Hokus Pokus Verschwendibus: Duale Systemkririk

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basket-2400069_1280Das Duale System mit dem Grünen Punkt ist teuer, kompliziert und nicht mehr zeitgemäß – so lautet das kurzgefasste Fazit zu unserer überkandidelten Müllveredelung. Das Verpackungsentsorgungssystem ist privatwirtschaftlich aufgezogen (was für Streit und hohe Kosten sorgt), es ist schlecht gemanaged (was für Betrug sorgt), und es ist durch die technische Entwicklung obsolet geworden. Trotzdem wird damit weitergemacht, denn es ist eine Pfründe für die Betreiber (Bild: Vetherie, pixabay).

Was hier unter Privatisierungskritik läuft, könnte genausogut politischer Dilettantismus heißen. Es ist ein betrübliches Beispiel für gut gewollt und schlecht gekonnt, aber man kann genausogut sagen Hokus Pokus Verschwindibus. Man hat sogar die Wahl, Verschwendibus statt Verschwindibus zu sagen, denn es geht sowohl ums Verschwinden wie auch ums Verschwenden. Die Duale Systemkririk muss sich mit beidem auseinandersetzen.

Dazu reicht ein Blick ins Getriebe von ÖPP bzw. PPP, also öffentlich-private Partnerschaft bzw. Public-private-Partnership. Das folgt der Theorie, privat managt besser als der Staat. Meistens ist es aber bloß Profitgenerierung auf Kosten der Allgemeinheit – so auch beim Dualen System mit dem Grünen Punkt und dem Gelben Sack.

Das System war von Anfang an (1990) mit Problemen befrachtet (wiki und andere unten verlinkte Quellen):

  • Obwohl die Deutschen "Weltmeister der Mülltrennung" sind, machen's die Sortiermaschinen besser (Thema Verschwendibus),
  • die "Sortiertreue" der Weltmeister ist so schlecht, dass oft 50% Restmüll im Gelben Sack ist – was anfangs aus Umsatzgründen gewünscht war. Aber seit 2014 werden die Firmen durch Gegenrechnung kontrolliert, und nun möchten sie die Nutzer kontrollieren, damit möglichst wenig im Gelben Sack ist,
  • das System ist regional unterschiedlich; was hier in den Gelben Sack darf, soll da umweltschädigend zum "Wertstoffhof" gekarrt werden,
  • das Pfandsystem ist so konfus, dass kaum jemand durchblickt (wb-Link unten),
  • die Verpackungsmengen steigen, sie sind schlechter zu recyclen, die Mehrwegquoten nehmen ab (1. Link unten),
  • die angegebenen 100% Verwertung aus "werkstofflicher Verwertung", "rohstofflicher Verwertung" und "energetischer Verwertung" sind in Wirklichkeit schlichte Verbrennung (zu 99%, 2. ),
  • das System ist von "Trittbrettfahrern" leicht hereinzulegen, die sich nicht beteiligen und keinen Grünen Punkt bekommen, aber deren Abfälle trotzdem im Gelben Sack landen.

Zum Thema Verschwindibus gibt's nicht nur die Trittbrettfahrer; es liegt am System, das so leicht hereinzulegen ist: Theoretisch müssen die Hersteller ihre Verpackungen zurücknehmen. In der Praxis tun das die Dualen Systeme in ihrem Auftrag. Sie schließen Verträge fürs Einsammeln und kassieren Lizenzgebühren, ein paar Cent pro Verpackung. Die schlägt der Handel auf den Preis, so dass am Ende die Verbraucher zahlen. Die Welt nennt eine Summe von jährlich rund 850 Millionen Euro (3.), bei Greenpeace sind es 1,5 Mrd. (4. ).

Man kann sich denn auch nicht über die Zahlen einigen. Die "Inverkehrbringer" (Händler, Hersteller, Abfüller) müssen die Verpackungsmengen bei einem Register der Industrie- und Handelskammern angeben (1,65 Mio. t in 2015). Als Gegenkontrolle geben die Dualen Systeme 4* im Jahr bei einer Clearingstelle mit Wirtschaftsprüfern an, welche Mengen sie unter Vertrag genommen haben (1,5 Mio. t in 2015).  Irgendwo auf dem Weg zwischen Hersteller und Recycler verschwinden demnach 150.000 Tonnen (3. ).

Die letzte Krise gab's 2014, da führte man die Kontrolle der Mengenangaben durch Wirtschaftsprüfer ein. Aber es wurden Ausnahmen für bereits laufende Verträge zugelassen, und das rächt sich. Die Zahlen von damals: 2012 wurde noch für 1,2 Mio. t Verpackungen gezahlt, 2014 nur noch für 0,8 Mio. t – bei gleichbleibender Müllmenge. Den Betreibern fehlten daher 150 Mio. Euro (5. ).  Aktuell sind es 50 Mio. (6. ).

Es gibt ohnehin viel Hader. "Das Verhalten (ist) geprägt von gegenseitigem Misstrauen und Zerwürfnissen“, heißt es bei einer Firma, die sich aus dem Markt zurückzog. Einige Firmen planen sogar einen Alleingang (7.). 2019 wird ein neues Verpackungsgesetz mit schärferen Kontrollen erwartet. Dann kann nicht mehr so viel geschummelt werden; es gibt also mehr Geld, und die Müllmengen steigen sowieso. Das weckt jetzt schon neue Begehrlichkeiten (3.).

Unter diesem Aspekt muss man den missglückten Übernahmeversuch sehen, der gerade Schlagzeilen machte und der diesem Artikel Aktualität verleiht (8., 9.). Ehe nun der Schlusspunkt kommt – worum ging's doch gleich?

Ach ja, das System sollte eigentlich eine Verbesserung für die Umwelt bringen. Das bestätigt es sich selber in einer positiven Umweltbilanz (10.). Was aber mit weniger Kosten Besseres zu erreichen wäre, steht da nicht drin. Insbesondere ist der vertretene Impetus, dass es immer so weiter gehen muss, anstatt dass radikal reformiert wird. Damit ist der letzte Vorteil der Privatwirtschaft gegenüber staatlichen Behörden perdu: Sie sind nicht kostengünstiger, sie sind nicht kundenfreundlicher, sie sind nicht flexibler. Sie tendieren genauso dazu, sich selbst zu institutionalisieren, bis sie sich vom eigentlichen Auftrag emanzipiert haben und nur noch als Selbstzweck existieren – weg damit!

 

Medien-Links:

  1. Recycling nicht immer gut? "Der Grüne Punkt zieht uns das Geld aus der Tasche" (Abendzeitung 25.10.17): Die Mehrwegquoten haben seit der ersten Verpackungsverordnung drastisch abgenommen. Oft auch, weil der Bürger zum Beispiel durch das Pfandsystem gar nicht mehr weiß, was denn jetzt ökologischer ist: die Pfand- oder die Mehrwegflasche. Zum anderen seien die Verpackungsmengen drastisch gestiegen – um über 30%. Außerdem seien Verpackungen immer schwieriger zu recyceln.
  2. Grüner Punkt (JuraForum): Nur etwa 1% des gesammelten Kunststoffmülls kann wirtschaftlich und ökonomisch sinnvoll recycelt werden. So ist im Vergleich zur normalen Herstellung bei dem Recyceln von Kunststoffen die 6-fache Menge an Erdöl nötig. In der Praxis werden, mittlerweile ganz offiziell, die Abfälle aus gelben Tonnen und Säcken als Ersatzbrennstoff verwendet.
  3. Duales System – Zwei Zahlen bringen den Grünen Punkt in Bedrängnis (Welt 21.3.17): Zehn Firmen sollen sich den Markt für die Entsorgung von Verpackungsmüll fair aufteilen. Doch jetzt hat das Kartellamt eine formelle Abfrage eingeleitet, weil eine einfache Rechnung nicht aufgeht.
  4. Der Müll und die Mythen (Greenpeace Magazin ca. 2007):  Viele Experten stellen die Gelbe Tonne in der bisherigen Form in Frage. Zum einen ist die Zahl der „Fehlwürfe“ enorm hoch, in manchen Großstädten macht Restmüll fast die Hälfte des Inhalts aus. Zudem trennen Maschinen die Abfälle inzwischen besser als der Mensch. Und nicht zuletzt ist das System wenig transparent und mit jährlich 1,5 Milliarden Euro sehr teuer.
  5. Was bringt Recycling? Grüner Punkt und Duales System in der Kritik (web.de 9.4.14): Der Grüne Punkt gehört in die Tonne. Das finden viele Kommunen. Der Grund: Das duale System und der Grüne Punkt sind zu teuer und zu kompliziert – und das, obwohl Deutschland als Weltmeister der Mülltrennung gilt.
  6. Verpackungsmüll – Betrug beim gelben Sack? Im Dualen System fehlen 50 Millionen Euro (Süddeutsche Zeitung 5.10.17): Zehn Firmen teilen sich in Deutschland den Markt für den Verpackungsmüll. Sie schließen Verträge mit Firmen, die solche Verpackungen in den Markt bringen. Jeder meldet die Verpackungsmengen, für die er Lizenzen ausgestellt hat – und übernimmt dann anteilig die Kosten der Entsorgung. Die SZ benennt das Problem: Wer weniger meldet, zahlt auch weniger für die Entsorgung.
  7. Duales System: Clearing-Streit der Systembetreiber kocht hoch (Kunststoff-web 7.8.17): Wegen "wiederholter Falschmeldungen an die Clearingstelle" der dualen Systeme planen die drei bedeutendsten Systembetreiber ein eigenes Verfahren.
  8. Abfallentsorgung: Kommunale Müllabfuhren warnen vor Grüner-Punkt-Verkauf (Zeit Online 11.3.): Die geplante Übernahme des Grünen Punktes durch den Entsorgungsriesen Remondis stößt auf scharfe Kritik von Seiten der kommunalen Müllabfuhren. "Wenn der größte deutsche Entsorger den größten dualen Systemanbieter kauft, dann würde sich die Wettbewerbssituation auf dem Markt deutlich verschlechtern".
  9. Übernahme des Grünen Punkts vor dem Aus (Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.3.): Remondis wollte das Duale System von Finanzinvestoren kaufen. Aber die haben jetzt die Verhandlungen beendet. Dabei ging es nicht einmal um den Preis (es ging um Uneinigkeit über Kartellrisiken).
  10. Die Umweltbilanz des Grünen Punkts (Grüner Punkt 2016): Bringt das Recycling eigentlich etwas für die Umwelt? Oder verbrauchen Transport, Sortierung und Verarbeitung der gesammelten Wertstoffe am Ende sogar mehr Ressourcen, als sie einsparen?
  11. Plastic packaging is often pollution for profit (The Conversation 20.4.): But plastic itself is inanimate and cannot be evil – what’s morally wrong is what humans do with it. But some plastic packaging does have benefits – even for the environment. Some packaging, for instance, prevents enough food waste. Die Stimme, die für Plastik spricht.
  12. Duales System in der Krise: Das Ausbildungsparadox – eine Gefahr für die deutsche Wirtschaft (Welt 18.12.17): Spaßeshalber noch ein anderes duales System (ohne grünen Punkt) in der Krise.

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Eine Antwort auf Hokus Pokus Verschwendibus: Duale Systemkririk

  1. Wilfried Müller sagt:

    Ein Nachtrag von der Zeit: Abfallentsorgung: Diese Müllmythen können direkt in die Tonne (Zeit Online 12.8., 440 Kommentare). Der Titel hinkt, weil die Mythen ja nicht recyled werden sollen. Was sinnvoll scheint:

    1. Joghurtbecher nicht ausspülen, nur grob leeren.
    2. Deckel vom Becher abmachen, damit das Aluminium recycled werden kann.
    3. Briefumschläge oder Bäckertüten mit Kunststoffanteil dürfen zum Altpapier, sollten aber zerlegt werden. Chipstüten nicht mit Müll füllen.
    4. Deckel am Altglas dürfen sein, sollten aber getrennt werden.
    5. Altglas nach Farbe trennen, grüne Flaschen trüben das Weiß.
    6. Einwegflaschen sind schlechter als Dosen oder Kartons. Mehrweg ist ok.
    7. Papiertüten sind beim Ressourcenverbrauch schlechter als Plastiktüten.
    8. Getränkekartons sind nicht umweltfreundlich.
    9. Ins Gelbe nur Sachen mit Grünem Punkt (steht im Artikel falsch drin).
    10. Es wird aber nicht alles recycled, 69% vom Gesamtmüll, 85% vom Glas, 86% vom Papier, 92% vom Metall, 45% vom Kunststoff (laut Umweltbundesamt).
    11. Am Ende wird doch nicht alles zusammengeworfen, wie die Zahlen von 10. besagen.

    Es ist allerdings einiger Schmu dabei, was den Kunststoff angeht. Im Artikel wird auf das Jura-Forum verlinkt (2.), dort heißt es glaubwürdig: "Denn nur etwa 1% des gesammelten Kunststoffmülls kann wirtschaftlich und ökonomisch sinnvoll recycelt werden. So ist im Vergleich zur normalen Herstellung bei dem Recyceln von Kunststoffen die 6-fache Menge an Erdöl nötig." Demnach sind die 45% werkstoffliche Verwertung (Punkt 10.) Augenwischerei, und man würde das Zeug besser komplett verheizen. Außerdem verteidigt der Artikel die überzogene Trennerei der Benutzer (Punkte 2., 3., 4.). Die modernen Maschinen machen das weitgehend überflüssig. Aus den Leserkommentaren:

    12. Grundsätzlich ist das einzig Ökologische, etwas nicht zu kaufen.

    Zu 10.: Solange noch Öl usw. für die Stromerzeugung verbrannt wird, dürfte es umweltfreundlich sein Plastikverpackungen zur Stromerzeugung zu nutzen.

    Zu 10.: Noch besser ist es, den Kunststoff vorher x-mal zu recyclen (was angesichts von 2. nicht stimmt).

    Zu 5.: Das Entfärben von grünem Glas mittels sogenannter "Glasmacherseife" (Mangandioxid aka Braunstein) ist seit dem Mittelalter gängige Praxis.

    Zu 2.: Es wäre viel effektiver, wenn's Gesetze geben würde, die nur noch bestimmte Verpackungen erlauben, die gut maschinell trennbar sind (Sternchen ☆ von wb).

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