Rezension Bunge Matter And Mind I

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978-90-481-9224-3_Cover_PrintPDF.inddProf. Dr. Dr. h.c. mult. Mario Bunge war Professor für theoretische Physik, später für Wissenschaftsphilosophie. Er hat über 50 Bücher und etwa 500 Arbeiten über Physik, Ontologie, Methodologie usw. verfasst. In diesem Werk sieht sich Bunge in der Schule von Aristoteles und Demokrit, nicht von Platon. Man könnte auch sagen, der Altmeister teilt hier kräftig aus. Sein Geleitwort: I believe that a philosophy is spineless without ontology, confused without semantics, acephalous without epistemology, deaf without ethics, paralytic without social philosophy, and obsolete without scientific support – and no philosophy at all with neither.

Übersetzt: Ich glaube, dass eine Philosophie rückgratlos ist ohne Ontologie, wirr ohne Semantik, kopflos ohne Erkenntnistheorie, taub ohne Ethik, gelähmt ohne Gesellschaftsphilosophie, überflüssig ohne wissenschaftliche Basis – und ohne das alles ist es keine Philosophie.

Gleich im Vorwort dankt Bunge seinem zeitweiligen Coautor Martin Mahner für Besänftigung: "for attempting to restrain my bashings". Trotzdem steht allerhand Kritik in dem Buch – endlich spricht jemand aus, was der evolutionäre Materialist den anderen Geisteshaltungen an Fehlern und Versäumnissen vorwerfen kann. Interessant ist auch die Verortung diverser Geistesgrößen unter dem jeweils passenden Rubrum. Wie kaum jemand anders hat Bunge die Fähigkeit zum klaren Ausdruck und zur schnörkellosen Aussage. Er hat es geschafft, viel von seinen philosophischen Erkenntnissen auf 300 Seiten unterzubringen. Das macht das Buch sehr kompakt und inhaltsschwer. Weil es so gehaltvoll (und auch teuer ist, über 200 €), loht sich ein ausführliches Referat in mehreren Abschnitten. Die Kapiteleinteilung wird dabei übernommen, die -ismen werden in freier Folge anhand des Buchs aufgeführt.

Philosophie als Weltsicht

Warum wurde die Philosophie nicht in China erfunden, der am weitesten fortgeschrittenen historischen Kultur? Weil diese Kultur vom Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus dominiert wurde, Geisteshaltungen, die keine Erforschung und Hinterfragung unterstützten. Die Philosophie ist aber nun mal die Selbstzweifel-Disziplin, sie soll Interessantes über die Welt offenbaren, sie soll die Großen Fragen beantworten – doch die meisten gegenwärtigen Philosophen schaffen es, diese Fragen zu ignorieren, weil sie lieber am Blumentopf arbeiten als im weiten Feld ("they prefer to work on flowerpots rather than in open fields").

Es geht nun um die Unterscheidung was real und imaginär ist, profan oder heilig usw. Nur Menschen können ein konzeptionelles Modell ihrer Umgebung entwerfen. Und außer einigen Philosophen (!) können die Menschen Karten von der Landschaft unterscheiden, welche die Karten repräsentieren. Kritisiert wird nun der Objektive Idealismus (dem materiellen Sein liegt ein geistiges Sein zugrunde) zusammen mit der Hermeneutik (die Welt wird durch Symbole konstituiert).

Die Weltsichten werden unterschieden nach Monismus (alle Vorgänge und Phänomene der Welt lassen sich auf ein einziges Grundprinzip zurückführen) und Pluralismus (beim Dualismus ist es das Physische und das Mentale, ansonsten keine einheitliche Position). Beim Monismus wird noch unterschieden nach Materialismus (alles basiert auf Materie), Idealismus (Ideelles ist das Fundament der Wirklichkeit) und Neutralem Monismus (Geist und Materie können auf grundlegende Elemente reduziert werden). Platon vertrat einen Idealismus, Buddha, Ptolemäus, Hume, Kant, Comte und Mach werden als Phänomenalisten benannt, wobei Kant auch zusammen mit Fichte und Schelling unter den Subjektivisten eingereiht wird. Der erste moderne Phänomenalist war Berkeley, gefolgt von Hume und Kant – wobei sie nicht bemerkten, dass Phänomenalismus ein Aspekt des Anthropozentrismus' ist, der primitivsten aller Weltsichten ("the most primitive of worldviews").

Hegel wird mehrfach kritisiert, erst für seine Zurückweisung der Aufklärung und seine kryptische Schreibe über Geist/Natur, dann für seine Begeisterung über die allgegenwärtige Drei (Dreidimensionalität, drei Kunstformen, drei Religionsformen, drei dialektische Momente, eine Vorstufe der Drei-Welten-Lehre, die drei Sphären Idee, Natur und Geist). Bunge vermisst dabei die Gesellschaft als Nummer 4.

Lenin hat sie dann in der Natur vereinnahmt (weil die Vier für einen Hegel-Bewunderer unattraktiv ist), womit er unwillentlich seinen Materialismus durch Naturalismus ersetzte. Dabei ahnte Lenin nicht, dass ein halbes Jahrhundert später der notorisch antileninistische Philosoph Popper (der auch Descartes' Geist-Körper-Dualismus wiedererfand) das Gleiche postulierte wie die Hegelsche Drei-Welten-Lehre (Außenwelt, Welt des Bewusstseins, Welt der objektiven Gedankeninhalte). Übrigens, so Bunge, sind das nicht Welten (also Systeme), sondern ein Kuddelmuddel von verschiedenen Sachen ("ragbags of heterogeneous items"). Marx und Engels wiesen den Idealismus zurück, trotzdem behielten sie den dialektischen Hokuspokus des "mächtigen Denkers" Hegel bei ("mumbo-jumbo of that 'mighty thinker'”).

Unter Metaphysik verweist Bunge auf seine materialistische Ontologie (wb-Link zur Rezension Über die Natur der Dinge, dort sind die zentralen Begriffe Ding, Eigenschaft, Zustand, Ereignis, Prozess, Verursachung, Zeit, Raum … beschrieben). Nach Bunge ist die logische Abfolge

Ding < Eigenschaft < Zustand < Prozess < Verursachung

Was dann über Determinismus, Zufälligkeit und Verursachung gesagt wird, ist auch Gegenstand des erwähnten Buchs. Unter Erkenntnistheorie spricht Bunge von den grundlegenden Annahmen des Skeptizismus': die unabhängige Existenz der Außenwelt, die Möglichkeit der Erkenntnis, die Regeln der Logik. Die Hypothese von der unabhängigen Existenz der Realität ist das Hauptpostulat des Realismus', und die Annahme der Erkenntnismöglichkeit ist das epistomologische Gegenstück. Ontologie und Epistemologie (Erkenntnistheorie) sind nicht voneinander unabhängig. Sie können aber unterschieden werden:

Ontologie will die Welt verstehen, Erkenntnistheorie will das Verstehen verstehen.

Unter Praktischer Philosophie nennt Bunge wieder Namen: die amerikanischen Praktiker Peirce, James und Dewey und die deutschen Vitalisten Nietzsche, Dilthey und Simmel. Die deutschen Lebensphilosophen nennt er antiwissenschaftlich und antidemokratisch, dagegen die Neopragmatiker wie Goodman, Rorty und Putnam nur antiwissenschaftlich. So auch Heidegger mit seinen versponnenen Sätzen von der Weltlichkeit der Welt (“The world worlds”) – gemäß Bunge qualifiziert sich das kaum als Philosophie.

Klassische Materie: Körper und Felder

Dies Kapitel hält eine ganz kurze Besprechung aus, weil die klassische Mechanik schon genug beschrieben ist. Bunge verweist darauf, dass Masse und Energie Eigenschaften sind und nicht Dinge. Er kennt aber auch den Begriff der Tropen, nach dem die Eigenschaften unabhängig von den Dingen existieren, und sich die Dinge aus den Tropen konstituieren (wb-Link Tropen). Das wird leider nicht weiter ausgeführt.

Es wird auf die Zufallsabhängigkeit der untersten Ebene hingewiesen, wo irreduzibler Zufall zusammen mit Verursachung wirkt (wb-Link Quanten). Mit der Revolution des physikalischen Weltbilds kamen 4 neue Begriffe auf: Kraftfelder, Energie, Zufall (chance), und die Mikro-/Makro-Unterscheidung. Elektromagnetische Felder sind demnach eine neuentdeckte Form der Materie. Zeitgleich mit der Theorie des Elektromagnetismus' entwickelte sich auch die Thermodynamik, und Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Relativitätstheorie. Die raumzeitliche Entfernung Δs zwischen zwei Punkten der Raumzeit (räumliche Entfernung Δx, zeitliche Δt, Lichtgeschwindigkeit c) ist in allen Bezugssystemen (frames) gleich:

Δs2 = Δx2 – c2Δt2

Dagegen hat jeder Körper unterschiedliche Massen und Energien, je nach dem Bezugssystem, und es gilt die Gleichsetzung etwas "ist materiell" bedeutet dasselbe wie "hat Energie". Und "keine Materie, keine Raumzeit". Es wird das Lokalitätsprinzip angesprochen (mehr dazu im wb-Link Einstein). Hier nur noch eine Schlusskritik aus Bunges Feder:

Das neue Wissen über Materie, das im Lauf des 19. Jahrhunderts gewonnen wurde, hätte eine energische Erneuerung des philosophischen Materialismus' in Gang setzen müssen. Paradoxerweise erfolgte gerade das Gegenteil – es erzeugte eine starke Gegenwirkung, die in Frankreich unter la critique de la science lief. In der Tat "interpretierten" viele Autoren (die neue) Physik als Gegenargument gegen den Materialismus. Ironisch ist nicht nur, dass diese Attacke auf den Materialismus im Namen der Wissenschaft stattfand, sondern dass sich bedeutende Wissenschaftler dafür hergaben, während die meisten hauptberuflichen Philosophen weiter über Kant und Hegel schrieben. Bunge nennt das Phänomen, dass die Physiker weiter waren als die Philosophen: die letzteren sind aus der Phase geraten ("out of sync").
 

Diese Rezension wird fortgesetzt mit Kapitel Quanten-Materie: Bizarr, aber real

 

Mario Bunge, Matter and Mind – A Philosophical Inquiry, © 2010, Boston Studies in the Philosophy and History of Science, Springer, 217 €

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