Eine runde Sache – das dicke Ende ist schon da

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Die frühere Theorie lautete, das dicke Ende kommt noch. Jetzt zeigt sich, man muss gar nicht mehr warten, das dicke Ende ist schon da (Bild: Tumisu, pixabay).

Mit diesem Thema befassen sich die Medien alle halbe Jahre, wahrscheinlich jedesmal, wenn der Redakteur seinen Hosenknopf nicht mehr zukriegt. Es gibt aber auch regelmäßige Studien, bei denen Jahresringe gezählt werden, und die geben jedesmal einen Anlass zu neuen Verfettungswarnungen (3., 4., 5., 6. Link unten).

Aktuelle Artikel von der Schwabbelfront berichten über eine verschärfte Zunahme der Dickleibigkeit, die in den USA zu einer Rekordquote von 40% adipösen Erwachsenen geführt hat (Zero Hedge, 1.). Adipös ist die Steigerung von dick: dick, dicker, adipös, adipöser, am adipösesten. Man soll's nicht steigern (wiki), aber viele tun's trotzdem – und nicht nur verbal.

Es werden immer mehr XXXL-Klamotten getragen, und XXX ist doch englisch für Küsschengeben. Aber das ist nicht mehr niedlich. Eine National Health and Nutrition Examination Survey hat ergeben, dass die letzten 10 Jahre eine Zunahme der Dicken von 34% auf 40% erbrachten und eine Zunahme der Extradicken (Klasse 3 = Sumo) von 6% auf 8%. Gemessen wird das mit dem Body-Mass-Index BMI, der sich so berechnet:

BMI = m / l2

mit der Körpermasse m in Kilogramm und der Körpergröße l in Metern. Untergewichtig ist man mit einem BMI bis zu 18,5. Als normalgewichtig gilt der Bereich 18,5 bis 25, und was über 25 liegt, heißt übergewichtig. Adipös Klasse 1 fängt bei 30 an, Klasse 2 bei 35 und Klasse 3 bei 40.

Zum BMI gibt's immer wieder Diskussionen, so auch bei einem vielkommentierten Zeit-Artikel vom letzten Jahr (2.). Die Foristen kritiserten, dass professionelle Kraftsportler, Basketballer, Handballer und Eishockeyspieler gemäß BMI übergewichtig bis fettleibig seien,  und das bei minimalem Körperfettanteil. Das liegt daran, dass der BMI nicht zwischen Muskeln und Fett unterscheidet, und dass er ein Längenproblem hat: je länger, deso höher der BMI.

Man kann trefflich diskutieren, ob es nicht l3 heißen müsste statt l2, weil das Körpergewicht in der dritten Potenz der Länge zunimmt. Das scheint aber auch nicht zu passen, so dass der Konsens zu l2,3 geht, da der Mensch im Normalfall nicht in alle Dimensionen gleich stark wächst. Wie auch immer, pragmatisch gesehen scheint das Maß ganz gut zu passen, denn Kraftsportler haben ja auch eine kürzere Lebenserwartung.

Ein paar Perlen aus den Kommentaren von Zero Hedge und Zeit (1., 2.), die Hervorhebung verdienen: Ein US-Amerikaner merkt an, dass die 'health care' workers auch fast alle dick sind – Dicke, die Dicken sagen, dass sie dünn sein sollen. Und wie sie es sagen … "toxic in mind too" nennt das ein anderer.

Aus den Bildern im Zero-Hedge-Artikel scheint eine Korrelation der Fettleibigkeit mit den alten Sklavenstaaten (Alabama, Arkansas, Louisiana, Mississippi, West Virginia …) hervorzugehen, was zu den Kommentaren führt, kein Wunder, dass die fettesten Staaten auch die schwärzesten sind. Es gibt ja jetzt die Pille für alles, und wenn die Pillen Nebenwirkungen haben, gibt's Pillen für die Nebenwirkungen. Und wenn jemand Depris kriegt, weil er so fett ist, kriegt er noch mal was anderes verschrieben. Anstatt dass die fetten healthcare professionals den Leuten sagen, bewegt euren Hintern in den Trainingsraum und tut selber was gegen's Fett.

Wenn ein Kalauer erlaubt ist, könnte man sagen, da haben sie ihr Fett wegbekommen, die da "larger than life" sind. Ein fat finger error war's wohl nicht, auch wenn's nicht weit von fat nach fatal ist. Es ist nämlich sehr merkwürdig, wie ein Kommentator unkt, dass die fetten Staaten auch die sind, die Trump gewählt haben. Ob dieser Querdenker einen neuen Zusammenhang entdeckt hat? Je dicker, desto trumper? Aber wen wählen die Dünnen? Putin oder Erdogan?

Nach diesen Abschweifungen noch ein schöner Spruch aus dem Forum: The Great Satan is eating itself to death. Alhamdulillah! Ob die Obermuftis eine Fatwa gegen solche Häresie erlassen? Immerhin, aus englischer Perspektive fängt fatwa mit fat an …

Ernsthafter sind die findings, die sich auch in anderen Ländern zeigen: Je ungebildeter desto fetter, je älter desto fetter. Nur halb so viele Junge sind fett wie Alte. Trotzdem scheinen die Aufklärungsanstrengungen nicht gegen die grassierende Fettsucht zu wirken. Auch wenn die Leute wissen, dass Überfütterung und Bewegungsmangel fett machen: Davon geht der Speck nicht weg. Dummerweise nimmt die neue Regierungspolitik Abstand von Aufklärung und Transparenz bei den Fettmachern in der Nahrung.

Wirkung: Americans are cramming their craws with more fast food than ever – sie stopfen sich immer mehr in den Kropf … Und es ist immer mehr fast-food, ein Plus von 23% in den letzten 5 Jahren, und beim packaged-food sind's 9%. Der Trend ist schon lange so. Beim Zeit-Artikel (2.) war noch die Aussage, weltweit ist 1/3 der Menschen dick. Dort wird eine WHO-Tabelle wiedergegeben (dargestellt sind die BMI-Werte der Top 10 und der Bottom 10, dazwischen Deutschland auf Platz 43, USA auf Platz 8):
bmiweltweitIm Zeit-Forum wird ganz richtig die Zusammenstellung kritisiert, Ländern wie Eritrea, Äthiopien, Bangladesh zu bescheinigen, dass sie den niedrigsten mittleren BMI haben, und zugleich so einen BMI für gesund und erstrebenswert zu erklären. Wenn der BMI darauf zurückgeht, dass viele hungern, ist das geschmacklos; auch wenn der Mittelwert noch über 18,5 liegt, also im Normalbereich.

Viel ist die Rede von den Krankheiten, die mit der Fettleibigkeit einhergehen. Trotzdem steigt die Lebenserwartung in den Industrieländern weiter – doch in den USA scheint der Trend sich jetzt umzukehren. In den Zeit-Foren gibt es immer gute Erklärungen für die Trends, wie man sie so konzentriert kaum woanders findet:

  • Übergewicht ist meist das Resultat einer unausgewogenen Energiebilanz, zu viel und zu kohlenhydratreiches Essen und zu wenig Bewegung.
  • Heute wird man an jeder Ecke zu fettigen und überzuckerten Sünden verführt. Dazu kommt das ständige Sitzen, im Auto, im Büro, auf der heimischen Couch. Das ist nicht artgerecht, wo der Mensch doch dafür geschaffen ist, den ganzen Tag in der Gegend herumzuflitzen.
  • Der Mensch muss demnach erst lernen, mit der historisch neuen Situation klarzukommen, dass er sich ohne körperliche Anstrengung beliebig viele Kalorien einverleiben kann.
  • Zudem sind Disziplin und Arbeitsbereitschaft vielfach keine Werte mehr, Disziplinlosigkeit und Faulheit sind genausogut. Fettleibigkeit und Inkompetenz sind dann völlig ok, solange die Betroffenen das Kunststück vollbringen, sich dabei toll zu finden.
  • Aber die die Kontrolle über das Essverhalten hapert oft nicht an Willenskraft bzw. Faulheit, sondern da spielen psychische Notzustände eine Rolle.

Und trotzdem, BMI hin, Schönheitsideale her: Wenn Menschen sich vor lauter Leibesfülle nicht mehr selbst den Allerwertesten wischen oder die Schnürsenkel binden können, ist es vorbei mit lustig. Der Kommentator findet es eine komische Gesellschaft, die sich das schönreden kann und will; und seltsame Menschen, die aus ihrer Unförmigkeit ein na und? machen.

Die Na-und-Fraktion hat aber auch was zu sagen. Da geht es um die Ideologie, welche zuerst die Raucher erledigte. Was wohl als nächstes an die Reihe kommt, die Alkohol-Trinker oder die Übergewichtigen? So gesehen gewinnen die Dicken. In Wirklichkeit hat natürlich die Zucker-Lobby gewonnen; die Diät-Industrie verdient üppig, und der Rest ist fat bashing.

Und wenn man nicht die Fettleibigkeit messen würde, sondern die Dickköpfigkeit? Wer weiß, dann wäre die Entwicklung womöglich noch beeindruckender. Pigheadedness Index PhI statt BMI? Nun ja, die Klugen machen ihren PhD (Doctor of Philosophy). Und die anderen qualifizieren sich mit ihrem PhI. So ist für alle gesorgt.

 

Medien-Links:

  1. American Adults Have Never Been Fatter (Zero Hedge 23.3.): 40% of American adults are obese, a sharp increase from a decade earlier and a record high, according to federal health officials.
  2. Übergewicht: Fast jeder dritte Mensch ist dick (Zeit Online 12.6.17, >200 Kommentare): Die Weltbevölkerung nimmt zu, vor allem an Gewicht. Nie zuvor waren mehr Menschen fettleibig. Und selbst ein paar Kilos zu viel fördern bereits gefährliche Erkrankungen.
    Von Jakob Simmank und Jasper Riemann
  3. So dick war Deutschland noch nie – Ergebnisse des 13. DGE-Ernährungsberichts zur Übergewichtsentwicklung (Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. 1.2.17): Die Zahl der Übergewichtigen nimmt in Deutschland weiterhin zu. 59 % der Männer und 37 % der Frauen sind übergewichtig. In der Altersklasse der Berufstätigen ist das Dicksein heutzutage so weit verbreitet, dass es keine Ausnahme mehr darstellt, sondern der Normalzustand ist.
  4. Health Effects of Overweight and Obesity in 195 Countries over 25 Years (the New England Journal of Medicine 6.7.17): Among the leading health risks that were assessed in the Global Burden of Disease 2015 study, high BMI continues to have one of the highest rates of increase. Across levels of development, the prevalence of obesity has increased over recent decades, which indicates that the problem is not simply a function of income or wealth.13 Changes in the food environment and food systems are probably major drivers.
  5. Trends in adult body-mass index in 200 countries from 1975 to 2014: a pooled analysis of 1698 population-based measurement studies with 19·2 million participants (The Lancet 2.4.16):
    If post-2000 trends continue, the probability of meeting the global obesity target is virtually zero. Rather, if these trends continue, by 2025, global obesity prevalence will reach 18% in men and surpass 21% in women; severe obesity will surpass 6% in men and 9% in women. Nonetheless, underweight remains prevalent in the world's poorest regions, especially in south Asia.
  6. Trends in Obesity and Severe Obesity Prevalence in US Youth and Adults by Sex and Age, 2007-2008 to 2015-2016 (JAMA Network 23.3.): Over the most recent decade between 2007-2008 and 2015-2016, increases in obesity and severe obesity prevalence persisted among adults, whereas there were no overall significant trends among youth. Changes in demographics did not explain the observed trends.

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