Natur und Labor, war die Oberschicht unethischer, und das zog sich durch alle Studien. Das wurde auf Universitätslevel genauso wie landesweit bestätigt. Aber warum neigen die Höhergestellten zum unethischen Verhalten in allen Bereichen?

Man sieht multiple Gründe dafür, insbesondere die größere Unabhängigkeit, das größere Vermögen (resources) und die geringe Bereitschaft, den angerichteten Schaden (downstream costs) wahrzunehmen. Dazu kommt das Anspruchsdenken und die Missachtung anderer. Es mag auch die Erziehung als Wirtschaftler eine Rolle spielen, wo Gier als geil gilt und Profitmaximierung angesagt ist.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen. Unter den Höhergestellten gibt es durchaus nobles ethisches Verhalten, das der Allgemeinheit dient. Als Beispiele werden u.a. Bill Gates und Warren Buffet genannt, die viel Geld in Hilfsprojekte stecken. Und wie ist das mit der Gier? Sie mag wohl bei jedem mal als Motivation dienen, aber sie ist ungleich verteilt. In der Elite gibt es mehr Egoismus, und die gesteigerte Gier, die mit mehr Reichtum und Status einhergeht, kann Fehlverhalten verursachen. Das wirkt wie ein selbstverstärkender Kreislauf, je gieriger, desto reicher, je reicher, desto gieriger – ein schönes Forschungsfeld für zukünftige Sozialstudien.

 

Als Dreingabe noch die Artikel zur Bestrafung: Reiche sollten anders gestraft werden als Arme (2., 3.). Also keine feste Geldstrafe für zu schnelles Fahren, sondern eine Tagesstrafe. Das trifft alle gleich, während die Geldstrafe sehr unterschiedlich trifft, wie die Artikel belegen.

 

Medien-Links:

  1. Higher social class predicts increased unethical behavior (PNAS 27.2.): Relative to lower-class individuals, individuals from upper-class backgrounds behaved more unethically in both naturalistic and laboratory settings.
  2. A Billionaire and a Nurse Shouldn’t Pay the Same Fine for Speeding (New York Times 15.3.): Finland and Argentina, for example, have tailored fines to income for almost 100 years. The most common model, the “day fine,” scales sanctions to a person’s daily wage.
  3. The Constitutionality of Income-Based Fines (SSRN 21.2.): When Americans break the law — whether it’s a minor offense like littering or a serious crime like felony assault — they tend to face the same financial penalties, no matter their income. The consequence is a system that puts low-income offenders in a cycle of debt and jail while letting rich offenders break the law without financial consequence, and which fails to meet basic goals of the justice system: to treat like offenders alike, punish the deserving, and encourage respect for the law.

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