Rezension Bunge Matter and Mind IV

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In den ersten drei Teilen der Rezension ging es um die Philosophie als Weltsicht, um die physikalischen Grundlagen, um Naturalismus, Materialismus und speziell um Bunges emergentistischen systemischen Materialismus. Im vierten Teil kommen die geistigen Ebenen mit den diversen Funktionen des Hirns bis hin zum Sozialen in den Fokus. Dazu hat Bunge viele interessante Sachen zu sagen, garniert durch die Kritik, die der Altmeister seinen  Kollegen freigiebig zukommen lässt. Natürlich verteilt Bunge auch Lob dort, wo er es für angebracht hält.

Ein Rückgriff auf andere Stimmen sei erlaubt, um Bunge aus deren Sicht zu würdigen (Link unten): Bunge leitet aus Vorhersage, Fehler und Entdeckung die Evidenz für das Existieren der externen Welt ab, die nur ordentlich erforscht werden muss. Die Mikroebene der Realität wird von Dingen und ihren Eigenschaften bestimmt, und der emergenten Entstehung von neuen Eigenschaften. Die Dinge haben Zustände im Eigenschaftsraum, die sich in Prozessen interaktiv verändern. Dabei entstehen Systeme mit Mechanismen und neue (System-)Ebenen.

Die Makroebene von Bunges Weltsicht zeigt Dinge in stetiger Veränderung, es ist ihr Wesen, veränderlich zu sein und zu interagieren. Sie lassen sich in sechs (System-)Ebenen aufteilen, physikalisch, chemisch, biologisch, mental, sozial und technisch. Bunges Konzept wird als eine Form des wissenschaftlichen Materialismus' präsentiert, es gehört zur Metaphysik und verwendet Begriffe wie Fluss, Muster, Prozess, Mechanismus, System, Emergenz, Reduktion. Logische Positivisten sind dieser Metaphysik (generell) abhold, ebenso wie die Vertreter der Kantischen Schule.

Bunge hält der klassischen empirisch-rationalen Debatte die Treue, er führt sie fort mit aktuellen Ergebnissen aus Logik und Wissenschaft. Man könnte Bunges Ansatz sogar "übernatürlich" nennen, in dem Sinn, dass es eine übergeordnete wissenschaftliche Sicht ist. Bunge sieht Materialismus und Idealismus in gegenseitiger Abhängigkeit. Möglicherweise ist der Ansatz von der Energie als Basis für alle Interaktionen nicht der Weisheit letzter Schluss; immerhin ist auch die physikalische Erkenntnis im Fluss. Bunges Ontologie ist durch Falsifizierung angreifbar, man kann sie mit Widersprüchen widerlegen – so man welche findet. Die Angreifbarkeit ist nichts Schlechtes, sie ist der Preis für die Wahrheit.

Damit zu einem weiteren Teil des Referats über Matter and Mind, wieder mit der vorgegebenen Kapiteleinteilung und einer freien Wiedergabe der -ismen sowie der wichtigsten Punkte.

Das Körper-Geist-Problem

Die alte, duale Sicht braucht nicht mehr hervorgehoben zu werden, nach der Geist und Körper zwei Entitäten sind, die auf unbekannte Weise in Verbindung stehen. Energieaustausch findet nicht statt, den hätte man messen können. Aber wie sagt der Geist dem Körper dann, wo es langgeht? Und wieso setzt er im Hirn an, und nicht z.B. am Knie? (Bunges Argument im wb-Link unten).

Geschichtlich befassten sich die Behavioristen mit dem Thema, indem sie erklärten, das Hirn sei irrelevant fürs Verhalten. Die Psychoanalytiker fantasierten über die Seele und deren Herrschaft über den Körper, die Eliminativisten leugneten einfach die Existenz von Glaube, Wunsch, Angst, Hoffnung, Intention usw. Das ist keine Antwort auf die Großen Fragen, wie die subjektiv gefühlten Phänomene durch objektiv erkennbare mentale Prozesse zu erklären sind.

Das beliebte Beispiel mit der Schmerzempfindung lässt sich nicht reduzieren auf Schmerz = Feuern von C-Fasern. Die Schmerzempfindung ist ein Bewusstseinsprozess in den Abgründen des Gehirns. Man sei aber daran gewöhnt, die akademische Freiheit mit der "Lizenz zum Ignorieren" zu verwechseln. Auf die Kollegen von Galileo wurde geschimpft, die nicht durch dessen Teleskop schauen wollten, aber die gegenwärtigen Philosophen des Geistes werden ernst genommen, auch wenn sie nicht die Wissenschaft des Geistes anschauen mögen.

Bunge sieht eine ganze Reihe von bizarren philosophischen Ansichten über die Natur des Geistes aus dieser Haltung erwachsen. Er erklärt, dass eine materislistische Sicht des Geistes auf einer umfassenden materialistischen Ontologie aufbauen muss, sonst wäre sie philosophisch naiv. Dazu rechnet er wohl auch den psychoneuralen Dualismus, mit dem er sich ausführlich befasst. Kurz die Punkte:

  1. Dualismus ist konzeptionell wirr, es gibt keine Körper-Geist-Interaktion,
  2. Dualismus ist experimentell nicht widerlegbar, weil nichtmateriell,
  3. Dualismus ist unverträglich mit Entwicklung, weil er nur Erwachsene berücksichtigt,
  4. Dualismus ist unverträglich mit Primatologie, weil auch Affen Bewusstsein zeigen,
  5. Dualismus verstößt gegen physikalische Gesetze, speziell das Energieerhaltungsgesetz,
  6. Dualismus verwirrt sogar seine Gegner, die von korrelieren, mediieren, instantiieren usw. sprechen,
  7. Dualismus isoliert die Psychologie von anderen Wissenschaften,
  8. Dualismus ist beschränkt und kontraproduktiv.

Während es aussichtslos ist, Neuroengineering auf Descartes’, Humes, Kants, Hegels, Husserls, Wittgensteins, oder Poppers Dualismus zu bewerkstelligen, nutzen die Techniker die realen Gegebenheiten, um z.B. einen künstlichen Arm mit dem Hirn zu steuern. Sie prechen von top-down causation, Verursachung von oben nach unten. Der Zusammenhang zwischen Materie und Geist geht auch von unten nach oben; wer Alkohol trinkt, beeinflusst seinen Geist (bottom-up causation).

Wenn es darum geht, die subjektiven Empfindungen objektiv zu erklären, werden die Phantomschmerzen herangezogen, bei denen amputierte Gliedmaßen wehtun wie normale. Das bedeutet, das sind reale Hirnvorgänge, die objektiv erklärt werden können. Bunge leitet daraus ab, dass unsere Gehirne unsere Körper-Bilder (body images) konstruieren, sowie unsere Erfahrungen und unsere Einheit des Bewusstseins (unity of experience). Das Ziel ist, Subjektivität objektiv zu erklären, und das macht das Körper-Geist-Problem zum größten der Probleme.

Es ist umgeben von dicksten theologischen Barrieren und philosophischem Nebel – es waren schließlich die Spielgründe von Priestern, Schamanen, Scharlatanen und Philosophen, die keine moderne Psychologie lernen mögen. Für die letzteren gibt es das Problem nicht, ganz nach Geschmack; weil Platon es löste, weil es keinen Geist gibt, oder weil der Geist mysteriös ist.

Materie beachten: Das plastische Hirn

Die Materie des Geistes, so wird das Hirn auch genannt. Wenn es "plastic" ist, wird damit nicht gemeint, dass es aus Plastik ist und in den Gelben Sack gehört. Es ist plastisch, indem es sich dauerhaft verändert. Beim Aufnehmen von Wissen erfolgen bleibende Änderungen der Neuronen und ihrer Verschaltungen.

Das Ganze ist so komplex wie kompliziert. Das zeigt sich schon bei dieser Aussage:
"If the brain were simple enough for us to understand, we’d be so simple we couldn’t." (Wenn das Hirn so schlicht gestrickt wäre, dass wir es verstehen können, wären wir zu schlicht gestrickt, um es zu verstehen.). Bunge schreibt diesen Aphorismus Ken Hill zu, in der Literatur werden auch andere Autoren genannt.

Als Alternative zum Dualismus wird die psychoneurale Identitätstheorie genannt. Sie geht gegen die teleologische Denkweise vor, Beispiel: Das Ich und sein Gehirn von Popper und Eccles. Warum nicht Gehen und seine Beine, Verdauen und seine Eingeweide usw.?

Oft wird die psychoneurale Identitätshypothese falsch formuliert, etwa: Gedanken und Bewusstsein sind Erzeugnisse des Hirns (Engels), oder: Das Hirn verursacht den Geist (Searle), oder allgemein: Neurale Anatomie verursacht geistige Funktion. Diese Verursachungs-Sicht ist falsch, weil kausale Beziehungen nur zwischen Ereignissen existieren, nicht zwischen Dingen. Rotation ist kein Effekt des Rades, sondern nur das, was das Rad tut, seine spezifische Funktion. Das Rad ist nicht das "physikalische Korrelat" oder das "materielle Substrat" der Rotation. Es "dient" ("subserves") der Rotation nicht, es "instantiiert" sie nicht. Eine unvollständige Aufstellung der spezifischen Hirnfunktionen:

Organ (Hirnsystem) Spezifische Funktion(en)
Amygdala Angst haben
Gehirnstamm Wachsamkeit
Hippocampus Kurzzeitgedächtnis, Raumorientierung
Insula Abscheu
Nucleus accumbens Freude
Präfrontaler Kortex Kognition, Handlungsplanung
Medialer präfrontaler Kortex Bewertung und Entscheidung
Ganzes Gehirn Bewusstsein

Um die psychoneurale Identitätshypothese klar zu formulieren: Für jeden mentalen Prozess M gibt es in einem Hirnsystem einen Prozess N, so dass M = N. Und für jede mentale Funktion F gibt es ein Hirnsystem B, das F ausführt.

Einige Geist-Philosophen wie Putnam und Kripke diskutieren das Körper-Geist-Problem im Licht schierer Phantasie. Es geht bis in die Science Fiction mit Zombies (Menschen ohne Bewusstsein). Kim wiederum spricht von der "Supervenienz des Geistigen auf dem Physischen" – Bunge lehnt den Begriff Supervenienz ab und bevorzugt Emergenz, wenn ein System eine neue Eigenschaft bekommt.

Als dritter Ansatz nach Dualismus und psychoneuraler Identitätstheorie wird die kognitive Neurowissenschaft genannt, Vertreter Hebb und Pawlow (letzterer verteidigte auch den psychoneuralen Monismus). Die kognitive Neurowissenschaft vereinigt die Teilwahrheiten der beiden anderen Theorien mit weiteren Erkenntnissen, z.B. von der selbstgenerierten spontanen Hirnaktivität und von der konstruktiven Natur vom episodischen Gedächnis. Der Aufruf von gespeicherten Inhalten webt oft andere Gedankenspuren mit hinein – deshalb sind Augenzeugen so unzuverlässig.

Die Hypothese von der spontanen Hirnaktivität wird beeindruckend bestätigt durch den Energieverbrauch. 60-80% gehen für die interneuronale Kommunikation drauf, während nur 1% dafür verbraucht wird, um die gegenwärtigen Bedürfnisse abzudecken. Als fundamentale Eigenschaft des Hirns wird noch seine Plastizität genannt, seine Fähigkeit, sich durch Erfahrung und Gebrauch zu verändern. Alles Wissen wird gelernt. Das Hirn ist dynamisch, nicht statisch und von Anfang an fixiert. Das widerspricht Dawkins' genetischem Determinismus und Chomskys Angeborenheits-Ideen, sowie dem Computationalismus.

Bunge hat hier analog zum Quanton als Grundelement der mentalen Funktion Eccles' Psychon zu bieten: Jeder mentale Prozess ist ein Prozess in einem(/mehreren) Psychon(en). Und wo das stattfindet? Das wird in der Kontroverse Lokalisation vs. Koordination diskutiert. Fakten sind irgendwo im Raum, während Konstrukte (immaterielle Objekte) wie Seelen oder Zahlen irgendwo oder nirgends sind.

Bunge kritisiert einige Kollegen für ihre Ansichten, z.B. die holistische Extravaganz von Bennet und Hacker, dass nicht das Hirn, sondern die ganze Person Sitz der mentalen Eigenschaften sei. Dann wäre das Köpfen nicht mehr so schlimm, spottet Bunge, und die Neurochirurgen könnten an den Zehen herumschneiden. Für diese Art von Holismus und Panpsychismus hat Bunge noch mehr Kritik übrig, das zynische Prinzip, dass zu egal welcher Extravaganz immer noch ein Philosoph gefunden werden kann, der noch was Haarsträubenderes erfinden kann.

Das Hirn ist zuerst ein Analysator, dann erst ein Synthetisierer. Wie die Syntthese erfolgt, damit befasst sich das bekannte Bindungsproblem: Wie konstruiert das Gehirn aus den vielen  Sinneseindrücken einheitliche Wahrnehmungen? Bunge erwähnt zahlreiche Studien und moderne Methoden zum Hirnscan (funktionelle Magnetresonanztomografie). Sie zeigte, dass dieselben Hirnareale verschiedene Funktionen haben können, und dass die gleiche Funktion sich auf verschiedene Bereiche verteilen kann (Unterschied seeing/looking, smelling/sniffing, hearing/listening).

Ganz schön durcheinander, das Ganze: Das Hirn wurde von einem opportunistischen Gestalter zusammengefummelt – der Evolution. Intelligenz ist das Produkt eines völlig unintelligenten Prozesses, der unperfekte Organe herstellt und Schutt dabei hinterlässt.

Die neurale Basis des Fühlens und Erkennens ist nichtmodular. Es gibt Wechselwirkungen und Koordinationen, was mit moderater Lokalisation beschrieben werden kann, die Bunge so zusammenfasst: Jedes Subsystem vom Hirn führt mindestens eine spezifische Aufgabe aus. Nur der visuelle Kortex kann sehen, nur die Amygdala kann Furcht empfinden usw., aber alle spezialisierten Organe brauchen die Unterstützung anderer Körperteile.

Die materialistische Konzeption des Geistes verlangt den psychoneuralen Monismus, d.h. kein Dualismus. Der Monismus erklärt alles besser:

  1. er ist die gegenwärtige Speerspitze der Erkenntnis
  2. er erklärt die mentalen Phänomene zumindest im Prinzip, wobei die Spiegelneuronen helfen,
  3. er erklärt auch, warum die Stimmung pharmakologisch kontrolliert werden kann (Dopamin), den Unterschied Umgebungssehen und Bewegungssehen (2 Systeme) usw.,
  4. er geht Probleme an, von der die "brainless psychology" nur träumen kann, Lokalisieren von Prozessen usw.,
  5. er überwindet künstliche Grenzen zwischen traditionellen psychologischen Disziplinen wie Kognition/Emotion,
  6. durch die Erforschung von Hirnschäden konnte er die Schamanen-Psychologie zurückdrängen, speziell die Psychoanalytiker,
  7. der psychoneurale Monismus ist stimmig mit dem Materialismus, er unterminiert die idealistische Phantasie, die Welt wäre mental und dergleichen.

Trotzdem gibt's Einwände, und die tragen z.B. den Namen Qualia. So nennen sich die subjektiven Erlebnisgehalte der mentalen Zustände. Bunge gesteht zu, dass sie ganz besondere Reaktionen aud physische Stimuli sind. Es gibt kaum abweichende Meinungen darüber, dass die Wissenschaft das Gedächtnis erklären kann, aber das ist nur ein einfaches Problem (Chalmers). Dagegen Qualia (wie Schmerz) zu erklären, ist ein schwieriges Problem. Der Umgang damit ruft wieder Bunges Spott hervor:

“What makes pain pain is the fact that it is experienced as painful – that is, it hurts," sagt z.B. Kim. Nein, das ist kein Tippfehler, sagt Bunge und lädt dazu ein, S. 15 von Kims Philosophy of mind zu lesen: "What is distinctive of pains is that that “they hurt.” Aber wenn Schmerz schmerzt, dann muss Sicht sehen, Gedächtnis erinnern, Gedanke denken, Sprache sprechen, Traurigkeit trauern, Tod töten, Welt welten usw. Das mögen die Existentialisten und andere Unsinnsverbreiter ("nonsense mongers") beklatschen; und die anderen stöhnen.

Mit solchen kryptischen Äußerungen ist das Schwierige Problem eher nicht zu lösen. Warum sich mit der Neuro-Wissenschaft abgeben, wenn man sowieso weiß, dass sie nicht wissen kann, wie es ist, Schmerz zu empfinden? Manche gehen bis zu dem Standpunkt, die Neuro-Wissenschaft kann es prinzipiell nicht lösen, weil das Konzept "Schmerz" in der Neuro-Wissenschaft gar nicht vorkommt.

Doch, sagt Bunge, das tut es: in der Kognitiven Neurowissenschaft, Neurologie, Anästhesie, Psycho-Neuro-Immunologie und Psycho-Neuro-Pharmakologie. Damit ist nicht gemeint, dass es ein volles Verständnis gäbe. Aber man weiß immerhin, dass wir eine Schmerzmatrix haben, und wo sich das im Hirn abspielt. Das Problem ist ohnehin zu wichtig, um es den Händen von Philosophen zu überlassen, die zwischen zwei krassen Fehlern hin- und herschwanken: Dass Schmerz im immateriellen Geist abspiele oder dass er identisch ist mit dem Feuern von C-Fasern – aber Fasern feuern nicht, und sie fühlen nichts, sondern sie übertragen nur Signale.

Und die Qualia? Nicht-physikalistische Materialisten haben keine Angst davor. Qualia  müssen von der kognitiven Neurowissenschaft untersucht werden, und dem ist auch so. Subjektivität wird bereits durch objektive Aussagen erklärt. Der Materialist, der so handelt ist wahrscheinlich ein emergentistischer Materialist. Im täglichen Leben werden mentale Prozesse gern in nicht-neuro-wissenschaftlichen Wendungen beschrieben. Es heißt z.B. jemand verliebt sich, statt die komplexen und kaum bekannten Hirnprozesse zu erwähnen, die dahinterstecken.

Aber die Vereinfachung gibt es überall – Bunge ist correct, immer she statt he – und so formuliert er denn ziemlich witzig: Eine Fahrerin mag die Panne ihres Autos in simpler Weise beschreiben, ihr Mechaniker wird es komplizierter tun, und der Ingenieur noch diffiziler.

Noch ein Einwand: Wenn mentale Phänomene mit Hirnprozessen identisch sein sollen, müssen beide dieselben Eigenschaften haben. Das tun sie nicht, denn mentale Phänomene haben sekundäre Eigenschaften (subjektive), Hirnprozesse nur primäre (objektive). Aber so könnte man gegen alle wissenschaftliche Erkenntnis argumentieren. Eine Entladung verursacht einen Schock beim Rezipienten, während der Experimentator von elektrischen Strömen in menschlichem Gewebe spricht.

Ein Beispiel: Was ist der Unterschied zwischen dem Morgenstern und dem Abendstern? Beides ist die Venus, insofern ist das gleich. Aber die Referenten sind verschieden: Venus, Beobachter und Atmosphäre. Letztere ist abends wärmer und weniger sauber. Es gibt also zwei Beschreibungen für zwei unterschiedliche Fakten, und so ist es auch bei den Qualia. Ein Hirnprozess von der Außenseite gesehen ist nicht dasselbe wie derselbe Prozess aus subjektiver Sicht. Unterm Strich sind Qualia existent, und Subjektives kann in objektiven Begriffen erklärt werden – das ist schließlich das Geschäft der ganzen Psychologie.

Die psychoneurale Identitätstheorie spricht von tatsächlicher Identität, in der Weise wie Hitze mit Molekülbewegung gleichgesetzt wird und Licht mit elektromagnetischen Wellen. Verantwortliche Philosophen werden die tatsächliche ("factual") Identität nicht mit möglicher Identität durcheinanderbringen. Sonst landet man im Bereich der Science Fiction, wo jeder alles umsonst kriegt und die Gesellschaft Unsinn belohnt.

Bunge spricht bei solchen Gleichsetzungen von Reduktion. Eine ontologosche Reduktion heißt M = N, eine epistomologische Reduktion heißt M-logie wird durch N-logie beschrieben, mit der mentalen Eigenschaft M und der neuralen N. Er gibt der Hoffnung Ausdruck, die epistomologische Reduktion möge zur Verschmelzung der Psychologie mit den Neuro-Wissenschaften führen.

Gemeint ist aber nicht die extreme Form des Reduktionismus, bei der die Psychologie ein Teil der Physik werden soll, wie es die Physikalisten versuchen. Sie übersimplifizieren und plätten die Welt bis zum Boden hinab. Natürlich ist die Physik die Basiswissenschaft, aber es gibt überphysikalische Ebenen (chemisch, biologisch, mental, soziologisch). Für seinen emergentistischen Materialismus vertritt Bunge eine moderate Reduktion. Da wird einerseits die Makroebene auf die Mikroebene reduziert, aber auch mikro auf makro. Z.B. mikroökonomische Aktivitäten können nicht ohne makroökonomische erklärt werden.

Zum Abschluss straft Bunge nochmal die Irregeleiteten ab, Platon für seine immaterielle Seele, Husserl für seinen immateriellen Geist, Wittgenstein für seine Denke, nicht mit dem Kopf zu denken (“[o]ne of the most dangerous of ideas for a philosopher is, oddly enough, that we think with our heads or in our heads.”), Popper für seinen Dualismus, die "Computeranbeter" Putnam, Fodor, und Dennett für ihre Ansicht, der Geist sein ein Programm.

Die Philosophen des Geistes müssen sich mit den Neuro-Wissenschaften auseinandersetzen. Viele von ihnen haben nicht gelernt, dass das Hirn ein biologisches System ist, nicht bloß ein physikalisches, und dass die Neurologie keine physikalische Disziplin ist. Wohl aus dem Grund weigern sie sich, einem "physikalischen" Ding Gefühle und Gedanken zuzuschreiben, und damit behindern sie den wissenschaftlichen Fortschritt. Und noch eins: Empirische Fragen brauchen empirische Forschung.

Geist und Gesellschaft

Bunge gestattet sich ein paar Spekulationen darüber, was wäre wenn – Kant in Paris gelebt hätte statt im provinziellen Königsberg und d'Holbach in seiner Heimatstadt Edesheim geblieben wäre? Kant wäre vielleicht der große materialistische und realistische Philosoph des Jahrhunderts geworden, und d'Holbach sein idealistischer Gegenpart. Das ist keine lächerliche Spekulation, denn Erziehung und Gelegenheit sind genauso wichtig wie die Gene.

Psychologie kommt nicht ohne Sozialwissenschaften aus – das ist das Gegenteil der Theorie der rationalen Entscheidung, nach der nur das individuelle Verhalten das Soziale erklären kann. Es steht auch im Gegensatz zur Pop-Evolutionspsychologie, nach der die Biologie das Soziale erklärt (Pop für populäre oder Alltags-Psychologie).

Die Gene legen aber nur die Möglichkeiten fest, nicht das Endergebnis ("opportunity, not destiny"). Es gibt keinen Beweis dafür, dass irgendwas Lernbares im Genom eincodiert ist. Moral, Fairness, Altruismus, Gewalt und auch der Geist sind nicht angeboren, sondern erworben. Das genetische Programm ist nicht allein maßgeblich, die Umwelt, also die Epigenetik, mischt kräftig mit. Die soziale Umgebung spielt eine große Rolle, trotzdem ist ein Großteil der Psychologie auch heute noch asozial: Er ignoriert den sozialen Kontext.

Und Bunge muss wieder kritisieren: Der Ödipus-Komplex gehört in den Mülleimer der Pop-Psychologie. Im selben Eimer findet sich die Vorstellung vom gemeinsamen Verstand ("collektive mind"), von gemeinsamer Erinnerung ("collektive memory") und vom gemeinsamen Unterbewusstsein ("collektive unconcious"). Dazu gibt's keine wissenschaftliche Forschung; das ist alles Unsinn, denn Geisteszustände sind Hirnzustände, und Hirne residieren in einzelnen Köpfen.

Von Bindungshormonen zu Spiegelneuronen zur Moral führen die nächsten Schritte. Man versteht, was andere fühlen. Es ist schwierig, das Ich ohne ein Uns zu begreifen. Der menschliche Geist entwickelt sich in einem sozialen Milieu, seine Entwicklung ist sozial und biologisch. Er wird als eine Sammlung von Gehirnfunktionen begriffen, und er muss in evolutionärer Perspektive verstanden werden – womit man bei der Evolution gelandet ist.

Die immaterielle Seele kann wohl kaum mit dem Körper zusammen evolviert sein, merkt Bunge an. Für die Entwicklung des Geistes sind nicht die Theologen zuständig, sondern die zusammengehörenden Wissenschaften vergleichende Psychologie, evolutionäre Neurowissenschaft, komparative Neurowissenschaft, evolutionäre Psychologie, kognitive Archäologie und evolutionäre Erkenntnistheorie.

Erkenntnisse gibt's schon: Anders als in der Geologie schichten sich die Subsysteme des Hirns nicht einfach aufeinender, sondern es gab wohl öfter mal eine Reorganisation. Generell kann man aber sagen, je abstrakter eine Idee ist, desto wahrscheinlicher ist sie in den neueren Cortex-Ebenen zuhause.

Ideen sind kulturelle Güter. Während die frühen Hominiden mimisch und gestisch kommunizierten, kannten spätere schon die Sprache und das Weitererzählen. Formale Theorien und technische Datenspeicherung kann erst die moderne Kultur vorzeigen. Ist es das, was uns menschlich macht?

Dafür sind drei Theorien zuständig, Spiritualismus, Naturalismus und Soziologismus. Allein dem Menschen vorbehalten sind Überlegung, Arbeit mit Zusammenarbeit und Arbeitsteilung, Werkzeugmachen, syntaktische sprachliche Kommunikation, Kindererziehung. Bemerkenswert ist die Implikation der Bereicherung der Gesellschaft durch die Entwicklung – damit geht auch eine Bereicherung des Selbst einher. Bunge merkt dazu an, interessanterweise teile sein inklusiver Materialismus die Sicht der Idealisten, dass der Geist am allerwichtigsten ist.

Man muss also nicht die Sicht der Primatologen teilen, welche die Gemeinsamkeiten von Menschen und Primaten betonen, während die Linguisten, Dualisten und Theologen auf den Unterschieden herumreiten. Am besten fragt man die evolutionären Biologen, auch wenn sie noch keine abschließenden Erkenntnisse haben. Damit verlässt Bunge die Gesellschaft, um sich auf den Freien Willen und das Bewusstsein zu konzentrieren.

 

Diese Rezension wird fortgesetzt mit Kapitel Kognition, Bewusstsein und Freier Wille

 

Mario Bunge, Matter and Mind – A Philosophical Inquiry, © 2010, Boston Studies in the Philosophy and History of Science, Springer, 217 €

Medien-Link:

Mario Bunge’s Worldview and its Implications for The Modernization of Arabic-Islamic Philosophy (Ahmad Zahaadden Obiedat, Faculty of Religious Studies McGill University, Montreal  May, 2011)

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